Wuss­ten Sie, dass …?

Teil 32: Der Wi­der­stand

oder Mut und An­stand wäh­rend der Na­zi­zeit.

In Zei­ten von (Rechts-)Po­pu­lis­mus und »al­ter­na­ti­ven Fak­ten« wird es wie­der wich­ti­ger, sich auf das zu be­sin­nen, was es zu ver­tei­di­gen gilt: die De­mo­kra­tie, die Pres­se­frei­heit. Dabei soll neben den mu­ti­gen Ak­tio­nen der weit­hin be­kann­ten Wei­ßen Rose auch an zwei nicht so be­ach­te­te Wi­der­ständ­ler er­in­nert wer­den: an Georg Elser und die »Frei­heits­ak­ti­on Bay­ern«. Achim Wi­gand hat sich die (ra­di­kal-)an­ti­fa­schis­ti­schen Fi­gu­ren in und um Mün­chen (und die Orte, die sie ehren) ge­nau­er an­ge­se­hen.


Der Ein­zel­gän­ger: Georg Elser

Portrait Achim WigandHit­ler war un­be­re­chen­bar, seine Lau­nen sprung­haft, seine Ma­rot­ten ga­ran­tier­ten über­ra­schen­de Vol­ten, aber eines war si­cher: Am 8. No­vem­ber 1939, dem Vor­abend des Jah­res­tags des Hit­ler­put­sches, sprach er vor aus­ge­wähl­ten Re­prä­sen­tan­ten und der Füh­rungs­cli­que des Reichs im Münch­ner Bür­ger­bräu­kel­ler von sei­nem zum Hel­den­epos um­ge­dich­te­ten stüm­per­haf­ten Putsch­ver­such von 1923. Das wuss­te auch Georg Elser, ein Schrei­ner aus dem Würt­tem­ber­gi­schen. Und er wuss­te noch mehr: dass das Ge­schwätz des Füh­rers von der Ero­be­rung von Le­bens­raum im Osten und der gna­den­lo­sen Ver­nich­tung an­de­rer Ras­sen kein lee­res Ge­re­de waren – der Zwei­te Welt­krieg und mit ihm die Ver­nich­tungs­ma­schi­ne­rie der Nazis hat­ten am 1. Sep­tem­ber mit dem Über­fall auf Polen eine neue Qua­li­tät be­kom­men. Die Of­fen­sicht­lich­keit die­ses mons­trö­sen Ver­bre­chens, von den meis­ten sei­ner Lands­leu­te ziem­lich gleich­gül­tig hin­ge­nom­men, ver­an­lass­te Elser zum Han­deln.


Hit­ler war schon weg

Seit 1997 ist ihm endlich ein Platz gewidmet, dem mutigen Schreiner Elsner (Foto: Achim Wigand)
Seit 1997 ist ihm end­lich ein Platz ge­wid­met, dem mu­ti­gen Schrei­ner Els­ner (Foto: Achim Wi­gand)
In wo­chen­lan­ger akri­bi­scher Vor­ar­beit bas­tel­te er einen Spreng­satz, den er in den Nacht­stun­den in einer Säule des Bür­ger­bräu­kel­lers ver­barg und der zu ge­ge­be­ner St­un­de Hit­ler und seine En­tou­ra­ge unter den Trüm­mern der Bier­hal­le be­gra­ben soll­te. Die Ar­beit des ge­schick­ten Bast­lers funk­tio­nier­te prä­zis, der Bür­ger­bräu­kel­ler fiel in sich zu­sam­men wie ein Kar­ten­haus, und Au­gen­zeu­gen ver­mu­te­ten un­mit­tel­bar nach der Ex­plo­si­on kei­nen ein­zi­gen Über­le­ben­den in den Trüm­mern.
Aber Hit­ler war schon weg. Völ­lig ent­ge­gen sei­nen Ge­wohn­hei­ten dau­er­te seine Ti­ra­de an die­sem Abend nur 48 Mi­nu­ten (das Wet­ter war schlecht, und des­halb muss­te er mit dem Zug zu­rück nach Ber­lin), und die De­to­na­ti­on er­eig­ne­te sich in einem be­reits weit­ge­hend ge­leer­ten Saal. Acht Tote (dar­un­ter eine un­be­tei­lig­te Saal­kraft) und 63 Ver­letz­te waren die un­mit­tel­ba­re Folge, der Fort­be­stand des Re­gimes war damit na­tür­lich nicht im Min­des­ten an­ge­tas­tet.


