Schrei­ben­de Tra­vel­ler – 2. Platz

Hö­hen­psy­cho­lo­gie. Eine Rei­se­re­por­ta­ge von Ve­ro­ni­ka Kel­ler

Seit der Buch­mes­se sind sie be­kannt: die Ge­win­ner des 1. Micha­el Mül­ler-Rei­se­re­por­ta­gen-Wett­be­werbs. Im letz­ten News­let­ter haben wir die Ge­schich­te des 3. Sie­gers ver­öf­fent­licht – »Schwin­ger-Club« von Fa­bi­an Herr­mann. Heute geht es mit Ve­ro­ni­ka Kel­ler in die Do­lo­mi­ten, mit einer Selbst­fin­dungs­grup­pe und einem Berg­füh­rer, der die Exer­zi­ti­en nicht nur aus be­ruf­li­chen Grün­den lei­tet.

Otto heult, und zwar so rich­tig. Die Schul­tern beben, der Kie­fer krampft, auf dem Ka­ro­hemd bil­den sich nasse Fle­cken. Schluch­zer schüt­teln sei­nen dün­nen, sieb­zig­jäh­ri­gen Kör­per. Nur der auf­ge­stütz­te El­len­bo­gen ver­an­kert ihn in der Kir­chen­bank. Otto sitzt im Got­tes­dienst. Um ihn herum strömt mehr­stim­mi­ge Wärme aus Chris­ten­mün­dern ins mor­gend­li­che Weiß der Berg­ka­pel­le: »Ubi ca­ri­tas, ibi deus est«. Leich­te Ir­ri­ta­ti­on schwingt mit. Alle Augen sind bei Otto, schwer zu sagen ob in Sorge oder pein­lich be­rührt. Kei­ner ist si­cher, warum er so außer sich ist, Otto, der wort­kar­ge Berg­fex aus Bay­ern mit rauem Charme und Hang zum Aben­teu­er. Dass es an­geb­lich mit sei­ner deut­lich jün­ge­ren Freun­din kri­selt, hat sich her­um­ge­spro­chen, aber das al­lein kann es nicht sein. Es ist viel wahr­schein­li­cher, dass die Do­lo­mi­ten schuld sind.


Werte, Sinn, viel­leicht sogar Gott

Ein See in den Dolomiten, klarer als die Psyche der sieben Wanderer (Foto: Veronika Keller)
Ein See in den Do­lo­mi­ten, kla­rer als die Psy­che der sie­ben Wan­de­rer (Foto: Ve­ro­ni­ka Kel­ler)
Glau­be kann Berge ver­set­zen, aber es geht auch an­ders­her­um, davon ist der Ar­beits­kreis Kir­che und Sport über­zeugt. Die deut­sche Or­ga­ni­sa­ti­on bie­tet so ge­nann­te Berg­ex­er­zi­ti­en an: Aus­zei­ten vom All­tag, in denen man sich be­sinnt. Bei wem die Spi­ri­tua­li­tät schwä­chelt, der soll wan­dernd und schwei­gend Höhen und Tie­fen er­grün­den, die ei­ge­nen in­ne­ren, und die der Süd­ti­ro­ler Do­lo­mi­ten. Hier, glaubt der Ar­beits­kreis Kir­che und Sport, könne man etwas wie­der­fin­den: Werte, Sinn, viel­leicht sogar Gott.
Erst ein­mal muss man aber die Son­nen­creme fin­den. An die haben nicht alle sie­ben Teil­neh­mer ge­dacht, die zum Treff­punkt kom­men, schließ­lich ist es Ende Ok­to­ber. Aber der Aus­gangs­ort für die Berg­ex­er­zi­ti­en schwimmt im Son­nen­licht: das Ri­fu­gio Pe­derü im Na­tur­park Fanes-Sen­nes-Prags in Süd­ti­rol. Hier strah­len Fel­sen in so war­mem Oran­ge, dass man sie an­fas­sen will. Die Ge­gend ist bei Berg­freun­den be­liebt, im Win­ter für Ski­tou­ren, im Som­mer wegen der Klet­ter­stei­ge und der Moun­tain­bike-taug­li­chen Almen. Heute geht es um etwas an­de­res: Be­sin­nung. Otto Stei­gel­mann ist Berg­füh­rer, alt­ge­dient und jung­ge­blie­ben. Der Süd­ti­rol-Afi­cio­na­do soll die Grup­pe sinn­su­chen­der Men­schen, die sich hier zu­sam­men­fin­det, fünf Tage lang durchs Ge­bir­ge füh­ren und mög­lichst auch zum spi­ri­tu­el­len Re­load. Jeden An­kömm­ling be­denkt er am Park­platz mit einem etwas zu lan­gen Hän­de­druck und stellt klar: »Wir sagen 'Du?.«


Warum bist du hier?

