Teil 55: San Sebastián & Bilbao
Kunst, Pintxos und traumhafte Natur
Grüne Hügel am Meer, frischer Fisch und verführerische Pintxos – von einer Region mit viel Stahlindustrie und Regionalstolz hat sich das Baskenland rasant zu einem wundervollen Reiseziel entwickelt. Die Wege sind in diesem Teil des grünen Spaniens kurz, die Brise vom Atlantik ist selbst im Hochsommer erfrischend. Bilbao und San Sebastián haben viel Flair, spannende Architektur und lassen sich mit einem Badeurlaub verbinden. Direkt aus der City kann man auch genussvolle Wanderungen oder Radtouren starten, teils auf Etappen des Camino del Norte, der nördlichen Variante des Jakobswegs.
Petra Sparrer, Autorin des Reiseführers San Sebastián & Bilbao, hat für ihren Reiseführer die beiden baskischen Metropolen, ihre Kunstschätze, Strände und Pintxos-Bars begeistert erkundet – ebenso wie die schönsten Küstenorte und baskischen Dörfer der Umgebung, die gut mit Bus oder Bahn zu erreichen sind. Hier sind ihre zehn Highlights aus ihren Recherchereisen:
Petras Top Ten:
1. Bilbaos Art District: vom Guggenheim-Museum zum Museo de Bellas Artes
Mystischer Nebel des Kunstwerks Fog Sculpture der Japanerin Fujiko Nakaya steigt zwischen den Beinen aus Bronze und Stahl der Spinne Maman von Louise Bourgeois auf. Langsam verschmilzt er mit der golden schimmernden, geschwungenen Fassade des Guggenheim. Das spektakuläre Museum des Star-Architekten Frank O. Gehry setzte Bilbao noch vor dem Millennium auf die internationale Landkarte der Kunstliebhaber und sorgte zudem für eine einzigartig nachhaltige Stadtentwicklung: Am Ufer des mittlerweile sauberen Nervión, wo noch in den 1980ern Werften und Hochöfen in Betrieb waren, lässt es sich heute an Kunst vorbeiflanieren. Wasserspiele plätschern, und der Duft von Blüten und Blättern durchtränkt die Luft. Er stammt aus dem nahen Casilda-Park und dem »Fell« von Jeff Koons’ buntem Pop-Art-Welpen vor dem Guggenheim-Eingang. Bilbaos Art District voller Restaurants und Galerien erstreckt sich bis zum Museo de Bellas Artes, der bedeutendsten Pinakothek des Baskenlands für Werke alter Meister sowie zeitgenössischer und baskischer Künstler. Das neue gläserne Rooftop mit erweiterter Ausstellungsfläche, Terrasse und Top-Ausblick, entworfen von Sir Norman Foster, ist der neue Clou des Viertels.
2. Schlemmen unter den Arkaden von Bilbaos Plaza Nueva
Unter den Arkaden des weitläufigen Platzes zwischen den engen Gassen des Casco Viejo flanieren die Bilbainos. Er ist Schauplatz für Feste und Trödelmärkte und bietet in dem breiten Gang mit 66 Bögen Schutz vor Regen und Sonne. Hier treffen sich die Stadtbewohner zum Aperitivo, auf ein paar Pintxos, zum Sehen und Gesehenwerden oder zum Essen. Je nach Wetter tauschen sie sich auf den langen Bänken oder den Stühlen der Terrassen neben dem spielenden Nachwuchs über all die Veränderungen im Casco Viejo aus: die neuen Läden in der gentrifizierten Altstadt, häufig mit immer hochwertigeren Markenprodukten für Touristen, oder auch das nächste ausgelassene Altstadtfest zu Ehren der Schutzpatronin Begoña. Zu den alteingesessenen Pintxos-Bars an dem im 19. Jahrhundert entstandenen Platz gehören die Café Bar Bilbao und das Victor Montes von 1848, eine Institution mit sehenswerter historischer Einrichtung. Ihre Pintxos auf der Theke, der reinste Augenschmaus, stellen Gäste vor die Qual der Wahl.
3. Bilbaos Azkuna Zentroa: Kultur und Freizeit im Kornspeicher
Ein Restaurant mit Terrasse, ein Schwimmbad, das man von unten sehen kann, ein Fitnesscenter, Designershops, ein Programmkino – hier ist Kultur und Freizeit geboten, und Bilbao zeigt seine Wandlungsfähigkeit. In der Alhóndiga, einst das städtische Getreide-, Öl- und Weindepot, gibt es viel Raum für Kreativität. Nur noch die Außenfassade lässt das historische Bauwerk des Architekten Ricardo Bastida erkennen. Mittlerweile sind die Plätze rundherum begrünt; Skulpturen eröffnen Fotoperspektiven. Innen begeistern die farbenfrohen Rundsäulen des französischen Designers Philippe Starck. 43 Säulen stützen die zweite Etage mit dem gläsernen Boden des Hallenbads. Jede einzelne ist ein eigenes Kunstwerk. An den Eingängen des Azkuna Zentroa liegen auch im digitalen Zeitalter aktuelle Veranstaltungsprogramme aus – für Ausstellungen, Konzerte im Auditorium, Theaterstücke und Festivals.
