Rei­se­re­por­ta­ge

Kin­der­be­sche­rung und Na­zi­ter­ror –
der Nürn­ber­ger Christ­kind­les­markt im Zei­traf­fer sei­ner Ge­schich­te.

Ein Ar­ti­kel von Ralf Nest­mey­er, dem Autor un­se­res Rei­se­hand­buchs zu Nürn­berg.


Portrait Ralf NestmeyerWenn am Frei­tag vor dem ers­ten Ad­vent das Nürn­ber­ger Christ­kind sei­nen Pro­log zur Er­öff­nung des welt­weit be­rühm­tes­ten Weih­nachts­mark­tes spricht, wer­den die Bil­der der Fei­er­lich­kei­ten in die ganze Welt über­tra­gen. Selbst den Abend­nach­rich­ten ist die Er­öff­nung einen kur­zen Bei­trag wert, sym­bo­li­siert sie doch den An­bruch der lang er­sehn­ten Weih­nachts­zeit.

Kein an­de­rer Weih­nachts­markt in Eu­ro­pa kann mit der Po­pu­la­ri­tät des Nürn­ber­ger Christ­kind­les­mark­tes mit­hal­ten. Jähr­lich kom­men mehr als zwei Mil­lio­nen Be­su­cher – teil­wei­se mit Son­der­flü­gen – in die Fran­ken­me­tro­po­le, um sich an der weih­nacht­li­chen Stim­mung zu er­freu­en. Die At­mo­sphä­re ist ge­prägt vom Ge­schäft mit der nost­al­gi­schen Sen­ti­men­ta­li­tät. »Die Christ­kindl, die Rausch­gol­den­gel, die Weih­nachts­män­ner, selbst ihre Ruten, sie waren im Kin­der­land der Phan­ta­sie ge­blie­ben und hat­ten Ver­tre­ter aus Leim und Pappe ge­schickt, die lust­los in den Buden hin­gen. Die Pup­pen­stu­ben waren Pup­pen­stu­ben aus dem so­zia­len Woh­nungs­bau«, mo­kier­te sich Wolf­gang Ko­ep­pen bei einem Spa­zier­gang durch die Bu­den­stadt. Doch kri­ti­sche Stim­men sind sel­ten – um­ne­belt von Brat­wurst­duft und Glüh­wein­schwa­den bum­meln Tau­sen­de durch die be­leuch­te­ten Gas­sen der Bu­den­stadt, be­wun­dern Christ­baum­schmuck, kau­fen »Zwetsch­gen­männ­la« und Leb­ku­chen. Nur den we­nigs­ten Be­su­chern ist al­ler­dings be­kannt, dass die Dra­ma­tur­gie des Er­öff­nungs­spek­ta­kels eine Hin­ter­las­sen­schaft des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Nürn­berg ist.

Die An­fän­ge des be­rühm­ten Mark­tes al­ler­dings rei­chen tat­säch­lich un­end­lich viel wei­ter zu­rück. Als füh­ren­de pro­tes­tan­ti­sche Reichs­stadt war Nürn­berg ge­ra­de­zu prä­des­ti­niert, einen Weih­nachts­markt ab­zu­hal­ten. Da im Zuge der Re­for­ma­ti­on alle Hei­li­gen­ver­eh­rung ab­ge­schafft wor­den war, ent­fiel auch der Brauch, die Klei­nen am Ni­ko­laus­tag zu be­sche­ren oder – falls man es als päd­ago­gisch not­wen­dig er­ach­te­te – zu züch­ti­gen. Der Dok­tor Lu­ther indes woll­te am Prin­zip der Kin­der­be­schen­kung fest­hal­ten; er ver­leg­te diese kur­zer­hand auf Weih­nach­ten und ver­pflich­te­te das »hei­li­ge Christ­kind« als Über­brin­ger der glän­zen­den Gaben. Mit Er­folg: Vor allem im pro­tes­tan­ti­schen Bür­ger­tum ent­wi­ckel­te sich im Laufe des 16. Jahr­hun­derts die Kin­der­be­sche­rung zum Mit­tel­punkt des Weih­nachts­fes­tes; in den ka­tho­li­schen Ge­bie­ten kam hin­ge­gen noch sehr lange der Ni­ko­laus.

