On Tour

Vie­len Dank für die Scho­ko­la­de

Seit 2007 lebt Mat­thi­as Krö­ner (»Lü­beck MM-City«, 2. Auf­la­ge 2013) mit sei­ner Fa­mi­lie im Nor­den. Immer wie­der zieht es den eins­ti­gen Süd­staat­ler in seine alte Hei­mat: nach Fran­ken. U. a. be­sucht er dann die Re­dak­ti­ons­räu­me des Micha­el Mül­ler Ver­lags in Er­lan­gen und schreibt Ko­lum­nen für den Baye­ri­schen Rund­funk. Dies­mal un­ter­nahm er die sie­ben­stün­di­ge Zug­fahrt von Schles­wig-Hol­stein nach Mit­tel­fran­ken mit sei­nem drei­jäh­ri­gen Sohn. Vom die­sem etwas an­de­ren Rei­se­er­leb­nis er­zählt der Rei­se­buch­au­tor in un­se­rer Serie »On Tour«.


Portrait Matthias KrönerIm Fe­bru­ar war es so­weit: Ich un­ter­nahm die erste Reise mit un­se­rem Sohn. Da meine Frau eine Aus­zeit brauch­te, ent­schied ich mich zu einer sie­ben­stün­di­gen Zug­fahrt in meine alte Hei­mat: nach Nürn­berg, zu Emils Groß­el­tern.
Ich schwitz­te, als wir am Bahn­steig stan­den. Emil ist drei und hat seine Mama-Pha­sen. Dann mache ich kei­nen Stich bei ihm. Ich be­te­te, dass der Ab­schied klapp­te. Ein gü­ti­ger Gott er­hör­te mich.


Ein Pferd, eine Pin­kel­pau­se und ein Bart­trä­ger

Als wir gut ge­launt un­se­re Plät­ze such­ten, kreuz­te eine hoch­ge­wach­se­ne Frau un­se­ren Weg. Der klei­ne Mann sah sie an und rief: »Oh, ein Pferd!« Dann blick­te er kopf­schüt­telnd zu mir: »Doch eine Frau.« Ich zuck­te hilf­los die Ach­seln und zog mei­nen Sohn davon.
Wäh­rend der fünf­zig Mi­nu­ten von Lü­beck nach Ham­burg war ich ei­ni­ger­ma­ßen auf­ge­regt. Im größ­ten Bahn­hof des Nor­dens blie­ben uns sie­ben Mi­nu­ten, um von Gleis 4 zu Bahn­steig 14 zu ge­lan­gen. Es galt, einen zug­ge­bun­de­nen ICE zu er­rei­chen. War er weg, war das Ti­cket futsch. Ge­dul­dig er­klär­te ich die Bri­sanz. Emil nick­te und trank sei­nen Ap­fel­saft. Als die Re­gio­nal­bahn in den rie­si­gen Bahn­hof ein­roll­te, pas­sier­te es: »Papa, ich muss pul­lern! Nötig!!« Ich dach­te an die Er­satz­kla­mot­ten und ris­kier­te alles. Manch­mal ist das Glück mit den Mu­ti­gen: Emil ent­leer­te seine Blase im ICE.
Ab Han­no­ver be­ob­ach­te­ten wir einen Mann mit sehr dich­tem Bart­wuchs. Er ent­fal­te­te eine Aus­ga­be der ZEIT und legte ge­wich­tig die Stirn in Fal­ten: das Ide­al­bild eines In­tel­lek­tu­el­len. Ich war be­ein­druckt.
Auch Emil war schwer be­geis­tert, al­ler­dings aus an­de­ren Grün­den. »Papa«, flüs­ter­te er, »der Mann hat Fell im Ge­sicht«. Die Mimik des Herrn be­wies, wie hu­mor­los in­tel­li­gen­te Men­schen sein kön­nen. Ich ki­cher­te in mich hin­ein und er­klär­te mei­nem Sohn die Vor- und Nach­tei­le der Ge­sichts­be­haa­rung.


Die Trüm­mer­frau und der Maul­wurf

Bei Göt­tin­gen setz­te sich eine alte Dame zu uns. Wie­der wand­te ich mich an die Schick­sals­göt­ter. »Kein Tier­ver­gleich, bitte!« Der gü­ti­ge Gott war zur Stel­le. Die Dame bot Emil sogar Scho­ko­la­de an. Statt des­halb zu ju­bi­lie­ren, ver­grub er sein Ge­sicht unter mei­ner Ach­sel. Ich be­dank­te mich über­schwäng­lich und ließ mir Kriegs­er­leb­nis­se er­zäh­len. Mit Emil war wenig an­zu­fan­gen. Er spiel­te Maul­wurf.
Bei Würz­burg stieg die ehe­ma­li­ge Trüm­mer­frau aus. End­lich kroch der klei­ne Mann aus sei­nem Ver­steck her­vor. »Oh, Scho­ko­la­de«, sagte er. »Danke.« Er steck­te sich zwei Stü­cke in den Mund und re­de­te kau­end wei­ter: »Die Frau war total nett«, stell­te er fest. Die­ses Ver­hal­ten kann­te ich schon von ihm. An der Kä­se­the­ke war es ge­nau­so. Meis­tens be­dank­te er sich, wenn wir längst im Auto saßen oder mit dem Abend­es­sen be­gon­nen hat­ten.
Dies­mal wähle ich einen neuen Weg: Liebe un­be­kann­te alte Frau – falls Sie die­sen Text lesen: Noch ein­mal herz­li­chen Dank für die Scho­ko­la­de, auch und ins­be­son­de­re von Emil!


Wei­ter­füh­ren­de In­for­ma­tio­nen:

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