Rei­se­re­por­ta­ge

David Bowie in Ber­lin

Wel­che Ge­nies sind 2016 ge­stor­ben? Eines davon lebte von 1976 bis 1978 in Ber­lin: David Bowie. Ga­brie­le Trö­ger, die ihren Rei­se­füh­rer zur Haupt­stadt ge­ra­de für die 4. Auf­la­ge 2017 frisch ge­macht hat, ist den Spu­ren des Stars ge­folgt. Dabei geht es zu Bo­wies eins­ti­ger Woh­nung, zu einem le­gen­dä­ren Ton­stu­dio und zum Reichs­tag, wo ein Kon­zert des Meis­ters den ge­sell­schaft­li­chen Wan­del in der DDR mit­be­ein­fluss­te. Kunst kann es also doch: die Welt ver­än­dern.


Portrait Gabriele Tröger»I lived in Haupt­stra­ße 155 in Char­lot­ten­burg«. Ein fast schon ul­ki­ger Satz, den David Bowie da in der Ha­rald Schmidt Show im Jahr 2002 von sich gab. Denn be­sag­te Haupt­stra­ße be­fin­det sich nicht in Char­lot­ten­burg, son­dern in Schö­ne­berg ein paar Ki­lo­me­ter wei­ter süd­öst­lich. Man kann Bowie aber zu­gu­te­hal­ten, dass zwi­schen sei­ner West-Ber­li­ner Zeit und sei­nem Auf­tritt bei Ha­rald Schmidt schon ein Vier­tel­jahr­hun­dert ins Land ge­zo­gen war. David lebte von 1976 bis 1978 in Ber­lin. Und so ganz nüch­tern soll er da ja auch nicht immer ge­we­sen sein.


Kein Gla­mour in der Num­mer 155

Vor der Haustür der Hauptstraße 155 in Schöneberg (Foto: Gabriele Tröger)
Vor der Haus­tür der Haupt­stra­ße 155 in Schö­ne­berg (Foto: Ga­brie­le Trö­ger)
Die Haupt­stra­ße in Schö­ne­berg ist eine laute Mul­ti­kul­ti­stra­ße, mit einer Menge Dö­ner­lä­den und dem Deko Beh­rendt, einem aus der Zeit ge­fal­le­nen Laden, der seit über 100 Jah­ren Af­fen­kos­tü­me, Furz­kis­sen und Fuß­ball­na­sen ver­kauft. Mit dem Tod des Meis­ters am 10. Ja­nu­ar 2016 avan­cier­te die Num­mer 155 zu einer Pil­ger­stät­te. Vor der Haus­tür lie­gen rote Rosen. Fans hal­ten kurz in zwei­ter Reihe, stei­gen aus und zün­den Gr­ab­lich­ter an. An der Wand eine weiß-blaue Ge­denk­ta­fel mit dem Re­frain des wohl be­rühm­tes­ten Bowie-Songs: »We can be he­roes, just for one day.« Nach Sex, Drugs & Rock ’n' Roll sieht die Tafel der KPM, der Kö­nig­li­chen Por­zel­lan-Ma­nu­fak­tur (aus Ber­lin), aber nicht aus; eher nach Schwimm­bad­ka­chel …



Hat was von einer Schwimmbadkachel … Die Gedenktafel für David Bowie (Foto: Gabriele Tröger)
Hat was von einer Schwimm­bad­ka­chel … Die Ge­denk­ta­fel für David Bowie (Foto: Ga­brie­le Trö­ger)
Auch sonst kein Hauch von Gla­mour in der Haupt­stra­ße 155. Wo sich heute ein Tat­too­la­den und eine phy­sio­the­ra­peu­ti­sche Pra­xis be­fin­den, wur­den da­mals Au­to­er­satz­tei­le ver­kauft. Bowie lebte genau dar­über, im ers­ten Stock in einem sie­ben Zim­mer gro­ßen Stuck­alt­bau. Bis die Woh­nung zur Ver­fü­gung stand, fand der Pop­star eine vor­über­ge­hen­de Blei­be bei Edgar Froese, einem Be­grün­der der Ber­li­ner Krau­trock-Band »Tan­ge­ri­ne Dream«. Froese setz­te Bowie auf kal­ten Ent­zug – der Star war ein Dro­gen­wrack, als er von Los An­ge­les nach Ber­lin flüch­te­te. »Der Grund für die­sen Umzug war wohl die zer­stö­re­rischs­te Phase mei­nes Le­bens«, er­zähl­te er 1990 in einem In­ter­view mit der WELT.


