Rei­se­re­por­ta­ge

Mee­res-Fee­ling in der Me­tro­po­le –
die be­lieb­ten Ber­li­ner Strand­bars

Ein Ar­ti­kel der Rei­se­jour­na­lis­tin Gu­drun Mau­rer, deren MM-City-Guide »Ber­lin« so­eben in zwei­ter Auf­la­ge er­schie­nen ist. Für die­sen News­let­ter hat sie die Strand­bars der Haupt­stadt unter die Lupe ge­nom­men, in denen man sich an son­ni­gen Som­mer­ta­gen »fast wie im Süden fühlt«.


Portrait Gudrun MaurerSchon seit ein paar Jah­ren folgt Ber­lin dem Trend, den die Mil­lio­nen­städ­te New York und Lon­don ins Leben ge­ru­fen haben: der Wie­der­ent­de­ckung des Was­sers in der Stadt. Übe­rall ist zu lesen, dass Ber­lin mehr Brü­cken hat als Ve­ne­dig, und Aus­flugs­damp­fer-Fahr­ten auf Spree und Havel sind sehr be­liebt. Re­stau­rant-Schif­fe bie­ten mitt­ler­wei­le in fast allen Stadt­tei­len ku­li­na­ri­sche Ge­nüs­se auf schwan­ken­den Plan­ken, auch die Ter­ras­sen­plät­ze der Lo­ka­le, die am Was­ser lie­gen, sind be­gehrt.
Im Jahr­hun­dert-Som­mer 2003 kam eine neue At­trak­ti­on hinzu, die sich in die­sem Jahr fest eta­bliert hat: Strand­bars nach dem Vor­bild der Ur­laubs­län­der am Mit­tel­meer. Wer an einem war­men Tag in der Haupt­stadt ist, kann sich ein paar St­un­den fast wie auf Samos, Ibiza oder an der Al­gar­ve füh­len. Ge­bräun­te, ent­spann­te Men­schen rä­keln sich in Bi­ki­ni oder Ba­de­ho­se auf Lie­ge­stüh­len, man schlen­dert bar­fuß zwi­schen Pal­men durch den Sand zu einer Bret­ter­bu­de, in der es Eis, Cai­pi­rin­ha und klei­ne Snacks gibt. Im Hin­ter­grund ist leise Musik zu hören, ab und zu fährt ein Schiff vor­bei und der Blick geht aufs glit­zern­de Was­ser – der Spree.

Und wo sind diese Pa­ra­die­se, in denen die Groß­stadt ganz weit weg zu sein scheint? Mit­ten im Zen­trum der Stadt! Los geht’s im Re­gie­rungs­vier­tel, wo man schon seit ein paar Jah­ren auf ech­tem Spree-Sand­strand die Seele bau­meln las­sen kann: im Re­stau­rant »Aus­ter«, dem ehe­ma­li­gen »River-Café« an der Rück­sei­te vom
»Haus der Kul­tu­ren der Welt« – di­rekt neben dem Kanz­ler­amt. Hier wur­den vor ein paar Jah­ren die ers­ten Ber­li­ner Kübel-Pal­men auf Sand­strand ge­sich­tet, das Mo­bi­li­ar er­in­nert aber noch an klas­si­sche Aus­flugs­gast­stät­ten. Von hier star­ten Aus­flugs­schif­fe, die zwi­schen den Re­gie­rungs-Neu­bau­ten hin­durch­fah­ren, das Reichs­tags­ge­bäu­de pas­sie­ren und dann an der Mu­se­ums­in­sel fest­ma­chen.
Von Bord kann man den Gäs­ten der Strand­bar »Bun­des­pres­se­strand« win­ken, die in die­sem Jahr zur Bun­des­tags-Kita neben dem »Paul-Löbe-Haus« um­ge­zo­gen ist. Hier sit­zen vor allem Tou­ris­ten jeden Al­ters im nicht allzu tie­fen Sand unter den Son­nen­schir­men, der Weg zur Bar ist schuh­freund­lich aus Holz­boh­len ge­baut. Wer kei­nen Strand­korb oder Lie­ge­stuhl mehr er­gat­tert, nimmt auf Holz­bän­ken Platz. Für Schat­ten sor­gen auch Zelt­dä­cher, die sogar ein paar Trop­fen von oben ab­hal­ten, wenn der Wet­ter­gott mal wie­der nicht so mit­spielt. Der halbe Liter Bier kos­tet 3,50 €, dafür gibt’s abends sogar Live-Musik. Ab­küh­lung fast wie am ech­ten Strand ist ein paar Schrit­te in Rich­tung Osten mög­lich, wo Stu­fen di­rekt in die Spree füh­ren. Baden ist na­tür­lich nicht er­laubt, aber mit den Füßen im Was­ser plant­schen sehr wohl.

