Zwi­schen Wa­chol­der­hei­den und Pot­ten­stei­ner Stadt­ge­schich­te

Eine Gscheit­gut-Au­to­ren­wan­de­rung mit dem frän­ki­schen Poe­ten Mat­thi­as Krö­ner und der Kul­tur­füh­re­rin Bir­git Ha­ber­ber­ger

Pottenstein
Nun wan­dern wir schon im 6. Jahr – mit einem frän­ki­schen Autor durch blü­hen­de Land­schaf­ten, be­glei­tet von kom­pe­ten­ten Wan­der­füh­rern in ein gscheit­gu­tes Wirts­haus, wo es fei­nes Essen aus Re­gio­nal­pro­duk­ten gibt. Und der harte Kern der treu­en Wan­der­fans lässt sich auch von ein paar Re­gen­trop­fen nicht ab­schre­cken.


Beginn
Am Sams­tag, den 22. April 2017 waren rund 40 Teil­neh­mer nach Pot­ten­stein ge­kom­men, um unter der Lei­tung von Kul­tur­füh­re­rin Bir­git Ha­ber­ber­ger in­ter­es­san­te Ein­bli­cke in die Ge­schich­te rund um Pot­ten­stein zu er­fah­ren. Los ging’s am Park­platz des Schön­grund­sees.

Birgit Haberberger
Die we­nigs­ten Be­su­cher Pot­ten­steins wis­sen, dass zwei der Haupt­at­trak­tio­nen des ober­frän­ki­schen Städt­chens – der Schön­grund­see und die Teu­fels­höh­le – von KZ-Häft­lin­gen an­ge­legt wur­den Zwi­schen 1942 und 1945 be­fand sich hier in der Nähe ein Au­ßen­la­ger des KZs Flos­sen­bürg. Über 700 Häft­lin­ge muss­ten für die SS-Karst­wehr schwers­te Zwangs­ar­beit leis­ten. Dank dem Jour­na­lis­ten Peter En­gel­brecht gerät die­ses dunk­le Ka­pi­tel nicht so schnell in Ver­gan­gen­heit, nach­zu­le­sen in dem Buch »Tou­ris­ten­idyl­le und KZ-Grau­en – Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung in Pot­ten­stein« (Ver­lag C. u C. Ra­ben­stein, Bay­reuth).

Transportvorrichtung
Auf dem Weg vom Schön­grund­see Rich­tung Rote Mar­ter und Ha­sen­loch sind noch Über­res­te der eins­ti­gen Trans­port-Vor­rich­tun­gen zu sehen.

Durch moos­be­wach­se­nen Wald er­rei­chen wir bald das Große Ha­sen­loch, einen schon in der St­ein­zeit ge­nutz­ten, hal­len­ar­ti­gen Un­ter­schlupf, der dank sei­ner guten Akus­tik wie ge­macht ist für eine hu­mor­vol­le Le­sung in frän­ki­scher Mun­dart.

Dahamm und Anderswo
Mat­thi­as Krö­ner gibt iro­ni­sche Ein­bli­cke in sein Fa­mi­li­en­le­ben, regt aber auch zum Nach­den­ken an, wenn er fragt:

Wennsd dei Gmüüs assm Knob­lauchs­land her­rhullsd,
obber die den­ner die Samer aus China
und änn Dün­ger vo Russlnd her­neh­mer,
is dann ein­gli nu re­gi­onool?

Nach­zu­le­sen in sei­nem ak­tu­el­len Ge­dicht­band »Da­hamm und An­ders­wo« (ars vi­ven­di Ver­lag, Ca­dolz­burg)

Am Hasenloch
Woher der Name »Ha­sen­loch« stammt, konn­te Bir­git Ha­ber­ber­ger mit einer frän­ki­schen Sage er­klä­ren: Vier Jun­gen woll­ten die Kir­che schwän­zen und lie­ber im Wald spie­len. Plötz­lich sahen sie einen Hasen, der of­fen­sicht­lich ver­letzt war und ein Bein hin­ter sich her zog. Sie jag­ten ihm nach bis zur Höhle, in die sich der ver­letz­te Hase hin­ein­flüch­te­te. Einer der Buben soll­te ihn her­aus­ho­len; es wurde aus­ge­lost, wer in die dunk­le Höhle hin­ein­stei­gen muss­te. Die drei an­de­ren war­te­ten vor der Höhle und hör­ten einen mar­ker­schüt­tern­den Schrei. Dar­auf­hin rann­ten sie nach Hause, um Hilfe zu holen. Man fand den Jun­gen wenig spä­ter tot am Boden lie­gend, er war zer­fleischt wor­den vom »Höh­len­pö­bel«, der sich in einen lah­men Hasen ver­wan­delt hatte, um die Jun­gen an­zu­lo­cken.

Blick Wacholderheide
Nach die­ser Le­gen­de pas­sie­ren wir den Wald­tem­pel, einen idyl­li­schen Rast­platz und stei­gen wei­ter hin­auf zur Hof­manns­ka­pel­le. Wir be­fin­den uns nun in­mit­ten schöns­ter Wa­chol­der­hei­de am Rande des Na­tur­schutz­ge­bie­tes »Tro­cken­hän­ge um Pot­ten­stein«. Land­schaft, wie sie jahr­hun­der­te­lang von der Land­wirt­schaft ge­prägt wurde: Die Zie­gen und Scha­fe be­wei­den noch heute die Tro­cken­ra­sen und sor­gen für rei­che Ar­ten­viel­falt, so­dass Kü­chen­schel­le, Sil­ber­dis­tel, Or­chi­de­en und En­zia­ne hier gut ge­dei­hen.

