On Tour

Mallor­ca all in­clu­si­ve.
Ein Spar­ur­laub im Selbst­ver­such

Nach einer kur­zen Pause im letz­ten News­let­ter geht un­se­re Glos­se »On Tour« un­ver­dros­sen in die fünf­te Runde. Dies­mal hat sich Slo­wa­kei-Autor (1. Auf­la­ge 2007) André Mick­litza im so­ge­nann­ten Bil­lig(flie­ger)pa­ra­dies Mallor­ca um­ge­schaut und ei­ni­ge schau­rig-gro­tes­ke An­ek­do­ten von der be­rüch­tig­ten »Putz­frau­en­in­sel« mit­ge­bracht. Üb­ri­gens: Un­se­ren Malle-Guide, der von der In­ter­na­tio­na­len Tou­ris­mus­bör­se auf­grund sei­ner zahl­rei­chen rei­se­prak­ti­schen Tipps aus­ge­zeich­net wurde, gibt es be­reits in 5. Auf­la­ge. Mit dem Buch in der Ta­sche wären diese Dinge wohl nicht pas­siert!


Portrait André MicklitzaDie Rei­se­ex­per­ten haben es vor­aus­ge­sagt. Zwei Ex­tre­me spal­ten die Kon­sum­ge­sell­schaft. Der Ur­laub der Zu­kunft wird be­son­ders bil­lig oder ex­trem teuer aus­fal­len. Spar­an­ge­bo­te elek­tri­sie­ren die Ver­brau­cher. Im In­ter­net kann man sich sei­nen Bil­lig­ur­laub nach dem Bau­kas­ten­prin­zip kin­der­leicht zu­sam­men stel­len.
Klick. Klick. Klick. So macht es Spaß. Bil­lig, bil­li­ger, am bil­ligs­ten. Zwei Flüge für zwei Per­so­nen nach Mallor­ca hin und zu­rück für unter 100 Euro: Da muss man ein­fach zu­schla­gen. Klick. Klick. Klick: Bingo! Das Dop­pel­zim­mer im Dreis­terne­haus gibt es beim On­li­ne­rei­se­an­bie­ter heute zum Son­der­preis für 70 Euro pro Tag. Mit allem drum und dran. Noch ein Klick, ge­bucht. Wor­auf hat man sich ein­ge­las­sen? Im Zeit­al­ter der Son­der­an­ge­bo­te lehrt die Er­fah­rung: Teu­res muss nicht immer gut und güns­ti­ges nicht immer schlecht sein.
Die Sitz­rei­hen im Bil­lig­flie­ger sind nicht enger als bei der teu­ren Kon­kur­renz. Im Un­ter­schied zum ge­wohn­ten Stan­dard sind Snacks und Durst­lö­scher aber zu be­zah­len. Doch der kluge Mann sorgt vor: But­ter­bro­te und meh­re­re 100 Mil­li­li­ter Ge­trän­ke­fläsch­chen, wie vor­ge­schrie­ben, sind im Hand­ge­päck ge­bun­kert.


Ehe­mals aus­ge­zeich­ne­te Ho­tels und Der Kampf mit der Ritze

Wo bin ich hier nur hingeraten … (Foto André Micklitza)
Wo bin ich hier nur hin­ge­ra­ten … (Foto André Mick­litza)
Ge­lan­det! Der Stadt­bus fährt für zwei Euro vom Flug­ha­fen ins Zen­trum von Palma. Ein Miet­wa­gen auf der Insel ent­fällt wegen der güns­ti­gen Prei­se für die Li­ni­en­bus­se. 60 Ki­lo­me­ter Fahrt in den In­sel­nor­den kos­ten pro Per­son knapp fünf Euro.
Die Ein­gangs­hal­le des Ho­tels wirkt ge­müt­lich und viel­ver­spre­chend – genau wie auf den In­ter­net­sei­ten vor­ge­stellt. Gold­ge­rahm­te Spie­gel, stil­vol­le Möbel sowie Sofas und Ses­sel zum Lüm­meln. Den Ein­gangs­be­reich de­ko­rie­ren drei Aus­zeich­nun­gen, die einen hohen Stan­dard von Qua­li­tät und Ser­vice be­schei­ni­gen. Die letz­te stammt aus dem Jahr 2000, das macht nach­denk­lich. Soll­te sich etwa hier be­wahr­hei­ten, dass es viele Häu­ser gibt, in wel­che die Ei­gen­tü­mer nichts mehr in­ves­tie­ren? Bei se­riö­sen deut­schen Ver­an­stal­tern aus dem Ka­ta­log ge­flo­gen, lan­den sie auf dem bri­ti­schen und hol­län­di­schen Markt, bis man sie auch dort nicht mehr mag. Bis dahin hat der In­ves­tor so­viel aus dem ma­ro­den Ding raus­ge­quetscht, dass er es ab­rei­ßen und häu­fig wie­der neu bauen kann …
Aber das große Zim­mer, der Bal­kon mit Meer­blick und das ge­räu­mi­ge Bad ver­spre­chen an­ge­neh­mes Woh­nen im Ur­laub. Spä­ter wird sich das Bett als ein­deu­tig zu kurz er­wei­sen. Ein Ho­cker mit zu­sam­men­ge­leg­ter Decke kann die Schlaf­statt zwar ver­län­gern, doch schon in der ers­ten Nacht rutscht die Ferse immer wie­der in die am Fu­ßen­de neu ent­stan­de­ne Ritze. Die Ritze Der Gr­aben zur Part­ne­rin ne­ben­an ist brei­ter und tie­fer. Beim Dre­hen schnellt die stäh­ler­ne Ma­trat­zen­fe­der ab­wech­selnd in Ober­schen­kel, Hüfte oder Rip­pen. Diese Ma­trat­ze ist schon mit einer Per­son über­for­dert, zu zweit gerät sie zum Mar­ter­in­stru­ment. Wen wun­dert es da, dass die Ge­bur­ten­ra­te in Deutsch­land sinkt und sinkt, wenn die Ger­ma­nen nicht mal mehr im Ur­laub zu­ein­an­der kom­men kön­nen?