Zur Fanes-Hütte nach oben, weg von den irdischen Problemen (Foto: Veronika Keller)
Zur Fanes-Hütte nach oben, weg von den ir­di­schen Pro­ble­men (Foto: Ve­ro­ni­ka Kel­ler)
Auf­stieg zum Ba­sis­la­ger. Die ers­ten Hö­hen­me­ter geht man un­be­kann­ter Weise und im Gän­se­marsch. Dann tau­chen auf einem Pla­teau zwei Bänke auf: Vor­stel­lungs­run­de. Die ist nichts für Zu­ge­knöpf­te, denn Hob­bys, Wohn­ort und Stern­zei­chen in­ter­es­sie­ren heute nicht. Nur die Frage: 'Warum bist Du hier??. »Ich fühle mich manch­mal so tot.« Das kommt von Fran­zi*, blon­de Lo­cken, Mitte 30, die von ihrer Ar­beit als Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­te­rin aus­ge­höhlt wird. Dann kommt Es­ther, Mitte 40, mit hek­ti­schen Augen und Sor­gen­stirn: »Ich muss eine de­sas­trö­se fa­mi­liä­re Si­tua­ti­on be­wäl­ti­gen.« Spä­ter wird sie aus­führ­lich er­zäh­len, wie ihre 13-jäh­ri­ge Toch­ter ihr das Leben zur Hölle macht. Am Ende der Runde steht fest: Die nächs­ten Tage be­deu­ten für die meis­ten hier Ar­beit an sich selbst, eine Art The­ra­pie in der Gip­fel­welt. Ir­gend­ein Pro­blem hat jeder im Ge­päck. Und Otto? Der sagt vor­erst nur, dass er Berg­füh­rer ist und eine enge Ver­bin­dung zu Süd­ti­rol hat. Dass ihn die nächs­ten Tage viel­leicht am meis­ten von allen be­we­gen wer­den, ahnt noch kei­ner.
Aus der rich­ti­gen Per­spek­ti­ve be­trach­tet ist die Fanes-Hütte eine ein­sa­me Insel in einem Meer aus Ber­gen. Dass sie nur zwei St­un­den Fuß­marsch vom Wan­der­park­platz ent­fernt ist und über die alte Mi­li­tär­stra­ße nach Cor­ti­na d’Am­pez­zo sogar mit dem Auto er­reich­bar, lässt sich dank des wil­den Pan­ora­mas auf fast allen Sei­ten gut igno­rie­ren. An der Un­ter­kunft an­ge­kom­men will Otto mit den noch frem­deln­den Wan­de­rern ein ge­mein­sa­mes Lied ver­su­chen. Lie­der­zet­tel hat er schon ver­teilt, aber kaum einer kennt die Me­lo­die. »Tu deine Sinne, deine Seele auf«, gur­gelt die Grup­pe, und erst klingt es zum Gru­seln, dann zum La­chen. Im­mer­hin eines sieht schon sehr nach in­ne­rer Ein­kehr aus: Die wun­der­bar wind­ge­schütz­te Ter­ras­se der Fanes-Hütte liegt in wei­chem Abend­licht. Ver­ein­zel­te Wan­de­rer sit­zen tie­fen­ent­spannt beim Ape­ri­tif. Ge­gen­über thront das Drei­ge­stirn der To­fa­ne, die mar­kan­tes­ten Gip­fel der Fa­nes­grup­pe. Ob die­ser An­blick sie­ben be­drück­te See­len ge­sund ma­chen kann?


