Wuss­ten Sie, dass …?

Teil 21: Was lange währt, fährt end­lich gut.

Das späte Happy Ende der War­schau­er Metro.

Fünf An­läu­fe brauch­te es, damit es sie end­lich gab: eine Un­ter­grund­bahn durch War­schau. Dabei lesen sich die vie­len Bau­ab­brü­che wie eine kurz ge­fass­te Ge­schich­te Po­lens. Denn War­schau war von Russ­land und Na­zi­deutsch­land be­setzt, doch auch die Welt­wirt­schafts­kri­se, die Nach­kriegs­zeit und die Kos­ten­ex­plo­si­on in den 1980ern mach­te das lange War­ten bei­na­he zu einem Be­ckett­schen. Un­se­re War­schau-Au­to­ren Jan Szur­mant und Mag­da­le­na Nied­ziels­ka haben sich durch die Ge­schich­te der Un­ter­grund­bahn ge­wühlt.


Portrait Magdalena NiedzielskaPortrait Jan SzurmantDie Ge­schich­te der War­schau­er Metro ist eine Ge­schich­te des War­tens und der Ge­duld. Warum es mit der Fer­tig­stel­lung so lange dau­er­te, er­klärt sich durch die po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Wir­ren der pol­ni­schen Haupt­stadt. Wäh­rend um 1900 in vie­len eu­ro­päi­schen und ame­ri­ka­ni­schen Me­tro­po­len mit dem Bau einer U-Bahn be­gon­nen wurde, stand War­schau unter rus­si­scher Be­sat­zung. Erst nach dem Ers­ten Welt­krieg be­gan­nen kon­kre­te Pla­nun­gen, die ers­ten Ar­bei­ten im Jahr 1925. Doch die Welt­wirt­schafts­kri­se ver­hin­der­te einen um­fas­sen­den Bau­be­ginn. Recht weit fort­ge­schrit­ten waren dann die vom Stadt­prä­si­den­ten Ste­fan St­ar­zyński for­cier­ten Ent­wür­fe: Sie gal­ten für die Zeit ab 1939. Im Sep­tem­ber wurde Polen aber von Hit­ler­deutsch­land be­setzt, was den so­for­ti­gen Baustopp be­deu­te­te.


Wo die Träu­me in den Un­ter­grund wuch­sen

Lange mussten die Warschauer warten, bis sie so schnell und bequem wie andere europäische Hauptstädter durchs Zentrum fahren konnten
Lange muss­ten die War­schau­er war­ten, bis sie so schnell und be­quem wie an­de­re eu­ro­päi­sche Haupt­städ­ter durchs Zen­trum fah­ren konn­ten
Trotz Auf­bruch­stim­mung nach Kriegs­en­de und be­gin­nen­der Tun­nel­ar­bei­ten er­hielt War­schau an­ders als an­de­re Haupt­städ­te des Ost­blocks auch in den 50er Jah­ren keine Metro. Zum einen wurde ein Groß­teil der Ar­beits­kräf­te und Geld­mit­tel für den Wie­der­auf­bau ein­ge­setzt, zum an­de­ren plan­te man in der So­wjet­uni­on in über­zo­ge­nen und des­halb nicht ver­wirk­lich­ten Di­men­sio­nen. So wurde nicht nur eine ähn­lich lu­xu­riö­se U-Bahn wie in Mos­kau an­ge­strebt – als Ima­ge­maß­nah­me gegen an­ti­kom­mu­nis­ti­sche Ten­den­zen in Polen –, son­dern auch ein mi­li­tä­risch nutz­ba­rer Bau: Die Un­ter­tun­ne­lung War­schaus in einer Tiefe von 46 Me­tern soll­te gleich­zei­tig dem un­be­merk­ten Trup­pen­trans­port der Roten Armee unter der Weich­sel hin­durch die­nen! Wie weit die rie­si­gen Röh­ren in Rich­tung des ka­pi­ta­lis­ti­schen Wes­tens füh­ren soll­ten, ist unter His­to­ri­kern um­strit­ten. Ei­ni­ge be­haup­ten, dass War­schau und Ber­lin durch einen Tun­nel ver­bun­den wer­den soll­ten. Un­vor­stell­bar bei den heu­ti­gen Kos­ten für einen Tun­nel­bau … Schon die da­ma­li­gen Auf­wen­dun­gen ver­hin­der­ten die Metro in den 80er Jah­ren zum fünf­ten Mal.


Von 1995 bis 2018 – der Bau be­ginnt doch noch

Der U-Bahnhof Plac Wilsona wurde auf der Metrorail 2008 als schönste Station der Welt ausgezeichnet
Der U-Bahn­hof Plac Wil­so­na wurde auf der Me­trorail 2008 als schöns­te Sta­ti­on der Welt aus­ge­zeich­net
1995 wurde dann doch noch die erste Linie in Be­trieb ge­nom­men, die Stre­cke suk­zes­si­ve ver­län­gert. Blau ge­kenn­zeich­net, führt sie vom Nor­den in den Süden der Stadt. Na end­lich, was lange währt, fährt end­lich gut, sag­ten sich die War­schau­er.
Rund 20 Jahre spä­ter muss man sich für ein zwei­tes »Na end­lich!« noch ge­dul­den. Die rote Linie von Mory im Wes­ten bis Bród­no, Kozia Górka oder Go­claw auf der rech­ten Weich­sel­sei­te soll in Etap­pen bis 2018 fer­tig­ge­stellt sein.
Das erste Teil­stück war für Ende 2014 pro­jek­tiert. Vor den Kom­mu­nal­wah­len im Herbst gab es be­reits fei­er­li­che Er­öff­nungs­ze­re­mo­ni­en, um die Wäh­ler mit der ge­lun­ge­nen In­fra­struk­tur­po­li­tik zu be­ein­dru­cken. Nach­dem die Bür­ger ihr Kreuz­chen an der rich­ti­gen Stel­le ge­macht hat­ten, konn­te man sich dann wie­der rich­tig Zeit las­sen. Mit einer pünkt­li­chen Er­öff­nung wurde es so­wie­so nichts, da die ers­ten Züge schon zur EM 2012 die Fuß­ball­fans trans­por­tie­ren soll­ten …
Einen Er­folg konn­ten die Ar­chi­tek­ten und In­ge­nieu­re dafür vor ein paar Jah­ren ver­bu­chen: Auf der Me­trorail 2008 wurde der U-Bahn­hof Plac Wil­so­na als schöns­te Sta­ti­on der Welt aus­ge­zeich­net.