Die erste Nach­richt einer Kin­der­be­sche­rung in Nürn­berg da­tiert ins Jahr 1559. Der Pa­tri­zi­er Pau­lus Be­haim schenk­te sei­nen Buben zwei Schlit­ten, wäh­rend sich die Töch­ter über Gür­tel, Beu­tel­ta­schen, Spie­gel und Haar­bän­der freu­en durf­ten. Meh­re­re Be­rich­te aus den nächs­ten Jahr­zehn­ten las­sen dar­auf schlie­ßen, dass der Brauch der Christ­be­sche­rung in vie­len Pa­tri­zi­er- und Bür­ger­fa­mi­li­en ge­pflegt wurde. Nicht immer waren die Ge­schen­ke so groß­zü­gig wie im Haus von Pau­lus Be­haim. Mag­da­le­ne Paum­gart­ner be­rich­te­te am 23. De­zem­ber 1591 ihrem in Lucca wei­len­den Mann, dass ihr Sohn Baltha­sar ein le­ben­di­ges Pferd und eine »rech­te Werre« (Waffe) auf sei­nen Wunsch­zet­tel ge­schrie­ben habe, sie ihm aber neue Strümp­fe kau­fen muss­te, da ihm die aus der »Meß« zu klein ge­wor­den seien. Um ihn nicht gänz­lich zu ent­täu­schen, woll­te sie den So­cken je­doch noch »Nar­ren­werk« bei­fü­gen.

Auch wenn es nicht immer leicht war, die gie­ri­gen Wün­sche der Kin­der zu er­fül­len – die Be­liebt­heit des Ri­tu­als wuchs: Am Sonn­tag vor Weih­nach­ten anno 1616 blieb Wolf­gang Lüder, dem Pfar­rer an der Se­bal­dus­kir­che, gar nichts an­de­res übrig, als die Ve­sper­pre­digt aus­fal­len zu las­sen, weil »wegen des Ein­kau­fens zum Kind­lein­be­schern keine Leut vor­han­den ge­west«.

Bei so viel ent­fes­sel­ter Kon­sum­lust muss­te fast zwangs­läu­fig ein Markt ent­ste­hen – und es ward der Nürn­ber­ger Christ­kind­les­markt. Wahr­schein­lich an der Wende zum 17. Jahr­hun­dert fand er das erste Mal statt. (Nicht, wie fälsch­li­cher­wei­se oft be­haup­tet, be­reits im Mit­tel­al­ter; noch der be­rühm­te Hans Sachs, 1494 bis 1576, er­wähnt ihn mit kei­nem Wort.) Der al­ler­ers­te ge­si­cher­te Nach­weis stammt aus dem Jahr 1628. Es ist ein un­ge­wöhn­li­ches Do­ku­ment, eine In­schrift in schwar­zer Tinte auf dem Boden einer 19 Zen­ti­me­ter lan­gen, ova­len, mit Blu­men be­mal­ten und mit Sei­den­strän­gen ge­füll­ten Span­schach­tel aus Na­del­holz: »Re­gi­na Su­san­na Harß­dörf­fe­rin von der Jung­frau Su­san­na Eleo­no­ra Erbsin zum Kind­les-Marck über­schickt 1628«.

