Rei­se­re­por­ta­ge

Keine Hei­di­land-Idyl­le.
Grau­bün­den denkt öko­lo­gisch

Mar­cus X. Schmid, der Autor der Neu­auf­la­ge »Grau­bün­den« war seit jeher von die­sem Land­strich be­geis­tert. In sei­nem Ar­ti­kel be­rich­tet er von der be­son­de­ren Natur, die im Ge­gen­satz zu zahl­rei­chen Län­dern des Sü­dens ge­ach­tet wird – so sehr, dass selbst die Schwie­ger­mut­ter von Ber­lus­co­ni Pro­ble­me kriegt …


Portrait Marcus X. SchmidSchul­aus­flü­ge und Fe­ri­en­la­ger für Ju­gend­li­che waren für den Autor die frü­hes­ten Be­geg­nun­gen mit Grau­bün­den. Spä­ter kamen pri­va­te Rei­sen und Be­su­che bei Freun­den dazu. Und noch­mals spä­ter ver­spür­te er Lust, die­sen viel­fäl­ti­gen Schwei­zer Kan­ton in einem Rei­se­hand­buch vor­zu­stel­len, in die hin­ters­ten der an­geb­lich 150 Täler vor­zu­drin­gen, jeden Stein der Bünd­ner Berg­welt um­zu­dre­hen, um ihr mög­lichst viele Ge­heim­nis­se zu ent­lo­cken. Um einen Land­strich ken­nen­zu­ler­nen, kann man auf ver­schie­de­ne Arten vor­ge­hen, der re­cher­chie­ren­de Autor be­schränkt sich nicht auf eine ein­zi­ge. Eine aus­ge­zeich­ne­te Me­tho­de ist das Wan­dern, zumal es auch der Kon­tem­pla­ti­on för­der­lich ist. So haben denn 19 Wan­der­vor­schlä­ge (alle mit GPS kar­tiert) in das Buch Ein­gang ge­fun­den.


Die Natur als Rah­men für das Grau­bün­den­bild

Der Autor hat bei sei­nen Streif­zü­gen durch das som­mer­li­che Grau­bün­den vie­les wie­der­er­kannt, was sich ihm von frü­he­ren Auf­ent­hal­ten als Er­in­ne­rung ins Ge­dächt­nis ge­brannt hat. Die Berg­ket­ten sind selbst­ver­ständ­lich die glei­chen ge­blie­ben. Ge­blie­ben sind auch die schat­ti­gen Schluch­ten, die glas­kla­ren, gur­geln­den Bäche, die sat­ten Wie­sen, die üp­pi­ge Flora, der oft strah­lend blaue Him­mel, die reine Berg­luft, die der Wan­de­rer gerne tief ein­at­met. Die Natur ist der Rah­men für das Grau­bün­den­bild des Au­tors.
Der Rah­men bleibt, das Bild wird alle zwei bis drei Jahre auf­ge­frischt. Ak­tua­li­tät zählt schließ­lich zu den obers­ten Ge­bo­ten eines Rei­se­hand­buchs: Vor­schlä­ge, wo man gut schläft und wo man gut isst und was man nicht ver­pas­sen soll­te – Hin­wei­se also zu einem mög­lichst ge­nuss­rei­chen (und preis­wer­ten) Auf­ent­halt. Zur Ak­tua­li­tät eines Rei­se­hand­buchs ge­hört aber auch die Darstel­lung der re­gio­na­len Ent­wick­lun­gen im öko­no­mi­schen, öko­lo­gi­schen und po­li­ti­schen Be­reich.


För­de­rung des sanf­ten Tou­ris­mus und Ein­schrän­kung des Zweit­woh­nungs­baus

Der Kan­ton ist im Um­bruch. Viel Po­si­ti­ves ist zu be­rich­ten. Das öko­lo­gi­sche Be­wusst­sein ist auf dem Vor­marsch. Be­reits meh­re­re Bünd­ner Ho­tels wur­den mit den be­gehr­ten »St­ein­bö­cken« aus­ge­zeich­net, dem Label für öko­lo­gi­sche Be­triebs­füh­rung. Im Aver­ser Rhein­tal haben sich sämt­li­che Land­wir­te der »Na­tu­ra-Beef«-Pro­duk­ti­on ver­pflich­tet; sie pro­du­zie­ren Mar­ken­fleisch auf den Grund­la­gen einer na­tür­li­chen Tier­hal­tung. Das hin­ter dem Na­tio­nal­park ge­le­ge­ne Müns­ter­tal mit sei­nen sechs Dör­fern wird dem­nächst zur »Bio­sphä­re« er­klärt wer­den, die ein nach­hal­ti­ges Mit­ein­an­der von Wirt­schaft, Kul­tur und Natur er­mög­li­chen soll. Im ab­ge­schie­de­nen Sa­fi­en­tal wird die Ent­wick­lung eines sanf­ten Tou­ris­mus dis­ku­tiert. Auch die bünd­ne­ri­sche und eid­ge­nös­si­sche Ver­kehrs­po­li­tik hat ge­lernt: Die meis­ten Prät­ti­gau­er Dör­fer wer­den bald vom Durch­gangs­ver­kehr ver­schont sein. Die so­ge­nann­te Al­pen­in­itia­ti­ve schreibt eine Ver­la­ge­rung des al­pen­que­ren­den Gü­ter­ver­kehrs von der Stra­ße auf die Schie­ne vor, in der Valle Me­sol­ci­na wird man auf­at­men.
Doch soll auch die Kehr­sei­te der Me­dail­le nicht ver­schwie­gen wer­den: Im son­ni­gen Obe­ren­ga­din, tou­ris­ti­sche To­pre­gi­on und Ski­fah­rer-Pa­ra­dies, hat der Zweit­woh­nungs­bau ei­ni­ge Orts­bil­der ver­än­dert. Häu­ser, die kaum einen Monat im Jahr be­wohnt wer­den, brau­chen Zu­fahrts­stra­ßen, elek­tri­sche Lei­tun­gen, Park­plät­ze und was der Wohn­kom­fort sonst noch alles an Rah­men­be­din­gun­gen for­dert. Die Obe­ren­ga­di­ner Be­völ­ke­rung hat in­zwi­schen re­agiert, der Zweit­woh­nungs­bau soll ein­ge­schränkt wer­den. Der Auf­kauf von Im­mo­bi­li­en durch be­tuch­te Aus­län­der, die im Kan­ton einen Fe­ri­en­sitz su­chen, wird auf eid­ge­nös­si­scher Ebene durch die so­ge­nann­te Lex Kol­ler ein­ge­schränkt. Das be­kommt ge­gen­wär­tig auch die Schwie­ger­mut­ter des schwer­rei­chen, ab­ge­wähl­ten ita­lie­ni­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Ber­lus­co­ni zu spü­ren, die sich eine statt­li­che Villa im ober­en­ga­di­ni­schen S-chanf re­no­vie­ren las­sen will.


Na­tür­li­che Schön­heit als Ka­pi­tal

Die Bünd­ner wis­sen, dass die Schön­hei­ten ihres Kan­tons ihr größ­tes wirt­schaft­li­ches Ka­pi­tal sind und dass es gilt, sie den kom­men­den Ge­ne­ra­tio­nen zu er­hal­ten. Grau­bün­den be­wegt sich – nicht rück­wärts in eine die Ver­gan­gen­heit ver­klä­ren­de Hei­di­land-Idyl­le, son­dern vor­wärts in die Zu­kunft. Es ob­liegt dem Autor, die­sen Be­we­gun­gen auf der Spur zu blei­ben.