We­ni­ger Tou­ris­ten und mehr hippe Mitte-Ber­li­ner und -Ber­li­ne­rin­nen, teil­wei­se mit Nach­wuchs, schlür­fen ihre Cock­tails in der Strand­bar »Mitte«, die am west­li­chen Ende des »Mon­bi­jou-Parks« nach­mit­tags in der Sonne liegt. Der Blick aus dem ge­streif­ten Lie­ge­stuhl oder von der mit­ge­brach­ten Decke ist hit­ver­däch­tig: am an­de­ren Spree­ufer liegt das »Bode-Mu­se­um«, etwas wei­ter ent­fernt sind der Ber­li­ner Dom, der Fern­seh­turm und das Rote Rat­haus zu sehen. Hier ist nicht so viel Durch­gangs­ver­kehr wie am »Bun­des­pres­se­strand«, denn kein Fuß- und Rad­weg ver­läuft zwi­schen dem Sand und der Spree. Nach­mit­tags wird zum Kaf­fee selbst ge­ba­cke­ner Ku­chen ser­viert, die Kin­der bud­deln der­weil im Sand. Hunde sind hier gar nicht gern ge­se­hen. Rich­tig voll wird es abends, wenn die Sonne hin­ter den Häu­sern ver­schwun­den ist. Dann wird die Musik auf­ge­dreht und es kommt Par­ty­stim­mung auf.

Die Kreuz­ber­ger und Fried­richs­hai­ner Szene chillt in der Strand­bar »Oststrand«, die sich hin­ter der »East-Side-Gal­le­ry« ver­steckt. Geht man vom Ost­bahn­hof Rich­tung Spree, liegt der Durch­gang zur weit­läu­fi­gen Strand­bar mit ech­tem Ur­laubs­flair etwa 300 m auf der lin­ken Seite. Ein klei­nes selbst­ge­mal­tes Schild und ein Mast mit einer Flag­ge und einem Ret­tungs­ring wei­sen den Weg. Ku­li­na­ri­scher Hö­he­punkt ist hier die Holz­ofen-Pizza, die in einem aus­ran­gier­ten Con­tai­ner zu­be­rei­tet wird. Die wirk­lich zahl­rei­chen Lie­ge­stüh­le sind bei schö­nem Wet­ter schnell be­setzt, es ist aber genug Platz, um eine mit­ge­brach­te Decke im tie­fen Sand aus­zu­brei­ten. An Bord des alten Kahns, der hier vor Anker liegt, sit­zen auf den un­ver­meid­li­chen wei­ßen Mo­no­block-Plas­tik­stüh­len, die man aus jedem Ur­laub kennt, die ech­ten Son­nen­an­be­ter. Sie ge­nie­ßen den wei­ten Blick über die glit­zern­de Spree und auf die alten In­dus­trie­ge­bäu­de am an­de­ren Ufer. Der Oststrand fällt auch hin­sicht­lich der Be­grü­nung aus dem Rah­men: statt Pal­men wur­den hier Oli­ven­bäum­chen in die Kunst­stoffkü­bel ge­pflanzt. Schließt man die Augen, fühlt man sich wie am Meer – aber das gleich­mä­ßi­ge Rau­schen kommt von der Müh­len­stra­ße hin­ter der »East-Side-Gal­le­ry«. Auf Son­nen­schir­me wird hier – viel­leicht wegen des stets we­hen­den Win­des – ver­zich­tet; wer Schat­ten sucht, kann sich unter einen Baum an der ab­schüs­si­gen Ufer­be­fes­ti­gung set­zen.

