| In einem Reisebuchverlag kann es passieren, dass man von einem Tag auf den anderen in die Fremde muss. Diesmal traf es Matthias Kröner, der »nächste Woche« in die Algarve sollte – »wir haben sonst niemand, der grade Zeit hat!« In unserer neuen Glosse »Nachrichten aus der Verlagswelt« berichtet er von seinen Erfahrungen in Portugal, wo Hippies noch immer Hippies sind und der Straßenverkehr ohne ein gehöriges Kuschelbedürfnis nicht auskommt. Ich sei eindeutig zu beneiden. Kein Mensch (in Wirklichkeit sagten sie »Keine Sau«) darf im November an die Algarve. Dass ich kein Wort Portugiesisch spreche, noch nie im Land der Melancholiker unterwegs gewesen bin und in regelmäßig-unregelmäßigen Abständen an Wortfindungsschwierigkeiten erkranke, war ihnen ganz egal. Auch, dass das Buch meinem Chef gehört und die Ergebnisse gut sein mussten. Doch fangen wir ganz von vorne an: Mein erster Einsatz führte mich in die Hippie-Hochburg nach Aljezur. Hier, wo die Aussteiger inzwischen ergraute Haare haben und in sentimentalen Augenblicken an ihre verpassten Chancen denken, hatte das Touri-Büro geschlossen. Hilflos irrte ich durch die Straßen, auf der Suche nach irgendwem, der mir Auskünfte geben konnte (gerne ja auch in Englisch). In einem Friseursalon wurde ich schließlich fündig: Auf der Couch saßen Ulli, eine Berliner Hairstylistin, und ein verhauter Typ, der an einer selbstgebastelten Zigarette nuckelte und auf eine merkwürdige Art apathisch wirkte – möglicherweise lag es am Inhalt seines Kaffees. Ich gab mich so geduldig wie möglich, denn Zeit – die hat man als Rechercheur wahrlich nicht. Freundlich zeigte ich ihnen die Texte zu Aljezur. Während Ulli die Infos checkte, kam Leben in den Genossen. Wild gestikulierend, deutete er auf ein Foto, das einen Rastafari mit breitem Lächeln zeigte (und schon seit Jahren im Buch vorhanden war). »Das ist Torsten. Der hatte mal eine Hanfplantage. Den gibts jetzt nich mehr. Ich sach dir aber sicher nich, wo der heute hin is.« Am Abend begriff ich mehr, als ich meinem Vermieter davon erzählte. Er nickte mehrere Male, bevor er anfing: »Ich erinnere mich an einen Fall – ja, ich glaube, es war tatsächlich in Alzejur. Die haben da einen Bauern mit einem Hanffeld erwischt und verhaftet. Das Merkwürdige war, dass er ständig behauptet hat, er sei unschuldig.«
Doch nicht nur mit Personen passieren einem die schrägsten Dinge. Auch der Straßenverkehr kennt Tücken. Es mag an der berühmt-berüchtigten Saudade, also jener eigentümlichen Melancholie der Portugiesen, liegen, dass sie immer so schrecklich eng auffahren: Möglicherweise haben sie ein größeres Kuschelbedürfnis als andere. Darüber hinaus führen Schilder häufig zu einer neuen Kreuzung, die ihrerseits nicht beschildert ist. Hier gilt der folgende Grundsatz: Folgen Sie dem Weg, der etwas besser ausgebaut ist – und vertrauen Sie auf Ihr Glück! Mit Sicherheit erscheint irgendwann ein Schild mit der Aufschrift »Lisboa« (das Ihnen leider nicht weiterhilft ...). Im Übrigen interessiert die Portugiesen nicht die nächst größere oder wenigstens nächstgelegene Stadt – in Portugal wird einfach irgendeine Stadt, die irgendwie in der Richtung liegt, ausgeschildert. So landete ich auf der Suche nach Ferragudo in einem Industriegebiet. Vor den Häusern standen Männer mit schlechter Laune, die rauchten und mich ansahen, als wollten sie den Wagen des Chef (den er mir nur geliehen hatte) mit den herumliegenden Eisenrohren traktieren. Rasch kehrte ich um, fand 37 Kreisverkehre später die Stadt und sackte im letzten Augenblick alle Infos ein. Ich freute mich auf einen entspannenden Abend. Erneut war es mein Vermieter, der mich auf den Boden der Realität zurückholte. Der Radikalökologe mit einer Vorliebe für deutsche Bioschokolade erzählt mir seine apokalyptische Vorstellung vom Ende des Homo sapiens. »Methan-Gas«, sagte er und erhob die Hände, als wäre er ein Nachfolger Nostradamus‹, »wird unter den Meeren frei, es wird Feuer und Asche regnen. Und die ganze Welt wird daran zugrunde gehen.« Ich war verzweifelt: Was soll ich noch recherchieren, wenn ohnehin alle sterben? Wenigstens klopfte er mir auf die Schulter und blickte so ernst wie der Alt-Hippie in Aljezur: »Vielleicht werde ich es nicht mehr erleben, doch du wirst die Folgen spüren – es gibt keine Chance zur Flucht!« In meiner verbleibenden Restzeit klappte immerhin die Verständigung mit den Portugiesen. Denn die meisten beherrschen Englisch. Dabei stieß das grammatikalisch korrekte »I'm writing for a publishing house in Germany and I have to check if the information is right« allerdings nur bei sehr elastischen Ohren auf echte Gegenliebe. Meist war ein »I write for a book. Look here – the Algarve!« mit gezücktem Stift und der Andeutung des Schreibevorgangs wesentlich effektiver. Und noch was zum Thema Zeit: Man hat wirklich keine und kann nur hoffen, dass die Schuhe den ganzen Strapazen standhalten. Einmal riss mein rechter Schnürbändel, und ich hinkte von einer Unterkunft zur nächsten; bei jedem Schritt kämpfte ich gegen die Angst, den ohnehin durchgetretenen Schuh zu lassen. Touristische Lederwarenverkäufer blickten hilflos auf meine Schuhe und verwiesen mich mit einem Fingerzeig Richtung Norden, nach »Lisboa«. Weil wir gerade beim Thema sind: Einen engagierten Reisebuchautor erkennt man an seinen Schuhen. »An seinen Sohlen werdet ihr ihn erkennen« sangen bereits die Jünger Baedekers und hoben fleißig die Beine, um ihre wunden Stellen der Welt zu zeigen. (Meine Lektorin meinte übrigens, hier den Camel-Mann zu erkennen). Es gibt wissenschaftliche Studien, nach denen sie die Sohlen von ihren Schuhen lösten, um sie in einer eigens fabrizierten Salzlauge zu konservieren, um wirklich jedem zu zeigen, was echter Einsatz sei. – So wird es niemand verwundern, dass ich am Abend des letzten Tages voll Spannung die Schuhe auszog. Ich öffnete langsam die (neuen) Bändel, drehte die alten Sneakers in Blitzeseile herum und sprang voll Glück durch das ganze Zimmer: »Sie waren durch, sie waren durch, sie waren durch!« Jetzt konnte ich mit besten Gewissen wieder zurück nach Deutschland – obwohl ich an die ganzen Strapazen gerne noch einen Urlaub gehängt hätte ... Trotz 733 Restaurants, 476 Hotels, 87 Strände, 25 Museen, 20 Städte und 15 Wanderungen war dieser Arbeitsausflug (der übrigens nicht so gut bezahlt wird wie alle glauben) die beste Woche des letzten Jahres. |