Zu Besuch bei den indigenen Ngäbe
Ökotourismus und Abenteuer mitten im Dschungel
Juliane Israel war schon viele Male in Costa Rica, denn das kleine mittelamerikanische Land hat es ihr angetan – das Land, aber auch seine Menschen. Zusammen mit ihrer Familie hat sie sich etwa in die abgelegene Region Conte Burica begeben, wo das Ökotourismus-Projekt Cultura Kare (abenteuerlustige) Besucher empfängt. Ins Leben gerufen wurde es von einer Ngäbe-Familie, die Gäste an ihrem Alltag teilhaben lässt. Der Aufenthalt dort hat unsere Autorin nachhaltig beeindruckt, die Gegend sie verzaubert. Wer es ihr nachtun möchte, findet Infos zu dieser und vielen weiteren Unterkünften in der neuen Auflage unseres Reiseführers zu Costa Rica.
Es ist ein später Montagnachmittag, die Sonne schickt ihre Strahlen durch dunkle Wolken, die an den Bergen hängen. Geröllsteine donnern an den Unterboden unseres Autos. Nein, nicht noch so ein Anstieg. Schaffen wir ihn? Diesen schon noch, aber den nächsten? Die Räder drehen durch. Schließlich wird es uns zu heikel. Wir lassen das Auto stehen und laufen den Rest über den steinigen Weg zu Fuß. Bergauf, bergab. Steil. Echt steil. Es scheint, als seien wir am Ende der Welt angekommen. Zumindest sind wir am Ende von Costa Rica angekommen, am südlichen Ende. Nur wenige Meter weiter beginnt Panama. Ringsum rauscht der Pazifik.
Hier, in der abgelegenen Region Conte Burica, lebt Marcos Jiménez Montezuma mit seiner Familie. Marcos ist Ngäbe, Vater von sieben Kindern, studierter Agrarökologe und Initiator des kleinen Ökotourismus-Projekts Cultura Kare im Dorf Las Vegas Nibiribotda. Sein Ziel ist kein „schneller“ Tourismus, sondern ein vorsichtiger Austausch: Gäste sollen erfahren, wie die Ngäbe leben, was ihnen wichtig ist und warum Natur für sie weit mehr ist als Landschaft.
Als wir schließlich bei Marcos und seiner Familie ankommen, wirkt alles weit entfernt von dem, was man gewöhnlich unter einer touristischen Unterkunft versteht. Zwischen einfachen Holzhütten laufen Kinder umher, Hühner scharren am Boden, irgendwo steigt Rauch auf. Es gibt für Gäste vier schlichte Holzcabinas mit Matratzen, jedoch ohne Moskitonetz oder ähnlichen Komfort. Gleich hinter der einen Cabina hängt eine große Boa Constrictor im Baum – das geht ja gut los. Ob wir die kommende Nacht überleben? Uns ist schon ein bisschen flau zumute, denn wir essen, wohnen und waschen uns quasi mit und bei der Familie. Doch nun sind wir hier, es ist ein echtes Abenteuer und zugleich eine sehr unmittelbare Erfahrung.
Viel Zeit zum Ankommen bleibt nicht. Die Kinder nehmen unsere Kinder an die Hand, zeigen ihnen Babyhunde und Küken und schließlich den Weg zum Fluss. Wir gehen mit, den schmalen Pfad hinunter, vorbei an nassem Grün und riesigen Bäumen. Der Fluss ist Badestelle, Dusche und Spielplatz zugleich. Wir steigen ins kühle Wasser, waschen den Staub und den Schweiß der Anreise ab, während die Kinder längst wild hineinspringen. Unsere reihen sich einfach ein, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Sprache braucht es kaum. Ein Lachen, ein Sprung, ein gegenseitiges Vormachen – schon ist aus Fremdheit ein gemeinsames Spiel geworden.
Auf dem Rückweg raschelt es plötzlich über uns in den Baumkronen. Totenkopfäffchen turnen durch die Äste, flink und neugierig, als wollten sie kurz prüfen, wer da durch ihr Revier läuft. Rote Aras ziehen über die Baumwipfel, und für einen Moment wirkt die Landschaft fast unwirklich: Primärregenwald, Pazifikluft, Kinder mit nassen Haaren, Matsch an den Füßen und diese völlige Abgeschiedenheit am südlichsten Rand Costa Ricas.
