Lesezeit: 1 minReportage

Gaudís Erbe
140 Jahre Sagrada Família

Die Sagrada Família in Barcelona ist wahrscheinlich eine der beeindruckendsten Kirchen überhaupt. Und das, obwohl sie noch nicht einmal fertig ist. An der Basilika wird seit 1882 gebaut, ihr Schöpfer, Antoni Gaudí, erlebte gerade noch die Errichtung der ersten Fassade, aber nicht mehr deren Fertigstellung. Zum hundertsten Todestag von Gaudí im Juni 2026 soll nun der alles überragende Christusturm eingeweiht werden, ein Meilenstein in der langen Baugeschichte. Nicole Biarnés, die unsere Reiseführer zu Katalonien und Barcelona aktualisiert hat, hat sich die ewige und nicht unumstrittene Baustelle genauer angesehen.

Portrait Nicole Biarnes
Reisebloggerin und Buchautorin Nicole Biarnés

Mitten auf der Straße bleiben die Menschen stehen und legen ihren Kopf in den Nacken. Ehrfürchtig blicken sie nach oben, wo ein Kranfahrer millimetergenau arbeitet. Einsam, fast auf Augenhöhe mit der Turmspitze, befindet sich Barcelonas höchster Arbeitsplatz. Gute 20 Minuten dauert der Aufstieg zur Kabine.

La Torre de Jesucrist kurz vor der Vollendung – Foto: Nicole Biarnés
La Torre de Jesucrist kurz vor der Vollendung – Foto: Nicole Biarnés

2026, wenn sich Gaudís Todestag zum 100. Mal jährt, ist es endlich so weit. Der Hauptturm der längst zum Wahrzeichen Barcelonas gewordenen Kirche wird fertiggestellt. Die ursprünglich angestrebte Vollendung des Bauwerks zum Todestag des Architekten ist zwar in weite Ferne gerückt, doch für den 10. Juni 2026 sind zahlreiche festliche Aktivitäten geplant. Der Höhepunkt der Feierlichkeiten wird die offizielle Einweihung des Christusturms sein, der von einem gigantischen Kreuz mit vier Armen gekrönt wird und den Besuchern einen unglaublichen Blick auf die Stadt ermöglichen soll. 17 Meter, so hoch wie ein mehrstöckiges Wohnhaus, soll das Kreuz auf der Spitze des Turms in den Himmel ragen. Jeder der vier begehbaren Arme wird mit 13,5 Metern Breite ausreichend Platz für 10 Personen bieten, die dort gleichzeitig die Aussicht genießen können.

Hinter dem Turm des Evangelisten Matthäus wächst der Christusturm – Foto: Nicole Biarnés
Hinter dem Turm des Evangelisten Matthäus wächst der Christusturm – Foto: Nicole Biarnés

Mit der Fertigstellung der Torre de Jesucristo löst die Sagrada Família bereits vor ihrer Vollendung das Ulmer Münster als höchster Kirchturm der Welt ab. Auf genau 172,5 Meter legte Antoni Gaudí die Höhe der Sagrada Família fest. Genau einen halben Meter weniger als der 173 Meter über dem Meeresspiegel liegende Montjuïc, der Hausberg Barcelonas. Als gläubiger Katholik und Bewunderer der Natur war es Gaudí wichtig, dass sein Werk nicht den höchsten von Gott geschaffenen Punkt Barcelonas überragen würde.

Ein leuchtender Stern krönt den Marienturm – Foto: Nicole Biarnés
Ein leuchtender Stern krönt den Marienturm – Foto: Nicole Biarnés

Egal ob man zum allerersten oder bereits zum wiederholten Mal vor der Sagrada Família steht, der Anblick des außergewöhnlichen Baus lässt niemanden unberührt. Der Blick nach oben, die unendlich vielen Details, die es an den Fassaden zu entdecken gibt, und die Einzigartigkeit dieser Kirche bewirken immer wieder, dass man innehalten, diese ausgeklügelte Architektur bewundern und staunen muss. Im Laufe ihrer langen Baugeschichte war die Vollendung der Sagrada Família mehrfach umstritten. Sogar das endgültige Aus der ewigen Baustelle stand einmal kurz bevor. Stimmen wurden laut, die das Bauwerk überflüssig und nicht mehr zeitgemäß fanden. Doch die Sagrada Família trotzte allen Kritikern und setzte sich durch. Heute ist Barcelona ohne sie nicht mehr vorstellbar.

