Rei­se­re­por­ta­ge

Vom Schiffs­mas­ten­wald zum Yo­ghurt­be­cher –
Ein Be­such in Le Havre

Die Nor­man­die hat es un­se­rem Frank­reich-Ex­per­ten Ralf Nest­mey­er an­ge­tan: Un­längst ist seine gleich­na­mi­ge Erst­auf­la­ge er­schie­nen. Für den neuen Rei­se­füh­rer ist der Rei­se­jour­na­list nach Le Havre ge­reist – und hat eine auf dem Reiß­brett ent­wor­fe­ne Stadt be­sich­tigt, die eine ei­gen­tüm­li­che Fas­zi­na­ti­on für einen Kurz­trip aus­strahlt. Nicht grund­los wird die von mo­der­nen, au­ßer­ge­wöhn­li­chen Ar­chi­tek­tur­tem­peln ge­präg­te Kul­tur­me­tro­po­le seit 2005 auf der be­gehr­ten UNESCO-Liste ge­führt.


Portrait Ralf NestmeyerDer Wind pfeift kalt durch die Stra­ßen­fluch­ten, so dass man die Schul­tern zu­sam­men­zieht und den Kra­gen hoch­stülpt. Ein un­ge­müt­li­cher Som­mer­tag, am Mor­gen hatte es noch ge­reg­net und auf dem nas­sen As­phalt spie­geln sich die Wol­ken. Ein paar Möwen krei­schen, und die brei­ten Al­le­en mit ihren ab­wei­sen­den Häu­ser­fron­ten bie­ten kaum Schutz gegen die hef­ti­gen Wind­bö­en, die über den Är­mel­ka­nal fegen. Wie ein über­di­men­sio­na­ler Si­gnal­mast weist der mar­kan­te, mehr als hun­dert Meter hohe Turm der Saint-Jo­seph-Kir­che den Weg vom Yacht­ha­fen in die In­nen­stadt von Le Havre. Doch je näher man kommt, desto ba­na­ler wirkt die Ar­chi­tek­tur des in den 1950er-Jah­ren er­rich­te­ten Be­ton­baus mit sei­nen aber­tau­sen­den bun­ten Glas­fens­tern.
Dass der 200 km wei­ter west­lich ge­le­ge­ne Mont Saint-Mi­chel zum Welt­kul­tur­er­be der UNESCO ge­hört, ist ge­mein­hin be­kannt. Dass aber Le Havre als zwei­ter nor­man­ni­scher Ort in die­sen ehr­wür­di­gen Kreis auf­ge­nom­men wurde, ruft auf den ers­ten Blick Ver­wun­de­rung her­vor.


Die schwer be­schä­dig­te Ein­gangs­pfor­te zum eu­ro­päi­schen Kon­ti­nent

Eine filigrane Fußgängerbrücke spannt sich über das Hafenbecken von Le Havre
Eine fi­li­gra­ne Fuß­gän­ger­brü­cke spannt sich über das Ha­fen­be­cken von Le Havre
Le Havre ist eine Stadt vom Reiß­brett: Im Jahre 1517 von dem fran­zö­si­schen König François I. ge­grün­det – der Hafen von Hon­fleur droh­te immer mehr zu ver­san­den, zudem woll­te man die Sei­ne­mün­dung mi­li­tä­risch ab­si­chern –, ent­wi­ckel­te sich Le Havre nach ver­hal­te­nen An­fän­gen zu einer für den fran­zö­si­schen Über­see­han­del sehr wich­ti­gen Hafen- und Han­dels­stadt. Schon Vic­tor Hugo rühm­te den »Schiff­mas­ten­wald«, der hier vor Anker lag. Spä­ter leg­ten die von New York kom­men­den gro­ßen Trans­at­lan­tik­damp­fer, von Schlepp­käh­nen es­kor­tiert, an den Ha­fen­kais an: die Stadt war die Ein­gangs­pfor­te zum eu­ro­päi­schen Kon­ti­nent.

Fa­ta­ler­wei­se ge­riet Le Havre im Zwei­ten Welt­krieg auf­grund sei­ner Be­deu­tung als Ha­fen­stadt in den Fokus der Al­li­ier­ten. Die Bom­bar­de­ments der eng­li­schen Luft­waf­fe leis­te­ten aus stra­te­gi­schen Grün­den ganze Ar­beit. In­ner­halb kür­zes­ter Zeit lag Le Havre in Schutt und Asche, ob­wohl sich die Deut­schen ober­halb der Stadt ver­schanzt hat­ten.

