Top Ten

Teil 18: New York

oder Die wirk­lich neu­es­ten Trends der Welt

Portrait Dorothea MartinTrump hin oder her! Wer die Top Ten von Do­ro­thea Mar­tin liest, hat Lust auf New York. Selbst die­je­ni­gen, die sich als Big Apple-Ex­per­ten be­zeich­nen, wer­den noch einen ge­hei­men Tipp ent­de­cken, ge­folgt vom »neu­es­ten hei­ßen Scheiß«, den es nur hier gibt: in der auf­re­gends­ten aller mög­li­chen Me­tro­po­len. Oder wis­sen Sie, wie ein Rain­drop Cake schmeckt, wo man eines der letz­ten Spea­kea­sys fin­det (in denen zu Zei­ten der Pro­hi­bi­ti­on der be­gehr­te Stoff aus­ge­schenkt wurde), wer die mu­si­ka­li­schen Stars von mor­gen wer­den und auf wel­chen Dä­chern die ur­ba­nen Ge­mü­se­fel­der in den Him­mel wach­sen? Mar­tins 6. Auf­la­ge 2017 und diese Top Ten geben un­ter­halt­sa­me Ant­wor­ten.


New York – Do­ro­thea Mar­tins Top Ten

Welt­be­we­gend: Das Na­tio­nal Sep­tem­ber 11 Me­mo­ri­al and Mu­se­um

Weit mehr als nur ein Museum – das bewegende Memorial zum 11. September (Foto: Dorothea Martin)
Weit mehr als nur ein Mu­se­um – das be­we­gen­de Me­mo­ri­al zum 11. Sep­tem­ber (Foto: Do­ro­thea Mar­tin)
Seit mehr als 15 Jah­ren las­tet die­ses Datum wie ein Fluch auf der Mensch­heit: der 11. Sep­tem­ber 2001. Bei dem Ter­ror­an­schlag auf New York City und Wa­shing­ton DC ver­lo­ren fast 3000 Men­schen ihr Leben – und das Er­eig­nis wirft bis heute lange Schat­ten. Es hat nicht nur Down­town Man­hat­tan ge­prägt, es hat Ame­ri­ka ver­än­dert und am Ende viel­leicht sogar zu einer neuen Wel­tord­nung ge­führt. Wer weiß, ob es ohne die­ses At­ten­tat die Irak-Krie­ge, den so­ge­nann­ten Is­la­mi­schen Staat oder einen Do­nald Trump als Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten ge­ge­ben hätte. Auch mich haben recht ge­misch­te Ge­füh­le be­schli­chen, wie die Na­ti­on die­sem hoch­po­li­ti­schen An­schlag und zu­tiefst pri­va­ten Trau­ma am Ort der Ka­ta­stro­phe ge­den­ken würde.
Gute 13 Jahre dau­er­te das lange Rin­gen um ein ge­eig­ne­tes Kon­zept, und das Er­geb­nis kommt, wie ich finde, ohne ver­stö­rend na­tio­na­lis­ti­schen Pa­thos und he­roi­sche Ver­klä­rung aus. Genau­so wenig wur­den Be­fürch­tun­gen wahr, dass ein zwei­tes Dis­ney­land ent­ste­hen könn­te. Viel­mehr ste­hen hier, tief un­ter­halb von Ground Zero, die herz­er­grei­fen­den Ge­schich­ten der Opfer und Über­le­ben­den im Mit­tel­punkt. Schon Ba­rack Obama war bei der Er­öff­nung des Mu­se­ums vor rund drei Jah­ren zu Trä­nen ge­rührt, als er über ein rotes Tuch er­zähl­te, das sorg­sam ge­fal­tet in einer der Vi­tri­nen liegt. Es ge­hör­te dem 24 Jahre jun­gen Bank­an­ge­stell­ten Wel­les Crow­ther, der es sich um Mund und Nase ge­bun­den hatte, wäh­rend er immer wie­der in den bren­nen­den Turm 2 zu­rück­kehr­te, um fast ein Dut­zend Men­schen durch den Qualm und die Hitze un­ver­sehrt hin­aus zu ge­lei­ten. Er selbst kam in den Trüm­mern um.
Dann steht man be­wegt vor ein Paar stau­bi­gen Da­men­schu­hen, die die Über­le­ben­de Flo­rence Jones im Trep­pen­haus zu­rück­ließ, um die 77 Eta­gen schnel­ler von ihrem Büro hinab in Si­cher­heit lau­fen zu kön­nen. Die de­mo­lier­te Arm­band­uhr blieb wohl ste­hen, nach­dem ihr Be­sit­zer Todd Bea­mer, Pas­sa­gier von Flug 93, seine Mi­trei­sen­den mit dem Zuruf »Let’s Roll« zum Wi­der­stand gegen die Ent­füh­rer und Ter­ro­ris­ten auf­ge­for­dert hatte, und das Flug­zeug des­halb be­reits über Penn­syl­va­nia ab­stürz­te – an­statt sein Ziel in Wa­shing­ton zu er­rei­chen …
Neben all dem Grau­en, das sich durch die Prä­sen­ta­ti­on von fast 10.000 gro­ßer und klei­ner Ob­jek­te und Re­li­qui­en, Au­gen­zeu­gen­be­rich­ten und Fil­men ent­fal­tet, ver­lässt man diese gi­gan­ti­sche Fels­kam­mer in den Fun­da­men­ten der Zwil­lings­tür­me nach vie­len St­un­den de­mü­tig und vol­ler Trau­er, gleich­zei­tig aber auch vol­ler Be­wun­de­rung für den Mut Ein­zel­ner und vol­ler Zu­ver­sicht in das Gute im Men­schen, das sich wäh­rend der Ka­ta­stro­phe ge­zeigt hat.
So-Do 9-20 Uhr, Fr/Sa bis 21 Uhr, Ein­tritt $ 24, www.911­me­mo­ri­al.org.


Ka­the­dra­le des Kom­mer­zes: die Lobby des Wool­worth Buil­ding

Ausgestattet wie eine Kathedrale, die Lobby des Woolworth Building (Foto: Dorothea Martin)
Aus­ge­stat­tet wie eine Ka­the­dra­le, die Lobby des Wool­worth Buil­ding (Foto: Do­ro­thea Mar­tin)
Auf dem Bür­ger­steig des Broad­ways ver­sam­melt sich eine klei­ne Men­schen­trau­be vor der Haus­num­mer 233, einer reich or­na­men­tier­ten Ter­ra­cot­ta-Fas­sa­de. Die Leute war­ten auf ihren Guide, denn durch die Dreh­tür und an den Si­cher­heits­be­am­ten vor­bei darf nur ins In­ne­re des Wool­worth Buil­dings, wer hier wohnt, ar­bei­tet oder eben eine Füh­rung ge­bucht hat. Mög­lich ist die Be­sich­ti­gung erst seit we­ni­gen Jah­ren, was von der En­ke­lin des Ar­chi­tek­ten Cass Gil­bert ein­ge­fä­delt wurde, die sich dar­über är­ger­te, dass das Meis­ter­werk ihres Opas ein Schat­ten­da­sein fris­te­te. Nun also dür­fen Neu­gie­ri­ge per Füh­rung in den Pracht­bau, der am 24. April 1913 seine Er­öff­nung fei­er­te und aus der Grün­der­zeit der mo­der­nen New Yor­ker Ar­chi­tek­tur stammt.
Das 241 Meter hohe Ge­bäu­de war vom Kauf­haus­mil­li­ar­där Frank Win­field Wool­worth als Fir­men­zen­tra­le und Aus­hän­ge­schild für sein Dis­coun­ter-Im­pe­ri­um ge­plant. Es war ex­pli­zit sein Ar­chi­tekt, der die Vi­si­on von einem by­zan­ti­ni­schen Dom hatte und um­setz­te. Darum gibt es kaum einen Spitz­na­men, der bes­ser für den Sky­scra­per pas­sen würde als die­ser: »Ka­the­dra­le des Kom­mer­zes«.
Tat­säch­lich er­in­nert im In­nern vie­les an ein opu­len­tes Got­tes­haus, in dem jedes Fleck­chen und jedes Eck­chen kunst­voll ver­ziert ist. Ma­jes­tä­ti­sche Mar­mor­säu­len und gran­dio­se Bögen len­ken den Blick ge­schickt nach oben zu präch­ti­gen Mar­mor­mo­sai­ken, deren Vor­bil­der in der Ba­si­li­ka in Ra­ven­na zu fin­den sind. Ober­halb der brei­ten Trep­pe gibt es ein oran­ge-gelb be­leuch­te­tes De­cken­fens­ter von Tif­fa­ny, das wie ein Kir­chen­fens­ter aus­sieht und ge­nau­so gut aus der Ka­the­dra­le von Char­tres stam­men könn­te. Im Stil der Re­nais­sance prangt in luf­ti­ger Höhe ein Tri­pty­chon am In­nen­bal­kon, das die Göt­ter der Ar­beit und des Han­dels ehrt. Und mit ein wenig Fan­ta­sie könn­te man die höl­zer­nen Auf­zü­ge sogar für ka­tho­li­sche Beicht­stüh­le hal­ten …
Wie in einer go­ti­schen Kir­che wur­den fast alle Säu­len und Ni­schen de­ko­riert, mit Vö­geln und Eich­hörn­chen und mit gro­tes­ken Fi­gu­ren, die an Was­ser­spei­er er­in­nern. Sie zei­gen die am Bau des Wool­worth Buil­ding be­tei­lig­ten Her­ren, ganz pro­mi­nent na­tür­lich den Ar­chi­tek­ten, der sein da­mals höchs­tes Hoch­haus der Welt als Mo­dell in den Hän­den hält, sowie den mil­li­ar­den­schwe­ren Bau­her­ren selbst, der seine Pen­nys, Ni­ckels und Dimes zählt.
Nicht nur woll­te Frank Wool­worth Kon­sum­gü­ter für den klei­nen Bür­ger er­schwing­lich ma­chen, er woll­te seine Kun­den auch an sei­nem sa­gen­haf­ten Reich­tum teil­ha­ben las­sen – zu­ge­ge­ben, auch um markt­wirt­schaf­lich-um­satz­stei­gern­des Kal­kül ging es … Des­halb gab es einen di­rek­ten U-Bahn-Zu­gang zum Ge­bäu­de, und im an­schlie­ßen­den Durch­gang Shop­ping-Ar­ka­den. Die vie­len wit­zi­gen De­tails in der Lobby waren dazu ge­macht, den Wool­worth-Kun­den ihren Be­such so un­ter­halt­sam, amü­sant und er­leb­nis­reich wie mög­lich zu ge­stal­ten: mis­si­on ac­com­plis­hed! Selbst mehr als 100 Jahre spä­ter hat diese herr­li­che Lobby nichts von ihrem »Wow-Ef­fekt« auf den stau­nen­den Be­su­cher ver­lo­ren.
30-, 60- und 90­mi­nü­ti­ge Füh­run­gen. Mo-Sa, $ 20-45. wool­wor­th­tours.com.


In­ter­ak­ti­ve Büh­nen­show: Das Thea­ter­spek­ta­kel Sleep No More

Man­hat­tans Thea­ter­welt, der Broad­way, steht syn­onym für Mu­si­cals. Keine Frage, ihre Aus­stat­tung ist ver­schwen­de­risch, die Ak­teu­re sind welt­klas­se, und doch bleibt ein Mu­si­cal eben ein Mu­si­cal. Ex­pe­ri­men­tier­freu­di­ge Thea­ter­freun­de könn­ten in New York mal was An­de­res aus­pro­bie­ren und einem Trend fol­gen: dem Mit­mach­thea­ter. Seit ei­ni­gen Jah­ren sind näm­lich in­ter­ak­ti­ve Shows, Din­ner­vor­füh­run­gen und »le­bens­ech­te« Thea­ter­stü­cke en vogue.
So hat es zum Bei­spiel das Mu­si­cal »Na­ta­sha, Pier­re & The Great Comet of 1812« vom Off-Thea­ter ins Lam­pen­licht ge­schafft. Diese Pop-Oper, frei nach Leo Tol­stois »Krieg und Frie­den«, sucht den engen Kon­takt zum Zu­schau­er, der mit auf der Bühne oder im Orches­ter­gra­ben sit­zen darf. »Ac­com­pli­ce« ist eine drei­stün­di­ge Schnit­zel­jagd im Frei­en, die sich Aben­teu­er-Thea­ter nennt und ir­gend­wo zwi­schen Auf­füh­rung, Spiel und Stadt­füh­rung an­ge­sie­delt ist. Be­son­ders an­spruchs­voll ist das Thea­ter­stück »Sleep No More« der bri­ti­schen Kom­pa­nie Punch­drunk, das nach Sze­nen aus Sha­ke­speares »Mac­beth« ver­läuft.
Hier muss sich der Zu­schau­er die frag­men­tier­te Hand­lung in einem la­by­rinthar­ti­gen Ge­bäu­de selbst zu­sam­men­su­chen. Dabei haben die ak­ti­ven Zu­schau­er Re­de­ver­bot und tra­gen die ganze Zeit weiße Mas­ken, wäh­rend sie über vier düs­te­re Eta­gen den Hand­lungs­fet­zen hin­ter­her­ja­gen. Die rund 100 Zim­mer sind im Stil der 1930er-Jahre eher bi­zarr aus­ge­stat­tet und mit düs­te­ren Klang­tep­pi­chen ver­se­hen; die Ak­teu­re spie­len ihre Sze­nen in un­ter­schied­li­chen Räu­men aus. Man weiß je­doch nie, wo wann wel­che Hand­lungs­strän­ge statt­fin­den, die mit­un­ter bru­tal, mit­un­ter sexy, oft ge­tanzt und meist skur­ril sind. So kommt es, dass man als Be­ob­ach­ter man­che Dar­bie­tun­gen mehr­mals, an­de­re even­tu­ell gar nicht sieht, so sehr man auch ver­sucht, den Schau­spie­lern durch das Ge­bäu­de zu fol­gen. Das er­klärt, warum jeder der etwa 200 Be­su­cher an die­sem Abend seine ur­ei­ge­ne, ganz in­di­vi­du­el­le Thea­ter­er­fah­rung macht und dabei zum Mit­ge­stal­ter des Er­leb­ten wird.
Na­ta­sha, Pier­re & The Great Comet of 1812 im Im­pe­ri­al Thea­ter, great­co­met­broad­way.com.
Ac­com­pli­ce The Show, Ad­ven­ture-Thea­ter, Ac­com­pli­ce­the­show.com.
Sleep No More, The McKittrick Hotel, 530 W 27th Street, www.sleep­no­mo­re.com.


