Rund um die Bur­gen von Auf­seß

Gscheit­gut-Au­to­ren­wan­de­rung mit der Au­to­rin Kat­ha­ri­na Down

Aufseß
Sie sind gut be­sucht und eine klei­ne Er­folgs­ge­schich­te in der Frän­ki­schen Schweiz: die all­jähr­li­chen Gscheit­gut-Au­to­ren­wan­de­run­gen durch eine Land­schaft, die die Fran­ken ken­nen und doch immer wie­der neu ken­nen­ler­nen. Stets mit dabei: frän­ki­sche Au­to­rin­nen und Au­to­ren, die li­te­ra­risch zu un­ter­hal­ten wis­sen.

Und so ging es am Sonn­tag, 21.05.2017 mit der Au­to­rin Kat­ha­ri­na Down auf eine Zei­trei­se ins spät­mit­tel­al­ter­li­che Fran­ken. Ihr Roman »Der gol­de­ne Har­nisch« ist der erste Teil einer Tri­lo­gie und spielt auf der Burg Ro­then­berg bei Sch­naittach. Kat­ha­ri­na Down ist His­to­ri­ke­rin und nach ei­ge­nem Be­kun­den »liebt« sie Ge­schich­te. Für ihre Ro­ma­ne re­cher­chiert sie stets um­fas­send in Stadt­ar­chi­ven und Bi­blio­the­ken und ver­ar­bei­tet his­to­ri­sche Fak­ten zu span­nen­den Ro­ma­nen. Wir folg­ten mit ihr den Spu­ren des zehn­jäh­ri­gen Bau­ern­sohns Lud­wig, der als Knap­pe auf der Burg Ro­then­berg ar­bei­ten soll, bald aber ver­bannt wird und sich in den Wir­ren der Zeit be­wäh­ren muss.

Lesung im Grünen
Pas­send dazu öff­ne­ten gleich zwei ge­schichts­träch­ti­ge Schlös­ser ihre Pfor­ten für die rund 60 Wan­de­rer, die ge­kom­men waren, um »gscheitgut« die (Kul­tur-)Land­schaft zu er­wan­dern, re­gio­na­le Spe­zia­li­tä­ten zu ge­nie­ßen und frän­ki­scher Li­te­ra­tur zu lau­schen.

Vier­mal im Jahr fin­den diese be­son­de­ren Wan­de­run­gen statt, die dank einer engen Ko­ope­ra­ti­on zwi­schen dem Kul­tur­amt des Land­krei­ses Forch­heim und dem Micha­el Mül­ler Rei­se­buch-Ver­lag aus Er­lan­gen ent­stan­den sind.

Gscheitgut Autorenwanderung
Am Pri­vat­schloss Ober­auf­seß be­gan­nen wir un­se­re Wan­de­rung, wo Ba­ro­nin von Auf­seß ihre Tore zur schö­nen An­la­ge mit dem ro­man­ti­schen Gar­ten öff­ne­te. Die sym­pa­thi­sche Fr­ei­frau lebt seit 25 Jah­ren auf dem idyl­li­schen Land­schloss Ober­auf­seß und emp­fin­det dies als gro­ßes Glück und Ge­schenk. Heute öff­net sie ihr Haus für die Wan­de­rer, die »gscheitgut« rund um Auf­seß wan­dern, hören und schme­cken wol­len.

Fränkische Schweiz MM-Wandern Wanderführer
Durch das jahr­hun­der­te­al­te Tor tre­ten wir ein in einen be­schau­li­chen In­nen­hof. We­ni­ge Meter ent­fernt stim­men sich Mu­si­ker des Po­sau­nen­chors auf ein Kon­zert ein. Sie ge­hö­ren zum Or­ga­ni­sa­ti­ons­team der öku­me­ni­schen Ver­an­stal­tung »Got­tes­diens­tes im Frei­en«, die ein­mal im Jahr hier auf dem Schloss Ober­auf­seß statt­fin­det. Cor­ne­lia von Auf­seß packt en­er­gisch mit an, damit auch dem an­schlie­ßen­den Früh­schop­pen nichts im Weg steht.

Oberaufseß Tor
Aber nicht nur für die Ge­mein­de öff­net sie ihre Tore. Ba­ro­nin von Auf­seß hat auch ein Herz für die Kul­tur: ihre Schloss-Scheu­ne ver­wan­del­te sie für den Frän­ki­schen Thea­ter­som­mer-Ver­ein in eine Thea­ter­scheu­ne und schaff­te damit eine herr­li­che Ku­lis­se für die jähr­li­chen Pro­ben und Auf­füh­run­gen des Ver­eins.