Ein chro­nisch über­be­las­te­ter Lift für Bri­ten und Raub­rit­te­rei am Strand

Freu­de auf ein aus­gie­bi­ges Früh­stück! Statt­des­sen nur zwei Wurst­sor­ten. Die zwei Mar­me­la­den kom­men in win­zi­gen Plas­tik­dös­chen daher. Ers­te­re ist weder bit­ter noch schmeckt sie nach Oran­ge, die Erd­beer­mar­me­la­de hat rein gar nichts mit der außen ab­ge­bil­de­ten Frucht ge­mein. Das Fir­men­lo­go des Mar­me­la­den­her­stel­lers aus Va­len­cia ziert ein Hams­ter. Stel­len die auch Ti­er­nah­rung her? Die Schwarz­tee­mar­ke »Infu­sio­nes Ho­tel­sa Te« be­steht aus zu­sam­men­ge­kehr­ten Res­ten der Reste. Der Jo­ghurt ist ganz aus­ge­gan­gen. »Don’t worry, be happy« tönt aus dem Laut­spre­cher im Spei­se­saal. Ei­ni­ge Hap­pen we­ni­ger könn­ten den oft über­durch­schnitt­lich be­leib­ten Bri­ten nicht scha­den. So sehen es wohl die Mal­lor­qui­ner. Wie sonst könn­ten sie be­haup­ten: Sechs Spa­nier gleich vier Bri­ten? In der Fahr­stuhl­ka­bi­ne aus spa­ni­scher Fa­bri­ka­ti­on steht »6 per­so­na«. An der Wand vor der Lift­tür prangt da­ge­gen über­deut­lich »4 per­sons«.
Auf zum Strand! Die we­ni­gen klei­nen Buch­ten mit fei­nem Sand und kris­tall­kla­rem Was­ser sind an schö­nen Tagen schnell be­setzt. Beim An­blick der Prei­se für die Ex­tras gru­selt es dem Bil­lig­bu­cher. Die be­schirm­te Dop­pel­lie­ge kos­tet 10 Euro am Tag. Die Meis­ten geben be­reit­wil­lig das Schein­chen her­aus. Wenn die Plas­tik­lie­ge nur eine Woche ver­mie­tet wird, ist der Kauf­preis wie­der drin. Schwin­del­er­re­gend die Ge­winn­span­ne bei 300 ga­ran­tier­ten Son­nen­ta­gen im Jahr. Aber man kann das Hand­tuch auch im Sand aus­brei­ten, am hei­mi­schen Bag­ger­see ist das schließ­lich nor­mal.


