Täg­lich kom­men Hun­der­te auf die Insel

Über die schwie­ri­ge Si­tua­ti­on der Flücht­lin­ge auf Les­bos

Die­sen News­let­ter soll ein Ar­ti­kel ein­lei­ten, der uns am Her­zen liegt. Er stammt nicht aus der Feder eines un­se­rer Au­to­ren – schlicht und er­grei­fend des­halb, da wir in Rei­se­füh­rern nie so ak­tu­ell sein kön­nen, wie es die Ta­ges­pres­se ist. Ge­schrie­ben hat ihn ein mit un­se­rem Ver­lag be­freun­de­ter Jour­na­list, der Ra­dio­ma­cher Ste­fan Qui­litz (Dom­ra­dio), der kürz­lich auf Les­bos un­ter­wegs war. Er be­rich­tet von der pre­kä­ren Si­tua­ti­on der Grie­chen und der noch pre­kä­re­ren der Flücht­lin­ge, die auf Kos, Chios, Rho­dos und Les­bos stran­den.


Logo DomradioDie grie­chi­sche Staats­plei­te be­stimmt in die­sen Tagen die Schlag­zei­len aus Grie­chen­land. Vom Drama der Flücht­lin­ge, die in gro­ßer Zahl auf den grie­chi­schen In­seln nahe der Tür­kei an­kom­men, ist keine Rede mehr. Aber es gibt sie wei­ter, und sie be­stim­men die All­tags­ge­sprä­che und -sor­gen auf den In­seln. So auch auf Les­bos. Die Insel in der Nor­dä­gais nahe der Tür­kei ist eine be­lieb­te Ur­lau­ber­in­sel vor allem bei In­di­vi­du­al­rei­sen­den. Und jetzt ist Sai­son.


Auch Fa­mi­li­en und Müt­ter mit Säug­lin­gen stran­den auf Les­bos

»Es kom­men täg­lich Hun­der­te von Men­schen an, auf Kos, auf Chios, auf Rho­dos. Aber die Leute hier haben sel­ber wenig«, er­zählt An­to­ni­os. In Stutt­gart hat der junge Grie­che ein Taxi-Un­ter­neh­men, seine Som­mer­wo­chen aber ver­bringt er im hei­mi­schen Mo­li­vos auf Les­bos, hilft in der Ta­ver­ne der Ver­wand­ten. Was er be­schreibt ist das Drama der Flücht­lin­ge, täg­lich in der Frühe kom­men Hun­der­te auf die Insel.
Viele Men­schen auf Les­bos, egal ob Ho­te­lier oder Fisch­händ­ler, haben jetzt Hoch­sai­son, sie leben von den Som­mer­ur­lau­bern. Und die Furcht ist groß, dass die Zah­len wegen der Schlag­zei­len aus Grie­chen­land deut­lich zu­rück­ge­hen. Schlag­zei­len über leere Bank­au­to­ma­ten und Hams­ter­käu­fe und über Flücht­lin­ge am Ur­laubs­strand. Dabei ist das En­ga­ge­ment groß, viele Ein­hei­mi­sche set­zen sich auf­op­fe­rungs­voll bis an den Rand ihrer Kräf­te für die Flücht­lin­ge ein. Karin Kant führt eine Bou­tique unten im Hafen im be­lieb­ten Ur­lau­ber­ort Mo­li­vos. Sie be­rich­tet, dass die Flücht­lin­ge seit März kom­men. Erst waren es nur junge Män­ner, dann aber kamen auch Fa­mi­li­en, Müt­ter mit Säug­lin­gen. Seit­dem wür­den vor allem die Leute im Ort mit Nah­rung und Klei­dung hel­fen.
Lange Wo­chen muss­ten die Flücht­lin­ge zu Fuß von Mo­li­vos ins rund 60 Ki­lo­me­ter ent­fern­te My­ti­li­ni lau­fen, die Haupt­stadt von Les­bos, um sich dort re­gis­trie­ren zu las­sen. Und end­lo­se Wo­chen war­ten sie dann auf die Über­fahrt Rich­tung Athen. Die Ein­woh­ner hel­fen mit Klei­dung, Nah­rung und auch mit Me­di­zin und Ver­bands­ma­te­ri­al.