Ob­wohl der – drei Tage wäh­ren­de – Markt in sei­nen An­fän­gen nur von re­gio­na­ler Be­deu­tung war, zog er auf­grund sei­nes welt­li­chen Cha­rak­ters schon bald al­ler­lei Kri­tik auf sich. Der Nürn­ber­ger Rat muss­te sich mehr­fach mit Ver­stö­ßen gegen die Markt­ord­nung be­fas­sen; die Geist­li­chen der Frau­en­kir­che be­schwer­ten sich wie­der­holt über den wu­se­li­gen Lärm und er­reich­ten, dass der Ver­kauf wäh­rend der sonn­täg­li­chen Got­tes­diens­te ver­bo­ten wurde. Bil­lig scheint das Ver­gnü­gen auch nicht ge­we­sen zu sein – der Nürn­ber­ger Rats­herr Georg Chris­toph Be­haim hat 1653 in sei­nem Haus­halt­buch mit gei­zi­ger Akri­bie akri­bisch jede Aus­ga­be auf dem »Kind­las­marck« fest­ge­hal­ten.

Doch Nürn­bergs Rat er­kann­te rasch den neuen Stand­ort­fak­tor: Die Öff­nungs­zeit des Christ­kind­les­mark­tes wurde er­heb­lich aus­ge­dehnt; statt we­ni­ge Tage vor Weih­nach­ten be­gann der Bu­den­ver­kauf nun all­jähr­lich am Bar­ba­ra­tag, dem 4. De­zem­ber, und en­de­te am Hei­li­gen Abend. Immer mehr Hand­wer­ker und Händ­ler ver­lang­ten eine Ver­kaufs­ge­neh­mi­gung. Be­reits in den ers­ten Akten fin­det sich der Kreis jener Händ­ler, die bis heute ihre Waren auf dem Christ­kind­les­markt feil­bie­ten. Neben Früch­te­brot und Zu­cker­wa­ren wie Mar­zi­pan und Leb­ku­chen wur­den schon da­mals Pup­pen und Holz­spiel­zeug ver­kauft.Be­son­de­rer Be­liebt­heit er­freu­ten sich zwei frän­ki­sche Krea­tio­nen: Das Zwetsch­gen­männ­la (klei­ne Fi­gu­ren aus Tro­cken­obst) und der Rausch­gol­den­gel. Letz­te­rer ist ein ty­pi­sches Pro­dukt der Re­for­ma­ti­ons­zeit: Der ka­tho­li­sche Ver­kün­dungs­en­gel wurde mit dem lu­the­ri­schen Christ­kind zu einer glän­zen­den Sym­bio­se ver­schmol­zen. Ge­wiss ist es kein Zu­fall, dass der Rausch­gol­den­gel in Nürn­berg ent­stand. Zum einen waren in der frän­ki­schen Reichs­stadt seit dem Spät­mit­tel­al­ter zahl­rei­che »Do­cken­ma­cher« (Pup­pen­ma­cher) an­säs­sig, zum an­de­ren pro­du­zier­te die im Um­land be­hei­ma­te­te »leo­ni­sche In­dus­trie« aus Mes­sing jene bil­li­gen, fein ge­schla­ge­nen Me­tall­fo­li­en, aus denen die schim­mern­den Flü­gel und das Ge­wand des Rausch­gol­den­gels ge­fer­tigt wur­den.

Der Auf­stieg des Nürn­ber­ger Mark­tes zu einer tou­ris­ti­schen Se­hens­wür­dig­keit von über­re­gio­na­ler Be­deu­tung indes be­gann erst in der bür­ger­li­chen Welt des 19. Jahr­hun­derts – bis dato hatte kein ein­zi­ger Rei­sen­der von ihm be­rich­tet –, als die Weih­nachts­ta­ge im in­ti­men Kreis der Fa­mi­lie mit jenem fei­er­li­chen Ernst ge­stal­tet wur­den, der sich bis auf den heu­ti­gen Tag er­hal­ten hat.