Kunst und après Kunst mit Aus­sicht: Das Me­tro­po­li­tan Mu­se­um of Art

Kunst neben Skyline. Auf der Dachterrasse des Met (Foto: Dorothea Martin)
Kunst neben Sky­line. Auf der Dach­ter­ras­se des Met (Foto: Do­ro­thea Mar­tin)
Auch in Sa­chen Kunst gilt New York City als füh­rend, in Sa­chen zeit­ge­nös­si­scher Kunst gar als der wich­tigs­te Um­schlag­platz der Welt. Hier ver­tre­ten die welt­be­kann­tes­ten Ga­le­ris­ten die klin­gends­ten Namen, und ei­ni­ge der um die 200 Kunst­mu­se­en ge­hö­ren zu den be­rühm­tes­ten der Welt. Es kann einem aber schon ganz schön den Spaß ver­der­ben, dass der kom­mer­zi­el­le Kunst­be­trieb in­zwi­schen ein Mil­li­ar­den­ge­schäft ist, denn das be­deu­tet oft lange Schlan­gen, vor allem bei MoMa, Gug­gen­heim oder Whit­ney. Dazu kommt der schmerz­lich tiefe Griff ins Porte­mon­naie.
Nicht so beim Me­tro­po­li­tan Mu­se­um of Art. Das Tra­di­ti­ons­haus auf der Mu­se­ums­mei­le ist das meist­be­such­te und das größ­te Mu­se­um der Stadt. Trotz­dem spürt man die rund 5 Mil­lio­nen Be­su­cher, die im Jahr so kom­men, hier kaum. Auf den 16 ha Aus­stel­lungs­flä­che ver­lau­fen sich die Mas­sen schnell, und bei einer 5000 Jahre wäh­ren­den Zeit­span­ne durch alle Re­gio­nen der Welt setzt jeder seine ei­ge­nen Prio­ri­tä­ten. Was nie­mand vom »Met« an die große Glo­cke hängt: der Ein­tritt ins Mu­se­um be­steht le­dig­lich aus einer Spen­de und gilt gleich­zei­tig für die Mit­tel­al­ter­ab­tei­lung im Nor­den Man­hat­tans (The Clois­ters) sowie die Aus­stel­lung zur mo­der­nen und zeit­ge­nös­si­schen Kunst im Met Breu­er.
Wenn man des­halb noch ein paar Dol­lar übrig hat, kann man sich für einen ac­tionge­la­de­nen Tag auf der herr­li­chen Dach­ter­ras­se bei der »après Kunst« be­loh­nen: Mit einem Drink in der Hand lässt sich der Aus­blick über den Cen­tral Park und die Sky­line von Mid­town Man­hat­tan ge­ni­al ge­nie­ßen.
Me­tro­po­li­tan Mu­se­um of Art, So-Do 10-17.30 Uhr, Fr/Sa 10-21 Uhr, www.met­mu­se­um.org.


