Reiseführer Cuba

Wolfgang Ziegler

Unterwegs mit Wolfgang Ziegler

Portrait Wolfgang ZieglerEs ist Mon­tag in Ha­van­na. Einer die­ser Nach­mit­ta­ge, die ich so wenig mag. In ein paar St­un­den geht mein Flug. Der Zu­fall woll­te es, dass ich immer mon­tags flog – zu­rück in das Land, das sich meine Hei­mat nennt. Zu­rück in die hek­ti­sche Be­trieb­sam­keit mit den vie­len wich­ti­gen Men­schen, die alles haben und doch nicht genug be­kom­men. Noch aber bin ich in Cuba, wo das Leben jeden Tag eine neue Her­aus­for­de­rung dar­stellt, wo jeder Be­hör­den­be­such zum Bitt­gang und jeder Ein­kauf zur Ge­dulds­pro­be wird. Und wo es – wie un­zi­vi­li­siert – kein feuch­tes Toi­let­ten­pa­pier gibt, man schon glück­lich ist, wenn man über­haupt Was­ser hat. Armes Cuba? Armes Deutsch­land!
Weh­mut be­schleicht mich, als ich so in mei­ner Stamm­knei­pe, dem Café Paris in der Calle Obis­po, sitze – wohl zum letz­ten Mal für Mo­na­te, weil auch die Re­cher­chen zur in­zwi­schen vier­ten Auf­la­ge die­ses Rei­se­buchs ab­ge­schlos­sen sind. Und weil es damit für mich ein­mal mehr heißt, Ab­schied zu neh­men von einem Land, das alle Sinne be­rührt und das man nur mit der Seele be­grei­fen kann. In den zu­rück­lie­gen­den Jah­ren war ich x-mal auf »mei­ner« Insel, habe ich in dis­tin­gu­ier­ten Nobel-Her­ber­gen ge­nau­so über­nach­tet wie – viel lie­ber – in Casas par­ti­cu­la­res mit Fa­mi­li­en­an­schluss und in Miet­wa­gen, Über­land-Bus­sen und Pri­vat-Taxen fast 40.000 Ki­lo­me­ter zu­rück­ge­legt. Dies be­deu­tet bei einer West-Ost-Aus­deh­nung von 1250 Ki­lo­me­tern zwar, das Land mehr als drei­ßig­mal kom­plett durch­streift zu haben und ei­ni­ger­ma­ßen zu ken­nen, dies heißt aber nicht, Cuba mit all sei­nen Wi­der­sprü­chen und Ge­gen­sät­zen auch nur halb­wegs ver­stan­den zu haben. Dafür braucht man ver­mut­lich ein gan­zes Leben.
Na­tür­lich könn­te ich nach die­ser lan­gen Zeit ein Buch schrei­ben – ein Buch zu die­sem Buch über all die schö­nen, die lus­ti­gen, die trau­ri­gen und die be­ängs­ti­gen­den Er­leb­nis­se. Und über die vie­len Be­geg­nun­gen mit – meist – wun­der­ba­ren Men­schen. In die­sem wür­den sie dann alle vor­kom­men: der Frosch in mei­nem Bett, den ich mor­gens um 3 Uhr par­tout nicht küs­sen woll­te, weil ich nicht an Mär­chen glau­be; die Kom­pa­nie von »Pon­che­ras«, deren Hilfe ich un­ge­zähl­te Male in An­spruch neh­men muss­te, weil wie­der ein­mal ein Nagel, eine Schrau­be, eine Scher­be oder sonst was im Rei­fen steck­te und mei­nem Ge­fährt im wahrs­ten Sinne des Wor­tes die Luft aus­ge­gan­gen war; die Tanz­leh­re­rin, der es nicht ge­lang, mir Salsa bei­zu­brin­gen, was nicht nur daran lag, dass ich dafür ei­gent­lich weder Sinn noch Zeit hatte, son­dern auch an dem einen Ge­lenk, über das jeder Cu­ba­ner zu­sätz­lich zu ver­fü­gen scheint; und die neu­gie­ri­gen Com­pañe­ros vom In­nen­mi­nis­te­ri­um, die es sich zur Ge­wohn­heit ge­macht hat­ten, mich in ab­ge­dun­kel­ten Räu­men zu ver­hö­ren, weil ich als »Pe­ri­odis­ta«, als Jour­na­list also, grund­sätz­lich ver­däch­tig war, auch wenn mich nur die Öff­nungs­zei­ten von Mu­se­en in­ter­es­sier­ten.
Es gäbe noch so viele Ge­schich­ten. Aber die er­zäh­le ich Ihnen bei einer an­de­ren Ge­le­gen­heit. Vi­el­leicht im Café Paris, wenn Sie mögen. Jetzt wis­sen Sie ja, wo Sie mich fin­den, wenn ich wie­der in der Stadt bin, die mir eine (zwei­te) Hei­mat ge­wor­den ist. Schau­en Sie doch ein­fach mal vor­bei.
Bis dahin, hasta en­ton­ces.