Schrei­ben­de Tra­vel­ler – 3. Platz

Schwin­ger-Club. Eine Rei­se­re­por­ta­ge von Fa­bi­an Herr­mann

Wir ma­chen es span­nend! Des­halb ver­öf­fent­li­chen wir zu­nächst den drit­ten Sie­ger­text. In der sprach­lich und the­ma­tisch be­ein­dru­cken­den Re­por­ta­ge »Schwin­ger-Club« geht es um einen Na­tio­nal­sport der Schweiz, den in Deutsch­land ei­gent­lich nie­mand kennt. Juror und Rei­se­schrift­stel­ler Ste­fan Nink war von der Ge­schich­te an­ge­tan, da einem »eine frem­de Welt nä­her­ge­bracht wird, die ei­gent­lich um die Ecke liegt«. Ju­ro­rin Kira Han­ser von Welt On­li­ne ge­fie­len groß­ar­ti­ge Sätze wie »Sonn­tags sind sie Hel­den«.

Peter Im­feld sieht den blau­en Him­mel, ohne den Kopf heben zu müs­sen. Das ist nicht gut. Das geht nur, wenn er auf dem Rü­cken liegt – und dann, dann hat er ver­lo­ren. Neben ihm im Sä­ge­mehl kniet der Schwin­ger­kö­nig. Er reicht ihm die Hand, der Ap­plaus Tau­sen­der be­glei­tet die bei­den vom Platz. Peter Im­feld är­gert sich. Es war der erste Kampf, aber der Weg zum Tur­nier­sieg ist weit ge­wor­den.
Peter Im­feld, 34, 1,87 Meter groß und durch­trai­nier­te 110 Kilo schwer, ist Schwin­ger und damit Teil einer ei­ge­nen Welt, die sich beim Berg­schwing­fest auf der Rigi of­fen­bart, dem höchst­ge­le­ge­nen Aus­tra­gungs­ort der Schweiz. Ir­gend­wann haben Bau­ern auf den Alpen an­ge­fan­gen, sich sport­lich mit­ein­an­der zu mes­sen, über die Jahr­hun­der­te hat sich dar­aus ein Volks­sport ent­wi­ckelt. Zu den Schwing­fes­ten strö­men im Som­mer Tau­sen­de Men­schen. Die Schwin­ger selbst ar­bei­ten unter der Woche als Metz­ger, Schrei­ner oder als Ge­schäfts­füh­rer einer Firma für Ab­riss­ar­bei­ten. Sonn­tags aber sind sie Hel­den.