Dem ku­li­na­ri­schen Zeit­geist auf der Spur: der Smor­gas­burg Mar­ket

Dem kulinarischen Zeitgeist auf der Spur oder Ein Stand im Smorgasburg Market (Foto: Dorothea Martin)
Dem ku­li­na­ri­schen Zeit­geist auf der Spur oder Ein Stand im Smor­gas­burg Mar­ket (Foto: Do­ro­thea Mar­tin)
Der New Yor­ker lebt schnell und lang­weilt sich noch schnel­ler. Wohl des­halb sind die Man­hat­ta­ni­tes be­son­ders auf­ge­schlos­sen für Ex­pe­ri­men­te jeder Art. Das gilt auch und vor allem fürs Essen, wo seit vie­len Jah­ren Be­kann­tes wild ge­kreuzt und mit Un­be­kann­tem va­ri­iert wird.
Wer im Big Apple lebt, für den sind Cro­nuts (Mi­schung aus Crois­sant und Donut), Cra­gels (Mi­schung aus Crois­sant und Bagel), Bruf­fins (Mi­schung aus Brio­che und Muf­fin) oder Ramen Bur­ger (an­statt zwi­schen zwei Bröt­chen­hälf­ten kommt der Fleisch­klops zwi­schen ja­pa­ni­sche Nu­del­plat­ten) längst ein alter Hut. Ob nun Rot­wein mit hei­ßer Scho­ko­la­de ge­mischt wird oder mega Milchs­hakes mit bun­ten Per­len den Zu­cker­spie­gel in un­er­mess­li­che Höhen trei­ben: Wer wis­sen möch­te, was die Zu­kunft ku­li­na­risch bringt, er­fährt es als Ers­tes in New York.
Das größ­te Ex­pe­ri­men­tier­feld der Stadt ist der Smor­gas­burg Mar­ket in Brook­lyn, des­sen Namen »eine Mi­schung aus Essen« be­deu­tet. Die Be­trei­ber von mehr als hun­dert Food-Ve­räu­ße­rern ser­vie­ren in­ter­na­tio­na­le Snacks aus Trucks, Kis­ten oder Zel­ten her­aus und lie­fern sich dabei ein per­ma­nen­tes Ren­nen um die schrägs­ten gas­tro­no­mi­schen Ein­fäl­le. Jede Sai­son wird ein neuer Hype kre­iert, der­zeit sind das zum Bei­spiel die »Rain­drop Cakes«, ein ja­pa­ni­scher Nach­tisch, der dank des Ein­sat­zes von ge­zu­cker­ter Ge­la­ti­ne aus­sieht wie ein Re­gen­trop­fen. Durch­ge­star­tet ist auch die »Mozz Bomb«, fri­scher Büf­fel­moz­za­rel­la, der per In­jek­ti­ons­sprit­ze mit einem Pesto aus or­ga­ni­schen Zu­ta­ten ge­füllt und auf einem Sa­lat­bett ser­viert wird. Für zwi­schen­durch eig­nen sich die mit Se­sam­kör­ner pa­nier­ten Schot­ti­schen Eier, die ja­pa­nisch (Hühn­chen und So­ja­so­ße), me­xi­ka­nisch (Cho­ri­zo­wurst und Avo­ca­do­sal­sa) oder me­di­ter­ran (Lamm und Jo­ghurts­oße) ge­würzt wer­den.
Ich für mei­nen Teil muss zwar nicht jeden Quatsch mit­ma­chen, aber bei so viel Ab­wechs­lung vor der Nase be­kommt man ein­fach Lust, so viel wie mög­lich aus­zu­pro­bie­ren. Das scheint fast allen Markt­be­su­chern so zu gehen, darum ist man mit bis zu 10.000 Gleich­ge­sinn­ten am Markt­tag lei­der auch nicht al­lein …
April-No­vem­ber Sams­tag 11-18, Uhr East River State Park, Kent Ave­nue. Sonn­tag 11-18 Uhr, Pro­spect Park in Bree­ze Hill. Smor­gas­burg.com.


Grüne Re­vo­lu­ti­on: Die Gran­ge Farm auf einer Schiffs­werft in Brook­lyn

Blei­ben wir beim Ku­li­na­ri­schen, denn ein Ge­richt kann nur so gut sein wie seine Zu­ta­ten. Das be­deu­tet, je lo­ka­ler und fri­scher die Pro­duk­te da­her­kom­men, desto bes­ser ist es. So nutz­te die Be­we­gung des »urban far­ming« in New York an­fangs vor allem leer­ste­hen­de Grund­stü­cke, um über 500 Com­mu­ni­ty-Gär­ten mit Obst- und Ge­mü­se­an­bau sowie Bie­nen­zucht zu be­ackern. Viele davon be­ste­hen noch heute in Stadt­tei­len wie dem East Vil­la­ge und Brook­lyn (und sind mit Füh­run­gen zu be­sich­ti­gen). Bald waren die meis­ten eher klei­nen Bra­chen je­doch be­pflanzt, und so be­ga­ben sich die Gärt­ner aus Platz­man­gel hin­auf auf die Dä­cher. In klei­nem Rah­men zu­nächst, doch bald dach­ten die ers­ten big.
Eine ge­nia­le Ge­le­gen­heit bot sich dem Land­schafts­pla­ner Ben Fl­an­ner in Brook­lyn. Da be­zahl­ba­rer Raum für er­fin­dungs­rei­che klei­ne und mitt­le­re Un­ter­neh­men wegen der hohen Im­mo­bi­li­en­prei­se immer sel­te­ner wird, wurde die ehe­ma­li­ge mi­li­tä­ri­sche Schiffs­werft am East River in ein Ge­wer­be­ge­biet von 126 ha ver­wan­delt, wo sich viele krea­ti­ve Zu­kunfts­bran­chen und Vor­den­ker in Sa­chen Nach­hal­tig­keit ein­ge­mie­tet haben. Auf dem Dach eines rie­si­gen Werft­ge­bäu­des grün­de­te Fl­an­ner 2010 die Gran­ge Farm, heute eines der po­pu­lärs­ten Un­ter­neh­men des Navy Yard und mit 6000 qm Dach­flä­che das größ­te ur­ba­ne Farm­pro­jekt der Welt.
In­zwi­schen hat sich auch für die­sen Pio­nier und Idea­lis­ten der kom­mer­zi­el­le Er­folg ein­ge­stellt: Die Ernte der Gran­ge Farm wird über Super- und Wo­chen­märk­te in der Nach­bar­schaft ver­kauft. Es wer­den Work­shops an­ge­bo­ten und Essen ver­an­stal­tet, wo Ge­mü­se die Stars sind, die fast von der Spei­se­kar­te ver­schwun­den waren, weil sie die lan­gen Trans­port­we­ge und La­ge­run­gen nicht ver­kraf­te­tet hat­ten.
Zu­sätz­lich un­ter­stützt Brook­lyn Gran­ge in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Re­fu­gee and Im­mi­grant Fund Flücht­lin­ge und Ein­wan­de­rer, die nach einer Aus­bil­dung ihr kul­tu­rel­les und land­wirt­schaft­li­ches Wis­sen ein­brin­gen kön­nen. All dies und noch viel mehr er­fah­ren Be­su­cher wäh­rend einer etwa 45-mi­nü­ti­gen Füh­rung.
Füh­run­gen Com­mu­ni­ty Gar­dens durch das Mu­se­um of Re­clai­med Urban Space, www.mo­rus­nyc.org.
Füh­run­gen Gran­ge Farm, Mai-Ok­to­ber Mon­tag 10 und 11.30 Uhr, $ 10. Der kos­ten­lo­se »open day« der Gran­ge Farm in Long Is­land City in Queens ist Sams­tag 11-16 Uhr, Füh­run­gen dort Don­ners­tag 10 und 11.30 Uhr. www.brook­lyn­gran­ge­farm.com.


Trink­kul­tur im Ver­bor­ge­nen: The Back Room

Whiskey, you are a lovely evening (Foto: Troy Hahn)
Whis­key, you are a lovely eve­ning (Foto: Troy Hahn)
Fast jeder liebt ein Ge­heim­nis, und wir alle kön­nen nur schwer wi­der­ste­hen, wenn etwas nicht leicht zu haben ist. Vi­el­leicht er­klärt das die un­ge­bro­che­ne Be­liebt­heit, derer sich die ver­steck­te Kn­ei­pen- und Bar­sze­ne von New York er­freut.
Das so­ge­nann­te »Spea­kea­sy« stammt aus der Pro­hi­bi­ti­ons­zeit in den 1920er-Jah­ren, in der der Be­sitz und Kon­sum von Al­ko­hol strengs­tens ver­bo­ten waren. Umso er­folg­rei­cher ge­dieh der Aus­schank hoch­pro­zen­ti­ger Trop­fen in ge­hei­men, il­le­ga­len Bars, den so­ge­nann­ten Spea­kea­sys. Da ver­bo­ten, wur­den sie nicht be­schil­dert und waren no­to­risch schwer zu fin­den.
Das trifft auch auf viele mo­der­ne Spea­kea­sys zu, die zu­meist eben­falls das de­ka­dent-plü­schi­ge und dun­kel-düs­te­re Am­bi­en­te ihrer his­to­ri­schen Vor­bil­der über­nom­men haben – so als müss­ten sie bis heute die An­ony­mi­tät der Gäste wah­ren.
Man kann es al­bern oder au­then­tisch fin­den, wenn der Ein­gang als Spiel­wa­ren­la­den ge­tarnt oder mit einem dreh­ba­ren Bü­cher­re­gal ka­schiert wird und Cock­tails in Tee­tas­sen und Bier­fla­schen in Pa­pier­tü­ten aus­ge­schenkt wer­den: Im The Back Room (Lower East Side) war das im­mer­hin schon vor 80 Jah­ren so; selbst die Öff­nungs­zei­ten dürf­ten die­sel­ben ge­we­sen sein … Ein sel­te­nes Ori­gi­nal!
19.30-4 Uhr, 102 Nor­folk Street, back­room­nyc.com. Jeden Mon­tag kos­ten­lo­ser Live-Jazz, dann wird am Ein­gang ein Pass­wort ab­ge­fragt, ohne das man nicht rein­kommt. Sie fin­den es auf der Face­book-Seite der Bar. Frei­tag und Sams­tag be­trägt das Min­dest­al­ter für den Ein­lass 25 Jahre, an Wo­chen­ta­gen Zu­tritt ab 21 Jah­ren.


