| »Mit einer Kugelkopf-Schreibmaschine und einem Sack voller Ideen fing alles ganz bescheiden an – doch schon das erste alternative Reisebuch über Portugal findet reißenden Absatz. Verleger Michael Müller (53) gehört heute zu den Großen im Metier«, schreibt die NN, deren Journalistin Kerstin Möller einen »Hausbesuch« bei MM gemacht hat. Dies ist die Geschichte von einem Jungen aus Franken, der auszog, die Welt ganz neu zu erleben und der Welt davon zu berichten. Also wurde er Reisejournalist und erfolgreicher Verleger. Und weil das so unwahrscheinlich klingt, könnte die Geschichte ebenso gut mit einem Lied anfangen: »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.« Oder so: Das Reisen ist des Müllers Lust. Alle jungen Leute wollten damals in den wilden 70ern, als die Geschichte begann, hinaus in die Ferne. Sie hatten wenig Geld, wenig Ahnung; also schnürten sie die Isomatte auf den Rucksack und tourten durch Europa. Sie mieden Hotels und Trampelpfade, nisteten in den Gärten griechischer Bauern und lebten die freie Gastfreundschaft. Manche kamen nie vom Trip runter, einige bauten Brunnen und Gemüse an – Michael Müller hatte eine Geschäftsidee.
Jeansträger mit langen Haaren Eine verrückte Idee. Er wollte Baedeker & Co. Paroli bieten, jenen altmodischen Reiseführern, die Urlauber gern mit einem Kulturauftrag durch die Gegend schicken. Müller dagegen wollte die Gebrauchsanleitung liefern, den praktischen Wegweiser durchs fremde Land, mit einer Fülle nützlicher Tipps. Er dachte dabei weniger an Bildungsbürger im Staubmantel als an Jeansträger mit langen Haaren; er dachte an seinesgleichen. Über 25 Jahre ist das her. Inzwischen hat der Erlanger Michael Müller Verlag ganz Europa erfasst und eingebunden – in 150 Taschenbücher mit dem signifikanten Rücken in Regenbogenfarben. Den Globetrottern sind sie bestens vertraut als zuverlässige Reisebegleiter. Wenn da drinsteht, dass man den Stromboli mit Turnschuhen besteigen oder bei Pino preiswert essen kann, dann stimmt das auch. Michael Müller (53) räkelt lässig auf dem Stuhl, verschränkt die Arme hinterm Kopf und lacht wie der Lausbub nach dem gelungenen Streich. Er sieht fast genauso aus wie auf den Bildern der Gründerzeit, wirkt noch immer eher alternativ denn etabliert und ist doch längst ein Großer der Branche. Zu dem passt der dicke Mercedes, mit dem wir über Land fahren. Wir fahren zum Anfang der Geschichte, ins Bilderbuch der Fränkischen Schweiz, die sich postkartenschön wie eine Milchreklame präsentiert. In Ebermannstadt spazieren wir zum Wasserschöpfrad, passieren die Wiesent und gelangen zur Mühlenstraße. Eine Idylle, die sich malerisch dem Verfall beugt – der ideale Abenteuerspielplatz. Hier kommt Michael am 25. Januar 1953 zur Welt, als drittes Kind des Müllermeisters und Sägewerkbesitzers. »Wir alle mussten schon früh mitanpacken.« Aber keiner will später den Betrieb übernehmen, schon gar nicht der Jüngste. Der schmeißt die Realschule, will nur weg aus der Provinz. Mit 16 durchstreift er mit Bahn und Interrail-Ticket Griechenland und Schottland; dabei setzt er, noch ahnungslos, einen Meilenstein: Der IR-Führer wird später ein Bestseller des Verlages.
