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Portugal Forum
Thema
Simone Klein | 18.06.2010 | 19:38 Uhr | ID 86369
José Saramago ist tot

Im Alter von 87 Jahre ist José Saramago heute am 18. Juni 2010 auf Lanzarote, wo er überwiegend lebte, gestorben. 1998 hat er als erster und bislang einziger portugiesischer Schriftsteller den Literaturnobelpreis bekommen. Als Atheist und Kommunist, der er war, wurde er im eigenen Land von bestimmten Gruppierungen angefeindet. Saramago, der aus einer in bitterer Armut lebenden Landarbeiter-Familie stammte, hat sich mit verschiedenen Jobs durchgeschlagen, auch als Übersetzer und Journalist. Literarisch tätig war er fast sein ganzes Leben lang, aber der Durchbruch gelang ihm 1980 mit »Hoffnung im Alentejo«, einem Roman, der eindrucksvolle Geschichtsschreibung von unten ist und die Geschichte der Landarbeiterfamilie Mautempo während der Diktatur von 1926 bis 1974 erzählt. Portugal verliert mit seinem Tod eine seiner großen literarischen Stimmen und auch einen Kämpfer für mehr Gerechtigkeit und gegen den globalen Kapitalismus.

Nachruf in der ZEIT auf José Saramago

Beiträge
Christian Habermann | 24.07.2010 | 19:55 Uhr | ID 87171
Re: José Saramago ist tot

Hallo Simone, gerade von einer längeren Rundreise durch Portugal zurück, die auch in den nördlichen Alentejo führte, las ich noch einmal Deinen Beitrag. Während dieser Fahrt war J. Saramagos »Hoffnung im Alentejo« die Abend-Lektüre. Wie sprachmächtig lässt er in seiner Geschichtsschreibung von unten (Deine Worte) das Klassenschicksal der Familie Mautempo lebendig werden. Dass J. Saramago erst nach seinem Tod bei uns bekannter wird – trotz Nobelpreis – zeigt, wie relativ fern uns immer noch Portugal war/ist, leider.
Vielleicht hatten Literaten seiner Generation noch einen unverstellteren Blick auf die sozialen Verhältnisse. Jedenfalls ist die Bekanntschaft mit J. Saramago der Anlasse, noch einmal intensiver die »Nelkenrevolution« und den späteren politischen roll back zu erkunden. Zum Schluss Dank an Dich für den ZEIT-Link. Christian

Simone Klein | 29.07.2010 | 12:40 Uhr | ID 87277
Re: José Saramago ist tot

Hallo Christian,

danke für das interessante Feedback, über das ich mich gefreut habe. José Saramago ist – für einen portugiesischen Schriftsteller – in Deutschland schon ein Begriff. Viel bedenklicher steht es da aus meiner Sicht um Fernando Pessoa, der selbst vielen Lissabonreisenden nichts sagt. Dabei gehört er definitiv zu den Großen der Literatur des 20. Jahrhunderts. Auch ein Buch wie der Bestseller »Nachtzug nach Lissabon« hat daran kaum etwas geändert. Das Buch hat viele begeisterte Leser nach Lissabon geführt, nicht aber zur portugiesischen Literatur, was übrigens nicht verwundert, da diese im Buch ja bis auf den kurz erwähnten Pessoa inexistent ist, leider.

Zu nennen wären hier z.B. auch Lídia Jorge, u.a. »Die Decke des Soldaten«, ferner José Cardoso Pires und Miguel Torga, und hier z.B. »Die Erschaffung der Welt«, ein autobiographisches Zeitporträt von 1937 bis 1981, und, claro, Antonio Lobo Antunes.

Interessant zum Thema »Nelkenrevolution und die letzten Jahre der Diktatur« sind die »Portugiesischen Tagebücher« von Curt Meyer-Clason, der von 1969 bis 1975 Leiter des Goethe-Instituts von Lissabon war und dieses in jenen Jahren »em clandestino« zu einem der raren Begegnungsorte für die oppositionellen Intellektuellen Portugals umfunktioniert hat. Seine Erfahrungen in jener Zeit lesen sich sehr spannend und geben ein schonungsloses Gesellschaftsbild.

Ich selbst mache in Lissabon Führungen zum Thema »Nelkenrevolution/Portugal im 20. Jhd.« und habe mich intensiver auch mit der Situation der Flüchtlinge in Portugal, die in den 30er und 40er Jahren aus Deutschland und aus den von den Nazis besetzten Gebieten geflohen waren, beschäftigt, ein Thema, das mich sehr interessiert.

»Portugiesische Tagebücher« von C. Meyer-Clason

Stadtführung »Von der Nelkenrevolution bis heute«

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