Viele Ur­lau­ber wol­len hel­fen

An der Bus­hal­te­stel­le von Mo­li­vos sitzt Mo­ha­med auf einer Mauer. Fünf Mo­na­te war er auf Krü­cken in der Tür­kei un­ter­wegs, im sy­ri­schen Bür­ger­krieg traf ihn eine Kugel, als er oben auf einem Bau­ge­rüst ar­bei­te­te. Er spricht Deutsch, weil er in Ber­lin als Asy­lant seine Ju­gend ver­brach­te. Er sei vom Ge­rüst ge­stürzt und habe sich Beine und Rü­cken­wir­bel ge­bro­chen. Jetzt wolle er nach Deutsch­land, dort habe er zwei Kin­der. Es selbst ist Pa­läs­ti­nen­ser und damit ein ewig Asyl­su­chen­der ohne Pass. Hier in Mo­li­vos hat Mo­ha­med Glück: Elias Bier­del von der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on bor­der­li­ne-eu­ro­pe bringt ihn in einem Kran­ken­haus unter.
Unter denen die auf Les­bos hel­fen, sind viele Deut­sche, seit Jah­ren leben sie schon auf der Insel. Ur­su­la Ha­sen­burg ist eine der Lei­te­rin­nen des Milea-In­sel­gar­tens, ein Se­mi­nar­haus. Stän­dig ist sie bei Orts­ver­samm­lun­gen in Mo­li­vos dabei. Immer wie­der wird dort dis­ku­tiert, wie man den Flücht­lin­gen hel­fen kann, aber auch wie man die Ur­lau­ber hal­ten kann. »Die Sai­son ist höchs­tens sechs Mo­na­te lang,« er­klärt Ur­su­la, »und dann muss auch das Geld für den Win­ter ver­dient wer­den. Und wenn dann Ur­lau­ber sagen, sie kämen nicht, er­schreckt das na­tür­lich die Men­schen hier.«
Aber: Viele der Ur­lau­ber, die kom­men, schau­en nicht weg, sie sind viel­mehr auf­ge­wühlt, wol­len sich in­for­mie­ren und wol­len hel­fen. Sie spen­den Geld, kau­fen selbst Nah­rung und Klei­dung ein und neh­men Flücht­lin­ge im Wagen mit. Und sie kön­nen da­heim sehr viel de­tail­lier­ter von den Sor­gen der Grie­chen vor Ort auf ihrer Insel be­rich­ten als die Me­di­en.


Mit Spen­den­gel­dern wird Un­ter­richt für Flücht­lings­kin­der or­ga­ni­siert

Im Hotel Votsa­la in Ther­mi haben die Be­sit­zer Daph­ne und Jan­nis eine Mit­ar­bei­te­rin des UNHCR (= Uni­ted Na­ti­ons High Com­mis­sio­ner for Re­fu­gees) ein­ge­la­den, die über die Lage der Flücht­lin­ge auf Les­bos be­rich­tet, be­son­ders im neuen Lager Moria. Es sei schon längst über­füllt, die Ver­wal­tung über­for­dert, die Re­gis­trie­rung laufe nur schlep­pend.
Lang dis­ku­tie­ren an die­sem Abend die Ho­tel­gäs­te, es wird Geld für akute Hilfe ge­sam­melt. Daph­ne und Jan­nis haben 2014 eine deutsch-grie­chi­sche Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on ge­grün­det, mit den Gel­dern or­ga­ni­sie­ren sie Un­ter­richt für Flücht­lings­kin­der (www.Odys­seas.at). Dass sie ihre Gäste in­for­mie­ren und mit­ein­be­zie­hen, scheint der rich­ti­ge Weg zu sein. Stor­nie­run­gen gibt es bis­lang nicht.
Auch die Staats­kri­se schreckt die Ur­lau­ber auf Les­bos bis­lang nicht ab. Ur­su­la Ha­sen­burg be­ru­higt ihre Gäste: »Egal, wel­che Wäh­rung hier in Zu­kunft Zah­lungs­mit­tel sein wird, bei uns könnt Ihr wei­ter in Euro be­zah­len, und zur Not ver­sor­gen wir Euch auch mit Ta­schen­geld.«

Ste­fan Qui­litz, 7. Juli 2015, dom­ra­dio.de


Ein Spen­den­auf­ruf

Gleich­gül­tig, wie man zu den fi­nan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten der grie­chi­schen Re­gie­rung steht, wir mei­nen, den Flücht­lin­gen soll­te ge­hol­fen wer­den. Un­längst er­reich­te un­se­ren Les­bos-Autor Tho­mas Schrö­der eine Nach­richt von Elias Bier­del von »bor­der­li­ne-eu­ro­pe – Men­schen­rech­te ohne Gren­zen e. V.«, die wir eben­falls ab­dru­cken wol­len:

Logo borderline-europe»Wir haben ge­ra­de be­schlos­sen, mit ›bor­der­li­ne-eu­ro­pe‹ ein Pro­jekt für Les­vos zu prü­fen. Ich werde in der kom­men­den Woche ent­spre­chen­de Ge­sprä­che füh­ren und an­schlie­ßend kon­kre­te Vor­schlä­ge un­ter­brei­ten.
Un­ab­hän­gig davon, wer­den wir damit be­gin­nen, be­reits be­ste­hen­de Initia­ti­ven ent­lang der Ost­küs­te (Mo­ly­vos, Skala Si­ka­mi­ne­as, Man­da­ma­dos …) fi­nan­zi­ell zu un­ter­stüt­zen.

Wenn Ihr also unter dem Stich­wort ›Not­hil­fe Les­bos‹ auf unser Konto spen­det, ga­ran­tie­re ich per­sön­lich, dass das Geld ohne Ab­zü­ge an die rich­ti­ge Stel­le kommt:

bor­der­li­ne-eu­ro­pe e.V.
GLS Bank, Bochum
Kto-Nr: 4005794100
BLZ: 43060967
IBAN: DE11430609674005794100
IBAN Pa­pier­form: DE11 4306 0967 4005 7941 00
BIC: GENODEM1GLS

Mit ganz lie­ben Grü­ßen
Elias«

Wir möch­ten die Initia­ti­ve auch als Ver­lag un­ter­stüt­zen und haben be­reits einen Be­trag ge­spen­det.