We­sent­lich ge­pfleg­ter geht es am klei­ne­ren »Stadt­strand« neben dem Amü­sier­tem­pel »Spei­cher« an der Ober­baum­brü­cke zu. Hier trinkt man Beck’s aus der Fla­sche (2,50 €) und be­nutzt brav die be­reit­ge­stell­ten Aschen­be­cher. Etwas skur­ril mutet der Jä­ger­zaun an, der vor einem un­ge­woll­ten Bad in der Spree schützt. Den gran­dio­sen Blick auf die Ober­baum­brü­cke und das Kreuz­ber­ger Re­stau­rant­schiff »Okya­nos« neh­men die Lie­bes­paa­re, die auf den ge­schäl­ten Baum­stäm­men am Ufer sit­zen, ver­mut­lich gar nicht wahr … Wei­ter hin­ten ste­hen aus­rei­chend Lie­ge­stüh­le, der Ser­vice an der me­di­ter­ran aus­staf­fier­ten Bar ist freund­lich und flink.

Stän­dig ist von »Strand« die Rede – aber kann man auch ir­gend­wo baden? Ja, im »Ba­de­schiff« an der Trep­tower Arena. Der Name »Schiff« ist etwas ir­re­füh­rend, ein rich­ti­ges Schwimm­be­cken ist hier in die Spree ein­ge­las­sen. Große Holz­ter­ras­sen, die auf Pfäh­len im Was­ser ste­hen, laden zum Son­nen­ba­den ein. Wer schnell ist, be­legt eins der bei­den gro­ßen Bet­ten oder eine der Hän­ge­mat­ten, die am Rand der Ter­ras­se bau­meln. Hier herrscht Schwimm­bad-At­mo­sphä­re; der Ba­de­meis­ter pfeift streng alle zu­rück, die auf den Rand des Schwimm­be­ckens stei­gen, von dem aus man den »Mole­cu­le Man«, die »Trep­towers« und – ganz in der Ferne – die »Ober­baum­brü­cke« sowie das »Uni­ver­sal Music-« und das »MTV-Ge­bäu­de« sieht. Sinkt die Sonne, dreht der DJ an Land die Laut­stär­ke­reg­ler hoch und die Ba­den­den wer­den zu Tän­zern. Er­in­ne­run­gen an grie­chi­sche Strand-Dis­cos kom­men auf, aber Pu­bli­kum und Sound sind na­tür­lich urban. Im Sand sind ein paar alte Blech­fäs­ser ver­teilt, die als Steh­ti­sche die­nen, Sitz­ge­le­gen­hei­ten sind rar. Aber wer bleibt hier schon sit­zen?

An­woh­ner jeden Al­ters und jeder Na­tio­na­li­tät sit­zen in der noch etwas wei­ter öst­lich ge­le­ge­nen mo­bi­len Strand­bar »Gra­pos«, die in die­sem Som­mer an den »Twin To­wers« zwi­schen Arena und Trep­tower Park steht. Hier gibt es sogar eine Be­die­nung, die an den Platz kommt. Lie­bens­wert ist die fa­mi­liä­re At­mo­sphä­re, in der Ge­trän­ke ser­viert und auf einem klei­nen Grill Würst­chen ge­grillt wer­den. Lei­der liegt der große Strand in einer Mulde, so dass man kei­nen Was­ser­blick ge­nießt.


In­for­ma­tio­nen: