Top Ten

Teil 17: Thü­rin­gen

oder »In­dian Sum­mer« made in Ger­ma­ny

Portrait Heidi SchmittNa­tür­lich, Lu­ther! Vor 500 Jah­ren haben seine 95 The­sen gegen den Ablass­han­del die Welt­ge­schich­te ver­än­dert und die Re­for­ma­ti­on an­ge­sto­ßen. Klar, dass der Mann hin­ter die­ser Tat ge­ra­de 2017 die Haupt­fi­gur schlecht­hin ist, allen voran in Thü­rin­gen. Was das viel­leicht un­ter­schätz­te Bun­des­land sonst zu bie­ten hat – dar­un­ter ein deut­scher Ur­wald im Spät­som­mer, gau­men­se­li­ge Klöße, eine Bob­bahn für Ad­re­na­lin-Jun­kies und eine Well­nes­soa­se für schwe­re­lo­sen Ba­de­ge­nuss mit Wal­ge­sän­gen –, stellt Heidi Sch­mitt, Au­to­rin un­se­rer Erst­auf­la­ge »Thü­rin­gen«, span­nend und un­ter­halt­sam vor.


Thü­rin­gen – Heidi Sch­mitts Top Ten

Auf Lu­thers Spu­ren: Von der Wart­burg bis nach Al­ten­burg

Hinter den Mauern der Wartburg bei Eisenach übersetzte Martin Luther das Neue Testament (Foto: Heidi Schmitt)
Hin­ter den Mau­ern der Wart­burg bei Ei­se­nach über­setz­te Mar­tin Lu­ther das Neue Tes­ta­ment (Foto: Heidi Sch­mitt)
Ein Ge­wit­ter in der Nähe von Er­furt ist an allem schuld: Als ihn ein Blitz knapp ver­fehl­te, schwor der junge Er­fur­ter Ju­ra­stu­dent Mar­tin Lu­ther, Mönch zu wer­den. Ein Gra­nit­block mar­kiert heute den le­gen­dä­ren Ort bei Stot­tern­heim. Den Ge­denk­stein muss man nicht un­be­dingt ge­se­hen haben, wohl aber die Stadt Er­furt. Dort im Au­gus­ti­ner­klos­ter er­hielt Lu­ther das Rüst­zeug, das ihn für eine Er­neue­rung der Kir­che ein­tre­ten ließ. Zu sehen sind Lu­thers Klos­ter-Zelle und der Ka­pi­tel­saal, wo seine Auf­nah­me in den Orden ge­fei­ert wurde.
Apro­pos: Thü­rin­gen ist reich an Lu­ther­stät­ten und diese haben sich für das Lu­ther­jahr 2017 zum 500-jäh­ri­gen Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um her­aus­ge­putzt. Im frisch re­no­vier­ten Lu­ther­haus in Ei­se­nach geht man durch Räume, in denen Lu­ther als Kind wohn­te. Die in­ter­ak­ti­ve Aus­stel­lung be­fasst sich mit der Bi­bel­über­set­zung, die Lu­ther mit der Über­tra­gung des Neuen Tes­ta­ments ins Deut­sche auf der Wart­burg in An­griff nahm. Auf die be­rühm­te Burg ließ sein Schutz­herr Kur­fürst Fried­rich der Weise den mit päpst­li­chem Bann und kai­ser­li­cher Reichs­acht be­leg­ten Lu­ther 1521 zum Schein ent­füh­ren. Ein Bild von Lucas Cra­nach d. Ä. in der Lu­ther­stu­be zeigt den Re­for­ma­tor als »Jun­ker Jörg«: Wal­len­des Haupt­haar und Bart hatte sich der Mönch wach­sen las­sen, und er übte sich im Rei­ten und Fech­ten, um sein In­ko­gni­to hieb- und stich­fest zu ma­chen.
Das ro­man­ti­sche Fach­werk­städt­chen Schmal­kal­den rück­te auf die po­li­ti­sche Welt­büh­ne der Re­nais­sance, als sich dort der Schmal­kal­di­sche Bund grün­de­te. Lu­ther ver­öf­fent­lich­te dort seine »Schmal­kal­di­schen Ar­ti­kel«, und er pre­dig­te in der Stadt­kir­che St. Georg. Das Lu­ther­haus in Schmal­kal­den trägt eine Stuck­ta­fel mit dem Schwan, Sinn­bild für Mar­tin Lu­ther, der über die rote Teu­fels­frat­ze siegt.
Lu­ther reis­te da­mals nicht so be­quem wie wir heute. Oft wan­der­te er zu Fuß durchs Thü­rin­ger Land. Der Lu­ther­wan­der­weg mit sei­nen un­zäh­li­gen Ve­räs­te­lun­gen führt ganz ent­schleu­nigt zu den Lu­ther­stät­ten wie Al­ten­burg, wo er sei­nen Weg­be­glei­ter Spa­la­tin be­such­te, nach Gotha, wo Lu­ther sein ers­tes Tes­ta­ment dik­tier­te, oder Jena, wo in den Zeit­wir­ren die ori­gi­na­le Gr­ab­plat­te des Re­for­ma­tors »hän­gen­ge­blie­ben« ist.
Das Bild, das wir von Lu­ther haben, wurde ent­schei­dend ge­prägt von dem Wit­ten­ber­ger Maler Lucas Cra­nach d. Ä. und sei­ner Werk­statt. Des­halb soll­ten Lu­ther-Rei­sen­de auf kei­nen Fall ver­säu­men, sich die hoch­ka­rä­ti­ge Cra­nach-Samm­lung im Wei­ma­rer Stadt­schloss an­zu­schau­en oder einen Mo­ment vor den Cra­nach-Al­tä­ren in der Wei­ma­rer Her­der­kir­che und der Stadt­kir­che in Neu­stadt an der Orla zu ver­wei­len.
In­for­ma­tio­nen gibt es unter an­de­rem unter www.lu­ther­land-thue­rin­gen.de und www.lu­ther­weg.de.