4. Über die Biskaya-Brücke zu den Atlantikstränden von Getxo
Die Fosteritos, die von Sir Norman Foster designten, gläsernen Metro-Eingänge, verbinden Bilbaos Zentrum mit dem Meer. Zugleich bilden sie einen modernen Kontrast zu einem 1893 eröffneten Industriedenkmal an der Mündung des Nervión in den Atlantik, der Biskaya-Brücke. Wer aus Getxos Metrostation Areeta kommt, sieht sie schon von Weitem über die Hausdächer ragen. Von der oberen Etage der roten Stahlbrücke, deren Bauweise an den Pariser Eiffelturm erinnert, reicht der Blick weit über Stadt und Atlantik. Der Panoramaweg in luftiger Höhe ist sicher vergittert und dient zugleich als Museum zur Brückengeschichte. An Drahtseilkabeln hängt die Schwebefähre, die Autos, Fußgänger und Zweiräder zwischen Getxo und Portugalete beinahe lautlos in wenigen Minuten über den Fluss bringt. Getxos lange Meerespromenade führt an den Villen der reichen Industriellen des 19. Jahrhunderts vorbei und mit etwas Ausdauer bis zu den Stränden Playa de Ereaga und Playa de Arrigunaga.
5. Ausflug von Bilbao nach Laudio: am Beginn des Parque Lineal del Nervión
Mittwochs ist vor der Kirche San Pedro de Lamuza Wochenmarkt in der typisch baskischen Kleinstadt Laudio, berühmt für ihre Morcilla (Blutwurst). Der Pórtico de Hierro der Kirche ist der einzige vollständig aus Eisen gefertigte Kirchenvorhof im Baskenland. Sich auf dem Markt für ein Picknick eindecken und es unter Bäumen im Parque de Lamuza zu verzehren, ist ein guter Plan. Die örtlichen Markgrafen bauten sich den Park mit Wäldchen nach der Mode des 19. Jahrhunderts dekorativ aus. Bis heute lädt er zum Flanieren zwischen artenreicher Flora ein. Dahinter steht ein fotogener historischer Wohnturm, die privat bewohnte Torre de Ugarte. Eine gute Stunde dauert von hier eine steile Wanderung zum Santuario de Santa María del Yermo (Ermualde), einer Kapelle mit Bergblick. Sonntags ist das Restaurant Ermualdeko gegenüber geöffnet.
Regionalzüge von Bilbaos Bahnhof Abando fahren um die 40 Minuten bis Laudio. Am Nervión beginnt hier auch der Parque Lineal del Nervión. Immer am Fluss entlang führt der Wander- und Radweg an mehreren Bahnhöfen vorbei (Rückfahrt möglich) bis Orduña und zur Schlucht von Delika. Sie lässt sich in Begleitung kreisender Gänsegeier bis zum Wasserfall Salto del Nervión durchqueren.
6. Blick vom Monte Urgull, San Sebastiáns Zuckerhütchen
Über den quirligen Pintxos-Gassen der Altstadt und den Booten im alten Hafen von San Sebastián erhebt sich der Monte Urgull. Treppe und Pfade durch dichten Wald führen hinauf zum Castillo de la Mota, einer Burg, die ab dem 12. Jahrhundert der Verteidigung diente. Einfach grandios: Immer höher geht es auf den vom Meer umtosten Hügel, und bald liegen die Häuser weit unten. Den besten Blick hinüber zur weißgelb leuchtenden Playa de la Concha, über den Fluss Urumea und die Playa de Zurriola vor dem Kursaal in Gros bietet die Aussichtsplattform vor der Christusstatue, die hier schon seit der Franco-Zeit thront. Heute sorgt sie für Rio-de-Janeiro-Flair und euphorische Schwebezustände beim Hinabschauen. In der einstigen Festung setzt eine nostalgische Ausstellung Seebad-Geschichte in Szene.