Die Kom­mer­zia­li­sie­rung des Fes­tes nahm dabei ste­tig zu: Zei­tun­gen of­fe­rier­ten Ge­schen­ke nicht nur für Kin­der, son­dern auch für Er­wach­se­ne; ganze Er­werbs­zwei­ge fan­den ihr Aus­kom­men in der Her­stel­lung sai­son­be­ding­ter Pro­duk­te, die nur auf dem Weih­nachts­markt ge­han­delt wur­den. Hier­von pro­fi­tier­te auch die auf­stre­ben­de In­dus­trie­stadt Nürn­berg; der Christ­kind­les­markt war ein wich­ti­ger Wer­be­trä­ger für die lo­ka­len Spiel­zeug­her­stel­ler, deren »Tand« da­mals »durch alle Land« ging.

Nur mit der ei­ge­nen Tra­di­ti­on nah­men es die Nürn­ber­ger nicht so genau. Nach­dem der Christ­kind­les­markt 1898 wegen des zu­neh­men­den Stra­ßen­ver­kehrs sei­nen an­ge­stamm­ten Platz auf dem Haupt­markt vor der Frau­en­kir­che ver­las­sen muss­te, trat er seine Wan­der­schaft durch Nürn­berg an. Der Ver­an­stal­tungs­ort wech­sel­te mehr­fach, ein paar Jahre lang wur­den die Buden auf der Insel Schütt er­rich­tet, dann am Platz vor der Lan­des­ge­wer­be­an­stalt; ei­ni­ge Male fand das weih­nacht­li­che Markt­trei­ben sogar vor den Toren der alten Mauer statt.

Zwar gab es in der Wei­ma­rer Re­pu­blik Ver­su­che, den Christ­kind­les­markt wie­der zu­rück­zu­ho­len, doch schei­ter­ten diese am hef­ti­gen Wi­der­stand der Obst- und Ge­mü­se­händ­ler; diese poch­ten aus Angst vor fi­nan­zi­el­len Ein­bu­ßen auf den ihnen ver­trags­mä­ßig zu­ge­si­cher­ten Platz im Zen­trum der Stadt.Dann kam das ver­häng­nis­vol­le Jahr 33. Der Haupt­markt wurde zu Ehren des »Füh­rers« in Adolf-Hit­ler-Platz um­be­nannt, und die Stadt der mons­trö­sen, all­jähr­lich im Sep­tem­ber statt­fin­de­nen NS-Par­tei­ta­ge soll­te zum »Schatz­käst­chen des Deut­schen Reichs« her­aus­ge­putzt wer­den. Um die­sem An­spruch bes­ser ge­recht zu wer­den, ließ Par­tei­ge­nos­se Ober­bür­ger­meis­ter Willy Lie­bel zahl­rei­che Bau­wer­ke in der »deut­sches­ten aller deut­schen Städ­te« im his­to­ri­sie­ren­den Stil ver­schö­nern – und holte den Christ­kind­les­markt 1933 auf den Haupt­markt zu­rück.

Be­reits im Au­gust des Jah­res ver­ur­teil­te Lie­bel, der sich dem »alt­deut­schen« Brauch­tum ver­pflich­tet fühl­te, in einem Zei­tungs­ar­ti­kel die eins­ti­ge Ver­le­gung »von sei­ner durch Über­lie­fe­rung ge­weih­ten Stät­te« und schrieb sie »un­deut­schen und ras­se­frem­den Ein­flüs­sen« in der Stadt­ver­wal­tung zu: »Es ist für die da­ma­li­ge Ent­wick­lung au­ßer­or­dent­lich kenn­zeich­nend, daß aus­ge­rech­net der Jude Hecht als Ge­mein­de­be­voll­mäch­tig­ter im Markt­aus­schuß die Ver­le­gung des Christ­kind­les­mark­tes auf die Insel Schütt be­an­trag­te und daß er mit die­sem Wunsch bei sei­nem Ras­se­ge­nos­sen, Ma­gis­trats­rat Kohn, au­ßer­or­dent­li­ches Ver­ständ­nis fand.«Die Ver­le­gung des Christ­kind­les­markt war, so mut­maß­te Buch­dru­cke­rei­be­sit­zer Lie­bel, eine Folge nied­ri­ger Be­weg­grün­de: »Ob den Juden Hecht und Kohn die von ihnen be­werk­stel­lig­te Be­sei­ti­gung ge­ra­de des Christ­mark­tes von der Stel­le des ehe­ma­li­gen Ghet­to nicht eine ge­wis­se Ge­nug­tu­ung war?«