Natur pur: Na­tio­nal­park Hai­nich – einer der letz­ten Ur­wäl­der Deutsch­lands

Auf dem Baumkronenpfad kann man dem Nationalpark Hainich »aufs Dach steigen« (Foto: Heidi Schmitt)
Auf dem Baum­kro­nen­pfad kann man dem Na­tio­nal­park Hai­nich »aufs Dach stei­gen« (Foto: Heidi Sch­mitt)
Das »grüne Herz Deutsch­lands« wird Thü­rin­gen ge­nannt. Und in der Tat ist grün die vor­herr­schen­de Farbe. Einen der letz­ten zu­sam­men­hän­gen­den Bu­chen­ur­wäl­der Deutsch­lands kann man im Na­tio­nal­park Hai­nich ken­nen­ler­nen. Der ur­wüch­si­gen Natur kam der Um­stand zu­gu­te, dass große Be­rei­che des Wal­des jahr­zehn­te­lang mi­li­tä­ri­sches Sperr­ge­biet waren und kaum be­tre­ten wur­den.
Seit 1997 ist der Hai­nich Na­tio­nal­park und seit 2011 UNESCO-Welt­na­tur­er­be. Die Wild­nis ist ein Rück­zugs­raum vom Auss­ter­ben be­droh­ter Tier- und Pflan­zen­ar­ten. Unter an­de­rem konn­te hier die scheue Wild­kat­ze wie­der hei­misch wer­den, aber auch Feu­er­sa­la­man­der, Gelb­bau­chun­ke und Fle­der­mäu­se fin­den ge­eig­ne­te Le­bens­räu­me. In einem na­tur­na­hen Ge­he­ge im Wild­kat­zen­dorf Hüt­sche­ro­da kann man ei­ni­ge die­ser Tiere be­ob­ach­ten. Das lohnt sich be­son­ders bei den von Ran­gern mo­de­rier­ten Schau­füt­te­run­gen. So­bald es etwas zu fres­sen gibt, wer­den die Kat­zen näm­lich putz­mun­ter, schlei­chen sich an und ma­chen me­ter­ho­he Luft­sprün­ge, um ihre Beute zu er­ha­schen.
Eine be­son­de­re At­trak­ti­on im Hai­nich ist der Baum­kro­nen­pfad. Ein Aus­sichts­turm und ein bar­rie­re­frei zu­gäng­li­cher, 530 Meter lan­ger Steg füh­ren die Be­su­cher in luf­ti­ger Höhe an das Öko­sys­tem der Baum­kro­nen heran. Hier kann man dem Ur­wald im wahrs­ten Sinn des Wor­tes »aufs Dach stei­gen«.
Zu­letzt: Herr­li­che Wan­der- und Fahr­rad­we­ge er­schlie­ßen den Hai­nich, der his­to­ri­sche Se­hens­wür­dig­kei­ten wie die min­des­tens 800 Jahre alte Bet­te­lei­che be­her­bergt. Be­son­ders schön ist der Hai­nich zudem im Früh­jahr und Herbst: Im März und April mar­schiert man durch weiße Früh­blü­her­tep­pi­che, ab Sep­tem­ber er­lebt man unter dem gol­de­nen Blät­ter­dach einen »In­dian Sum­mer« made in Thü­rin­gen.