7. Mit dem Boot von San Sebastián auf die Isla Santa Clara
Als wären die drei Hügel über San Sebastián nicht schon Segen genug, gibt es mitten in der Concha-Bucht eine weitere Attraktion: die Isla Santa Clara. Bei einer Bootsfahrt vom alten Hafen hinüber präsentiert sich das Seebad von der Wasserseite. Einfach nur schön. Die Insel ist ein Stück Natur mitten in der Stadt. Lachmöwen kreisen über dem Stück geriffelter Flysch-Steilküste und dem Leuchtturm. Dem Pfad hinauf folgend, hört man den Atlantik tosen. Im Leuchtturm lässt sich Cristina Iglesias’ Kunstwerk Hondalea (»Meeresgrund«) bewundern, ein Werk aus Bronze, das der Natur nachempfunden ist. Das Wasser, das es alle halbe Stunde überspült, ist Süßwasser aus einem eigens gebauten Pumpkreislauf. Der kleine Sandstrand am Fähranleger lädt zum Baden mit Ausblick ein, und bei schönem Wetter öffnet eine Caféterrasse ein Café mit Terrasse – einer der erholsamsten Orte der Stadt.
8. Museo San Telmo in San Sebastián: baskische Kultur im Kloster
Was macht die Basken aus und was bewegt ihre Kunstschaffenden? Das Museo San Telmo in einem früheren Dominikanerkloster mit Kreuzgang schmiegt sich in San Sebastiáns Altstadt an den Monte Urgull und ist ein atmosphärischer Ort, um dieser Frage nachzuspüren. In der Kunstabteilung stellt es Werke baskischer Künstler denen alter Meister gegenüber. Ziemlich einzigartig und ein kulturelles Highlight des Baskenlands sind die Leinwände, die der Künstler Josep Maria Sert Anfang des 20. Jahrhunderts für die Klosterkirche zur Eröffnung schuf. Besonders beeindrucken die dramatischen Szenen auf dem Meer. Dargestellt sind Entdecker und Walfänger, die es einst auf schaukelnden Holzschiffen mit der stürmischen See aufnahmen. Ein facettenreicher Klosterbesuch zwischen baskischer Kultur und Geschichte und aktuellen Ausstellungen.
9. Auf dem Jakobsweg von San Sebastián zum Fischessen nach Pasaia
Auf Höhe der Tankstelle am Ende von San Sebastiáns Surferstrand Playa de la Zurriola führen Treppen auf den Monte Ulia. Nach kurzem Aufstieg unbedingt auf die Stadt und ihre Strände zurückblicken, es lohnt! Wer dem Pfad bis Pasaia folgt, geht eine der schönsten Etappen des Jakobswegs. Hortensien und das Meer säumen den Weg. Weit reicht der Blick bis zum Monte Igueldo und an der Küstenlinie entlang. Mit Fotopausen gelangt man in rund 2,5 Stunden zur Ria mit dem alten Leuchtturm von Pasaia. Eine kleine Fähre verbindet die Ufer von San Pedro und Donibane. Im alten Ortskern reihen sich die Terrassen der für ihren frischen Fisch bekannten Restaurants aneinander. Ab und zu gleitet ein Ozeanriese vorbei, geleitet von einem Lotsenboot. Am Ende der Ria liegt ein großer Industriehafen.
In San Pedros Museumswerft Albaola wurde die vor Neufundland geborgene San Juan nachgebaut. Das Holzschiff baskischer Walfänger ist ganz und gar kein Ozeanriese. Es liegt am Kai von San Pedro gegenüber der Kirche und wird noch von innen ausgebaut. 2027 soll es in See stechen und wie in alten Zeiten bis Neufundland segeln.
10. Frühsommertraum am Atlantikstrand bei Ondarroa
In Ondarroa, rund 40 Kilometer von Bilbao, an der Mündung des Flusses Artibai in den Atlantik, liegen noch immer große Fischkutter vor der Versteigerungshalle, aber viele der Bewohner arbeiten statt im Fischfang in den kleinen Fabriken im Landesinneren. Eine Calatrava-Brücke und Street Art zur Fischerei, ein paar Bars – für Touristen gibt es nur die einfache Pension Arrigorri am Hang über dem Strand. Meerblick und herrliches Wellenrauschen, eine Frühstücksterrasse – wer in dieser einfachen Pension übernachtet, sucht die Nähe zum Ozean. Direkt unterhalb liegt der goldgelbe Badestrand. Oft spritzt die Gischt an der Seepromenade hoch, die zum nächsten Strand führt, der Playa de Saturrarán. Hier bildet die Felsklippe Peña del Fraile (Mönchsklippe) die malerische Kulisse. Der Fernwanderweg GR 121 führt hier vorbei. Auf schönen 11,6 Kilometern geht es nach Deba. Aber warum nicht einfach mal verweilen? Erholung pur!