Jazz im Wohn­zim­mer: Mar­jo­rie Eli­ots Salon

Auf in die Gegenwart der Vergangenheit oder Im Jazz Salon von Marjorie Eliot (Foto: Dorothea Martin)
Auf in die Ge­gen­wart der Ver­gan­gen­heit oder Im Jazz Salon von Mar­jo­rie Eliot (Foto: Do­ro­thea Mar­tin)
Jazz liegt Har­lem im Blute, und man muss kein Vam­pir sein, um den Rhyth­mus der Stadt bei einem Jazz­kon­zert auf­sau­gen zu wol­len.
Es gibt Dut­zen­de her­vor­ra­gen­de Jazz­clubs in der Stadt, aber nur einen Jazz Salon (»Par­lor«) und nur eine Mar­jo­rie Eliot. Die alte Dame, die hier singt und Kla­vier spielt, ist von Beruf Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Pia­nis­tin und ein Ur­ge­stein der New Yor­ker Jazz­sze­ne. Seit 35 Jah­ren wohnt Mar­jo­rie in einem 14-stö­cki­gen Wohn­haus im Nor­den Har­lems, das »Tri­ple Ni­ckel« ge­nannt wird und schon Jazz­le­gen­de Count Ba­sies Zu­hau­se war. An einem Sonn­tag im Au­gust 1994 öff­ne­te sie zum ers­ten Mal die Tür zu ihrem schlich­ten Apart­ment 3 F, um zu­sam­men mit Freun­den ein pri­va­tes Jazz­kon­zert zu geben – im Ge­den­ken an ihre bei­den ver­stor­be­nen Söhne.
Seit­dem lädt die be­schei­de­ne Diva jeden Sonn­tag, 52 Wo­chen im Jahr, zum Jazz Salon, meist be­glei­tet von ihrem Sohn, alten Freun­den und neuen Ta­len­ten. Rund 50 Zu­schau­er neh­men dann auf Plas­tik­stüh­len in ihrem Wohn­zim­mer und dem lang­ge­zo­ge­nen engen Flur Platz, auch Stadt­füh­rer kom­men mit klei­nen Grup­pen im Rah­men ihrer Jazz­tou­ren vor­bei.
Die Grand Dame ver­langt kei­nen Ein­tritt, ob­gleich sie in der Pause Er­fri­schun­gen an­bie­tet und es ei­gent­lich nötig hätte. Sie ver­traut al­lein auf Spen­den und hofft, dass die Mund­pro­pa­gan­da ihr noch lange Mu­sik­freun­de zu­tra­gen möge, damit sie aus ihrer Woh­nung wei­ter­hin ein­mal die Woche die Car­ne­gie Hall für sich und ihre Mu­si­ker ma­chen kann. Nicht nur in mu­si­ka­li­scher Hin­sicht ist die­ser Sonn­tag­nach­mit­tag ein tol­les, in­ti­mes Er­leb­nis.
Jeden Sonn­tag 16-18 Uhr (Ein­lass 15.30 Uhr), 555 Edg­com­be Ave­nue/Ecke 160th Steet,
www.har­le­mo­nestop.com.