Shows aus Feuer und Musik

Im Thea­ter- und Mu­sik­land Thü­rin­gen zie­hen auch re­gel­mä­ßi­ge Fes­ti­vals ihr Pu­bli­kum an. Ein fas­zi­nie­ren­des Feu­er­schau­spiel fin­det 2017 wie­der in der Drei-Glei­chen-Re­gi­on statt. Drei Land­gra­fen­bur­gen aus dem 8. und 11. Jahr­hun­dert, die auf drei Berg­ke­geln thro­nen, prä­gen die Land­schaft süd­öst­lich von Gotha. Das Fes­ti­val »Drei(n)schlag« er­in­nert an den sa­gen­haf­ten Ein­schlag eines Ku­gel­blit­zes, der im Jahr 1231 die Drei Glei­chen unter Feuer ge­setzt haben soll.
Am Sams­tag, 19. Au­gust 2017, um 19.30 Uhr spielt die Thü­rin­gen Phil­har­mo­nie zum Auf­takt des Fes­ti­vals auf der Bühne des Guts Ring­ho­fen Klas­si­ker der in­ter­na­tio­na­len Film­mu­sik. An­schlie­ßend er­hal­ten die Be­su­cher mit­tel­al­ter­li­ches Ge­leit, um zum Aus­sichts­platz »Brunn­quell« zu ge­lan­gen. Ab etwa 22.15 Uhr star­tet das große, halb­stün­di­ge Bur­gen­feu­er­werk »Drei(n)schlag«, bei dem die Drei Glei­chen in einer py­ro­tech­ni­schen Show er­strah­len.
Ein eben­falls sehr be­lieb­ter Event, dies­mal am Ho­hen­war­testau­see der Saa­le­kas­ka­de, ist die Ver­an­stal­tung »Stau­see in Flam­men«. Be­son­ders schön, aber auch heiß be­gehrt ist es, das mu­si­ka­lisch un­ter­mal­te Feu­er­werks­spek­ta­kel vom Schiff aus zu be­ob­ach­ten. (Ter­min 2017: 22. Juli.)
www.drein­schlag-drei-glei­chen.de, www.fahr­gast­schif­fahrt-ho­hen­war­te.de.


