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Teil 31: Oscar Wilde

oder Die Liebe in Zei­ten des Vik­to­ria­nis­mus.

Glück­lich, Dandy und auch noch er­folg­reich zu sein, war zu viel für die vik­to­ria­ni­sche Ge­sell­schaft – zu­min­dest dann, wenn ein Ein­zel­ner diese Ei­gen­schaf­ten auf sich ver­ei­nig­te: Oscar Wilde. Sei­nem ko­me­ten­haf­ten Auf­stieg folg­te ein jäher Ab­sturz. Woran das lag? An Wil­des Ho­mo­se­xua­li­tät (der er ver­steckt-offen nach­ging), aber si­cher auch an Nei­dern, denn neben Skan­da­len hatte der Ver­fas­ser ent­lar­ven­der Sinn­sprü­che ein auf­fal­len­des Ta­lent für so­zi­al­kri­ti­sche Thea­ter­stü­cke. Ralph-Ray­mond Braun, Autor der 4. Auf­la­ge 2017 von »Du­blin MM-City«, ist dem Wir­ken und Leben von Oscar Wilde nach­ge­gan­gen.


Portrait Ralph-Raymond Braun»Nur eins ist schlim­mer, als in aller Munde zu sein: nicht in aller Munde zu sein« (»There is only one thing in the world worse than being tal­ked about, and that is not being tal­ked about«), lässt der junge Oscar Wilde den dan­dy­haf­ten Lord Henry in »Das Bild­nis des Do­ri­an Gray« (1891) an­mer­ken. Dass das eine aber zum an­de­ren füh­ren, näm­lich ein zu sehr strah­len­der Held ganz schnell zur ge­äch­te­ten Un­per­son wer­den kann, soll­te sich an Wil­des ei­ge­ner Le­bens­ge­schich­te zei­gen.
Oscar Fin­gal O’Fla­her­ty Wilde wurde am 16. Ok­to­ber 1854 in Du­blin als Sohn eines wohl­ha­ben­den Augen- und Oh­ren­chir­ur­gen und einer Über­set­ze­rin und Ly­ri­ke­rin ge­bo­ren. Seine glän­zen­de Kar­rie­re (Stu­di­um am Trini­ty Col­le­ge, Sti­pen­di­um in Ox­ford), sein Ruhm als Autor ge­sell­schafts­kri­ti­scher Ko­mö­di­en, sein wort­ge­wand­tes Auf­tre­ten, sein mo­di­sches Out­fit und ein ste­ter Hauch von Skan­dal mach­ten Oscar Wilde zu einem be­lieb­ten Gast auf den Par­tys und Emp­fän­gen der fei­nen Ge­sell­schaft.


Der alte Zorn über den jun­gen Le­bens­wan­del

In der Pose des Dandys – der Schriftsteller und Genussmensch Oscar Wilde (Foto: Ralph-Raymond Braun)
In der Pose des Dan­dys – der Schrift­stel­ler und Ge­nuss­mensch Oscar Wilde (Foto: Ralph-Ray­mond Braun)
Seine se­xu­el­len Vor­lie­ben wur­den dem En­fant ter­ri­ble schließ­lich zum Ver­häng­nis. Bald nach der Hei­rat mit Con­stan­ce Lloyd (1884) ging der Vater von zwei Kin­dern auch ho­mo­se­xu­el­le Part­ner­schaf­ten ein, dar­un­ter lang­jäh­ri­ge Ver­hält­nis­se mit sei­nem Lek­tor Ro­bert Ross und mit dem jun­gen Lord Al­fred Dou­glas, Sohn des Mar­quis von Queens­ber­ry. Der Zorn des alten Queens­ber­ry über den Le­bens­wan­del sei­nes Spröss­lings rich­te­te sich bald auch gegen Wilde, den er als Ver­füh­rer sah und öf­fent­lich bloß­stell­te.
Wilde wehr­te sich mit einer Ver­leum­dungs­kla­ge gegen Queens­ber­ry – und ver­lor den Pro­zess. Der Mar­quis und sein An­walt Ed­ward Car­son, Stu­di­en­kol­le­ge von Wilde und spä­te­rer Pre­mier­mi­nis­ter von Nord­ir­land, konn­ten Wil­des ho­mo­se­xu­el­le Be­zie­hun­gen be­wei­sen. Der Dich­ter wurde in einem fol­gen­den Straf­ver­fah­ren zu zwei Jah­ren Zucht­haus mit schwe­rer kör­per­li­cher Ar­beit ver­ur­teilt.


Armut und Iso­la­ti­on

Über der Haft zer­brach Oscar Wilde kör­per­lich wie see­lisch. Seine vor der ge­sell­schaft­li­chen Äch­tung nach Mit­tel­eu­ro­pa ge­flo­he­ne Frau war in­zwi­schen ver­stor­ben, das Ver­hält­nis mit Al­fred Dou­glas ge­schei­tert. Wilde begab sich unter fal­schem Namen nach Paris, wo er am 30. No­vem­ber 1900 in Armut und Iso­la­ti­on starb – auf dem To­ten­bett kon­ver­tier­te er noch zum Ka­tho­li­zis­mus. »Nichts macht so alt wie das Glück« (»Not­hing ages like hap­pi­ness«), heißt es bei Wilde. Er wurde nur 46 Jahre alt.