| Vier Versuche von Matthias Kröner Man stellt sie sich gerne mit dichten Bärten vor. Das von der Sonne gegerbte Gesicht über eine Landkarte gebeugt, ein Notfallmesser am Gürtel (mit dem man Feuer machen, aber auch Haie erlegen kann), durchtrainierte, gestählte, reiseerprobte Globetrotter, die darauf brennen, durch die Welt zu ziehen, um über ihre Erlebnisse zu berichten (und mindestens einmal in ihrem Leben in einem diktatorischen Staat im Knast waren): Idealisten, die Routen erkunden wollen, die noch unberührt sind. Im Rucksack nichts als eine aluverkleidete Trinkflasche, einen Notizblock und eine Kamera – und eine frische Packung wetterfester Jack-Wolfskin-Unterwäsche. Das sind sie: unerschrockene Abenteurer, die ihre steinigen Wege alleine gehen. Sie haben schon alles gesehen (außer vielleicht den Yeti) und ihre sehnigen Beine (und abgefrorenen Zehen) tragen sie bis ans Ende der Welt und darüber hinaus, falls es für die Entstehung eines Buches wichtig ist. Satt von Fernweh, stets auf dem Sprung und den gezückten Stift im Anschlag: Das sind die Mitarbeiter des Michael Müller Verlags.
Ähm, Klappe, die Zweite: Montagmorgen, Stimmengewirr. Is der Chef schon da? Nee, pennt noch. Gibt’s was Neues? Das Buch muss heute noch in die Druckerei. Was? Beim Layout hakt es?? Auch im Lektorat stimmt was nicht! Die geschichtliche Darstellung muss überprüft werden, außerdem herrscht im Südteil des Landes seit gestern Bürgerkrieg. Aber wir haben das Buch bei den Buchhändlern doch schon angekündigt! Die Leser warten darauf! Leicht hysterische Stimme aus der Kartographie: Das Buch? Die Karten sind frühestens in zwei Monaten fertig, besser in vier. Aber Leute, dann ist die Saison vorbei! Das Buch muss heute unbedingt in die Druckerei!! Niemand fährt im Oktober noch in den Urlaub. Telefon! Ja? Ein Vorabexemplar des Reiseführers, ähm, liebe Frau ZEIT-Redakteurin, das Buch ist quasi schon auf dem Weg zu Ihnen ... Nur noch Schönheitskorrekturen, Kleinigkeiten, wir schicken Ihnen ein Exemplar zu. Aaaaaaaaaahhhhhhhhh! Das sind sie – die Mitarbeiter des Michael Müller Verlags: Menschen, die es nach Erlangen verschlagen hat, meist wegen der Uni, manchmal wegen der Liebe, nie wegen Siemens. Sie setzen alle Hebel in Bewegung (wie Charlie Chaplin in Moderne Zeiten), aber werden von der Maschinerie dieses großen Ganzen, das man Verlagshaus nennt, verschlungen. Wer entkommt, setzt nie wieder einen Fuß nach Franken. Ähm, Klappe, die Dritte: Eine interne Umfrage hat ergeben, dass keiner der Mitarbeiter jemals Jack-Wolfskin-Unterwäsche getragen hat. Vor allem die weiblichen Mitarbeiter verbitten es sich, dass sie angeblich Bärte und sonnengegerbte Gesichter hätten. Die Männer erkennen sich, jedenfalls das, was gerne aus ihnen geworden wäre (doch ausschließlich die Autoren erledigen). Jetzt sitzen sie vor dem Computer und lektorieren. Sie zeichnen Karten, programmieren, sie layouten und sind chronisch unterbezahlt, wie es sich für einen echten Verlagsredakteur gehört. Alle? Ja, alle! Manche fühlen sich deshalb unmännlich. Das sind sie – die Mitarbeiter des Michael Müller Verlags: Mitglieder der gebildeten Mittelschicht, die ihren Lebensmittelpunkt in einem Kreißsaal gefunden haben, in dem Bücher das Licht der Welt erblicken, Hebammen exakter Reiseführer, die bisweilen die Presswehen einleiten müssen. Sonst werden die Bücher nie fertig! Ähm, Klappe, die Vierte: Erhebungen haben ergeben, dass die Fluktuation gering ist. Viele Mitarbeiter und Autoren arbeiten seit über fünf Jahren für den Michael Müller Verlag, manche feiern ihr zehnjähriges Jubiläum. Sie dürfen sich während der Arbeit unterhalten und in regelmäßigen Abständen vor die Tür zum Rauchen. Außerdem gibt es keine Stechkarten, was an dieser Stelle einmal lobend erwähnt werden muss. Und der Chef hat – ungewöhnlich für einen Chef – sogar Vertrauen in seine Mitarbeiter. Das sind sie: Viel beschäftigte, aber meist gut gelaunte Individuen, die in heroischer Selbstaufopferung Bücher herstellen, Krisenbewältiger (bei Autorengesprächen), Auf-den-letzten-Drücker-Fertigwerder, motivierte, witzige, geistreiche Gesellen (und Gesellinnen, selbstverständlich!), die den Job gerne machen (wenn auch nicht gerade an einem Montag) und sich in dieser Version erkennen. Wunderbar, imprimatur! |