Ein Turm, Stal­lun­gen und eine Au­ßen­kü­che ge­hö­ren au­ßer­dem zur An­la­ge von Schloss Ober­auf­seß. Im Tor­haus kann man in einer ge­müt­li­chen Fe­ri­en­woh­nung re­si­die­ren – wei­ter Blick über das idyl­lisch grüne Auf­seß­tal in­klu­si­ve.

Buchsbaumhecken Labyrinth Oberaufseß
Grün ist es rund ums Haus auch dank der bei­den ro­man­ti­schen Schloss­gär­ten, durch die Ba­ro­nin von Auf­seß an­ge­mel­de­te Grup­pen gern führt. Dabei er­zählt sie be­geis­tert von ihren Vor­fah­ren, die das 1690 er­bau­te Schloss präg­ten.

Das Schloss Ober­auf­seß ge­hört zu den jüngs­ten Bau­ten der rund 172 Bur­gen in der Frän­ki­schen Schweiz. Ein Bru­der­streit gab An­lass für sei­nen Bau, denn das Stamm­schloss der Fa­mi­lie von Auf­seß war seit dem 12. Jh. das Schloss Un­ter­auf­seß in der Ge­mein­de Auf­seß. Die Brü­der Fried­rich und Karl Hein­rich hat­ten je­doch grund­le­gen­de Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über die »rich­ti­ge« Re­li­gi­on und so be­schloss Karl Hein­rich von Auf­seß den Bau einer neuen Heim­statt.

Cornelia von Aufseß
Nur zwei Jahre nach dem Bau­be­ginn wurde die Burg at­ta­ckiert, dank ihren star­ken Be­fes­ti­gungs­mau­ern ge­lang es den Bam­ber­ger Trup­pen je­doch nicht, sie ein­zu­neh­men. Und so blick­te Baron Karl Hein­rich von dem »oben« ge­le­ge­nen Schloss ge­ring­schät­zig auf das etwas wei­ter »unten« lie­gen­de Stamm­schloss der Fa­mi­lie – die Namen Ober- und Un­ter­auf­seß.

Oberaufseß Eingang in den Gemüsegarten
Ein­zig­ar­tig am Schloss Ober­auf­seß ist sein 42 m tie­fer Brun­nen, der auch heute noch zu sehen ist. Auf­grund der geo­lo­gi­schen Ge­ge­ben­hei­ten (Kalk­stein und Do­lo­mit sind das Grund­ge­stein in der Frän­ki­schen und sehr was­ser­durch­läs­sig) herrsch­te auf den an­de­ren Bur­gen der Frän­ki­schen Schweiz stets Was­ser­knapp­heit. Das kost­ba­re Gut wurde daher meist mü­he­voll mit Maul­tie­ren aus dem Tal hin­auf auf die Bur­gen ge­tra­gen. Da die Burg Ober­auf­seß al­ler­dings nur 40 m ober­halb vom Auf­seß­tal liegt, ver­sorg­te ein 42m tie­fer Brun­nen die Burg­be­woh­ner mit fri­schem Was­ser aus der Auf­seß. Zwar ist der Brun­nen heute nicht mehr in­takt, das Was­ser rund um Auf­seß hat je­doch bis heute eine au­ßer­ge­wöhn­lich gute Was­ser­qua­li­tät.

Lindenallee
West­li­ches des Schlos­ses führt eine be­ein­dru­cken­de Lin­den­al­lee ge­ra­de­wegs zum Hu­go­turm. Vor rund 100 Jah­ren wurde die Allee vom da­ma­li­gen Baron von Ober­auf­seß an­ge­legt, der jeden Sams­tag mit sei­ner Fa­mi­lie bis zum Turm spa­zier­te. Da­mals konn­te man vom Hu­go­turm bis nach Wüs­ten­stein oder zum Och­sen­kopf ins Fich­tel­ge­bir­ge (1.024 m) schau­en. Kühe und Zie­gen gras­ten hier und hiel­ten die Ver­bu­schung im Zaum.

Zwar be­fin­det sich der Turm seit rund 20 Jah­ren in einem Dorn­rös­chen­schlaf, un­se­rer Au­to­rin Kat­ha­ri­na Down dient er heute als Ku­lis­se für ihren Roman. Wir hören die Le­gen­de vom gol­de­nen Har­nisch, also der gol­de­nen Rüs­tung des Rit­ters Alex­an­der von Wil­ken­stein, die auf der Burg Ro­then­burg in den Brun­nen ge­fal­len sein soll und an­geb­lich nie ge­fun­den wurde.