Schwei­gen und Stau­nen

Aus Fremden werden Freunde, auch wegen dieses Panoramas (Foto: Veronika Keller)
Aus Frem­den wer­den Freun­de, auch wegen die­ses Pan­ora­mas (Foto: Ve­ro­ni­ka Kel­ler)
Der erste Mor­gen ist un­ge­fähr das Ge­gen­teil von Me­di­ta­ti­on. Alle sind heiß auf den Berg. Das heu­ti­ge Ziel ist der Col Bech­ei, und der ver­spricht eine gran­dio­se Aus­sicht über weite Teile der Do­lo­mi­ten. Aber Berg­füh­rer Otto geht als Schne­cke voran. Das ist Ab­sicht: Alle sol­len gut mit­kom­men und dabei noch genug Ener­gie haben, um in­ne­re Kno­ten zu lösen. Bei man­chen löst sich da aber nichts als Ag­gres­sio­nen. Ma­ri­na, nord­deutsch, mit sport­li­chem Kurz­haar­schnitt, zischt: »Da kann ich ja gleich rück­wärts wan­dern.« An den Min­dest­ab­stand von einer Wan­der­stock­län­ge hält sich kei­ner. Und dann bleibt auch noch alle paar Mi­nu­ten je­mand ste­hen, um die Ka­me­ra aus­zu­pa­cken und sich an En­zia­nen oder Wol­ken­for­ma­tio­nen zu ver­küns­teln. Es geht nur sto­ckend voran, und das gilt wohl nicht bloß für den tat­säch­li­chen Weg, son­dern auch für den über­tra­ge­nen. Nach­dem die erste halbe St­un­de von mun­te­rem grup­pen­dy­na­mi­schen Ge­quas­sel ge­prägt ist, spricht Otto bei der ers­ten Trink­pau­se ein Macht­wort. Von jetzt an soll die Grup­pe schwei­gend gehen und sich pe­ni­bel an den Min­dest­ab­stand hal­ten. »Jeder braucht Raum für sich al­lein«, fin­det Otto. Und das viele Knip­sen müsse auch ein Ende haben. »Schwei­gen und Stau­nen«, mahnt der Häupt­ling und mar­schiert wei­ter.
Die­ses ver­damm­te Schwei­gen. Fran­zi hat sich jetzt schon auf alles Mög­li­che kon­zen­triert, auf ihren Atem, ihre Schrit­te, die Fel­sen, und trotz­dem keh­ren ihre Ge­dan­ken immer zu­rück zum pro­fa­nen All­tag. Dabei sucht sie doch Ruhe und tiefe Ein­sich­ten. Bei der Pause an einer ver­fal­le­nen Ar­til­le­rie­stel­lung aus dem ers­ten Welt­krieg traut sie sich: »Otto, hast Du einen Tipp?« Das Schwei­gen setze sie unter Druck, klagt sie: »Ich denke die ganze Zeit, mir müss­ten wich­ti­ge Er­kennt­nis­se kom­men.« Es kommt aber nichts, und ei­ni­ge ver­ständ­nis­vol­le Bli­cke zei­gen, dass sie hier nicht die Ein­zi­ge ist, die sich schwer tut mit der in­ne­ren Ein­kehr. Im Stil­len nagen pe­ne­tran­te Ge­dan­ken umso lau­ter. Otto ist in das mor­sche Holz­kon­strukt ver­tieft, das Teile der Grup­pe als Sitz­ge­le­gen­heit nut­zen. Er wirkt selt­sam ab­we­send, sagt nur: »Du musst los­las­sen.« Fran­zi schließt die Augen, nickt, bin­det ihren Schuh. Sehr über­zeugt sieht sie nicht aus.


Manch­mal ist Glück ein lee­rer Kopf

Schwit­zen, schnau­fen, nur nicht da­ne­ben­tre­ten. Das letz­te Stück vom Auf­stieg ist eng und steil. Gum­mi­pro­fi­le rut­schen über glatt­ge­lau­fe­ne St­ei­ne. Senk­recht über den Wan­de­rern schiebt sich der Gip­fel in den wol­ken­lo­sen Him­mel und scheint noch weit ent­fernt. Und plötz­lich ist er unter ihnen. Es fol­gen Freu­den­schreie an­ge­sichts des Rund­um-Pan­ora­mas und lei­den­schaft­li­che Umar­mun­gen zwi­schen die­sen Frem­den, die plötz­lich Freun­de sind. Wäh­rend Otto deu­tet und er­klärt, »Neu­ner«, »Ort­ler«, und »Mar­mo­la­ta« mur­melt, schleicht sich ein brei­tes Grin­sen auf Fran­zis Ge­sicht. Seit mehr als einer St­un­de hat sie an gar nichts ge­dacht, dafür war der Auf­stieg viel zu an­stren­gend. Manch­mal ist Glück ein lee­rer Kopf.
Abends ist Zeit fürs Kör­per­li­che: heiße Du­sche, drei­er­lei Knö­del, Süd­ti­ro­ler Speck. Bei wem es spi­ri­tu­ell noch hakt, der kann in der Hütte zu­min­dest das leib­li­che Wohl­be­fin­den deut­lich stei­gern. Es­ther mit der Pro­blem­toch­ter wirkt am drit­ten Abend schon ru­hi­ger als noch in der Vor­stel­lungs­run­de. Bei einem Glas Lag­rein fängt sie an zu er­zäh­len und hört lange nicht mehr auf. Sie spricht von ihrer Tren­nung, vom un­bän­di­gen Groll ihres 13-Jäh­ri­gen Kin­des, das nicht mehr mit ihr leben will, vom er­schüt­tern­den Ge­fühl, als Mut­ter ge­schei­tert zu sein. Es ist, als säße sie hier mit engen Freun­den und nicht mit einer zu­fäl­li­gen Grup­pe Sinn­su­chen­der. Genau das fehle ihr unten, er­zählt sie, ein Ge­mein­schafts­ge­fühl: »In den Ber­gen gibt es eine ganz be­son­de­re Art davon. Es ver­bin­det einen ein­fach, wenn man es zu­sam­men hoch­ge­schafft hat.« In der Kir­che hat Es­ther so etwas lange nicht mehr er­lebt. Ma­ri­na, die hier ist, um eine Tren­nung zu ver­ar­bei­ten, kommt aus dem Ni­cken nicht her­aus. In den Got­tes­dienst geht sie kaum, ins Ge­bir­ge stän­dig. »Die Berge sind meine Kir­che«, er­klärt sie: »Da brau­che ich mich nur um­schau­en, und schon bin ich mir si­cher, es gibt etwas Grö­ße­res als mich. Das ist trös­tend.«