Ein kur­zer Griff ins Sä­ge­mehl, dann in den Ring

Bodenständig und heimatverbunden, das Schwingen in der Schweiz (Foto: Andri Pol)
Bo­den­stän­dig und hei­mat­ver­bun­den, das Schwin­gen in der Schweiz (Foto: Andri Pol)
Die Zahn­rad­bahn quält sich von Gol­dau aus lang­sa­mer den Berg hin­auf als die ge­ra­de auf­ge­hen­de Sonne. Für das Mor­gen­pan­ora­ma in der Bahn, die Schwin­ger und Gäste auf den Fest­platz 1600 Meter über dem Vier­wald­stät­ter See bringt, hat aber kaum je­mand Augen: Sieg­chan­cen und Form­kur­ven der Schwin­ger wer­den dis­ku­tiert. Im­feld lä­chelt und legt die Arme ent­spannt auf seine Sport­ta­sche. »Man weiß ja, wie es läuft«, sagt er. Mit 34 ist er schon lang im Ge­schäft und nicht mehr be­son­ders ner­vös, ob­wohl er schon im ers­ten Gang auf Schwin­ger­kö­nig Ki­li­an Wen­ger tref­fen wird. Im Alter von erst 20 Jah­ren hat der 2010 das Eid­ge­nös­si­sche Schwing- und Älp­ler­fest ge­won­nen. Es ist das größ­te Er­eig­nis für Schwin­ger, bei dem alle drei Jahre die bes­ten zu­sam­men­kom­men. Der Sie­ger dort darf sich auf Le­bens­zeit Schwin­ger­kö­nig nen­nen.
Auf der Rigi fül­len sich die Ränge. Alp­hör­ner bla­sen zum Berg­got­tes­dienst, Kühe bim­meln über die Hänge. Eine Grup­pe Schwin­ger trabt zum Auf­wärm­trai­ning. Ein paar hun­dert Meter ab­seits des Fest­plat­zes blei­ben sie ste­hen: Mus­keln lo­ckern, kurze Sprints, Lie­ge­stüt­ze auf dem kuh­fla­den­ge­säum­ten Kies­weg. Dann wird an­ge­schwun­gen. Auf drei Plät­zen tre­ten die Schwin­ger gleich­zei­tig an. Ziel ist es, den Geg­ner auf den Rü­cken zu legen. Ein Kampf kann ge­won­nen, ver­lo­ren oder ge­stellt wer­den – also un­ent­schie­den enden. Zudem gibt es Ab­zü­ge für pas­si­ves Ver­hal­ten und Ex­tra­punk­te für An­griffs­lus­ti­ge. Sechs Gänge muss jeder Sport­ler im Laufe des Tur­niers ab­sol­vie­ren; wer am Schluss die meis­ten Punk­te hat, ge­winnt.
In den un­te­ren Rei­hen der Tri­bü­ne sit­zen Män­ner mit grau­em Schnauz­bart und ver­schränk­ten Armen. Man hört sie von Kampf­tech­nik und Sai­son­leis­tun­gen der Schwin­ger rau­nen, ohne dass sie dabei eine Miene ver­zie­hen. Wei­ter oben, im Steh­platz­be­reich in der Nähe des Bier­stands, bringt sich der­weil eine Ge­burts­tags­ge­sell­schaft jun­ger Män­ner und Frau­en in Schwung und fragt sich, ob es wohl ver­schie­de­ne Klas­sen gibt oder ein­fach nur der Dicks­te ge­winnt. Wäh­rend sich im Sä­ge­mehl die Schwin­ger mit ver­zerr­tem Ge­sicht in­ein­an­der ver­kei­len, setzt un­ver­mit­telt fröh­li­che Zieh­har­mo­ni­ka­mu­sik ein. Auf der klei­nen Bühne hin­ter den Plät­zen hat das Schwy­zer­ör­ge­li­quar­tett Ri­gi­gru­ess zu spie­len be­gon­nen.
Zu den Länd­ler­klän­gen be­rei­tet sich Im­feld auf sei­nen ers­ten Gang vor. Er steigt in die Zwil­lich­ho­se, streift Ruck­sack und Fleece­ja­cke ab, Mus­keln und Brust­haa­re quel­len aus sei­nem Sen­ner­hemd. Er ballt noch ein­mal die Fäus­te, ein kur­zer Griff ins Sä­ge­mehl, dann steigt er mit dem Schwin­ger­kö­nig in den Ring. Es be­ginnt ein Lau­ern, ein stil­les Ab­war­ten. Im­feld at­ta­ckiert, Im­feld wehrt sich, nach knapp vier Mi­nu­ten liegt er auf dem Rü­cken.