Blick vom Turm
Mehr als 50 Schmet­ter­lings­ar­ten tum­meln sich dank der blü­ten­rei­chen Ve­ge­ta­ti­on. Tro­cken- und Ma­ger­ra­sen bie­ten Tier- und Pflan­zen­ar­ten eine Hei­mat, die an nähr­stoff­rei­chen und land­wirt­schaft­li­chen in­ten­siv ge­nutz­ten Stand­or­ten längst ver­drängt wur­den. Und auch die stach­li­gen, von den Zie­gen und Scha­fen ver­schmäh­ten Wa­chol­der­he­cken hat man tra­di­tio­nell ge­nutzt: zum Räu­chern der Schin­ken. Von der Him­mels­lei­ter (ein Funk­turm, den man nur da­durch ge­neh­migt bekam, weil er der Öf­fent­lich­keit mit Stu­fen und Be­su­cher­platt­form zu­gäng­lich ge­macht wurde) bie­tet sich ein gran­dio­ser Rund­um­blick.

Familie Bärtlein
Bald dar­auf ist Pot­ten­stein schon zu sehen. Wir aber wan­dern wei­ter bis nach Ha­sel­brunn, denn hier er­war­tet uns Fa­mi­lie Bärt­lein aus der »Forster­stu­be« mit einem »gscheit­gu­ten« Mit­tag­es­sen aus Re­gio­nal­pro­duk­ten.

Erst am Mor­gen hat der Jung­jä­ger sein ers­tes Wild­schwein vor­bei­ge­bracht. Das muss aber noch zwei Tage ab­hän­gen, bevor es von der Wirts­fa­mi­lie zer­legt und ver­ar­bei­tet wird. Wir freu­en uns auf Früh­lings­roll­bra­ten mit Ka­rot­ten und Lauch, einen fei­nen Wild­gu­lasch oder aber für die Ve­ge­ta­ri­er köst­li­che Zuc­chi­ni­puf­fer mit kna­cki­gem Salat.

Erdbeer Panna cotta
Zum Des­sert – fruch­ti­ges Erd­beer-Panna cotta – liest Mat­thi­as Krö­ner aus sei­nen wit­zi­gen Fa­mi­li­en­ko­lumm­nen »Fei­er­abend, was ist das?!« und »Maaaaaaaaa­maaaaa!«, und man kann es ihm wahr­lich nach­füh­len, wenn er dra­ma­tisch dem Fei­er­band hin­ge­gen­fie­bert und sich »nur einen Rock­zip­fel Ruhe« wünscht, »eine klei­ne Knautsch­zo­ne für mei­nen Kopf«, weil sein Sohn Emil nicht ein­schla­fen will.

Hochgericht
Nach dem Mit­tag­es­sen fin­den die Son­nen­strah­len nun auch end­lich Ha­sel­brunn, und so blei­ben auf dem Rück­weg die Re­gen­schir­me zu.

Vor­bei am Hoch­ge­richt – 1908 wurde hier der letz­te Ver­ur­teil­te ge­hängt – er­rei­chen wir Pot­ten­stein und ge­nie­ßen be­zau­bern­de Aus­bli­cke auf die Burg.


Birgit Haberberger bei Pottenstein
Über das Bet­zen­wäg­la kom­men wir in die Kir­che St. Ku­ni­gund. Hier räumt Kul­tur­füh­re­rin Bir­git Ha­ber­ber­ger dann auch mit einem My­thos auf.

Das Ro­sen­wun­der, das der Hei­li­gen Eli­sa­beth von Thü­rin­gen zu­ge­schrie­ben wird, »ge­hört« tat­säch­lich zu einer an­de­ren Eli­sa­beth: näm­lich der von Por­tu­gal; es wurde von den Ma­lern der Ro­man­tik ver­klärt. Die Hei­li­ge Eli­sa­beth von Thü­rin­gen fand auf der Burg in Pot­ten­stein 1228 kurz Zuflucht, der linke Sei­ten­al­tar in der Kir­che St. Ku­ni­gund zeigt Eli­sa­beth vor der Ku­lis­se der Pot­ten­stei­ner Burg und er­in­nert an die mild­tä­ti­ge Herr­sche­rin.

Matthias Kröner liest in der Kirche
Die schmu­cke Kir­che lädt ein zum kur­zen In­ne­hal­ten, wir hören noch ein­mal Iro­ni­sches und Wit­zi­ges in Mun­dart von un­se­rem Autor Mat­thi­as Krö­ner.

Nach einem klei­nen Rund­gang durch das fach­werk­ver­zier­te Städt­chen klingt die Wan­de­rung in der Braue­rei Huf­ei­sen in Pot­ten­stein aus. Und die wet­ter­fes­ten Wan­de­rer waren sich trotz Regen und kal­ten Tem­pe­ra­tu­ren einig: Wan­dern macht glück­lich.