Wan­dern: Un­ter­wegs auf dem Renn­steig

»Stiefeldenkmal« am Rennsteig (Foto: Heidi Schmitt)
»Stie­fel­denk­mal« am Renn­steig (Foto: Heidi Sch­mitt)
Das Renn­stei­glied von Her­bert Roth ist nicht nur unter Wan­der­freun­den ein be­kann­ter Ohr­wurm. Es wurde so po­pu­lär, dass es zu Thü­rin­gens heim­li­cher Hymne avan­cier­te und bei vie­len An­läs­sen ge­sun­gen wird. Was ist also dran am Renn­steig, dem his­to­ri­schen Kamm­weg auf den Höhen von Thü­rin­ger Wald, Thü­rin­ger Schie­fer­ge­bir­ge und Fran­ken­wald?
Nun, etwa 100.000 Wan­de­rer zieht es all­jähr­lich auf die 169,3 km lange Stre­cke. Doch, keine Angst: Trotz sei­ner Be­liebt­heit fin­det man noch Ber­gein­sam­keit und Ruhe, vor allem aber ein­zig­ar­ti­ge Natur. Wer auf der Spur des wei­ßen »R« von Hör­schel bei Ei­se­nach bis Blan­ken­stein an der Saale wan­dert, muss min­des­tens 44 St­un­den reine Geh­zeit ein­pla­nen, die tra­di­tio­nell in sechs Etap­pen ein­ge­teilt wer­den. Da­zwi­schen lie­gen end­lo­se Misch- und Na­del­wäl­der, blü­hen­de Berg­wie­sen, farn­be­stan­de­ne tiefe Schluch­ten und groß­ar­ti­ge Aus­bli­cke. Und sport­li­che Her­aus­for­de­run­gen: Die höchs­ten Er­he­bun­gen, die der Renn­steig über­schrei­tet, sind der Große In­sels­berg (916 m), der Große Beer­berg (983 m) und der Schnee­kopf (978 m). Etwa 4500 zu stei­gen­de Hö­hen­me­ter kom­men da zu­sam­men. Be­son­ders se­hens­wert sind die Dra­chen­schlucht bei Ei­se­nach, der fel­sen­ge­säum­te Berg­see Eberts­wie­se bei Floh-Se­li­gen­thal und der Renn­steig­gar­ten in Ober­hof.
Na­tür­lich muss man den Renn­steig nicht in vol­ler Länge ab­wan­dern, auch auf Ein­zel­ab­schnit­ten spürt man den My­thos. Der Ge­schich­te des 1330 erst­mals er­wähn­ten Amts­bo­ten­we­ges auf der Spur ist man zum Bei­spiel auf dem »Schön­wap­pen­weg« zwi­schen Le­hes­ten (Thü­rin­gen) und St­ein­bach am Wald (Bay­ern). Hier sind die his­to­ri­schen Grenz­stei­ne, die einst die her­zog­li­chen Ter­ri­to­ri­en mar­kier­ten, be­son­ders zahl­reich.
Der Renn­steig bie­tet her­vor­ra­gen­de In­fra­struk­tur mit bes­ter Mar­kie­rung, Schutz­hüt­ten, Gas­tro­no­mie und Über­nach­tungs­mög­lich­kei­ten. Im Volks­mund wird die fas­zi­nie­ren­de Wegstre­cke des­halb »Küm­me­läqua­tor« ge­nannt: nörd­lich davon wird die Thü­rin­ger Brat­wurst näm­lich mit Küm­mel ge­würzt, süd­lich des Renn­steigs ver­wen­det man diese Zutat nicht. Gutes Schuh­werk ist beim Wan­dern über Stock und Stein je­den­falls ge­bo­ten. Und wet­ter­fes­te Be­klei­dung, denn auf dem Mit­tel­ge­birgs­kamm sind Wind, Regen und Nebel sowie kühle Tem­pe­ra­tu­ren keine Sel­ten­heit. Na denn: »Gut Runst!« – wie sich die Wan­de­rer am Renn­steig grü­ßen.
(Drei Wan­de­run­gen auf dem Renn­steig sind im »Klei­nen Wan­der­füh­rer« des Thü­rin­gen-Ban­des von Heidi Sch­mitt zu fin­den.)
www.renn­steig.de, www.thue­rin­ger-wald.com.


