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Rei­se­tipps – was denn sonst? (Peter Rit­ter)

Michael Müller und Eberhard Fohrer
Micha­el Mül­ler und Eber­hard Foh­rer im »Wohn­bü­ro« des Ver­le­gers (1983)
1979: Die so­zi­al­li­be­ra­le Ko­ali­ti­on in Bonn düm­pelt ihrem Ende ent­ge­gen, Karl Cars­tens wird zum Bun­des­prä­si­den­ten ge­wählt und be­gibt sich so­gleich auf prä­si­dia­le Wan­der­schaft durch die deut­schen Lande, Licht­ge­stalt Franz Be­cken­bau­er be­schließt seine Li­be­ro­schaft über Deutsch­land mit einem En­ga­ge­ment beim ruhm­rei­chen New Yor­ker Fuß­ball-Club Cos­mos, und die DDR täte gut daran, sich auf die letz­ten zehn Jahre ihrer staat­li­chen Exis­tenz ein­zu­stim­men, wenn ihr denn ir­gend­je­mand etwas ge­sagt hätte … War noch was? Rich­tig, war noch was: In der frän­ki­schen Pro­vinz er­scheint ein schma­les Büch­lein mit dem Titel »Por­tu­gal«, Autor, Ver­le­ger und Ver­triebs­ma­na­ger in Per­so­nal­uni­on ist Micha­el Mül­ler. Aus­ge­stat­tet ist das Buch mit allen In­si­gni­en der da­ma­li­gen Al­ter­na­tiv­kul­tur: Papp­co­ver mit über­aus bau­chi­ger Ti­tel­zei­le, innen auf jeder Seite Hand­strich­zeich­nun­gen, aus­la­den­de, mit al­ler­lei Zier­rat de­ko­rier­te Ka­pi­tel-Über­schrif­ten, eng ge­setz­te Texte in Ma­schi­nen­schrift und mit bis­wei­len groß­zü­gi­ger Aus­le­gung der da­mals gel­ten­den Recht­schreib­re­ge­lung, dazu eine ge­ra­de­zu ba­rock an­mu­ten­de An­ga­be der Be­zugs­quel­le: »Er­hält­lich über Micha­el Mül­ler, 8553 Eber­mann­stadt, Müh­len­stra­ße 8. Gegen Vor­ein­sen­dung eines Schecks über 11,80 DM oder Post­scheck­kon­to«.

Ganz und gar nicht ba­rock gibt sich der Un­ter­ti­tel des Büch­leins. Er lau­tet schlicht »Reise Tips« und gibt so schon recht deut­lich die in­halt­li­che Mar­sch­rich­tung vor: keine kunst- oder kul­tur­his­to­ri­schen Hö­hen­flü­ge, keine über­trie­be­nen De­muts­ges­ten ge­gen­über den ver­meint­li­chen oder tat­säch­li­chen Top-Se­hens­wür­dig­kei­ten des Rei­se­ziels. An­statt des­sen viel »Klein­kram« mit prak­ti­schem Nutz­wert und der Ver­such, einen Blick hin­ter die Fas­sa­de zu wer­fen, At­mo­sphä­ri­sches ein­zu­fan­gen und – wie es im Vor­wort heißt – loh­nens­wer­te Ziele ab­seits der »üb­li­chen Se­hens­wür­dig­kei­ten« ins Blick­feld zu rü­cken. So er­fährt der Leser bei­spiels­wei­se, dass Re­pa­ra­tu­ren für sein mög­li­cher­wei­se ma­ro­des Auto in den por­tu­gie­si­schen Werk­stät­ten »er­freu­li­cher­wei­se sehr bil­lig« sind und man sich im Falle des Fal­les am bes­ten an die Lis­sa­bon­ner Werk­statt von Silva Roche wen­det, der – so der be­ru­hi­gen­de Zu­satz – »ziem­lich gut durch­blickt«. Oder dass der Ba­cal­hau, zu Deutsch Klipp­fisch, zwar Por­tu­gals Na­tio­nal­ge­richt, sein »Fleisch aber so gut auch wie­der nicht« sei. Oder wie man sich am bes­ten von den Fol­gen der bös­wil­li­gen Atta­cken des be­rüch­tig­ten »Spin­nen­fi­sches (Peixa Ar­an­ha)« er­holt. Oder dass …