Die Al­lein­tä­ter­schaft und der Ver­rä­ter­ma­lus

Täglich um 21.20 Uhr erinnert eine Lichtinstallation an den Zeitpunkt der Detionation im einstigen Bürgerbräukeller (Foto: Achim Wigand)
Täg­lich um 21.20 Uhr er­in­nert eine Licht­in­stal­la­ti­on an den Zeit­punkt der De­tio­na­ti­on im eins­ti­gen Bür­ger­bräu­kel­ler (Foto: Achim Wi­gand)
Elser floh nach Süd­wes­ten und wurde beim Ver­such des Grenz­über­tritts in die Schweiz ver­haf­tet. Als »Son­der­ge­fan­ge­ner des Füh­rers« wurde er in ver­schie­de­nen KZs in­haf­tiert, zu­letzt in Dach­au, wo er am 9. April 1945 auf Wei­sung aus der Reichs­kanz­lei er­schos­sen wurde – knapp einen Monat vor dem end­gül­ti­gen Aus des Traums vom »End­sieg«. Seine Al­lein­tä­ter­schaft, heute un­be­strit­ten, wurde von Himm­ler immer an­ge­zwei­felt: Der no­to­risch pa­ra­no­ide SS-Chef ver­mu­te­te ein von Eng­land ge­steu­er­tes Kom­plott.
Den Ver­rä­ter­ma­lus ist Elser auch post­hum lange nicht los­ge­wor­den. Immer stand der cha­rak­ter­star­ke Ein­zel­gän­ger im Schat­ten der eli­tä­ren Of­fi­zie­re des 20. Juli – die im­mer­hin erst fünf Jahre und Mil­lio­nen Tote spä­ter aktiv ge­wor­den waren. Erst 1989 wurde eine Ge­denk­plat­te an der Stel­le des mitt­ler­wei­le ab­ge­ris­se­nen Bür­ger­bräu­kel­lers (zwi­schen dem Kul­tur­zen­trum am Ga­steig und dem Hotel Hil­ton City) ein­ge­las­sen, 1997 wurde ein Platz an der Schwa­bin­ger Tür­ken­stra­ße nach Elser be­nannt und seit 2009 er­in­nert dort auch eine Licht­in­stal­la­ti­on (täg­lich um 21.20 Uhr, dem Zeit­punkt der De­to­na­ti­on, in Be­trieb) an den mu­ti­gen Schrei­ner.


Die weiße Rose

Vor dem Haupteingang des Justizpalasts steht unverdrossen eine zierlich geschmiedete weiße Rose (Foto: Achim Wigand)
Vor dem Haupt­ein­gang des Jus­tiz­pa­lasts steht un­ver­dros­sen eine zier­lich ge­schmie­de­te weiße Rose (Foto: Achim Wi­gand)
Willi Graf, Alex­an­der Schmo­rell, Chris­toph Probst, der Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor Kurt Huber, Hans Scholl und allen voran des­sen Schwes­ter So­phie ge­hö­ren heute zu den Sym­bol­fi­gu­ren des ge­walt­frei­en po­li­ti­schen Wi­der­stands. Sie bil­de­ten den in­ners­ten Kreis der Wei­ßen Rose, eines heim­li­chen Zu­sam­men­schlus­ses von Freun­den und Stu­di­en­kol­le­gen, die seit Som­mer 1942 dem Schlach­ten und Mor­den an und hin­ter Hit­lers Fron­ten nicht mehr nur zu­se­hen woll­ten.
Ihre Waffe war das Wort. Nur sechs Flug­blät­ter be­nö­tig­te die klei­ne Grup­pe aus dem aka­de­mi­schen Mi­lieu, um die brau­nen Macht­ha­ber so rich­tig ner­vös zu ma­chen. Ge­druckt auf einer al­ters­schwa­chen Pres­se und zum Teil auf me­cha­ni­schen Schreib­ma­schi­nen ab­ge­tippt, er­reich­ten sie ins­ge­samt wohl kaum eine Auf­la­ge jen­seits der 100.000; durch flei­ßi­ge Ver­sand­ak­ti­vi­tät schaff­ten sie es aber in im­mer­hin 16 Städ­te des noch groß­deut­schen Reichs.