Über­nach­ten: Im schwim­men­den »Dorf« an der alten Öl­müh­le

Im schwimmenden Hüttendorf an der Ölmühle Eberstedt wird man sanft in den Schlaf geschaukelt (Foto: Heidi Schmitt)
Im schwim­men­den Hüt­ten­dorf an der Öl­müh­le Eber­stedt wird man sanft in den Schlaf ge­schau­kelt (Foto: Heidi Sch­mitt)
Auf der Suche nach au­ßer­ge­wöhn­li­chen Un­ter­künf­ten bin ich in der his­to­ri­schen Mühle in Eber­stedt bei Bad Sulza ge­lan­det. Die alte Öl­müh­le von 1906 an der Ilm ist nach um­fas­sen­der Sa­nie­rung ein fei­nes, klei­nes Land­ho­tel ge­wor­den, das – ein­ge­bet­tet in ein wun­der­ba­res Na­tur­am­bi­en­te – nicht nur Rad­ler und Wan­de­rer schät­zen. Das Was­ser­rad pro­du­ziert heute Strom, treibt aber auch die Mühle an, in der hoch­wer­ti­ge Spei­se- und Kos­me­tik­öle her­ge­stellt wer­den. Über­nach­ten kann man in lie­be­voll de­ko­rier­ten Zim­mern wie »Mül­lers Ruh« oder »Zwick­müh­le« oder in einer der vier ge­müt­li­chen Fe­ri­en­woh­nun­gen.
Für Grup­pen und Fa­mi­li­en gibt es am Müh­len­teich etwas Be­son­de­res: das schwim­men­de Hüt­ten­dorf. In den sechs mit einem Steg ver­bun­de­nen Häu­schen schläft man in Stock­bet­ten, wäh­rend das Was­ser gluckst und die Hüt­ten sanft schau­keln. Enten ent­bie­ten ihren schnat­tern­den Mor­gen­gruß, bevor man im Sa­ni­tär­ge­bäu­de »an Land« wie­der fes­ten Boden unter die Füße be­kommt. Hier putzt man die Zähne neben den Gäs­ten der eben­falls zu mie­ten­den Schä­fer­wa­gen oder den Wohn­mo­bi­lis­ten, die ne­ben­an auf einer gro­ßen Wiese cam­pie­ren.
Beim um­fang­rei­chen Bü­fett im schö­nen Früh­stücks­raum tref­fen sich Ho­tel­gäs­te und Hüt­ten­dorf­be­woh­ner. Tags­über und abends gibt es in der uri­gen Müh­len­schän­ke le­cke­re Thü­rin­ger Spe­zia­li­tä­ten. Im Bier­gar­ten mit Grill­hüt­te wer­den Brat­würs­te, Rost­brä­tel und Fo­rel­len ge­brut­zelt.
DZ ab 80 € inkl. Früh­stück, Hüt­ten­dorf ab 38 € inkl. Früh­stück, Dorf­stra­ße 28-29, 99518 Eber­stedt, Tel. 036461/87463, www.oel­mu­eh­le-eber­stedt.de.