Lie­bel spiel­te damit auf die Ge­schich­te des Ortes an. Denn ur­sprüng­lich, im frü­hen Mit­tel­al­ter, vor Nürn­bergs gro­ßer Zeit, war der Platz bloß eine sump­fi­ge Nie­de­rung nahe der Peg­nitz, wenig be­gehr­tes Bau­land, auf dem sich jü­di­sche Händ­ler nie­der­las­sen durf­ten. Nach­dem das Areal tro­cken­ge­legt und von einer er­wei­ter­ten Stadt­be­fes­ti­gung um­schlos­sen wor­den war, weck­te das nun­mehr im Her­zen Nürn­bergs ge­le­ge­ne Grund­stück Be­gehr­lich­kei­ten, da die Stadt bis dato über kei­nen gro­ßen Markt­platz ver­füg­te.

Karl IV., der als König zu­gleich auch obers­ter Schutz­herr der Juden war, ge­stat­te­te am 16. No­vem­ber 1349 auf Bitte des Rates nicht nur den Ab­bruch des Ju­den­vier­tels, er ver­zieh der Stadt im Vor­aus für den Fall, dass seine Schutz­be­foh­le­nen Scha­den er­lei­den soll­ten. Es kam, wie es kom­men muss­te – und en­de­te in einem wüs­ten Po­grom. Der mit einem Frei­brief aus­ge­stat­te­te Pöbel zer­stör­te das Ghet­to und be­mäch­ti­ge sich des Hab und Gut der jü­di­schen Ge­mein­de. Fast 600 Men­schen wur­den vor den Toren der Reichs­stadt auf dem Schei­ter­hau­fen ver­brannt. Nach­dem der Kai­ser, der Bi­schof von Bam­berg und die Burg­gra­fen von Nürn­berg ihren An­teil am jü­di­schen Ver­mö­gen er­hal­ten hat­ten, füll­te der Rat mit dem »Rest« die leere Stadt­kas­se auf.

Die Reichs­stadt hatte ihr Ziel er­reicht. Das jü­di­sche Ghet­to wurde nie­der­ge­ris­sen und in den größ­ten ge­pflas­ter­ten Markt­platz nörd­lich der Alpen um­ge­wan­delt. Auf den Trüm­mern der zer­stör­ten Sy­nago­ge er­rich­te­te man die Frau­en­kir­che, die mit ihrer ein­drucks­vol­len spät­go­ti­schen West­fas­sa­de seit­her den Haupt­markt do­mi­niert.

Dem En­ga­ge­ment von Ober­bür­ger­meis­ter Lie­bel – er nahm sich im April 1945 kurz vor der Ein­nah­me Nürn­bergs durch die Ame­ri­ka­ner das Leben – hat der Markt nicht nur seine heu­ti­ge Form mit den weih­nacht­lich ge­schmück­ten Zu­gangs­stra­ßen samt Lich­ter­ket­ten und Gir­lan­den, son­dern auch das Er­öff­nungs­spek­ta­kel auf der Em­po­re der Frau­en­kir­che zu ver­dan­ken. Lie­bel sel­ber er­fand ein neues Ze­re­mo­ni­ell, bei dem ein le­ben­di­ges Christ­kind, flan­kiert von zwei Rausch­gol­den­geln einen Pro­log spricht.

