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Teil 30: Brot und Spie­le

oder Das Ko­los­se­um da­mals und heute

Das Ko­los­se­um in Rom kennt na­he­zu jeder. Genau so viele Kli­schees gibt es über das Bau­werk, in dem die le­gen­dä­ren Gla­dia­to­ren­kämp­fe statt­fan­den. Doch wie war das ei­gent­lich ganz genau? Wie ge­lang­ten wilde Tiere in die Arena? Wie viele Zu­schau­er fass­te das rie­si­ge Sta­di­on? War der Ein­tritt wirk­lich um­sonst – und was ist das Ko­los­se­um (ab­ge­se­hen von einer Se­hens­wür­dig­keit) heute? Sa­bi­ne Becht, Au­to­rin un­se­res Rom-Rei­se­füh­rers (9. Auf­la­ge 2017), hat genau hin­ge­schaut.


Portrait Sabine BechtBei den »Spie­len« im Ko­los­se­um un­ter­schied man zwi­schen den ve­na­tio­nes, den Tier­kämp­fen, und den Gla­dia­to­ren­kämp­fen. Dazu kamen nach­ge­stell­te See­schlach­ten, zu deren Zweck das Ko­los­se­um ge­flu­tet wer­den konn­te. Für die Tier­kämp­fe – sie fan­den meist am Vor­mit­tag statt – hielt man sich im Un­ter­ge­schoss eine Ar­ten­viel­falt, wie sie heute selbst im Zoo kaum an­zu­tref­fen ist: Dut­zen­de von Löwen, Ti­gern, Leo­par­den, Braun­bä­ren und Hyä­nen, aber auch Ele­fan­ten, Wild­pfer­de und Gi­raf­fen wur­den im Lauf der Zeit aus ihren Kä­fi­gen über Auf­zü­ge mit­ten in die Arena ge­ho­ben und muss­ten zum Kampf an­tre­ten – ge­gen­ein­an­der oder gegen einen ei­gens aus­ge­bil­de­ten Tier­kämp­fer.
Al­lein bei den 100-tä­gi­gen Fei­er­lich­kei­ten zur Er­öff­nung im Jahr 80 n. Chr. sol­len bei den Kämp­fen 5000 Tiere ge­tö­tet wor­den sein. Nicht sel­ten kämpf­ten die Tiere auch gegen zum Tode ver­ur­teil­te Ge­fan­ge­ne. Über die et­wai­ge Begna­di­gung eines be­son­ders star­ken oder tap­fe­ren Kämp­fers ent­schied der Kai­ser, na­tür­lich unter Be­rück­sich­ti­gung der Stim­mungs­la­ge im Pu­bli­kum.


Von Tier­kämp­fen zum Mas­sen­ge­met­zel

Für die Tierkämpfe wurde im Untergeschoss des Kolosseums eine enorme Artenvielfalt gehalten. Die wilden Tiere gelangten mit einem Aufzug in die Arena (Foto: Sabine Becht)
Für die Tier­kämp­fe wurde im Un­ter­ge­schoss des Ko­los­se­ums eine enor­me Ar­ten­viel­falt ge­hal­ten. Die wil­den Tiere ge­lang­ten mit einem Auf­zug in die Arena (Foto: Sa­bi­ne Becht)
Ein­ge­lei­tet wurde das Spek­ta­kel mit harm­lo­sen Schau­kämp­fen, am Nach­mit­tag fan­den die Gla­dia­to­ren­kämp­fe (von lat. gla­di­us = Schwert) statt. Hier tra­ten un­ter­schied­lich aus­ge­rüs­te­te Män­ner – man­che in vol­ler Rüs­tung, an­de­re fast nackt – zum Kampf ge­gen­ein­an­der an. Meist han­del­te es sich um pro­fes­sio­nel­le Kämp­fer, die es bei spek­ta­ku­lä­ren Sie­gen durch­aus zu Ruhm und Ver­mö­gen brin­gen konn­ten.
Die Kämp­fe im Ko­los­se­um wur­den im Lauf der Zeit immer bru­ta­ler. Von ihrer Ur­sprungs­form, den Tier­kämp­fen, die man be­reits An­fang des 2. Jh. v. Chr. in Rom ze­le­brier­te, ent­wi­ckel­ten sie sich mehr und mehr zum Mas­sen­ge­met­zel. Dem Ver­lan­gen des Pu­bli­kums nach immer spek­ta­ku­lä­re­ren Spie­len konn­ten sich die Herr­schen­den nicht ent­zie­hen – schließ­lich hing hier­von ein gro­ßer Teil ihrer Po­pu­la­ri­tät ab. Die bis zu 73.000 Zu­schau­er hat­ten im Ko­los­se­um frei­en Ein­tritt. Das Un­ter­hal­tungs­pro­gramm war Be­stand­teil einer ge­schick­ten »So­zi­al­po­li­tik«, zu der auch die Ver­tei­lung kos­ten­lo­ser Le­bens­mit­tel­ra­tio­nen ge­hör­te: panem et cir­cen­ses, Brot und Spie­le, wie es der zeit­ge­nös­si­schen Sa­ti­ren­dich­ter Ju­ve­nal (etwa 55-127 n. Chr.) tref­fend be­schrie­ben hat.
Das Ko­los­se­um war bis 523 n. Chr. in Be­trieb, die letz­ten Spie­le fan­den unter dem Ost­go­ten­kö­nig Theo­de­rich statt. Im Mit­tel­al­ter wurde das im Ver­fall be­grif­fe­ne Sta­di­on in eine Fe­stung um­ge­baut, in der Re­nais­sance dien­te es als St­ein­bruch für den Bau von Kir­chen und Pa­läs­ten.


Ein Mahn­mal für Pa­zi­fis­mus

Das Kolosseum, heute ein Mahnmal für Pazifismus, einst ein Stadion für 73.000 Schaulustige (Foto: Sabine Becht)
Das Ko­los­se­um, heute ein Mahn­mal für Pa­zi­fis­mus, einst ein Sta­di­on für 73.000 Schau­lus­ti­ge (Foto: Sa­bi­ne Becht)
Da man glaub­te, dass hier auch Chris­ten um­ge­bracht wor­den seien, weih­te Papst Be­ne­dikt XIV. den Bau im Jahr 1750 allen Mär­ty­rern. Die Ruine wurde ge­si­chert, Pil­ger aus aller Welt tra­fen sich in der Frei­luft­kir­che, um der Lei­den der ers­ten Chris­ten zu ge­den­ken. Zu die­sem Zweck wurde auch ein Kreuz im In­ne­ren auf­ge­stellt. Als sich die Le­gen­de von der Chris­ten­ver­fol­gung im Ko­los­se­um nicht be­stä­tig­te, wur­den die Pas­si­ons­bil­der wie­der ent­fernt, aber noch heute schrei­tet der Papst immer am Kar­frei­tag den Kreuz­weg am Ko­los­se­um in einer fei­er­li­chen Pro­zes­si­on ab.
Das Ko­los­se­um mit sei­ner über­aus blut­rüns­ti­gen Ver­gan­gen­heit dient heute auch als po­li­ti­sches Sym­bol und Mahn­mal: Wann immer in einem Land die­ser Welt die To­des­stra­fe aus­ge­setzt oder ab­ge­schafft wird, er­strahlt das Wahr­zei­chen Roms für 48 St­un­den in bun­tem Licht.