Essen: Thü­rin­ger Klöße – am bes­ten hand­ge­macht

Handgemacht ein Traum – Thüringer Klöße (Foto: Heidi Schmitt)
Hand­ge­macht ein Traum – Thü­rin­ger Klöße (Foto: Heidi Sch­mitt)
Sie sind rund, damp­fen vor Glück und haben ge­rös­te­te Sem­mel­bröck­chen dort, wo an­de­re das Herz haben. An Thü­rin­ger Klö­ßen kommt in Thü­rin­gen kei­ner vor­bei, und das ist auch gut so!
Ob­wohl ich ja aus Co­burg komme (das 1919 aus dem Her­zog­tum Co­burg-Sach­sen-Gotha nach Bay­ern wech­sel­te), bin ich mit Thü­rin­ger Klö­ßen auf­ge­wach­sen. Das hieß: Sonn­tag war Kloß­tag; das for­der­te die Mit­ar­beit der gan­zen Fa­mi­lie. Kar­tof­feln rei­ben, das Was­ser aus dem rohen Mus pres­sen und dann mit hei­ßem Kar­tof­fel­brei über­brü­hen (Ver­hält­nis 2 zu 1), schließ­lich die Fin­ger ver­bren­nen beim Klöße-For­men und heiß­hung­rig zu­schau­en, wie die Klöße in leise kö­cheln­dem Was­ser zie­hen.
Auch in Thü­rin­gen schwim­men sonn­tags Le­gio­nen der Kar­tof­fel-Rund­lin­ge in den Töp­fen, ge­treu dem hier ge­präg­ten Sprich­wort: »Ein Sonn­tag ohne Klöße ver­lö­re sehr an sei­ner Größe«. Dank vor­ge­fer­tig­tem Kloß­teig unter an­de­rem aus der Kloß­welt in Hei­chel­heim gibt’s heute tag­täg­lich in ei­gent­lich jeder Gast­stät­te die ku­ge­li­gen Bei­la­gen. Es liegt mir fern, das zu kri­ti­sie­ren, denn Kloß› mit Soß‹ oder mit Rou­la­den und Bra­ten schmeckt ein­fach immer.
Be­son­ders löb­lich und ge­schmack­lich eine Of­fen­ba­rung sind aber die ganz tra­di­tio­nell her­ge­stell­ten Klöße, wie sie zum Bei­spiel im Gast­haus Ro­del­klau­se in Il­men­au auf den Tisch kom­men. Sie sind so zart, dass sie sich ohne Pro­ble­me bei der Fahrt auf der neben dem Re­stau­rant ge­le­ge­nen Ganz­jah­res-Ro­del­bahn mit in die Kurve legen wür­den – wenn man denn nach dem Mit­tags­mahl noch auf das Ro­del­ge­rät passt.
Gast­haus Ro­del­klau­se: Mi-So ab 11 Uhr, St­ein­str. 61, Tel. 03677/884057, www.ro­del­klau­se.de.
Frei­zeit- und Renn­schlit­ten­bahn, Di-Do 9-12.30 Uhr und 14-17 Uhr, Fr 9-12.30 Uhr, Sa/So 14-17 Uhr, St­ein­str. 61, 1 € pro Fahrt, www.il­men­au.de.


Ein­kau­fen: Kunst und feine Le­cke­rei­en auf der Er­fur­ter Krä­mer­brü­cke

Einkaufen und Genießen auf der mittelalterlichen Krämerbrücke in Erfurt (Foto: Heidi Schmitt)
Ein­kau­fen und Ge­nie­ßen auf der mit­tel­al­ter­li­chen Krä­mer­brü­cke in Er­furt (Foto: Heidi Sch­mitt)
Was Flo­renz sein Ponte Vec­chio ist Er­furt seine Krä­mer­brü­cke. Seit dem Mit­tel­al­ter spannt sich die Krä­mer­brü­cke über den Breit­strom, einen Sei­ten­arm der Gera. Die Händ­ler nutz­ten den regen Han­dels­ver­kehr auf der Via Regia und bau­ten ihre Häu­ser di­rekt auf die Brü­cke. Heute schie­ben sich die Tou­ris­ten­strö­me über die wie eine schma­le Gasse wir­ken­de Brü­cke zwi­schen Be­ne­diktsplatz und We­nig­markt. Nicht sel­ten liegt ein wenig Stra­ßen­mu­sik in der Luft.
Wer das Ge­tüm­mel nicht scheut, kann sich auf feine Le­cke­rei­en und hüb­sches Kunst­hand­werk freu­en. Lau­scha­er Glas kann man eben­so er­ste­hen wie hand­ge­fer­tig­te Gold­schmie­de­ar­bei­ten und Pro­duk­te für Links­hän­der. Die Buch­hand­lung Tin­ten­herz bie­tet ein brei­tes Sor­ti­ment an Kin­der­bü­chern, wäh­rend Hob­by­künst­ler bei Apis Co­lo­ri das be­rühm­te Er­fur­ter Blau, den Na­tur­farb­stoff aus der Waid­pflan­ze, sowie an­de­re Pig­men­te fin­den. Bunt geht es zu in den ver­spiel­ten Bil­dern der Künst­le­rin Beate Kis­ter, deren Ate­lier Klein­for­mat ein se­hens­wer­ter Winz­ling ist. Er­fur­ter Spe­zia­li­tä­ten von Senf bis Kräu­ter­li­kör bie­tet der Thü­rin­ger Spe­zia­li­tä­ten­markt.
Wer das leb­haf­te Trei­ben ge­nüss­lich be­ob­ach­ten will, er­obert sich einen der be­gehr­ten Au­ßen­plät­ze im Bis­tro Mund­lan­dung. Wer ein­fach nur eine klei­ne Er­fri­schung braucht, dem sei ein Eis beim Cho­co­la­tier Gold­helm emp­foh­len. Und für zu­hau­se fin­det sich in der gut sor­tier­ten Wein­hand­lung L’Es­car­got noch ein fei­nes Tröpf­chen aus den Saale-Un­st­rut-An­bau­ge­bie­ten.
Last, not least lockt das Krä­mer­brü­cken­fest, ein wim­me­li­ges Mit­tel­al­ter-Spek­ta­kel, im Juni tau­sen­de Be­su­cher an.