So kehr­te der Markt vor genau 70 Jah­ren unter gro­ßer An­teil­nah­me der Nürn­ber­ger auf den Haupt­markt zu­rück. Zum Auf­takt läu­te­ten die Kir­chen­glo­cken, ein Kin­der­chor und ein Po­sau­nen­chor in Alt­nürn­ber­ger Tracht tra­ten auf – letz­te­rer wurde, was dem Gan­zen eine be­son­ders frie­dens­brin­gen­de Note gab, von Reichs­wehr­mu­si­kern des 21. In­fan­te­rie­re­gi­ments ge­stellt. Als das Christ­kind die Em­po­re be­stieg, flamm­ten »mil­lio­nen­kerzi­ge Rie­sen­schein­wer­fer« auf und tauch­ten die »Frau­en­kir­che in tag­hel­les Licht«.

Dem Geist der neuen Zeit ent­spre­chend, fiel der über Laut­spre­cher über­tra­ge­ne Pro­log aus: »Nürn­berg! Wie lieb ich immer Dich schö­ne deut­sche Stadt, / Die ih­res­glei­chen nir­gends in deut­schen Lan­den hat. / Doch als vor vie­len Jah­ren man mei­nen Markt mir nahm / Und dann vors Tore mich jagte, da wurde ich euch gram. // Doch neue Zei­ten kamen und Deutsch­land ist er­wacht! / Und hat zu Ehren wie­der den alten Brauch ge­bracht. / An die­ser heh­ren Stät­te, die Deutsch­lands Füh­rer weih­ten, / Und wo sich Nürn­bergs Bür­ger vor­einst als Kin­der freu­ten, // Soll man all­jähr­lich wie­der zur fro­hen Weih­nachts­zeit, / Wenn jedes brave Kind­lein sich auf mein Kom­men freut, / Der Christ­markt neu ent­ste­hen, in sei­ner alten Pracht, / Und seine Schät­ze zei­gen, von em­si­ger Hand ge­macht.«

Wäh­rend der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft ver­wan­del­te sich der Haupt­markt mit dem be­rühm­ten Schö­nen Brun­nen in eine Bühne für Auf­mär­sche und an­de­re Macht­de­mons­tra­tio­nen. Als am 10. Mai 1933 in vie­len deut­schen Städ­ten »jü­disch-mar­xis­ti­sche, volks­zer­set­zen­de und un­deut­sche« Bü­cher öf­fent­lich ver­brannt wur­den, fla­cker­te der Nürn­ber­ger Schei­ter­hau­fen na­tür­lich auf dem Haupt­markt. Zum fes­ten Ablauf der Reichs­par­tei­ta­ge ge­hör­te der stets am sieb­ten Tag statt­fin­den­de »Tag der SA«, des­sen Hö­he­punkt ein Mas­sen­auf­marsch des »Brau­nen Hee­res« durch die Alt­stadt bil­de­te. Und Adolf Hit­ler wähl­te wie­der­um kei­nen an­de­ren Ort als die­sen, um vor den Ka­me­ras der Wo­chen­schau und der Welt­pres­se im of­fe­nen Wagen ste­hend, die Hand zum »deut­schen Gruß« er­ho­ben, die meh­re­re St­un­den wäh­ren­de Pa­ra­de ab­zu­neh­men. Selbst­ver­ständ­lich fand auch die öf­fent­li­che Ver­kün­dung der 1935 auf dem »Reichs­par­tei­tag der Frei­heit« ver­ab­schie­de­ten Nürn­ber­ger Ge­set­ze, die den Juden auf­grund ihrer »Bluts­zu­ge­hö­rig­keit« die deut­sche Staats­bür­ger­schaft vor­ent­hiel­ten, auf dem Adolf-Hit­ler-Platz statt.