Sa­pe­re aude oder Der Mut, den ei­ge­nen Ver­stand zu nut­zen

Mit gro­ßer ana­ly­ti­scher Schär­fe und kla­rer Spra­che, mit Lei­den­schaft und Eifer gegen Ge­no­zid und Ver­nich­tungs­krieg an­schrei­bend, bezog die Weiße Rose un­miss­ver­ständ­lich Po­si­ti­on und straf­te all die­je­ni­gen Lügen, die hin­ter­her von nichts ge­wusst haben woll­ten. Dabei war die In­for­ma­ti­ons­la­ge der Stu­den­ten (die Män­ner hat­ten als ein­fa­che Sol­da­ten Fron­ter­fah­rung in Russ­land ge­macht) kei­nes­falls pri­vi­le­giert; le­dig­lich der Mut, den ei­ge­nen Ver­stand auch wirk­lich zu be­nut­zen, war aus­ge­präg­ter als bei der er­schla­gen­den Mehr­heit der Volks­ge­nos­sen.
Die Kon­se­quenz ihrer Hal­tung wurde ihnen schließ­lich zum Ver­häng­nis: Ob­wohl sie wuss­ten, dass das Netz des Re­pres­si­ons­ap­pa­rats von Po­li­ti­scher Po­li­zei und Gesta­po sich zuzog, leg­ten sie am 18. Fe­bru­ar 1943 (die Wehr­macht hatte ge­ra­de ihr his­to­ri­sches De­sas­ter in Sta­lin­grad er­lebt) ihr letz­tes Flug­blatt im Trep­pen­haus der Uni­ver­si­tät aus und wur­den prompt vom eif­ri­gen Pe­dell des Hau­ses er­tappt. Be­reits vier Tage spä­ter, am 22. Fe­bru­ar, leb­ten Probst und die Ge­schwis­ter Scholl nicht mehr, ein ei­li­ges Ver­fah­ren hatte sie zum Tod durch das Fall­beil ver­ur­teilt. Vor­sit­zen­der der Ge­richts­far­ce war Ro­land Freis­ler, der be­rüch­tig­te Prä­si­dent des Volks­ge­richts­hofs. Hit­ler hatte den rang­höchs­ten Ket­ten­hund der deut­schen Jus­tiz nach Mün­chen ge­schickt – keine Frage, die Nazis hat­ten mäch­tig Angst vor den Stu­den­ten be­kom­men. Die an­de­ren Mit­glie­der des in­ne­ren Kerns der Grup­pe wur­den dann in einem zwei­ten Pro­zess im Juni eben­so final ab­ge­ur­teilt.


Ju­gend­li­che Ro­man­tik als zwei­te Trieb­fe­der ihres Han­dels

Widerstand mit Worten oder Die vor der Uni verankerten Flugblätter der Nazigegner um die Geschwister Scholl (Foto: Achim Wigand)
Wi­der­stand mit Wor­ten oder Die vor der Uni ver­an­ker­ten Flug­blät­ter der Na­zi­geg­ner um die Ge­schwis­ter Scholl (Foto: Achim Wi­gand)
Die Ak­ti­vi­tä­ten der Wei­ßen Rose ziel­ten nicht auf fak­ti­sche Ein­fluss­nah­me und Ty­ran­nen­mord, und wahr­schein­lich war auch ju­gend­li­che Ro­man­tik eine nicht un­be­deu­ten­de Trieb­fe­der ihres Han­delns: Bei­des wurde den jun­gen Wi­der­ständ­lern immer wie­der vor­ge­wor­fen, und so dau­er­te es eine ganze Weile, bis die Weiße Rose ge­büh­ren­de Wür­di­gung in der Kul­tur Mün­chens fand. Seit 1968 trägt das In­sti­tut für Po­li­ti­sche Wis­sen­schaft der LMU den Namen »Ge­schwis­ter Scholl«, und auch der Platz vor der Uni­ver­si­tät wurde nach ihnen (west­li­che Hälf­te) bzw. Pro­fes­sor Huber (öst­li­che Hälf­te be­nannt). Die ein­fa­chen Grä­ber der Mit­glie­der der Wei­ßen Rose be­fin­den sich auf dem Per­la­cher Fried­hof im Süd­os­ten der Stadt.
Vor dem Haupt­ein­gang des Jus­tiz­pa­lasts in der Pri­el­may­er­stra­ße er­in­nert eine zier­li­che ge­schmie­de­te weiße Rose an die Wi­der­stands­grup­pe. Im Sit­zungs­saal 253 (vor­mals 216) des Ge­bäu­des, in dem der zwei­te Pro­zess gegen die »Weiße Rose« ge­führt wurde, ist au­ßer­dem eine Dau­er­aus­stel­lung zur Will­kür­jus­tiz des Drit­ten Reichs ein­ge­rich­tet.
Werk­tags 9-16 Uhr, nicht vom 10.4. bis 31.5. und vom 10.10. bis 31.11. (dann fin­den die münd­li­chen Prü­fun­gen für das ju­ris­ti­sche Staats­ex­amen satt). Ein­ritt frei.