Pures Ad­re­na­lin: Durch die Eis­röh­re in Ober­hof

Vergnügen für Mutige – im Sommerbob durch die Bobbahn in Oberhof (Foto: Oberhof Sportstätten GmbH)
Ver­gnü­gen für Mu­ti­ge – im Som­mer­bob durch die Bob­bahn in Ober­hof (Foto: Ober­hof Sport­stät­ten GmbH)
Von wegen be­schau­lich! Thü­rin­gen hat auch für Ad­re­na­lin-Jun­kies Atem­be­rau­ben­des zu bie­ten. In Ober­hof im Thü­rin­ger Wald trai­niert und figh­tet nicht nur die Wel­teli­te des Win­ter­sports, hier dür­fen auch Gäste an ihre Gren­zen gehen.
In der win­ter­li­chen Eis­zeit kann man sich im Schlauch­boot in 14 Kur­ven der Renn­schlit­ten- und Bob­bahn stür­zen und dabei Flieh­kräf­te von 1 bis 2 G er­le­ben. Beim »Bob­fah­ren mit Welt­meis­tern« kann es schon mal sein, dass Welt­meis­ter Ma­xi­mi­li­an Arndt oder ein an­de­rer Top-Ath­let den Vie­rer­bob steu­ert. Auch der Som­mer­bob mit Rä­dern bie­tet Ner­ven­kit­zel pur. Bis zu 75 km/h und ein Ge­fäl­le von ma­xi­mal 9,2 Pro­zent sind nichts für Weich­ei­er.
Alle Ter­mi­ne und Vor­an­mel­dung unter: www.bob-ice­raf­ting.de.


Ein biss­chen DDR: Kal­ter Krieg, Ost­al­gie und Plat­ten­bau

»Little Berlin« – Mauer und Sperranlagen teilten das Dorf Mödlareuth in zwei Hälften (Foto: Heidi Schmitt)
»Litt­le Ber­lin« – Mauer und Sperr­an­la­gen teil­ten das Dorf Möd­la­re­uth in zwei Hälf­ten (Foto: Heidi Sch­mitt)
Mehr als ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung er­in­nert im mo­der­nen Thü­rin­gen nicht mehr allzu viel daran, dass das Land ein­mal zur DDR ge­hör­te. Rie­si­ge Plat­ten­bau­sied­lun­gen wie in Jena-Lo­be­da, man­che In­dus­trie­bra­che auf dem fla­chen Land oder still­ge­leg­te und mo­no­to­ne Land­wirt­schafts­flä­chen sind übrig ge­blie­ben. Wer die Zeit nicht selbst mit­er­lebt hat, muss schon die Ge­denk­stät­ten be­su­chen, um sich die Dras­tik der Tei­lung wie­der ins Be­wusst­sein zu rufen.
In Möd­la­re­uth sind die Be­ton­mau­er und die Sperr­an­la­gen heute ein deutsch-deut­sches Mu­se­um. So wird an­schau­lich, wie bru­tal das Dorf mit dem Spitz­na­men »Litt­le Ber­lin« ge­teilt wurde und die Staats­macht ganze Fa­mi­li­en aus­ein­an­der­riss. In der Ge­denk­stät­te »Point Alpha« bei Geisa be­kommt man noch heute Gän­se­haut, wenn man ver­steht, wie hoch das Ri­si­ko des hei­ßen Krie­ges hier am so­ge­nann­ten »Fulda Gap« eine Zeit lang ge­we­sen ist. An der Gren­ze zwi­schen Thü­rin­gen und Hes­sen lagen sich US-ame­ri­ka­ni­sche GIs und DDR-Grenz­sol­da­ten Aug' in Auge ge­gen­über. Wo einst Schieß­be­fehl herrsch­te und sogar Split­ter­mi­nen und Selbst­schuss­an­la­gen die »Re­pu­blik­flucht« der DDR-Bür­ger ver­hin­dern soll­ten, kann man heute auf dem »Grü­nen Band« spa­zie­ren gehen.
Bei all dem Leid, das die DDR-Dik­ta­tur über die Be­völ­ke­rung ge­bracht hat, darf trotz­dem auch ein biss­chen Ost­al­gie ihren Raum haben. In Apol­da zeigt die »Mu­se­ums­ba­ra­cke Olle DDR« Er­in­ne­rungs­stü­cke aus dem DDR-All­tag wie Sand­männ­chen und Tr­ab­bi, Hone­cker-Por­trait und Wim­pel. Eine Stipp­vi­si­te in die Ver­gan­gen­heit zum Schmun­zeln und Nach­den­ken.
www.mo­ed­la­re­uth.de, www.poin­tal­pha.com, www.olle-ddr.de.