Boo­men­der »Bowie Ber­lin Walk«

Einst hieß es Anderes Ufer, das schwullesbische Café, in dem David Bowie und Iggy Pop während ihrer Berliner Zeit ein- und ausgingen (Foto: Gabriele Tröger)
Einst hieß es An­de­res Ufer, das schwulles­bi­sche Café, in dem David Bowie und Iggy Pop wäh­rend ihrer Ber­li­ner Zeit ein- und aus­gin­gen (Foto: Ga­brie­le Trö­ger)
Die meis­ten die­ser Ge­schich­ten er­fah­re ich von Phil­ipp Strat­mann, einem Guide der Ber­lin Music Tours, dem ich auf den Spu­ren des Hel­den folge. Der »Bowie Ber­lin Walk« boomt, in­ter­es­san­ter­wei­se vor allem bei jun­gen Mu­sik­nerds aus dem an­gel­säch­si­schen Raum. Deutsch­spra­chi­ge Füh­run­gen gibt es nur auf An­fra­ge.
Phil­ipp führt seine Grup­pen auch ins Neue Ufer zwei Türen wei­ter, ein ver­rauch­tes schwulles­bi­sches Café, das be­reits seit 1977 exis­tiert, da­mals al­ler­dings noch unter dem Namen »An­de­res Ufer«. Bowie soll hier ein- und aus­ge­gan­gen sein. Nicht sel­ten mit Iggy Pop im Schlepp­tau, der es sich für ein paar Mo­na­te im Hin­ter­haus der Num­mer 155 ge­müt­lich ge­macht hatte. Heute ist das Café eine Art Bowie-Schrein – aus allen Ecken scheint David über das re­gen­bo­gen­bun­te Pu­bli­kum zu bli­cken, das hier bei Bier oder Kaf­fee und haus­ge­ba­cke­nem Ku­chen sitzt.


Die le­gen­dä­ren Ton­stu­di­os in Kreuz­berg

Nun ste­hen wir im Foyer der le­gen­dä­ren Hansa-Ton­stu­di­os an der Kö­the­ner Stra­ße in Kreuz­berg. In einem Teil Kreuz­bergs üb­ri­gens, der nie cool war und es auch nie wer­den wird. In Spuck­wei­te zum ste­ri­len Pots­da­mer Platz, ein­ge­keilt von Blocks aus den 1990ern.
Das präch­ti­ge Ge­bäu­de mit sei­nen neo­klas­si­zis­ti­schen Säu­len wurde 1913 als Sitz eines Han­dels­ver­bands er­rich­tet. In den 70er-Jah­ren stand es als kriegs­ver­sehr­ter, düs­te­rer So­li­tär di­rekt an der Mauer – mit Blick aufs Nie­mands­land. Dank feh­len­der Nach­barn konn­te man hier so viel Krach ma­chen, wie man woll­te. David Bowie nahm im so ge­nann­ten »Meis­ter­saal«, ehe­ma­li­ger Kam­mer­mu­sik­saal und Kern­stück des Ge­bäu­des, seine »Ber­lin Tri­lo­gy« auf: »Low«, »He­roes« und »Lod­ger«. »The big hall by the wall«, nann­te er den Saal.
Phil­ipp hat ein Foto aus jener Zeit mit­ge­bracht. Es zeigt Bowie zu­sam­men mit dem ame­ri­ka­ni­schen Pro­du­zen­ten Tony Vis­con­ti und dem deut­schen To­nin­ge­nieur Edu­ard Meyer. Das Mu­sik­ge­nie ist spin­del­dürr, trägt Ober­lip­pen­bart und Holz­fäl­ler­hemd – von einer Sex­bom­be oder Ziggy Star­dust ist es weit ent­fernt.
Apro­pos Fotos: In Vi­tri­nen im Auf­gang zum Meis­ter­saal lä­cheln einem all die Stars ent­ge­gen, die schon in den Hansa-Stu­di­os Plat­ten auf­nah­men. Iggy Pop hat Ro­land Kai­ser zum Nach­barn. Der God­fa­ther of Punk neben dem King of Schmalz.