Stars von Mor­gen: Die Apol­lo Ama­teur Night

Wer hier auftritt, hat zumindest Eier in der Hose … (Foto: Dorothea Martin)
Wer hier auf­tritt, hat zu­min­dest Eier in der Hose … (Foto: Do­ro­thea Mar­tin)
Cas­ting-Shows haben auch in New York seit Jah­ren Hoch­kon­junk­tur, und Hand auf’s Herz – wer sich als Laie traut, sich mit an­de­ren Hope­fuls auf einer Bühne live zu mes­sen, hat zu­min­dest Eier in der Hose. Und meis­tens auch Ta­lent. Un­fass­bar, wie viel davon in einer Stadt wie New York im Ver­bor­ge­nen schlum­mert und nur dar­auf war­tet, ent­deckt zu wer­den.
Dank der iro­nisch-wit­zi­gen Mo­de­ra­ti­on des Gast­ge­bers Jim Ca­ru­so und des­sen hei­ßen Draht in die Mu­sik­sze­ne ist die mon­täg­li­che Cast Party im Bird­land Jazz­club fast immer aus­ge­bucht. Auch für die be­rühm­te Ama­teur Night im Apol­lo Thea­ter am Mitt­woch soll­te man recht­zei­tig re­ser­vie­ren.
By the way, als die Rol­ling Sto­nes das erste Mal nach New York kamen, woll­ten sie nur eines sehen: das Apol­lo in Har­lem, den le­gen­dä­ren Ge­burts­ort des Pop, wo die Welt­kar­rie­ren von Su­per­stars wie Diana Ross, Micha­el Jack­son, James Brown oder Stevie Won­der einst be­gan­nen. In­zwi­schen hat das ehr­wür­di­ge Haus etwas an Glanz ver­lo­ren und ist viel­leicht nicht mehr der Trend­set­ter unter den vie­len Spiel­stät­ten der Stadt. Aber noch immer tre­ten hier jede Woche Men­schen vor ein Pu­bli­kum, aus denen viel­leicht ein­mal Grö­ßen des Show­biz wer­den könn­ten.
Je­den­falls geben alle ihr Bes­tes und wer­den von den Zu­schau­ern dafür fre­ne­tisch ge­fei­ert – wes­halb die­ses wö­chent­li­che »Man­hat­tan sucht den Su­per­star« auf his­to­ri­scher Bühne jede Woche wie­der rich­tig Spaß macht!
Jim Ca­ru­so’s Cast Party, Mon­tag 21.30 Uhr im Bird­land, $ 25, bird­land­jazz.com.
Apol­lo Ama­teur Night, Mitt­woch 19.30 Uhr, ca. $ 30, www.apol­lo­thea­ter.org.


Aus­flug ins Grüne: Mit der Fähre zur Go­ve­nors Is­land

Governors Island, der ideale Ausflug ins Grüne_ (Foto: Timothy Schenck)
Go­ver­nors Is­land, der idea­le Aus­flug ins Grü­ne_ (Foto: Ti­mo­thy Schenck)
Man hat bei dem Ge­dan­ken an New York so­fort die Stra­ßen­schluch­ten, viele Autos und noch mehr Men­schen vor Augen. Den Groß­stadt­dschun­gel eben. Dabei ver­gisst man leicht, wie grün diese Stadt ei­gent­lich ist. Und wenn das Wet­ter schön wird, drängt es alle hin­aus: auf die be­pflanz­ten Plät­ze, in den rie­si­gen Cen­tral Park, zum ur­ba­nen High Line Park oder in die Grün- und Sport­an­la­gen ent­lang der Ufer.
Immer be­lieb­ter wird auch der Aus­flug auf die weit we­ni­ger be­kann­te Insel Go­ve­nors Is­land. Sie liegt nur sie­ben Fähr­mi­nu­ten (South Ferry Ter­mi­nal) vom Bat­te­ry Park ent­fernt und ist eine Oase vol­ler Ra­sen­flä­chen, öf­fent­li­cher Skulp­tu­ren, ver­las­se­ner his­to­ri­scher Mi­li­tär­ge­bäu­de und einer Strand­bar (Gov’Nor’s Beach Club), in der re­gel­mä­ßig Kon­zer­te, Fes­ti­vals und Par­tys statt­fin­den. Im Sep­tem­ber steigt die Art Fair, eine Kunst­mes­se in hun­dert Aus­stel­lungs­räu­men mit Ge­mäl­den, Fo­to­gra­fi­en, In­stal­la­tio­nen, Vi­deo­kunst und Sound Art. 2017 wird eine ame­ri­ka­ni­sche Art des Bier­gar­tens er­öff­nen, die ei­gent­lich eine Aus­tern­bar ist (Oys­ter Gar­den).
Das 70 ha große Ei­land ist au­to­frei, kann aber gut mit dem Fahr­rad er­kun­det wer­den. Wer ein­fach nur chil­len will, fin­det Hän­ge­mat­ten und Lie­ge­stüh­le oder bring­te sein Ba­de­tuch mit. Dann kann man mit herr­li­chem Blick auf die Frei­heits­sta­tue ein Son­nen­bad neh­men. An den Wo­che­nen­den wird es meis­tens voll, aber wer unter der Woche und gleich mor­gens kommt, kann dem Groß­stadt­dschun­gel er­folg­reich für ein paar St­un­den ent­flie­hen – so­fern man das über­haupt möch­te …
Mai-1. Ok­to­ber, Mo-Fr 10-18 Uhr, Sa/So bis 19 Uhr, Fähre $ 2 ab 10 Uhr alle 30 Mi­nu­ten, go­vis­land.com.
Art Fair, www.4heads.org.