Ottos Of­fen­ba­rung

Vor Verzweiflung fast hinuntergestürzt, des Bergführers eigene Geschichte (Foto: Veronika Keller)
Vor Ver­zweif­lung fast hin­un­ter­ge­stürzt, des Berg­füh­rers ei­ge­ne Ge­schich­te (Foto: Ve­ro­ni­ka Kel­ler)
Tag vier. Die Erde bebt, der Berg dröhnt, Ge­schüt­ze spren­gen den split­tern­den Stein. Otto und seine Ka­me­ra­den du­cken sich auf den eis­kal­ten Boden, ban­gen um ihren Un­ter­stand und um ihre Hei­mat. So scheint es sich ab­zu­spie­len hin­ter Ottos Stirn, wäh­rend er im Jetzt mit sei­ner Wan­der­grup­pe an einem alten Ar­til­le­rie­stütz­punkt steht und zur ge­gen­über­lie­gen­den Berg­ket­te schaut. »Von da drü­ben haben die Ita­lie­ner ge­schos­sen«, sagt er: »Und wir von hier aus.« Mit »wir« meint Otto Sol­da­ten, die im Ers­ten Welt­krieg gegen Ita­li­en um Süd­ti­rol ge­kämpft haben. Und er meint auch sich selbst. Es war eine er­bit­ter­te Schlacht in den Ber­gen, die vor fast hun­dert Jah­ren schlecht aus­ging für Ös­ter­reich. Sie tobte unter an­de­rem da, wo die Exer­zi­ti­en­grup­pe heute im Ge­röll­feld steht. Gera­de hat Otto es ihnen ge­sagt: Er ist über­zeugt, dass er da­mals dabei war. »Ich glau­be an See­len­wan­de­rung.« So hat er an­ge­fan­gen, und dann hat er trotz der un­gläu­bi­gen Bli­cke seine Ge­schich­te er­zählt. Seit er das erste Mal an die­sem Ort war, sei er si­cher, hier schon ge­we­sen zu sein und Schlim­mes er­lebt zu haben. Er er­klärt, wie er jedes Mal aufs Neue emo­tio­nal wird bei dem Ge­dan­ken an die schwe­ren Kämp­fe und wie ihn die Er­in­ne­rung immer wie­der zu Trä­nen rührt. Er sagt: »Ich rea dann wie a Schloss­hund«, und dann fügt er mit Blick zum Boden hinzu, dass er sich beim letz­ten Be­such vor Ver­zweif­lung fast hin­un­ter­ge­stürzt hätte. Er konn­te es nur des­halb nicht tun, weil ihn je­mand fest­hielt. Otto kommt immer wie­der hier­her. Er habe da etwas zu ver­ar­bei­ten, meint er.
Kei­ner hat etwas ge­sagt zu Ottos Of­fen­ba­rung, die Wan­der­grup­pe schleicht un­be­hol­fen durch die Fels­bro­cken um die Reste des Stütz­punk­tes herum. Hier und da lie­gen Kno­chen, Es­ther ver­sucht her­aus­zu­fin­den, ob sie von Tie­ren oder Men­schen sind. Es scheint wich­tig, etwas zum Reden zu haben. Man be­spricht das schlech­te Wet­ter und wun­dert sich über ein ge­bo­ge­nes Ei­sen­stück, das unter einem Stein her­vor­ragt. »Ein Huf­ei­sen von einem Sol­da­ten«, er­klärt Otto: »Die hatte man unter den Schuh­soh­len, wir haben ja auch im Win­ter ge­kämpft.«
Der letz­te Mor­gen, gleich ist Abrei­se. Zum Ab­schied gibt es einen Wort­got­tes­dienst in der nahen Ka­pel­le. Mitt­ler­wei­le klappt auch das Sin­gen. Auf der Wiese ver­wan­delt die Mor­gen­son­ne dünne Eis­plat­ten in Matsch. Drin­nen legt Fran­zi dem wei­nen­den Otto eine Hand auf den Rü­cken. Er scheint es gar nicht zu be­mer­ken. Mit dem Kopf ist er ganz wo­an­ders.


*Namen der Teil­neh­mer ge­än­dert