Lesung Hugoturm
Nach die­ser his­to­ri­schen Ein­stim­mung geht es für uns ge­mäch­lich wei­ter. Unser Wan­der­füh­rer Diet­mar Stadter kennt die Wald- und Flur­we­ge wie kein zwei­ter. »Auf­seß hat 950 Fel­der und jedes Feld hat einen Namen. Und hin­ter den Fl­ur­na­men steckt die Ge­schich­te des klei­nen Man­nes« er­zählt der Hob­by­for­scher. Durch die Flur­be­rei­ni­gung seien al­ler­dings viele Namen ver­schwun­den »Dort drü­ben ist der Vo­gel­fang«, weiß er zu be­rich­ten. Der heißt so, weil bis 1940 die Men­schen aus Auf­seß hier Vögel ge­fan­gen und ge­ges­sen haben, um nicht zu ver­hun­gern.

Wanderweg
Arme Leute sam­mel­ten bis in die 1940er Jahre hin­ein Amei­sen­ei­er, die ge­trock­net als Arz­nei oder Vo­gel­fut­ter dien­ten. »Und hier be­fand sich das Fall­meis­ter-Haus« deu­tet Diet­mar Stadter auf den We­grand, an dem nur noch eine Hecke zu sehen ist. Der Fall­meis­ter wohn­te einst neben dem Auf­se­ßer Schloss und ver­ar­bei­te­te »ge­fal­le­ne« Tiere, also Tier­ka­da­ver, zu Seife. Ir­gend­wann wurde dem Baron der Gestank zu­viel und der Fall­meis­ter muss­te um­zie­hen – in das Haus am Wald­rand.

Dietmar Stadter
Diet­mar Stadter hat an­läss­lich der 900 Jahr­fei­er von Auf­seß im Jahr 2014 die Orts­ge­schich­te von Auf­seß er­forscht. »Auf­seß aus der Sicht des klei­nen Man­nes« will Diet­mar Stadter er­zäh­len. Eine jah­re­lan­ge Fleiß­ar­beit, die nicht mit Geld auf­zu­wie­gen ist. Jedes ein­zel­ne Haus be­such­te er, bat die Ein­woh­ner von Auf­seß um Fotos und alte Ge­schich­ten. Er er­zählt von be­rüh­ren­den Be­geg­nun­gen mit Nach­fah­ren der einst ver­trie­ben jü­di­schen Be­woh­ner, die heute auf der gan­zen Welt ver­streut sind und ein­mal im Jahr nach Auf­seß kom­men. 1850 wur­den die letz­ten Juden aus dem Dorf ver­trie­ben.

Und so ist dann auch unser nächs­tes Ziel der jü­di­sche Fried­hof bei Auf­seß. In­mit­ten blü­hen­der Raps­fel­der liegt er, die Gr­ab­stei­ne sind halb ver­wit­tert und ver­blasst, rund 170 an der Zahl.

Katharina Lesung
Hier ras­ten wir kurz und Kat­ha­ri­na Down nimmt uns wie­der mit ins spät­mit­tel­al­ter­li­che Fran­ken, wo die Rit­ter des Burg­gra­fen von der Ro­then­burg mit ihren 100 Man­nen durch den Wald strei­fen und auf feind­li­che Trup­pen der Nürn­ber­ger Sold­knech­te tref­fen. Die nach­fol­gen­de Szene, die Kat­ha­ri­na Down liest, be­ruht auf einer wah­ren Be­ge­ben­heit, endet für die Sold­knech­te töd­lich und ist in ihrem span­nen­den Buch nach­zu­le­sen.

Spät­mit­tel­al­ter­lich in­spi­riert wan­dern wir wei­ter durch die be­zau­bern­de (Kul­tur-)Land­schaft: Raps­fel­der und Sch­le­hen­bü­sche säu­men un­se­ren Weg. Be­seelt von Sonne, Aus­bli­cken und Blü­ten­düf­ten geht’s zur Ein­kehr in den Braue­rei­gast­hof Ro­then­bach.

Brauereigasthof Rothenbach
Er ge­hört zu einer der vier Braue­rei­en, dank derer es die klei­ne Ge­mein­de mit ihren 1.200 Ein­woh­nern ins Guin­ness-Buch der Re­kor­de ge­schafft hat: Auf­seß be­sitzt die größ­te Braue­rei-Dich­te der Welt. Auf uns war­tet in dem tra­di­ti­ons­rei­chen Haus ein »gscheit­gu­tes« Mit­tag­es­sen aus Re­gio­nal­pro­duk­ten:
 

  • Spar­gel­rou­la­de auf Spar­gel­ge­mü­se
  • Sai­blings­fi­let auf Mül­le­rin­nen-Art
  • Me­dail­lons vom Schwei­ne­fi­let im Speck­man­tel mit Speck­boh­nen und Brat­kar­tof­feln oder
  • Kohl­ra­bi­schnit­zel in der Malz­krus­te mit fri­schen Sa­la­ten.