Der Kult um die ei­ge­ne Tra­di­ti­on »schwingt« mit

Braunvieh Deby, ein Hauptgewinn mit eher symbolischem Charakter (Foto: Andri Pol)
Braun­vieh Deby, ein Haupt­ge­winn mit eher sym­bo­li­schem Cha­rak­ter (Foto: Andri Pol)
Eine halbe St­un­de spä­ter hat Deby ihren gro­ßen Auf­tritt. Ein schö­nes Stück Braun­vieh und Haupt­preis des heu­ti­gen Tages. Auf der Rigi ge­älpt, zu­trau­lich, freund­lich, oben­drein träch­tig und mit zwei­ein­halb Jah­ren noch mit reich­lich Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al. »Die kommt erst noch so rich­tig«, sagt Be­sit­zer Bruno Gwer­der. Viel zu scha­de ei­gent­lich zum Her­ge­ben. Die Chan­cen, dass sie auf der Rigi bleibt, ste­hen aber gut. Seit 2006 ist der Haupt­preis ein Rind, Deby wäre das erste, das den Berg ver­lässt. Das Tier hat eher sym­bo­li­schen Cha­rak­ter, die meis­ten Ge­win­ner las­sen sich sei­nen Wert aus­zah­len. Nun ist Deby aber schon ein­mal her­aus­ge­putzt, also darf sie eine Runde über den Fest­platz dre­hen.
David Kor­ner strömt die Be­geis­te­rung aus jeder Pore sei­nes nack­ten Ober­kör­pers bis di­rekt unter den schwar­zen Cow­boy­hut. Jedes Mal, wenn sein Fa­vo­rit etwa 30 Rei­hen wei­ter unten in die Of­fen­si­ve geht, reißt es den 24-Jäh­ri­gen aus sei­nem Cam­ping­stuhl. Der Sport, die Ku­lis­se, das Fest – jeder echte Schwei­zer soll­te das mal er­lebt haben, fin­det er. Auf­ge­regt zeigt er auf das Spek­ta­kel vor sich, als läge dort Be­weis­stück A.
Und tat­säch­lich tut es das ir­gend­wie. Schwin­ger sind bo­den­stän­di­ge, hei­mat­ver­bun­de­ne Ath­le­ten. Ihr Sport steht für Kraft, ist fair – als Zei­chen des Re­spekts streicht der Sie­ger dem Ver­lie­rer das Sä­ge­mehl vom Rü­cken. Sie schätz­ten an ihren Fes­ten, dass sie so fried­lich seien, hört man Sport­ler und Be­su­cher immer wie­der sagen. All das sind Ei­gen­schaf­ten, die sich das ganze Land gern auf die rot-weiße Fahne schreibt. Und gleich­zei­tig »schwingt« der Kult um die ei­ge­ne Tra­di­ti­on mit, das Ei­gen­wil­li­ge, nir­gend­wo so recht da­zu­pas­sen zu wol­len und die Welt au­ßen­rum für eine Weile aus­zu­blen­den: Mit­un­ter passt die Schweiz auf 120 Qua­drat­me­ter Sä­ge­mehl.
Brauch­tums­pfle­ge? Stolz auf die Ein­zig­ar­tig­keit des Schwin­gens? Der Sport und seine Werte als Sinn­bild für die Art der Men­schen in der In­ner­schweiz? Ja, schon, si­cher habe das einen Ein­fluss, sagt Fidel Kenel, seit 2009 als Prä­si­dent des Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees zu­stän­dig für einen rei­bungs­lo­sen Ablauf. Mit Zah­len jon­gliert er spie­lend. Etwa 1300 Pfäh­le hät­ten al­lein für die Sitz­tri­bü­ne in den Boden ge­trie­ben wer­den müs­sen, 200 Leute seien seit einer Woche damit be­schäf­tigt, Ver­pfle­gungs­stän­de und Sitz­plät­ze auf­zu­bau­en, 70 Ku­bik­me­ter Sä­ge­mehl her­an­zu­schaf­fen … 90 Schwin­ger und etwa 5000 Zu­schau­er wür­den er­war­tet, das sei schon was. Fragt man ihn, was ihn an­treibt, wird er ruhig. Dann schaut er aus dem Ver­kaufs­stand, an dem seine Frau das selbst ge­mach­te Eis aus dem ei­ge­nen Land­wirt­schafts­be­trieb ver­kauft, über den noch lee­ren Fest­platz auf die schnee­be­deck­ten Gip­fel der Zen­tral­al­pen und sagt: »Es ist eben ein wun­der­schö­nes Fest, und ich will, dass es funk­tio­niert.« Im Her­zen der Schweiz tra­gen sie die Schweiz im Her­zen, nicht auf der Zunge.


300.000 Zu­schau­er und Ama­teu­re auf Spit­zen­sport­ler-Ni­veau

Drei Sandplätze für eine archaische Art des Ringens (Foto: Andri Pol)
Drei Sand­plät­ze für eine ar­chai­sche Art des Rin­gens (Foto: Andri Pol)
Schwin­gen und die Tra­di­ti­on sind hier so tief ver­wur­zelt wie die Fich­ten auf der Rigi. Die Frage nach dem Warum ist immer die fal­sche, sie stellt sich nicht. Nicht für den Land­wirt, der so viel Zeit in die Fest­or­ga­ni­sa­ti­on steckt, nicht für die Zu­schau­er, die von weit her kom­men, und nicht für Schwin­ger Peter Im­feld, der als Po­lier auf dem Bau ar­bei­tet und trotz­dem bis zu sechs­mal pro Woche trai­niert. Sie alle wach­sen mit dem Schwin­gen auf. Bei den meis­ten war schon der Vater, der äl­te­re Bru­der oder der Onkel Schwin­ger – oder zu­min­dest be­geis­ter­ter Zu­schau­er. Es sei eine Sucht, sagt Im­feld, »ich brau­che das Sä­ge­mehl.« Für Män­ner wie ihn ist Schwin­gen eine Selbst­ver­ständ­lich­keit.
Der Sport boomt. Große Fir­men spon­sern Feste und Sport­ler, immer mehr Zu­schau­er drän­gen zu den Tur­nie­ren. Zum Eid­ge­nös­si­schen Schwing- und Älp­ler­fest kamen 2013 rund 300.000 Men­schen. Nicht we­ni­ge sagen, die Ent­wick­lung liege an Schwin­ger­kö­nig Ki­li­an Wen­ger. Er ist jung, ledig, ein Mo­dell­ath­let. Vor allem aber sind es die Werte, die zie­hen, die alle an­spre­chen: Am Mor­gen ver­tei­len Mäd­chen in Sen­ne­rin­nen­tracht die Teil­neh­mer­lis­te. Für einen Fran­ken. Auch die Zei­tung am Ein­gang kos­tet. Gra­tis gibt es da­ge­gen das Cap eines Spon­sors: »Hei­mat­lie­be«, steht da auf Edel­weiß­grund. Hei­mat­lie­be auf und im Kopf. Schwing­fes­te sind iden­ti­täts­stif­ten­de Groß­er­eig­nis­se. »Als Kind wurde ich be­lä­chelt für mei­nen Bau­ern­sport«, sagt Im­feld. Die­sel­ben Leute seien es jetzt, die wie­der den Ur­sprung such­ten. Schwing­fes­te sind Sport­fes­te, Volks­spek­ta­kel, Brauch­tums­pfle­ge, Ama­teur- und Leis­tungs­sport.

