Rei­se­re­por­ta­ge

Sight­see­ing bei Hitze.
Eine klei­ne »Kreuz­fahrt« von Genf nach Lau­sanne

Ein Ar­ti­kel von Bar­ba­ra Rei­ter, der Au­to­rin des Rei­se­füh­rers »Gen­fer­see­re­gi­on« (zu­sam­men mit Micha­el Wi­stu­ba). Sie emp­fiehlt eine Schiffs­rei­se am Gen­fer See, um den hei­ßen Som­mer­ta­gen in der süd­west­li­chen Ecke der Schweiz ein Schnipp­chen zu schla­gen. Dabei kön­nen zum Bei­spiel die Bau­ten der Belle-Epo­que, die höchs­te Was­ser­fon­tä­ne der Welt und der mäch­ti­ge Fels­rü­cken des Grand Salè­ve an Deck eines Schau­fel­rad­damp­fers eben­so wie die Vil­len von Öl­scheichs und mil­li­ar­den­schwe­ren Un­ter­neh­mern be­staunt wer­den.


Portrait Barbara ReiterWenn die Sonne im Hoch­som­mer die Ufer des Gen­fer Sees er­hitzt und die Be­we­gungs­freu­de er­lahmt, dann gibt es für Rei­sen­de in der Re­gi­on einen Aus­weg: die Kreuz­fahrt mit einem nost­al­gi­schen Schau­fel­rad­damp­fer über den See. Man sitzt auf weiß ge­stri­che­nen Holz­bän­ken ent­spannt im küh­len­den Fahrt­wind und lässt die Se­hens­wür­dig­kei­ten des Lac Léman vor­über­zie­hen. Emp­feh­lens­wert ist der Kurs Nr. 10 im Som­mer­fahr­plan der Li­ni­en­schif­fe (Juni bis Mitte Sep­tem­ber), der täg­lich von Genf über Nyon und Yvoi­re bis Lau­sanne be­fah­ren wird – und zwar zu rund 25 € (mit SBB-Halb­preis­kar­te für den hal­ben Preis).

In der Genfer Hafenbucht
In der Gen­fer Ha­fen­bucht
Zum Ein­satz kommt einer der fünf ele­gant ge­schwun­ge­nen und weiß ge­stri­che­nen Schau­fel­rad­damp­fer der Gen­fer­see­flot­te. Zwei Decks, das obere für Erste-Klas­se-Fah­rer, ein hoher, hell­brau­ner Schorn­stein und eine rie­si­ge Flag­ge mit Schwei­zer Kreuz am Heck sind seine Mar­ken­zei­chen. Der Name des Schif­fes prangt in ver­gol­de­ten Let­tern an den seit­li­chen Schau­fel­rad­käs­ten. Auf dem Kurs ver­kehrt die »Rhône«, die schon seit 1927 auf dem See un­ter­wegs ist, ab­wech­selnd mit der »Sim­plon«, einem Dampf­schiff, das seit 1920 den See be­fährt und nach Re­pa­ra­tur- und Re­vi­si­ons­ar­bei­ten seit Juli 2005 wie­der in neuem Glanz er­strahlt. Von den üb­ri­gen drei Schau­fel­rad­damp­fern der Gen­fer­see­flot­te sind »La Sa­vo­ie« (1914) und »Mon­treux« (1904) auf See zu er­le­ben. »La Suis­se« (1910) wird nach einer um­fas­sen­den Ver­schö­ne­rung erst 2009 die Werft in Lau­sanne-Ouchy wie­der ver­las­sen.