Unteraufsess
Es bleibt noch Zeit für einen his­to­ri­schen Ex­kurs mit Kat­ha­ri­na Down und wir hören, wie die jü­di­schen Be­woh­ner Nürn­bergs gegen Ende des 15. Jahr­hun­derts aus der Stadt ver­trie­ben wur­den- auch diese Szene ba­siert auf his­to­ri­schen Fak­ten.

Ku­li­na­risch und li­te­ra­risch ver­wöhnt, er­klim­men wir nun den Schloss­berg von Auf­seß. Schloß­ver­wal­te­rin Kris­ti­na Kersch­baum kennt zahl­rei­che span­nen­de An­ek­do­ten aus der Ge­schich­te des Schlos­ses Un­ter­auf­seß, die 1296 be­ginnt. Oft ab­ge­brannt, er­leb­te das Schloss seine größ­te Zer­stö­rung wäh­rend des 30jäh­ri­gen Krie­ges im Jahr 1633. Der Wie­der­auf­bau im ba­ro­cken Stil dau­er­te dann auch 40 Jahre. Seit­dem steht das Schloss un­ver­än­dert.

Studierzimmer
Sein pro­mi­nen­tes­ter Be­woh­ner war Hans von Auf­seß, der Be­grün­der des Ger­ma­ni­schen Na­tio­nal­mu­se­ums, des­sen Stu­dier­zim­mer wir be­sich­ti­gen dür­fen. Er war nicht nur Ge­lehr­ter, son­dern auch Vater von 12 Kin­dern. Auf der Suche nach einem ru­hi­gen Platz zum Ar­bei­ten, wurde er in der alten Burg fün­dig, die bis dahin nur über eine Strick­lei­ter er­reich­bar war. Kur­zer­hand ließ er im Jahr 1828 eine Holz­trep­pe bauen, die bis heute er­hal­ten blieb und dank der wir heute in seine ehe­ma­li­gen Zufluchts­räu­me ge­lan­gen.

Doch nicht nur das ori­gi­nal er­hal­te­ne Stu­dier­zim­mer ist se­hens­wert, das Schloss Un­ter­auf­seß be­geis­tert mit his­to­ri­schem Ah­nen­saal und schmu­ckem Da­men­sa­lon.

Wegweiser
Der Rück­weg führt uns zu­nächst nach He­cken­hof ins le­gen­dä­re Kathi-Bräu, dem eins­ti­gen Rit­ter­gut der von Auf­seß. 1802 wurde es an einen Bür­ger­li­chen ver­äu­ßert, seit 1976 braut hier Brau­meis­ter Josef Sch­mitt ein süf­fi­ges dunk­les La­ger­bier. Ein Por­trait im Gast­hof zeigt Ca­ro­li­ne von Auf­seß, die mit einem der Frei­her­ren von Eg­loff­stein ver­hei­ra­tet war. Die­ser stand im Di­enst des Wei­ma­rer Hofes und so kam es, dass Ca­ro­li­ne von Eg­loff­stein als geist­rei­che Ge­sprächs­part­ne­rin von Goe­the sehr ge­schätzt war. Eine Le­gen­de be­sagt, dass Goe­the 1822 in einem Schau­kel­stuhl aus Eg­loff­stein ge­ne­sen sein soll.

Ent­lang duf­ten­der Raps­fel­der und blü­hen­den Blu­men­in­seln schlän­gelt sich der Rück­weg dahin bis wir end­lich un­se­ren Aus­gangs­punkt er­rei­chen. Wahr­lich ein ent­spann­ter Wan­der­tag mit viel Land­schaft und Kul­tur.


Danke an alle Be­tei­lig­ten:

  • Toni Eckert, Kul­tur­re­fe­rent des Land­krei­ses Forch­heim für die Pla­nung, Or­ga­ni­sa­ti­on und kom­pe­ten­te Lei­tung der Tour
  • Diet­mar Stadter, Wan­der­wart und Kul­tur­füh­rer für die his­to­ri­schen Ein­bli­cke in das Auf­seß'sche All­tags­le­ben wäh­rend un­se­rer Wan­de­rung
  • Cor­ne­lia von Auf­seß für die of­fe­nen Schloss-Tore trotz Got­tes­dienst und die in­ter­es­san­ten Gar­ten-Ein­bli­cke
  • Kris­ti­na Kersch­baum für die fle­xi­ble und kom­pe­ten­te Füh­rung im Schloss Un­ter­auf­seß
  • Ernst Ro­then­bach für die punkt­ge­naue ku­li­na­ri­sche Be­loh­nung un­se­rer hung­ri­gen Wan­de­rer