Zwei Demos, zwei Wel­ten

Am Reichs­tag. Eine laute Sams­tags­de­mo zieht an uns vor­bei, ein Huhn in Klein­las­ter­grö­ße und dazu Tier­schüt­zer und Glo­ba­li­sie­rungs­geg­ner mit Pla­ka­ten wie »TTIP ist doof« und »Monsan­to – Bleibt uns vom Acker!«.
Phil­ipp muss gegen die Menge an­schrei­en, um uns vom 6. Juni 1987 be­rich­ten zu kön­nen. An­läss­lich der 750-Jahr-Feier Ber­lins fand hier, nur we­ni­ge Meter von der da­ma­li­gen Mauer ent­fernt, das Fes­ti­val »Con­cert for Ber­lin« statt. Zu Bo­wies Auf­tritt kamen 60.000 Be­su­cher. An­geb­lich stell­ten die Ver­an­stal­ter be­wusst auch Laut­spre­cher gen Osten auf, um die ge­trenn­te Stadt sym­bo­lisch mit Musik zu ver­ei­nen. 5000 junge Ost-Ber­li­ner ström­ten in Mau­er­nä­he. Bowie grüß­te sie mit den Wor­ten »Wir schi­cken un­se­re bes­ten Wün­sche zu all un­se­ren Freun­den, die auf der an­de­ren Seite der Mauer sind.«
Unter der Ost-Ber­li­ner Ju­gend ent­fach­te das Kon­zert eine ge­sell­schafts­über­grei­fen­de Grup­pen­dy­na­mik, »Die Mauer muss weg!« wurde skan­diert. Das ging der Volks­po­li­zei zu weit. Wäh­rend Bowie »He­roes« an­stimm­te und von einem Lie­bes­paar sang, das sich im Schat­ten der Ber­li­ner Mauer küsst, ha­gel­te es auf der an­de­ren Seite des an­ti­fa­schis­ti­schen Schutz­walls Schlag­stö­cke. Nichts desto trotz und ge­ra­de des­we­gen ging das Fes­ti­val als Aus­lö­ser der so ge­nann­ten »Pfing­stun­ru­hen von 1987« in die Ge­schich­te ein. Die Un­ru­hen gel­ten heute als Start­schuss für den ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Wan­del, der 1989 zum Fall der Mauer führ­te.


Wei­te­re Infos

Ber­lin Mu­sic­tours bie­tet zum Thema »David Bowie« meh­re­re Tou­ren an. Der Bowie Ber­lin Walk dau­ert rund vier St­un­den, ins In­ne­re der Hansa-Stu­di­os ge­langt man dabei je­doch nicht. Man kann aber auch eine Be­sich­ti­gung nur durch die Stu­di­os bu­chen oder an einer »David Bowie in Ber­lin Spe­cial Tour« teil­neh­men, die den Be­such der Hansa-Stu­di­os mit einer Mul­ti­me­dia-Bus­tour kop­pelt. Wei­te­re Infos und Prei­se auf www.mu­sic­tours-ber­lin.de.