Dampfschiff am Genfer See
Dampf­schiff am Gen­fer See
Mit lau­tem Pfiff legt der Damp­fer um 10 Uhr von der Gen­fer An­le­ge­stel­le Mont-Blanc ab. Die Ma­schi­nen stamp­fen im schnel­ler wer­den­den Rhyth­mus, die Gischt, von den Schau­fel­rä­dern auf­ge­wühlt, glit­zert tür­kis-weiß. Die Fahrt aus der Gen­fer Ha­fen­bucht, deren Form oft mit einem Am­phi­thea­ter ver­gli­chen wird, ist ein ein­ma­li­ges Er­leb­nis: Die Ufer säu­men präch­ti­ge Bau­ten aus der Belle-Epo­que, im Hin­ter­grund er­hebt sich die Alt­stadt mit der go­ti­schen Ka­the­dra­le St-Pier­re vor dem mäch­ti­gen Fels­rü­cken des Grand Salè­ve, des Gen­fer Haus­ber­ges. Am Wahr­zei­chen der Stadt, der 145 m hohen Was­ser­fon­tä­ne, deren Höhe kein an­de­rer Spring­brun­nen der Welt er­reicht, glei­tet der Damp­fer haut­nah vor­bei. Schräg ge­gen­über tum­meln sich die Ba­den­den auf einer mit einem wei­ßen Leucht­turm ver­se­he­nen Mole. Sie ist Teil der »Bains des Pâquis«, nost­al­gi­sches und wohl ein­zi­ges See­bad im Zen­trum einer Groß­stadt. Bald rü­cken die Ufer aus­ein­an­der und weit­flä­chi­ge Park- und Gar­ten­an­la­gen be­stim­men ihr Bild. Der Kurs des Damp­fers hält ans nörd­li­che Ufer, wo sich schmu­cke Vil­len, klei­ne Schlöss­chen, ge­die­ge­ne Re­si­den­zen und feu­da­le Land­sit­ze an­ein­an­der­rei­hen. Ihre Be­sit­zer sind Öl­scheichs oder mil­li­ar­den­schwe­re Un­ter­neh­mer aus dem ara­bi­schen Raum, die oft nur we­ni­ge Tage am See ver­wei­len. Der Schiffs­rei­sen­de darf sich wie ein Pa­pa­raz­zo füh­len – nur vom Was­ser kann man einen Blick auf die zum See hin aus­ge­rich­te­ten An­we­sen wer­fen, deren Stra­ßen­sei­te hohe Mau­ern vor neu­gie­ri­gen Bli­cken schüt­zen.

Yvoire
Yvoi­re
Gegen 11.40 Uhr nä­hert sich der Damp­fer der alten Rö­mer­stadt Nyon. Von Bord aus kann man drei rö­mi­sche Säu­len in der er­höht ge­le­ge­nen Alt­stadt ent­de­cken und un­weit das fünf­tür­mi­ge, weiß ge­tünch­te Cha­teau aus dem 12. Jh. Es thront über dem süd­län­disch an­mu­ten­den Ufer­vier­tel »Quar­tier de Rive«, wo es zwi­schen der baum­be­stan­de­nen Ufer­pro­me­na­de und den Gast­gar­ten­schir­men von Tou­ris­ten wim­melt, die alle das Schiff er­war­ten. Der Damp­fer grüßt mit einem lau­ten Tuten, Möwen schwir­ren, Was­ser, das von den rück­wärts lau­fen­den Schau­fel­rä­dern auf­ge­wir­belt wird, schäumt auf und dann schlägt das Schiff seit­lich an die Prell­pfäh­le der An­le­ge­stel­le. Ein Ma­tro­se springt an Land, wi­ckelt die Taue um die Pol­ler und rollt die Fuß­gän­ger­brü­cke, die Pas­se­rel­le, aus. Viele wol­len an Bord, ihr Ziel ist das Mit­tel­al­ter­städt­chen Yvoi­re am fran­zö­si­schen Süd­ufer ge­gen­über, das zu den schöns­ten Dör­fern Frank­reichs zählt. Eine Über­fül­lung des Schif­fes ist aber nicht zu be­fürch­ten, denn auf den Damp­fern des Gen­fer­sees haben rund 800 Pas­sa­gie­re Platz, die »Sim­plon« und »La Suis­se« trägt gar 1000 Per­so­nen. Die Über­fahrt nach Frank­reich dau­ert 20 Mi­nu­ten, die klei­ne Tri­ko­lo­re am Bug­mast des Schif­fes be­kommt nun ihre Be­rech­ti­gung und er­in­nert daran, dass 40 % der See­flä­che Frank­reich ge­hö­ren. Die An­nä­he­rung an Yvoi­re ist von den Ahs und Ohs der Hob­by­fo­to­gra­fen be­glei­tet. Mo­ti­ve gibt’s genug: Ein klei­ner Jacht­ha­fen, blu­men­ge­schmück­te St­ein­häu­ser mit dun­kel­brau­nen Fens­ter­lä­den, ein mäch­ti­ges, türm­chen­be­wehr­tes Schloss di­rekt am Was­ser. Fast alle, die in Nyon an Bord ge­kom­men sind, ver­las­sen das Schiff wie­der. Viele von ihnen steu­ern di­rekt eines der ein­la­den­den Ha­fen­re­stau­rants an, wo sie ihr Mit­tag­es­sen zu ge­rin­ge­ren Prei­sen als am an­de­ren Ufer ge­nie­ßen wol­len.