Unter dem al­li­ier­ten Bom­bar­de­ment fiel Nürn­bergs Fach­werk­herr­lich­keit in Schutt und Asche. Die Sie­ges­pa­ra­de der Al­li­ier­ten wurde zwar am Haupt­markt ab­ge­hal­ten, der Christ­kind­les­markt muss­te aber in die Vor­stadt Gos­ten­hof aus­wei­chen, da die Alt­stadt zu vier Fünf­teln zer­stört war.Als 1948 der Wie­der­auf­bau be­gann und der ad­vent­li­che Markt an sei­nem ge­wohn­ten Platz er­öff­net wurde, emp­fan­den dies viele Nürn­ber­ger als eine Rück­kehr zur Nor­ma­li­tät. Still­schwei­gend hielt man an der Nazi-Ins­ze­nie­rung der Er­öff­nung fest, mit Christ­kind und Pro­log, als sei es ur­al­ter Brauch. Der ein­zi­ge Un­ter­schied zur Vor­kriegs­zeit war nur, dass der Po­sau­nen­chor vom Christ­li­chen Ver­ein Jun­ger Män­ner ge­stellt wurde und der Kin­der­chor statt »Stil­le Nacht, hei­li­ge Nacht« jetzt »O du fröh­li­che, o du see­li­ge, gna­den­brin­gen­de Weih­nachts­zeit« in­to­nier­te. Als »Christ­kind« fun­gier­te die Volks­schau­spie­le­rin Sofie Kee­ser, deren neuer, po­li­tisch un­ver­fäng­li­cher Pro­log aus der Feder von Fried­rich Brö­ger – einem Sohn des Ar­bei­ter­dich­ters Karl Brö­ger – stamm­te. Die Nürn­ber­ger Nach­rich­ten zeig­ten sich be­geis­tert: »End­lich haben wir un­se­ren ge­lieb­ten Christ­kind­les­markt wie­der – wer soll­te sich da nicht freu­en?«

Seit­her hat das vor­weih­nacht­li­che Nürn­ber­ger Groß­er­eig­nis nur noch leich­te Ve­rän­de­run­gen er­fah­ren. Um dem An­sturm der Be­su­cher bes­ser be­geg­nen zu kön­nen, be­schloss der Stadt­rat vor drei Jahr­zehn­ten, die Er­öff­nung auf den letz­ten Frei­tag vor dem 1. Ad­vent vor­zu­ver­le­gen. Um Punkt 17.30 Uhr tritt das »Christ­kind« auf die Em­po­re. Al­ler­dings ist es keine Schau­spie­le­rin mehr, die den Pro­log spricht. Seit 1969 wird die from­me Stel­le öf­fent­lich aus­ge­schrie­ben; Nürn­bergs Schü­le­rin­nen dür­fen sich be­wer­ben. Die Zei­tun­gen stel­len die Kan­di­da­tin­nen vor; an­schlie­ßend wird per Le­ser­wahl ab­ge­stimmt, bevor eine Jury für zwei Jahre ein »un­ver­fälsch­tes na­tür­li­ches Kind« aus dem Volk zum Christ­kind ge­kürt.

Nur ein­mal, 1993, sorg­te die Wahl für auf­ge­reg­te Schlag­zei­len: Ein jun­ger Mann hatte es näm­lich ge­wagt, sich zu be­wer­ben. Von der Re­gio­nal­pres­se an­fangs ver­lacht, lan­de­te er schließ­lich zu­sam­men mit dem »ech­ten« Christ­kind in einer Fern­seh­show. Das war es dann aber auch schon. Denn selbst­ver­ständ­lich bleibt Nürn­bergs Christ­kind weib­lich und rausch­gol­den, nicht rau­sche­bär­tig. Nur so rich­tig deutsch geht es auch in der deut­sches­ten aller deut­schen Städ­te nicht mehr zu. Das Christ­kind des Jah­res 2001 und 2002 hieß Ma­ri­sa San­chez. Und wer weiß, viel­leicht wird eines Tages sogar ein un­ver­fälsch­tes na­tür­li­ches Tür­ken­kind auf der Em­po­re ste­hen. Schön wäre es, denn so hatte es sich der Par­tei­ge­nos­se Lie­bel ge­wiss nicht vor­ge­stellt.