Stil­blü­ten

Aus der Schreib­werk­statt (Peter Rit­ter)

Zum Stan­dard aller Mül­ler-Au­to­ren zäh­len wi­der­spruchs­frei for­mu­lier­te prak­ti­sche Hin­wei­se, die die Ori­en­tie­rung vor Ort zum Kin­der­spiel ma­chen:
»Bus­ver­bin­dung 40 Mi­nu­ten vor dem Flug für 1 DM von Zakynt­hos-Stadt. Wich­tig: Min­des­tens 70 Mi­nu­ten vor dem Ab­flug am klei­nen In­sel­air­port sein!«

Die meis­ten Au­to­ren legen au­ßer­dem Wert dar­auf, den Ur­lau­ber schon vor Rei­se­an­tritt auf die lan­des­ty­pi­schen Sit­ten und Ge­bräu­che im Gast­ge­ber­land ein­zu­stim­men:
»einen Schwips hat der Grie­che gern.«

Man­che bie­ten dar­über hin­aus über­le­bens­not­wen­di­ge Ver­hal­tens­maß­re­geln, die den Rei­sen­den vor un­über­leg­ten Hand­lun­gen im Ziel­ge­biet be­wah­ren:
»im Kriegs­fall raten wir, die Insel zu mei­den.«

Akri­bisch re­cher­chiert sind die Sach­in­for­ma­tio­nen. Dabei über­rascht so man­cher Autor mit De­tail­wis­sen, das selbst den Ken­ner auf­hor­chen lässt:
»Das welt­weit be­gehr­te kalt­ge­preß­te li­gu­ri­sche Oli­ven­öl ist be­son­ders öl­hal­tig.«

Auch bei den Land­schafts­be­schrei­bun­gen, dem Kern­be­reich eines jeden Rei­se­füh­rers, wird auf Prä­zi­si­on al­ler­größ­ter Wert ge­legt:
»Rechts und links des Tales Berge und Hügel.«

Und selbst die zum Teil kom­pli­zier­ten to­po­gra­phi­schen Ge­ge­ben­hei­ten der Ziel­re­gio­nen wer­den fo­to­gra­fisch genau ein­ge­fan­gen:
»Die 19 qm große Insel be­steht noch aus fünf klei­ne­ren In­seln.«

Ein etwas heik­ler Punkt sind die kunst­his­to­ri­schen Ana­ly­sen, denn Mül­ler-Au­to­ren sind in aller Regel eher Rei­se­prak­ti­ker als aus­ge­wie­se­ne Kunst- und Kul­tur­ken­ner. Aber keine Sorge – das Manko wird durch akri­bi­sche Li­te­ra­tur­re­cher­che mehr als nur not­dürf­tig kom­pen­siert:
»Rechts Kö­ni­gin Dona Maria, die von ihrem Pa­tron, Jo­han­nes dem Täu­fer, be­glei­tet wird. Bei der Skulp­tur sol­len die dar­ge­stell­ten Per­so­nen Mo­dell ge­stan­den haben.«

Ein gro­ßes Plus der Mül­ler-Rei­se­füh­rer sind die Na­tur­schil­de­run­gen, die – so die Ver­lags­ma­xi­me – einen sinn­li­chen Ein­druck von den Ge­ge­ben­hei­ten vor Ort ver­mit­teln sol­len; ein ge­wis­ses Re­per­toire an Me­ta­phern und an­de­ren sprach­li­chen Bil­dern zählt des­we­gen zum un­ver­zicht­ba­ren jour­na­lis­ti­schen Rüst­zeug des Mül­ler-Au­tors:
»Wind und Wet­ter blei­ben Ne­ben­buh­ler beim Ge­fecht um die Ober­hand, den An­tago­nis­ten Vul­ka­nis­mus und Ver­glet­sche­rung.«

Und wenn es sich von der Sache her an­bie­tet, war­tet der Mül­ler-Autor auch schon mal mit ge­wag­ten Ver­glei­chen auf:
»Nur als ero­ti­sche Laune der Natur kann der auf nack­tem La­va­fels ge­dei­hen­de Lava-Kak­tus (cac­tus de lava) ver­stan­den wer­den. Er tritt in der Regel in erek­tie­ren­den Grup­pen auf und ist z. B. in der mon­dar­ti­gen Vul­kan­land­schaft von Bar­to­mo­lé zu be­stau­nen.«

Aber es sind nicht nur die Me­ta­phern und die aus­ge­klü­gel­ten Ver­glei­che, die die Texte der Mül­ler-Rei­se­füh­rer zum li­te­ra­ri­schen Er­leb­nis ma­chen; auch mit ein­fachs­ten sprach­li­chen Mit­teln wird bis­wei­len ein gro­ßer Ef­fekt er­zielt:
»Leicht gerät das Auge in ein Ab­schwei­fen vom Weg.«

Ab­so­lut stil­si­cher prä­sen­tiert sich der Mül­ler-Autor, wenn es darum geht, kom­pli­zier­ten Kau­sal­zu­sam­men­hän­gen auf den Grund zu gehen:
»Die Jagd mit Speer und Har­pu­ne ist ver­bo­ten. Der Grund dafür liegt bei den Gr­und­fi­schen, die die Fi­scher mit den Net­zen nicht er­wi­schen. Wenn näm­lich die Gr­und­fi­sche har­pu­niert wer­den, ver­schwin­den auch schnell die an­de­ren Fi­sche.«

Das gilt auch für die Darstel­lung his­to­ri­scher Hin­ter­grund­fak­ten, die – ob­wohl aus Platz­grün­den oft knapp ge­hal­ten – in der Regel keine we­sent­li­chen Fra­gen offen lässt:
»Um Welt­ab­ge­schie­den­heit be­sorgt und um das päpst­li­che Gebot, keine Frau­en si­cher­zu­stel­len, um­mau­er­ten die Mön­che das 150 Hekt­ar große Areal.«

Was die jün­ge­re Zeit­ge­schich­te an­geht, be­gnügt sich der Mül­ler-Autor auch schon mal mit einer la­ko­nisch vor­ge­tra­ge­nen Rand­no­tiz:
»Das letz­te Er­in­ne­rungs­stück an den jüngst ver­stor­be­nen, kräf­ti­gen Pfar­rer ist seine Gr­ab­plat­te.«

Und wenn der Be­schrei­bungs­ge­gen­stand selbst nicht viel her­gibt, schafft es der Mül­ler-Autor immer noch, mit sti­lis­ti­scher Ele­ganz In­ter­es­se zu we­cken:
»Die Pfarr­kir­che des Ortes kann zwar nicht mit Kunst­schät­zen auf­war­ten, aber mit einem be­son­de­ren Ge­schenk der Natur: mit einer sel­ten schö­nen Aus­sicht, die vom Fried­hof ne­ben­an noch viel schö­ner ist.«