Für die üb­ri­gen Pas­sa­gie­re geht es mit Voll­dampf ans Schwei­ze­ri­sche Ufer zu­rück. Es ist Zeit, einen Blick in die mit einem Ge­län­der ge­si­cher­te große Öff­nung im Haupt­deck zu wer­fen, wo die be­ein­dru­cken­de Dampf­ma­schi­ne mit Schei­ben und Stan­gen jetzt ganze Ar­beit leis­tet. Mit­tels der bei­den Schau­fel­rä­der treibt sie das Schiff an; bei einer Leis­tung von meh­re­ren Hun­dert Ki­lo­watt kön­nen bis zu 20 km pro St­un­de er­reicht wer­den.

Hafen von Rolle
Hafen von Rolle
Im Hafen von Rolle steu­ert das Schiff zwi­schen dem Ufer und einer be­fes­tig­ten Insel hin­durch, legt um 12.20 Uhr an und ge­währt bei der Wei­ter­fahrt eine schö­ne Sicht auf das ört­li­che Schloss mit sei­nen wuch­ti­gen Tür­men. Im Hin­ter­grund stei­gen sanft die Hänge von La Côte an, von Wein­gär­ten durch­zo­gen und mit schmu­cken Win­zer­häu­sern be­setzt. Bis zum nächs­ten se­hens­wer­ten Schloss in Mor­ges ist das Schiff noch 50 Mi­nu­ten ent­lang der Küste un­ter­wegs, eine Zeit, die man für ein Mit­tag­es­sen im Bor­dre­stau­rant nut­zen kann. Wie die meis­ten an­de­ren Bur­gen der Re­gi­on wurde das Châ­teau in Mor­ges, ein recht­ecki­ges Boll­werk mit vier run­den Tür­men von den Sa­voy­ern im 14. Jh. er­rich­tet. Heute be­her­bergt es drei Mu­se­en zur Mi­li­tär­ge­schich­te des Kan­tons. An der Ufer­pro­me­na­de, wo der Damp­fer an­legt, herrscht reges Leben. »Quai du Mont-Blanc« ist ihr Name, weil sich von ihr ein schö­ner Blick über den See auf den stets schnee­be­deck­ten, höchs­ten Berg­gip­fel Eu­ro­pas bie­tet. An hei­ßen Som­mer­ta­gen ist die­ser Ge­nuss je­doch meist nur bei kla­rer Sicht in den Mor­gen­stun­den oder im Abend­licht mög­lich.

Von Mor­ges bis Lau­sanne be­nö­tigt das Dampf­schiff noch knapp eine halbe St­un­de. Die Olym­pi­sche Haupt­stadt kün­digt sich mit zahl­rei­chen Ba­de­plät­zen an, wie dem brei­ten Sand­strand von Vidy und dem gro­ßen Strand­bad von Bel­le­ri­ve – an hei­ßen Tagen geht es hier rich­tig rund! Lau­sanne er­streckt sich vom Ufer weg über 300 Hö­hen­me­ter, von der Mitte des dicht be­bau­ten Han­ges grüßt der Turm der Ka­the­dra­le, die zu den be­deu­tends­ten früh­go­ti­schen Sa­kral­bau­ten Eu­ro­pas zählt. Wer will, kann hier in ein an­de­res Schiff um­stei­gen und bis ans Os­ten­de des Gen­fer Sees wei­ter fah­ren.

Olympische Hauptstadt Lausanne
Olym­pi­sche Haupt­stadt Lau­sanne
Wer gerne wie­der Land unter den Füßen spürt, geht kurz vor 14 Uhr in Lau­sanne von Bord – und be­fin­det sich mit­ten in Ouchy. So heißt das quir­li­ge Ufer­vier­tel der Stadt. Es bie­tet ein neo­go­ti­sches Schloss­ho­tel, ge­pfleg­te Pro­me­na­den, schmu­cke Café-Re­stau­rants und die prot­zi­gen Pa­läs­te des Beau-Ri­va­ge, des füh­ren­den Ho­tels der Schweiz. Bevor es mit dem Zug oder um 18.30 Uhr wie­der per Dampf­schiff nach Genf zu­rück geht, soll­te man noch das be­rühm­te Olym­pi­sche Mu­se­um be­su­chen, das nah am Ufer in einer schö­nen Park­an­la­ge ge­le­gen ist. Es zeigt wech­seln­de Aus­stel­lun­gen und ver­fügt über eine tolle Klima-An­la­ge!


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