Conte Burica wird begrenzt vom Pazifik, der panamaischen Grenze und dem Tal Coto Brus. Es ist eine Landschaft aus unberührter Natur, Primärregenwald und einer fast menschenleeren Pazifikküste. Es gibt kaum Strom. Abends wird auf offenem Feuer gekocht, Reis mit Bohnen und Yucca, ganz simpel. Während wir gemeinsam am schmalen Holztisch, hergestellt aus einem Baumstamm, essen, macht es sich ein Schwein unter dem Tisch zwischen unseren Beinen gemütlich und verwertet sofort, was hinunterfällt. Als es dunkel wird, sitzen wir gemeinsam am Lagerfeuer. Der Rauch zieht in die Nacht, der Dschungel sorgt für Geräuschkulisse, Gesichter werden sanft beleuchtet. Dann beginnen die einheimischen Kinder im Feuerschein ihre Tänze und Handspiele zu zeigen. Erst schauen unsere Kinder noch zurückhaltend zu, doch lange hält das nicht. Bald reihen sie sich ein und tanzen mit den indigenen Kindern zusammen. Wieder braucht es kaum Worte. Nur Rhythmus, Nachahmung, Lachen und dieses vorsichtige Vertrauen, das entsteht, wenn man miteinander Zeit verbringt.
Die Ngäbe gehören zu den indigenen Völkern, die schon in prähispanischer Zeit entlang der Pazifikküste lebten, unter anderem auf der Halbinsel Osa und in der Umgebung südlich von Golfito. Ursprünglich siedelten sie in der Region des heutigen West-Panama. Sie sprechen Ngäbere, eine indigene Sprache aus der Chibcha-Sprachfamilie. Nach der Ankunft der Spanier leisteten sie lange Widerstand und zogen sich schließlich in die schwer zugänglichen Berge an der Grenze zu Costa Rica zurück. Ab den 1940er-Jahren kamen viele Ngäbe als Arbeiter auf Kaffee- und Bananenplantagen nach Costa Rica und blieben.
Unsere Nacht ohne Moskitonetz war überraschend ruhig. Wir haben allesamt durchgeschlafen und wurden weder gestochen noch gefressen. Am nächsten Morgen zeigt uns Marcos seine Bio-Permakultur-Finca. Dort wächst einfach alles: Kurkuma, Muskat, Heilkräuter, Gewürze, Mango, Ananas, Papaya und rund 15 Bananensorten. Dazu Yucca, Bohnen, Reis, Mais und Orangen – alles, was die Familie braucht und was die Natur hier hergibt.
Und doch reicht das Leben von der eigenen Finca allein nicht aus. Um Geld zu verdienen, muss Marcos regelmäßig ins rund 350 km entfernte Cartago fahren, wo er ebenfalls in der Landwirtschaft arbeitet. Allein die Fahrt dorthin zeigt, wie abgelegen Conte Burica wirklich ist. In Coto Brus verkehrt nur zweimal pro Woche eine offizielle Camioneta in Form eines größeren Geländewagens, in den sich dann mehr als 20 Menschen quetschen. Für Marcos ist dieser beschwerliche Weg Teil des Alltags: zwischen Familie, Finca, Ökotourismus und der Arbeit weit weg von zu Hause.
Die Spanier nannten Marcos’ Volk einst Guaymí, was so viel wie „diese Leute“ bedeutet. Heute lehnen viele Ngäbe diese Bezeichnung ab und nennen sich selbst Ngobe oder Ngäbe, auch wenn der alte Name noch immer gebräuchlich ist. Fünf Ngäbe-Reservate gibt es heute noch in Costa Rica, zwei davon an der Südpazifikküste. Darunter das Territorio Indígena de Ngäbe-Buglé Conte Burica 50 km südlich von Golfito und 25 km östlich vom Surferdorf Pavones, Marcos’ Zuhause.
Praktische Infos: Unterkunft bei Cultura Kare: etwa 8000 CRC pro Nacht, Verpflegung etwa 2000 CRC pro Tag. Kontakt: Tel. und WhatsApp +506 71215351, spanischsprachig; E-Mail: cultura.kare@gmail.com. Die Anfahrt erfolgt von Pavones oder Laurel über die Route 611 und den Ort Bella Luz. Ein geländegängiges Fahrzeug ist sehr empfehlenswert.