Man fachsimpelt, man kiebitzt, man staunt – und ist einer von Tausenden, die den neuen Nationalsport lieben (Foto: Andri Pol)
Man fach­sim­pelt, man kie­bitzt, man staunt – und ist einer von Tau­sen­den, die den neuen Na­tio­nal­sport lie­ben (Foto: Andri Pol)
Im Hause Im­feld ver­läuft die Gren­ze zwi­schen Tra­di­ti­on und Mo­der­ne auf der Kel­ler­trep­pe. Oben in der Küche dunk­les Holz und helle Flie­sen, auf der Ter­ras­se Rat­tan­mö­bel, im Gar­ten ein Plas­tik­pool und Tipi für die Kin­der. Ein Stock­werk tie­fer sind die Tro­phä­en der Schwing­fes­te auf­ge­reiht: Kuh­glo­cken an Le­der­rie­men, schwe­re Holz­mö­bel aller Art. Und na­tür­lich Im­felds Krän­ze. Die be­kom­men die bes­ten 15 bis 18 Pro­zent eines Tur­niers. Im­feld weiß genau, woher seine Prei­se stam­men, er­in­nert sich an sein ers­tes Schwing­fest, sei­nen ers­ten Kranz. Mitt­ler­wei­le gibt es auch an­de­re Prei­se. »Letz­ten Sonn­tag habe ich ein Velo her­aus­ge­schwun­gen«, sagt Im­feld. Nicht das erste. Die Fahr­rä­der und Skier der Fa­mi­lie kom­men aus den Ga­ben­tem­peln der Schwing­fes­te, eben­so der Gar­ten­tisch, die bei­den Grills und di­ver­ses Haus­halts­in­te­ri­eur. Leben kön­nen die we­nigs­ten Schwin­ger von ihrem Hobby, zu­min­dest die Prei­se ent­schä­di­gen aber für har­tes Trai­ning auf Spit­zen­sport­ler-Ni­veau.


Man lernt Re­spekt und Ver­lie­ren

Wer den Himmel sieht, ohne den Kopf heben zu müssen – der hat verloren … (Foto: Andri Pol)
Wer den Him­mel sieht, ohne den Kopf heben zu müs­sen – der hat ver­lo­ren … (Foto: Andri Pol)
An­ders wol­len es viele auch nicht. Na­tür­lich ge­nös­sen es die Schwin­ger, wenn sie er­kannt wür­den oder im Re­stau­rant schnel­ler einen Platz be­kä­men, sagt Im­feld. Aber die Ent­wick­lung be­dro­he auch den Cha­rak­ter des Sports. »Man muss schau­en, dass das Bo­den­stän­di­ge bleibt. Geld macht vie­les ka­putt«, sagt er. Darum gehe es nicht beim Schwin­gen. »Es ist eine Schu­le fürs Leben. Man lernt Re­spekt. Und das Ver­lie­ren.«
An die­sem Tag lernt er mehr, als ihm lieb ist. Ins­ge­samt zwei ge­won­ne­ne Kämp­fe sind zu wenig für einen Kranz. Den Sieg holt sich der Ber­ner Schwin­ger Chris­ti­an Stucki. So­fort wird er von einer Trau­be Jour­na­lis­ten um­ringt. Deby setzt der­weil einen Fla­den in Ring eins. Für ihren Be­sit­zer nimmt das Fest ein gutes Ende: Stucki wird sein Rind nicht mit­neh­men. Im­feld war­tet höf­lich die Sie­ger­eh­rung ab. Er müsse jetzt die rich­ti­gen Leh­ren zie­hen, sagt er. Er habe hart trai­niert in letz­ter Zeit, aber auch viel ge­ar­bei­tet. Das mache müde. »Es lief nicht be­son­ders, aber Haupt­sa­che, wir sind ge­sund«, sagt Im­feld in der Zahn­rad­bahn einem An­ru­fer ins Te­le­fon. Ver­mut­lich ist es am Ende ein­fach das, worum es geht.