Mora­li­sche Kli­ma­an­la­gen und Ver­meint­li­che Eva­ku­ie­rung

Traumbadebucht im Norden Mallorcas. (Foto André Micklitza)
Traum­ba­de­bucht im Nor­den Mallor­cas. (Foto André Mick­litza)
Auch der Spar­fuchs will nicht auf einen Milch­kaf­fee an der Strand­bar ver­zich­ten. Mit 1,50 Euro er­scheint der Preis aus deut­schem Blick­win­kel sehr güns­tig. Vor dem Euro-Zeit­al­ter in Spa­ni­en war die Tasse Milch­kaf­fee al­ler­dings für um­ge­rech­net ma­xi­mal 1,50 DM zu haben.
Zu­rück im Ho­tel­zim­mer. Das Rei­ni­gungs­per­so­nal war gründ­lich. Zu gründ­lich. Im Ba­de­zim­mer fin­det sich der Auf­kle­ber mit dem Hin­weis »Hand­tü­cher in die Ba­de­wan­ne ge­wor­fen heißt: bitte aus­tau­schen. Hand­tü­cher am Haken be­deu­tet: Ich be­nut­ze sie ein wei­te­res Mal«. Der Um­welt zu­lie­be wer­den hier alle vier Hand­tü­cher täg­lich aus­ge­tauscht, ob­wohl sie de­mons­tra­tiv am Haken hin­gen. Warum wird in die­sem Haus nicht an den Wä­sche­kos­ten ge­spart, dafür aber an Wurst, Käse, Tee und Mar­me­la­de?
Ob­wohl die drei Ster­ne die­ses Hau­ses schon ver­blasst sind, wird auf die Klei­der­ord­nung gro­ßen Wert ge­legt. Bitte keine Hot pants oder bauch­freie Tops! Viele Damen ren­nen halb­nackt herum. Die Mal­lor­qui­ner zwin­gen ihre Gäste zur kor­rek­ten Be­klei­dung, indem sie die Kli­ma­an­la­ge auf Hoch­tou­ren lau­fen las­sen. Tags dar­auf sit­zen die Sün­de­rin­nen mit lan­gen Hosen und Roll­kra­gen­pull­over beim Din­ner. Man­che wur­den gar mit einer Pa­ckung Ta­schen­tü­cher ge­sich­tet …

Die all­abend­li­che Ruhe in der Bucht wird ab 20.30 Uhr jäh ge­stört. Das Amü­se­ment im Hotel nimmt sei­nen Lauf. Erst die Mi­ni­dis­co für die Klei­nen, dann »Mu­si­ca en vino« oder »Comic acro­ba­tic show« für die Gro­ßen. Dem kann sich der un­be­tei­lig­te Gast nur bei ge­schlos­se­nem Fens­ter und mit Ge­hör­stöp­seln ent­zie­hen. Beim mit­ter­nächt­li­chen Ren­nen auf den Flu­ren wer­den Türen ge­schla­gen, Bet­ten ge­rückt und Kof­fer ge­rollt. Man denkt an Feuer. Wird etwa eva­ku­iert? Nein, es sind nur die Neu­an­kömm­lin­ge und Nacht­schwär­mer, die auf ihre Zim­mer eilen. Für den Bil­lig­bu­cher sind das alles nur Ne­ben­säch­lich­kei­ten. Er hat es ja nicht an­ders ge­wollt. Das Er­leb­nis Mallor­ca lässt er sich des­halb noch lange nicht ver­mie­sen.


Kul­tur zum Null­ta­rif

Wah­ren Kunst­ge­nuss er­le­ben zum Null­ta­rif: Auch das muss dank meh­re­rer Mä­ze­na­ten auf der Ba­lea­ren­in­sel kein Wunsch­traum blei­ben. In einem 300-jäh­ri­gen Haus an der Trep­pe zum Kal­va­ri­en­berg in Pol­lença wer­den Bild­hau­er­kunst, Ma­le­rei­en und Tex­til­ent­wür­fe aus dem Nach­lass von Martí Vi­ce­nç ge­zeigt, der Ein­tritt ist frei. Einen Streif­zug durch die hoch­ka­rä­ti­ge spa­ni­sche Mo­der­ne des 20. Jahr­hun­derts bie­tet das Museu d’Art es­pan­yol con­tem­pora­ni in der Haupt­stadt Palma. Hier sind Meis­ter­wer­ke von Pablo Pi­cas­so, Julio Gon­zá­lez, Joan Miró und Sal­va­dor Dalí aus nächs­ter Nähe zu be­trach­ten. Dass die Schau kos­ten­los be­sucht wer­den kann, ist Juan March zu dan­ken. Der mal­lor­qui­ni­sche Fi­nan­zier grün­de­te 1955 eine Stif­tung, er zähl­te zum Kreis der zehn reichs­ten Män­nern der Welt. Von sei­nem Stif­tungs­ver­mö­gen kann die Kunst noch heute zeh­ren. Doch die mensch­li­che »Sta­tue« auf der Plaça Major in Palma, ganz in grün ge­taucht, mit Rosen im Arm und be­we­gungs­los, wird beim An­blick eines Fo­to­ap­pa­ra­tes sehr le­ben­dig. Klickt der Aus­lö­ser, ohne dass dafür ge­blecht wurde, zeigt der Ro­sen­ka­va­lier den Stin­ke­fin­ger.


Wei­te­re In­for­ma­tio­nen:

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Mu­se­en (kos­ten­lo­ser Ein­tritt):