Konn­te man so etwas ver­kau­fen? Ja, man konn­te, er­staun­lich gut sogar. Zwar liest sich man­ches aus heu­ti­ger Sicht ein wenig put­zig, etwa wenn unter der be­mer­kens­wer­ten Ru­brik »Braun­wer­den« ei­ni­ger­ma­ßen skur­ri­le Maß­nah­men zum Schutz gegen die be­droh­li­che Strahl­kraft der por­tu­gie­si­schen Sonne er­ör­tert wer­den. Aber wahr­schein­lich war es ge­ra­de der ganz und gar un­prä­ten­tiö­se Ges­tus, der den Er­folg des Bu­ches aus­mach­te. Denn die an­vi­sier­te Ziel­grup­pe hatte mit kunst­sin­ni­ger At­ti­tü­de wenig im Sinn – man woll­te ein­fach rei­sen, mög­lichst lang, mög­lichst bil­lig und mög­lichst un­kon­ven­tio­nell. Wenn dazu ein eben­so un­kon­ven­tio­nel­les Büch­lein als Weg­be­glei­ter, Ori­en­tie­rungs­hil­fe und Hel­fer in der Not zur Ver­fü­gung stand, umso bes­ser. Heute, 30 Jahre spä­ter, hat sich vie­les grund­le­gend ge­än­dert: Bonn heißt längst Ber­lin, aus »so­zi­al­li­be­ral« ist ein po­li­ti­sches Un­wort ge­wor­den, wan­dern­de Bun­des­prä­si­den­ten sind seit Cars­tens völ­lig aus der Mode ge­kom­men, und über Kai­ser Be­cken­bau­er und die DDR hüllt man am bes­ten gnä­dig den Man­tel des Schwei­gens. Ge­reist wird frei­lich noch immer, aber auch hier haben sich die Ak­zen­te ver­scho­ben: Der eu­ro­pa­rei­sen­de Tra­vel­ler der spä­ten Sieb­zi­ger­jah­re hat sei­nen ver­let­zungs­an­fäl­li­gen Wagen längst der Schrott­pres­se über­ant­wor­tet und auch sein Zeit­bud­get für Rei­sen von kom­for­ta­blen zehn auf ma­ge­re drei, vier Wo­chen jähr­lich her­un­ter­ge­schraubt. Die Nach­fol­ge­ge­ne­ra­ti­on setzt oh­ne­hin nicht mehr so sehr auf aus­ge­dehn­te Mehr­wo­chen­trips und ver­teilt die zur Ver­fü­gung ste­hen­de Ur­laubs­zeit gerne por­ti­ons­wei­se übers Jahr. Das bei­na­he ideo­lo­gi­sche Rin­gen der End­sieb­zi­ger um For­men des »rich­ti­gen Rei­sens« spielt dabei keine Rolle mehr.

Aber nicht nur das Rei­sen selbst, auch der Rei­se­füh­rer­markt hat sich ver­än­dert. Es gibt Rei­se­füh­rer mitt­ler­wei­le zu bei nahe allen nur denk­ba­ren Rei­se­zie­len, und es gibt sie in der markt­ob­li­ga­to­ri­schen »Schub­la­di­sie­rung«: als klei­ne kom­pak­te, die sich in aller Kürze auf das ver­meint­lich We­sent­li­che be­schrän­ken, als dick­lei­bi­ge All­roun­der, die vor­ge­ben, das Rei­se­ge­biet in all sei­nen Fa­cet­ten dar­zu­stel­len, als Spe­zia­lis­ten, die sich den be­son­de­ren Be­dürf­nis­sen von Kul­tur rei­sen­den, Ak­tiv­ur­lau­bern, Fa­mi­li­en oder Kin­dern ver­schrie­ben haben, und nicht zu­letzt als In­di­vi­du­al­rei­se­füh­rer, bei denen die In­for­ma­ti­ons­fül­le im rei­se­prak­ti­schen Be­reich zum struk­tur­bil­den­den Prin­zip er­ho­ben wurde. In diese Ru­brik ge­hö­ren auch die Bü­cher des Micha­el Mül­ler Ver­lags, der mitt­ler­wei­le nicht nur über eine ve­ri­ta­ble Ver­lags­an­schrift und viele eif­ri­ge Mit­ar­bei­ter zur tä­ti­gen Ent­las­tung sei­nes Grün­ders ver­fügt, son­dern auch über ein be­acht­li­ches Sor­ti­ment von rund 180 Ti­teln. Dar­un­ter sind schwer­ge­wich­ti­ge Län­der-Kom­pen­di­en, schma­le­re Re­gio­nal­rei­se­füh­rer, Städ­te­füh­rer und seit Neu­es­tem auch Wan­der­füh­rer. Immer noch pro­mi­nen­tes Mit­glied des En­sem­bles ist der Por­tu­gal-Band, mit dem 1979 alles be­gann. Das Buch liegt in­zwi­schen in der 19. Auf­la­ge vor, ist deut­lich kor­pu­len­ter ge­wor­den, macht aber immer noch eine prima Figur. Wie man am ge­schick­tes­ten braun wird, ohne sich den Pelz zu ver­bren­nen, er­fährt man lei­der nicht mehr. Aber an­sons­ten: In­for­ma­ti­ons­fül­le wie eh und je. Rei­se­tipps eben – was denn sonst?