Last mi­nu­te he­roes – die Frei­heits­ak­ti­on Bay­ern

Ende April 1945: Ein Reich liegt in den letz­ten Zügen, eine Stadt pfeift aus dem letz­ten Loch. Aber den Nazis sind die Trüm­mer­ge­bir­ge noch immer nicht hoch genug, und ei­ni­ge glü­hen­de Par­tei­gän­ger Hit­lers ma­chen sich buch­stäb­lich mit Feu­erei­fer daran, den »Nero-Be­fehl« ihres in Ber­lin unter me­ter­di­ckem Beton ver­kro­che­nen Füh­rers um­zu­set­zen. Da­nach sind »alle mi­li­tä­ri­schen, Ver­kehrs-, Nach­rich­ten-, In­dus­trie- und Ver­sor­gungs­an­lan­gen sowie Sach­wer­te […] zu zer­stö­ren«. Haupt­mann Rupp­recht Gern­groß, Kom­pa­nie­chef einer in Mün­chen sta­tio­nier­ten Dol­met­sche­rein­heit, hat nun end­gül­tig genug vom brau­nen Irr­sinn und sucht in­ner­halb der Wehr­macht nach Mit­strei­tern gegen die »Ver­brann­te-Erde«-Stra­te­gie.


Der Wi­der­stand auf Mit­tel­wel­le

Rea­lis­tisch geht man von einem ra­schen Vor­marsch der ame­ri­ka­ni­schen Ver­bän­de aus und ent­schließt sich für den Tag X – Co­de­na­me »Fa­sa­nen­jagd« – zum »Wi­der­stand auf Mit­tel­wel­le«. Das Ha­la­li kommt bald: Am 28. April be­set­zen Gern­groß und ei­ni­ge Ka­me­ra­den den Sen­der Er­ding im Nor­den Mün­chens und blei­ben mit ihrem Auf­ruf gegen die Sa­bo­ta­ge der Le­bens­grund­la­gen Deutsch­lands ei­ni­ge St­un­den auf Sen­dung, bis SS-Ver­bän­de die Kon­trol­le über die Ra­dio­sta­tio­nen zu­rück­er­kämp­fen und die Fa­sa­nen­jä­ger flie­hen müs­sen. Gern­groß über­lebt die letz­ten Tage bis zum nahen Kriegs­en­de auf einer Berg­hüt­te, an­de­re (zum Teil auch völ­lig Un­be­tei­lig­te) haben we­ni­ger Glück: Scher­gen des un­ter­ge­hen­den Reichs ver­an­stal­ten eine letz­te Hetz­jagd auf die »Wehr­kraft­zer­set­zer« und »Drü­cke­ber­ger« der Frei­heits­ak­ti­on Bay­ern. 40 Men­schen fal­len den Stand­ge­rich­ten die­ser fi­na­len Ra­se­rei noch zum Opfer.


Die Na­mens­her­kunft der Münch­ner Frei­heit

Ihnen zu Ehren wurde der Fei­litzsch­platz im Her­zen Schwa­bings 1947 in Münch­ner Frei­heit um­be­nannt. Wäh­rend der fins­te­ren zwölf Jahre zuvor hieß er – zur zwei­fel­haf­ten Ehre einer rechts­ra­di­ka­len Trup­pe aus Ost­deutsch­land – »Dan­zi­ger Frei­heit«.
Man mag der Frei­heits­ak­ti­on Bay­ern vor­wer­fen, sich erst reich­lich spät den Sand aus den Augen ge­wischt zu haben. Im­mer­hin aber ist der Ak­ti­on unter an­de­rem die Ver­scho­nung Augs­burgs zu ver­dan­ken, denn wegen der von ihr durch­ge­führ­ten Ent­waff­nung noch kampf­be­rei­ter Wehr­machts- und SS-Ein­hei­ten konn­te die Stadt kampf­los an die Al­li­ier­ten über­ge­ben wer­den. Au­ßer­dem: Viele an­de­re sind die­sen Schritt nie ge­gan­gen, man­che pö­bel­ten sogar noch Jahr­zehn­te spä­ter gegen die vor­geb­li­chen Ver­rä­ter des deut­schen Wi­der­stands von Scholl bis St­auf­fen­berg.