Well­ness: Schwe­ben ler­nen mit Wal­ge­sän­gen im Ohr

Spektakulärer Dreiklang aus Wasser, Licht und Musik beim Liquid-Sound-Festival in der Toskana Therme Bad (Foto: Ortwin Klipp)
Spek­ta­ku­lä­rer Drei­klang aus Was­ser, Licht und Musik beim Li­quid-Sound-Fes­ti­val in der Tos­ka­na Ther­me Bad Sulza (Foto: Ort­win Klipp)
Rei­sen­de auf dem Well­ness-Trip fin­den in Thü­rin­gen zahl­rei­che schö­ne (Ther­mal-)Bäder, wo man gerne die Seele bau­meln lässt und sich auf heiße und eis­kal­te Über­ra­schun­gen freu­en darf.
Fern­weh wird in der mal­lor­qui­ni­schen Sauna der Ave­ni­da-Ther­me Ho­hen­fel­den ent­spannt be­kämpft. In Bad Klos­ter­laus­nitz regen far­big il­lu­mi­nier­te Na­tron-Be­cken den Stoff­wech­sel an, wobei Ba­de­tex­ti­li­en oh­ne­hin meist in der Ta­sche blei­ben kön­nen, denn hier wird im Re­gel­fall hül­len­los ge­ba­det. In der Frie­de­ri­ken-Ther­me Bad Lan­gen­sal­za lässt der Auf­ent­halt in der Käl­te­kam­mer bei minus 110 Grad Cel­si­us (!) Schmer­zen ver­ges­sen; ein Ver­gnü­gen, das frei­lich nur 2 bis 3 Mi­nu­ten dau­ern soll­te …
Was mich wirk­lich be­ein­druckt hat, war der Be­such der Tos­ka­na Ther­me in Bad Sulza. Unter den Kup­pel­dä­chern wird Baden zum Er­leb­nis, bei Dun­kel­heit ent­fal­tet sich ihr be­son­de­rer Charme. Farbe, Licht und Klang sor­gen für sinn­li­chen Ba­de­ge­nuss. Im run­den Pool des »Li­quid Sound Tem­pels« kön­nen die Gäste bei klas­si­scher Musik schwe­ben ler­nen und er­fah­ren, wie sich Wal­ge­sän­ge unter Was­ser an­hö­ren. Oder man bleibt beim »Li­quid-Sound-Fes­ti­val« (nächs­ter Ter­min: 3. und 4. No­vem­ber 2017) die ganze Nacht in der Ther­me, bis die Fin­ger runz­lig wer­den. Dafür er­lebt man schwe­re­los vom Was­ser aus eine Ins­ze­nie­rung aus elek­tro­ni­scher Musik und Feuer.
www.tos­ka­na­world.net, li­quid­sound.com