Mit Se­man­tic Tag­ging und Round Trips
zur si­tua­ti­ons­be­ding­ten Reise-App

Die An­fän­ge un­se­rer di­gi­ta­len Rei­se­füh­rer

Dass eine »Sehr ge­ehr­te Damen und Her­ren«-Mail, wie wir sie immer wie­der be­kom­men, zu einem Rei­se­füh­rer der Zu­kunft führt, ist eher sel­ten. Doch im Sep­tem­ber 2005 war es so. In un­se­rer klei­nen App-Serie er­in­nert sich Micha­el Mül­ler an die An­fän­ge un­se­rer di­gi­ta­len Rei­se­füh­rer und er­zählt, wel­cher müh­sa­me Weg bis zu der 2017 er­schei­nen­den neuen mmtra­vel® App zu­rück­ge­legt wer­den muss­te.

Aller An­fang ist schwer, vor allen Din­gen aber dau­ert er län­ger …

»Sehr ge­ehr­te Damen und Her­ren,

wir sind ein in­no­va­ti­ves Soft­ware­un­ter­neh­men und möch­ten Ihnen eine neue Ver­mark­tungs­idee be­son­ders für Ihre Rei­se­füh­rer vor­schla­gen.

Für Ihre in­halt­lich in­ter­es­san­ten und at­trak­ti­ven Rei­se­füh­rer be­steht eine große Chan­ce der Markt­er­wei­te­rung.

Diese Markt­er­wei­te­rung wol­len wir mit Ihnen ge­mein­sam mit Hilfe einer elek­tro­ni­schen Lö­sung er­rei­chen.

Wir hof­fen, dass Sie neu­gie­rig ge­wor­den sind und wür­den uns sehr freu­en, von Ihnen eine Ant­wort zu er­hal­ten.

Con­sul­ting & Pro­jekt­ma­nage­ment
T-Sys­tems In­ter­na­tio­nal GmbH
13509 Ber­lin Tegel«

Manch­mal ge­nü­gen we­ni­ge Zei­len, um völ­lig neue Ideen an­zu­sto­ßen. Diese E-Mail tru­del­te am 8. Sep­tem­ber 2005 bei uns ein und meine Neu­gier war so­fort ge­weckt. Zu die­sem Zeit­punkt hatte der Hype um das iPho­ne noch gar nicht be­gon­nen. Nur eine sehr über­schau­ba­re Fan­ge­mein­de hatte sich um den Ta­schen­com­pu­ter »Palm« und No­ki­as Be­triebsys­tem »Sym­bi­an« ge­schart. Pro­gram­me – wie heute die Apps für Smart­pho­nes – gab es so gut wie keine.


Eine Pilot-App nach einem EU-For­schungs­pro­jekt

Der Pionier der situationsbedingten Reise-Apps, Michael Müller
Der Pio­nier der si­tua­ti­ons­be­ding­ten Reise-Apps, Micha­el Mül­ler
Als das Pro­jekt schließ­lich star­ten soll­te, bekam T-Sys­tems, eine Toch­ter­fir­ma der Te­le­kom, kalte Füße, und wir be­gan­nen ge­mein­sam mit dem Chef­ent­wick­ler der Ab­tei­lung, der in­zwi­schen ge­kün­digt hatte, die Idee um­zu­set­zen.
Wir mach­ten nur klei­ne Fort­schrit­te, hiev­ten ei­ni­ge Rei­se­füh­rer auf den Palm und ab 2007 – end­lich – aufs iPho­ne. Zeit­gleich wur­den wir da­mals zu einem EU-For­schungs­pro­jekt des Fraun­ho­fer In­sti­tuts Ber­lin ein­ge­la­den. In Zu­sam­men­ar­beit mit For­schern aus Grie­chen­land, Deutsch­land und Bel­gi­en ent­stand ein Pro­to­typ für eine Reise-App, die wir bis heute wei­ter­ent­wi­ckeln. Die mmtra­vel® App (die aus der Pilot-App ent­stand) schlägt ge­ziel­te Rei­se­tipps vor: si­tua­ti­ons­be­dingt und ab­hän­gig von den Vor­lie­ben der Ur­lau­ber sowie der Wet­ter­si­tua­ti­on.
Spä­ter konn­ten wir diese App auch für An­dro­id-Smart­pho­nes über­neh­men.


