Rei­se­re­por­ta­ge

Mo­no­li­then des 21. Jahr­hun­derts.
Vier Him­mel­stür­mer sor­gen für Auf­se­hen in Ma­drid

Das neue Wol­ken­krat­zer-Quar­tett ver­än­dert die Sky­line der spa­ni­schen Haupt­stadt. Kri­ti­ker be­grei­fen in den Mo­nu­men­tal­bau­ten ein Sym­bol des spa­ni­schen Im­mo­bi­li­en­wahns, an­de­re das mo­der­ne Spa­ni­en. Unser Rei­se­buch­au­tor Hans-Peter Sie­ben­haar hat sich im Zuge sei­ner Re­cher­chen für den MM-City-Guide »Ma­drid« (1. Auf­la­ge 2010) die St­ei­ne des An­sto­ßes an­ge­se­hen – und ei­ni­ge span­nen­de Ent­de­ckun­gen ge­macht.


Portrait Hans-Peter SiebenhaarDas Flug­zeug nach Ma­drid geht lang­sam in den Sink­flug über. Ocker, och­sen­blut­rot, hell­beige: die tro­cke­ne Me­se­ta, das kas­ti­li­sche Hoch­land, leuch­tet aus 3000 Meter Höhe in vie­len Far­ben, nur un­ter­bro­chen von den im Herbst be­reits schnee­be­deck­ten Gip­feln des Gua­dar­ra­ma-Ge­bir­ges. Plötz­lich tau­chen im An­flug auf den Air­port Ba­ra­jas auf der rech­ten Seite vier im­po­san­te Wol­ken­krat­zer auf. Die weit über 200 Meter hohen Ge­bäu­de ragen wie dun­kel­graue Blei­stif­te aus dem rie­si­gen Häu­ser­meer. Es sind die Cua­tro Tor­res, die seit ihrer Fer­tig­stel­lung im Jahr 2009 die Sky­line von Ma­drid do­mi­nie­ren.


Zwil­lings­tür­me vor den Cua­tro Tor­res

Die meis­ten Be­su­cher den­ken bei einer Reise in Ma­drid an das ma­le­ri­sche Gas­sen­ge­wirr der Alt­stadt, an den klas­si­zis­ti­schen Prado, an den mo­nu­men­ta­len Kö­nigs­pa­last, an die quir­li­ge Gran Via. Na­tür­lich, das alles ist Ma­drid. Doch wer die Me­tro­po­le des 21. Jahr­hun­derts ken­nen­ler­nen will, kommt um die Cua­tro Tor­res nicht herum. Sie sind Mo­no­li­then eines stol­zen Spa­ni­ens.

Die spek­ta­ku­lä­ren Wol­ken­krat­zer ste­hen ganz im Nor­den der Haupt­stadt. Nur nicht zu Fuß vom his­to­ri­schen Zen­trum auf den Weg ma­chen! Das wäre kein Spa­zier­gang, son­dern eine drei­stün­di­ge Wan­de­rung auf dem Bou­le­vard Ca­stel­la­na. Lie­ber Vor­spruch durch Tech­nik nut­zen: Mit der stets ver­läss­li­chen Metro sind die Cua­tro Tor­res schnell und preis­wert zu er­rei­chen. Am bes­ten man steigt an der Me­tro­sta­ti­on Plaza de Cas­til­la (Linie 10) aus, um für die Größe der Wol­ken­krat­zer einen Maß­stab zu haben. Der vom Ver­kehr um­tos­te Platz wird näm­lich do­mi­niert von der Pu­er­ta de Eu­ro­pa. Das sind zwei ein­an­der zu­ge­neig­te Hoch­häu­ser. Kein ar­chi­tek­to­ni­sches Schmuck­stück, aber ori­gi­nell. Die Zwil­lings­häu­ser, einst vom Ku­wait In­vest­ment Of­fice, in Auf­trag ge­ge­ben, wur­den von dem New Yor­ker Ar­chi­tek­ten-Trio John Bur­gee, Duane Schrempp und Phi­lip John­son ent­wor­fen. Hin­ter den schrä­gen Zwil­lings­tür­men, im­mer­hin auch 113 Meter hoch, ragen die Cua­tro Tor­res ker­zen­ge­ra­de in den Ma­dri­der Him­mel. Ein schö­ner Kon­trast zur Pu­er­ta de Eu­ro­pa.


Be­schä­dig­tes Stadt­bild und das Sport­ge­län­de von Real Ma­drid

Die vier Türme …
Die vier Türme …
Das Quar­tett der vier höchst un­ter­schied­li­chen Hoch­häu­ser – Torre Caja Ma­drid (ehe­mals Torre Rep­sol, 250 m), Torre Sacyr Val­le­her­mo­so (zu zwei Drit­teln Hotel, 236 m), Torre de Cris­tal (249 m) und Torre Es­pa­cio (224 m) – waren jah­re­lang äu­ßerst um­strit­ten. Auch heute kön­nen sich viele Ma­dri­le­nen mit den Wol­ken­krat­zern nicht recht an­freun­den. Ein Freund im Nor­den Ma­drids schimpft immer wie­der: »Das ist nur groß, sonst nichts. Eine Schan­de!« Kri­ti­ker wie er sehen das Stadt­bild von Ma­drid für immer durch die Mo­no­li­then des 21. Jahr­hun­derts be­schä­digt. Hinzu kommt, dass die Wol­ken­krat­zer mit ihrer rie­si­gen Bü­ro­flä­che nicht ein­mal un­be­dingt ge­braucht wer­den. Denn Ge­wer­be­im­mo­bi­li­en gibt es durch die schwe­re Wirt­schafts- und Fi­nanz­kri­se in Spa­ni­en wie Sand an Meer.