Heilige drei Könige an der Geburtsfassade der Sagrada Família – Foto: Nicole Biarnés
Heilige drei Könige an der Geburtsfassade der Sagrada Família – Foto: Nicole Biarnés

Die noch von Gaudí selbst mit organischen Formen und pflanzlichen Ornamenten verzierte Geburtsfassade verzaubert nach wie vor die Besucher aus aller Welt. Die Darstellungen der Heiligen Familie, zahlreiche Schmetterlinge, Schildkröten und andere kleine Tiere sowie der weihnachtsbaumähnliche „Baum des Lebens“ oberhalb des Eingangsportals symbolisieren Hoffnung und Liebe. Die nach Westen zeigende Passionsfassade hingegen sollte, so Gaudí, Jesu Leid und Schmerz auf dem Kreuzweg ausdrücken. Hier wollte der Architekt keine Harmonie, sondern Brüche und fast schon brutale Härte. Die strengen Linien und kantig gehaltenen Figuren des katalanischen Bildhauers Josep Maria Subirachs spiegeln genau diese von Gaudí intendierten Emotionen, stehen für Kummer, die schwere Bürde und innere Leere.

Skulptur der Passionsfassade des katalanischen Bildhauers Subirachs – Foto: Nicole Biarnés
Skulptur der Passionsfassade des katalanischen Bildhauers Subirachs – Foto: Nicole Biarnés

Auch nach der Vollendung des Christusturms werden Staub und Lärm der Bauarbeiten das Viertel rund um die Basilika noch mehrere Jahrzehnte begleiten. Denn noch fehlt die Glorienfassade, der prachtvolle Haupteingang, den Antoni Gaudí mit einer majestätischen Freitreppe plante. An den Seiten soll die „Escalatina“ von zwei den Elementen Wasser und Feuer gewidmeten Bauwerken flankiert werden. Da sich die Kirche – und somit auch das Portal der fehlenden Fassade – auf einem Podest in vier Metern Höhe befindet, wäre der Haupteingang ohne die geplanten Stufen gar nicht zu erreichen.

Passionsfassade der Sagrada Família – Foto: Nicole Biarnés
Passionsfassade der Sagrada Família – Foto: Nicole Biarnés

Die derzeit größte Herausforderung für die Architekten heute ist neben der Erfüllung moderner Brandschutzpläne, an die zu Zeiten Gaudís niemand dachte, vor allem die Tatsache, dass an der Stelle, an der die Treppe entstehen soll, ein Wohnblock errichtet wurde. Um Platz für den prachtvollen Zugang zur Glorienfassade zu schaffen, müssen mehrere Gebäude abgerissen werden. Laut Gaudís Plänen soll der Autoverkehr, der heute noch auf dem Carrer Mallorca die ewige Baustelle passiert, eines Tages unter einer Brücke hindurch an der Sagrada Família vorbeigeleitet werden.

Blick auf den Christusturm, kurz vor der Vollendung – Foto: Nicole Biarnés
Blick auf den Christusturm, kurz vor der Vollendung – Foto: Nicole Biarnés

Bis die mächtigen Kräne abgebaut werden können, wird es noch ein paar Jahre dauern. Doch eines lehrt uns die Sagrada Família schon jetzt: Geduld.

Bauteil für das Kreuz auf dem Christusturm – Foto: © Fundació Junta Constructora del Temple Expiatori de la Sagrada Família
Bauteil für das Kreuz auf dem Christusturm – Foto: © Fundació Junta Constructora del Temple Expiatori de la Sagrada Família

Zur Autorin:
Nicole Biarnés lebt seit 2000 in der Nähe von Barcelona, seit 2013 arbeitet sie als Reisebloggerin und Reisebuchautorin. Sie schreibt für verschiedene Websites, Reiseblogs und Verlage über die einzelnen Regionen und weniger bekannten Ecken der Iberischen Halbinsel. Darüber hinaus recherchiert und plant sie für Fernsehproduktionen und Reiseanbieter vor Ort. 
Für den Michael Müller Verlag hat sie folgende Bücher aktualisiert: Barcelona MM-City, Costa Brava und Katalonien. Ihr neuer Reiseführer Valencia erscheint im Mai 2026. Mehr zu Nicole Biarnés gibt es auf ihrem Blog Freibeuterreisen.

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