Die ver­bor­ge­ne In­halts­ebe­ne – Se­man­tic Tag­ging

Al­ler­dings wurde uns be­reits früh be­wusst, dass die Pro­gram­mie­rung einer rei­se­be­ding­ten App we­ni­ger als die halbe Miete be­deu­tet. Eine we­sent­lich grö­ße­re Hürde war die Auf­be­rei­tung der Buch­in­hal­te. Wir schrei­ben ja keine Te­le­fon­bü­cher (in denen le­dig­lich Adress­lis­ten auf­ge­führt sind), son­dern in Sätze und Ab­sät­ze ab­ge­bil­de­te Ge­dan­ken­gän­ge, die mehr­schich­ti­ge Be­zü­ge zu­ein­an­der haben: Bü­cher eben.
Genau diese Be­zü­ge und Qu­er­ver­wei­se müs­sen in der App als wei­te­re Ebene – un­sicht­bar für den Leser – hin­ter die Texte ge­legt wer­den. Das nennt sich »Se­man­tic Tag­ging« und be­deu­tet, dass man Text­ab­schnit­ten im Hin­ter­grund er­klä­ren­de Be­grif­fe zu­wei­sen kann. Durch ge­ziel­te Ab­fra­gen wer­den sie für den Rei­sen­den nütz­lich. So ord­net man etwa einer Kir­che meh­re­re Merk­ma­le zu, zum Bei­spiel: Se­hens­wür­dig­keit, ka­tho­lisch, evan­ge­lisch, go­tisch, ba­rock. Sind diese In­for­ma­tio­nen für alle Kir­chen hin­ter­legt, kann man sich alle go­ti­schen Kir­chen einer Re­gi­on an­zei­gen las­sen. (Der­zeit funk­tio­niert das nur über die Ka­te­go­rie »At­trak­tiv«, doch wird sich mit der neuen App, wie ge­sagt, än­dern.)
Die­ses Sche­ma ver­fol­gen wir auch bei Re­stau­rants, Aus­flü­gen, Mu­se­en, Ho­tels oder an­de­ren Se­hens­wür­dig­kei­ten, auf die man wäh­rend einer Reise stößt.


Die In­no­va­ti­ons­kraft schlaf­lo­ser Näch­te

Als er­schwe­ren­de Hürde brin­gen Rei­se­füh­rer eine re­gel­mä­ßi­ge Ak­tua­li­sie­rung mit sich. Denn mit Rei­se­füh­rern ver­hält es sich wie mit Neu­wa­gen: In den ers­ten Jah­ren haben sie einen hohen Wert­ver­lust. Des­halb gibt es bei uns einen »Round Trip«. Was heißt das? Der Text für eine neue Auf­la­ge kommt vom Autor zum Ver­lag, wird dort vom Lek­tor be­ar­bei­tet und geht im nächs­ten Schritt in das Lay­out und in den Druck. Die fi­na­len Lay­out-Da­tei­en ge­lan­gen mit allen Last-Mi­nu­te-Kor­rek­tu­ren zu­rück an den Autor. Eine der grö­ße­ren Schwie­rig­kei­ten ist es dabei, die Se­man­tic Tags für die App zu be­hal­ten. Damit das Spiel alle zwei Jahre von Neuem be­gin­nen kann.
A pro­pos Jahre. Mehr als zehn (!) Jahre nach dem aben­teu­er­li­chen Start und viele schlaf­lo­se Näch­te spä­ter darf sich der Micha­el Mül­ler Ver­lag selbst als »in­no­va­ti­ves Soft­ware­un­ter­neh­men« ver­ste­hen (wie es einst in der Mail vom Sep­tem­ber 2005 stand …). Al­lein in Er­lan­gen ar­bei­ten in­zwi­schen fünf und in Ber­lin zwei In­for­ma­ti­ker an einer stän­di­gen Ver­bes­se­rung des »Round Trips« – sowie an einer kom­plet­ten Neu­ent­wick­lung der App, die hof­fent­lich im Früh­jahr 2017 vor­ge­zeigt wer­den kann.