… von Madrid
… von Ma­drid
Be­für­wor­ter loben hin­ge­gen die neue Ar­chi­tek­tur als Sym­bol eines mo­der­nen Spa­ni­ens. Mit rund 250 Me­tern ist der kan­ti­ge Wol­ken­krat­zer der spa­ni­schen Spar­kas­se Caja Ma­drid, ge­baut vom bri­ti­schen Star-Ar­chi­tek­ten Nor­man Fos­ter, das höchs­te Ge­bäu­de auf der Ibe­ri­schen Halb­in­sel; Fors­ter ist in Deutsch­land vor allem wegen des Um­baus des Ber­li­ner Reichs­ta­ges be­rühmt. Mög­lich wurde das spek­ta­ku­lä­re Bau­pro­jekt der Cua­tro Tor­res über­haupt erst durch den Ver­kauf des Sport­ge­län­des von Real Ma­drid. Die Kö­nig­li­chen mach­ten sich die mitt­ler­wei­le ge­platz­te Im­mo­bi­li­en­bla­se zu­nut­ze und ver­äu­ßer­ten ihr ge­wal­ti­ges Ge­län­de an der Ver­kehrs­ar­te­rie Ca­stel­la­na für viel Geld.


Ein Fünf-Ster­ne-Vier-Ster­ne-Haus mit Pan­ora­ma-Blick

Die Wol­ken­krat­zer, haupt­säch­lich Bü­ro­ge­bäu­de, kön­nen nicht von innen be­sich­tigt wer­den. Al­ler­dings kann man eine Stipp­vi­si­te im Fünf-Ster­ne-Hotel Ma­drid Tower im Torre Sacyr Val­le­her­mo­so ma­chen. Mit dem dor­ti­gen Lift geht es in luf­ti­ge Höhen. Wer die be­son­de­re Aus­sicht ge­nie­ßen möch­te, muss das sünd­haft teure Re­stau­rant im 30. Stock auf­su­chen, das einen spek­ta­ku­lä­ren Blick bie­tet. Denn die Ca­fe­te­ria ist – völ­lig un­ver­ständ­lich – im Un­ter­ge­schoss des schwar­zen Ho­tel­ge­bäu­des un­ter­ge­bracht. Die schwar­ze Stahl­kon­struk­ti­on, die in ihrer Stren­ge an Ge­bäu­de von Mies van der Rohe in Chi­ca­go er­in­nert, wurde von den spa­ni­schen Ar­chi­tek­ten Car­los Rubio Car­va­jal und En­ri­que Al­va­rez Sala Wal­ter ge­schaf­fen. Die Über­nach­tung in dem Fünf-Ster­ne-Hotel (www.eu­ro­st­ar­madrid­tower.com), das von der Kette Eu­ro­stars ge­führt wird, ist nicht ein­mal ex­trem teuer. Dop­pel­zim­mer gibt es be­reits ab 125 Euro, wenn man ein wenig Glück hat. Doch um ehr­lich zu sein: Bei un­se­rem Be­such hat­ten wir eher den Ein­druck in einem Vier-Ster­ne-Haus zu sein! Die In­nen­ein­rich­tung ist wenig funk­tio­nal, das Par­kett des neuen Ho­tels ist bis­wei­len schon arg in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen wor­den. Nur eines ist wun­der­bar: der Pan­ora­ma-Blick auf Ma­drid und das Gua­dar­ra­ma-Ge­bir­ge.


Das Pi­cas­so-Hoch­haus: eine Al­ter­na­ti­ve zu den vier Tür­men

Wer noch mehr ar­chi­tek­to­ni­sche Mo­der­ni­tät wünscht, der soll­te sich auf der Rück­fahrt ins Zen­trum einen Ab­ste­cher zum Pi­cas­so-Hoch­haus (Torre Pi­cas­so) gön­nen. Er liegt eben­falls an der Metro-Linie 10, Sta­ti­on San­tia­go Bern­abeu. Der ele­gan­te Wol­ken­krat­zer wurde von Mi­no­ru Ya­ma­sa­ki (1912-1986), dem Ar­chi­tek­ten des eins­ti­gen World Trade Cen­ter in New York, ent­wor­fen und war lange Zeit mit 155 Me­tern das höchs­te Ge­bäu­de Ma­drids. Das 1974 ge­plan­te Pro­jekt wurde erst 1988 ab­ge­schlos­sen, Ya­ma­sa­ki konn­te die Fer­tig­stel­lung des wei­ßen Tur­mes nicht mehr er­le­ben. Er wäre si­cher be­geis­tert ge­we­sen: Der 43-stö­cki­ge Kom­plex ist auch über zwei Jahr­zehn­te nach sei­ner Fer­tig­stel­lung ein äs­the­ti­scher Ge­nuss. Das ori­gi­nel­le geo­me­tri­sche Pflas­ter des Vor­plat­zes, die sil­bern glän­zen­de Skulp­tur von José María Cruz No­vil­lo und die schat­ti­gen, ge­pfleg­ten Gar­ten­an­la­gen ma­chen auch die Um­ge­bung der Torre Pi­cas­so zu einem Ver­gnü­gen.