Der Ehrgeiz, nicht zu scheitern Michael interessiert sich für Elektronik, möchte was Technisches lernen. Er lernt Automechaniker, besucht abends Spanisch-Kurse – denn er will unbedingt nach Südamerika auswandern. Mit 2000 Mark und einem Touristenvisum entdeckt er Venezuela, Kolumbien, Chile, Ecuador. Unterwegs trifft er den Reisejournalisten und Selbstverleger Martin Velbinger; für den fränkischen Globetrotter eine folgenreiche Begegnung. In Ecuador findet er eine Anstellung bei einem Exildeutschen, der Landmaschinen vertreibt; Müller repariert nach Betriebsanleitung Mähdrescher. »Ich hatte den Ehrgeiz, nicht zu scheitern.« Eine Arbeitsgenehmigung aber bekommt er nicht, nach neun Monaten ist Sense. »Zuletzt lebte ich von einer Mark pro Tag – ging gut!« Der nächste Ausstieg heißt Neuseeland, wo der Automechaniker bei einer Daimler-Benz-Vertretung unterkommt. Doch Wellington ist nicht die Stadt seiner Träume. Da meldet sich Velbinger aus der Ferne mit einem Auftrag. Müller eilt nach Griechenland. Neue Inseln recherchieren, Wanderrouten austüfteln, preiswerte Kneipen entdecken und den Sonnenuntergang genießen – das gefällt dem Weltenbummler. Als Reisebuchautor will er sich in Portugal niederlassen, wo er gemeinsam mit dem Bruder eine Quinta erwirbt. Der Bruder bleibt; als studierter Agraringenieur findet er sein Auskommen. Michael kehrt in die Heimat zurück. »Verleger Velbinger wollte nicht mehr mein Verleger sein.« Und das war gut so. Ohne die Abfuhr hätte er wohl sicher nicht den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. 1979 gründet er mit dem Portugal-Titel den Michael Müller Verlag. »Dieser Reiseführer versucht, mit seinen Tipps und Informationen zur Urlaubsgestaltung neue Wege zu gehen. Er will den tatsächlichen Bedürfnissen derjenigen entgegenkommen ...« Etwas gestelzt klingt das Vorwort, doch das Buch ist ein Knüller. Produziert auf der Schreibmaschine, gespickt mit aktuellen Infos, Hintergrundstorys, eigenen Erlebnissen und selbst gemalten Karten, garniert mit lustigen Zeichnungen ist dieser Reiseführer der maßgeschneiderte Wegweiser für Rucksacktouristen – und längst eine bibliophile Rarität. Michael Müller hat auf Anhieb seine Leserschaft gefunden; und sie bleibt ihm treu. Redaktionskonferenzen im »Pleitegeier« Wir schlendern über den Mühlenweg, werfen einen Blick in die alten Häuser. Die Mühle ist stillgelegt, in der Schreinerei wächst Unkraut. Ruhig ist's hier. Unnatürlich ruhig, findet Müller, der das Kreischen der Sägen noch im Ohr hat. Früher spielten hier Horden von Kindern, rumpelten Holzfuhrwerke den Hügel rauf. Heute kann die Katze mitten auf dem Weg in der Sonne dösen. Aber die Tante hat ihren Neffen längst entdeckt und betrachtet ihn kritisch. Gut schaust du aus, sagt sie, aber zugelegt hast du. Selbst das Bauchkneifen muss er lächelnd dulden. Derhamm ist derhamm, da wird auch ein Verleger wieder zum Bub. Verlagsssitz ist anfangs die eigene Wohnung am Katholischen Kirchenplatz in Erlangen, wo dem Chef nur die Matratze hinterm Schreibtisch zur privaten Nutzung bleibt. Redaktionskonferenzen finden in der Kneipe »Pleitegeier« statt, was bei telefonischen Verabredungen manchen auswärtigen Autor veranlasst, auf Vorschuss zu bestehen. Die Zeiten sind lange vorbei. Mit der technischen Revolution beginnt eine neue Ära; mit PC und Laserdrucker geht Büchermachen nicht nur viel einfacher und viel schneller – der Betrieb wird auch professioneller. Schon früh erkennt Technik-Freak Müller all die tollen Möglichkeiten des IT-Equipments, um beispielsweise mit der Satellitennavigation punktgenaue Wanderkarten zu erstellen. Der Verlag zieht um in moderne Büroräume in der Gerberei. Zwölf Mitarbeiter gehören dazu und 40 Autoren, die ständig um die Welt gondeln und recherchieren. Das Sortiment wird bunter, größer, breiter – es soll jetzt alle Altersgruppen ansprechen. Der Ex-Hippie in der Hindenburgstraße Eine gewisse Arriviertheit lässt sich nicht leugnen. Michael Müller schneidet seine Hippie-Locken ab und heiratet Judit Ladik aus Ungarn, die ihr Biologie-Studium aufgibt, um als Kartographin im Verlag zu arbeiten. Sie bekommen zwei Kinder und ziehen in eine Villa (er sagt dazu Reihenhaus) in der Hindenburgstraße. Die Ferien verbringt die Familie am liebsten in Portugal. Alles Müller, oder? Früher, sagt er, zog er gern durch die Kneipen und hörte Jazz. Ach ja, früher. Heute ist er 150prozentig Verlagsmensch mit einem Berg von Verantwortung und der Konkurrenz im Nacken. Da bleibt kaum noch Zeit, in die Ferne zu schweifen und die Seele baumeln zu lassen. Aber Erfolgsgeschichten enden nun mal mit Erfolg. |