Mehr als 5.000 Ein­woh­ner kamen bei den Luft­an­grif­fen ums Leben und der dem Hafen zu­ge­wand­te, his­to­ri­sche Teil von Le Havre wurde voll­kom­men zer­stört. Es ist kaum mög­lich, mehr als zehn Häu­ser zu ent­de­cken, die älter als 50 Jahre sind; ein­zig die schwer­be­schä­dig­te Ca­thédra­le Notre-Dame wurde wie­der in­stand­ge­setzt.

Als der Schrift­stel­ler Ju­li­en Green im Sep­tem­ber 1945 nach Le Havre kam, zeig­te er sich tief be­trof­fen: »Ein ent­setz­li­cher An­blick: Große, völ­lig ver­las­se­ne Stadt; lange Rei­hen lee­rer Häu­ser, die kurz vor dem Ein­sturz ste­hen. Stra­ßen um Stra­ßen, und nie­mand auf die­sen Stra­ßen. Im zer­stör­ten Hafen eine von den Ame­ri­ka­nern in­stal­lier­te Ha­fen­mau­er aus Me­tall.« Wer heute durch das eins­ti­ge Ha­fen­vier­tel von Le Havre streift, braucht viel Phan­ta­sie, um sich vor­zu­stel­len, dass Jean-Paul Sart­re 1931 wäh­rend sei­ner Zeit als Phi­lo­so­phie­leh­rer in Le Havre seine Liebe zu den Cafés ent­deckt haben soll.

Di­rekt beim Fisch­markt kann man noch eines der alten Kauf­manns­häu­ser be­wun­dern; es ist eines der un­ge­wöhn­lichs­ten Häu­ser Frank­reichs und geht auf Fe­stungs­bau­meis­ter Paul-Mi­chel Thi­bault zu­rück (1790), der einen un­ge­wöhn­li­chen acht­ecki­gen Licht­hof ins Zen­trum sei­nes vier­stö­cki­gen Hau­ses rück­te, um den herum er die Zim­mer kreis­för­mig an­ord­ne­te. Nach sei­nem Tod 1799 er­warb ein rei­cher Kauf­mann das Haus, der die Ein­rich­tung des Ge­bäu­des um­fas­send er­neu­er­te. Hin­ter einer klas­si­zis­ti­schen Fas­sa­de er­war­tet den Be­su­cher heute ein mär­chen­haft an­mu­ten­des In­te­ri­eur mit Küche, Le­se­zim­mer, Bi­blio­thek, Kar­ten­raum, Salon, Al­ko­ven­schlaf­zim­mer und Gäs­te­zim­mer, al­le­samt reich ver­ziert, sowie zwei Trep­pen­häu­sern.


Über­sicht­lich­keit, Ein­fach­heit und Hel­lig­keit:
250 Hekt­ar für 60.000 Men­schen

Plan­stadt zwei­ter Teil: Für den Pa­ri­ser Ar­chi­tek­ten Au­gus­te Per­ret (1874-1954) war die Trüm­mer­wüs­te, die der Zwei­te Welt­krieg hin­ter­las­sen hatte, die große Her­aus­for­de­rung sei­nes Le­bens: Ba­sie­rend auf den Grund­prin­zi­pi­en Über­sicht­lich­keit, Ein­fach­heit und Hel­lig­keit schuf der »Meis­ter des Stahl­be­tons« auf einer Flä­che von 250 Hekt­ar ein neues Stadt­zen­trum, das mit sei­nem durch­dach­ten Ver­hält­nis von be­bau­ten und un­be­bau­ten Flä­chen als ge­lun­gen be­zeich­net wer­den kann. Das Zen­trum be­steht aus 200 qua­dra­ti­schen Häu­ser­blö­cken mit de­zen­ter Or­na­men­tik, die der Höhe nach an­ge­ord­net sind und eine Sei­ten­län­ge von je 100, 50 oder 25 Me­tern be­sit­zen. Ins­ge­samt ent­stand ab 1947 Wohn­raum für 60.000 Men­schen sowie Ver­wal­tungs­ge­bäu­de, Schu­len, Kir­chen und Ha­fen­an­la­gen.

Die brei­ten Stra­ßen­fluch­ten von Le Havre sind zwar nicht der rich­ti­ge Ort, um einen Jah­res­ur­laub zu ver­brin­gen, doch wenn man sich auf das an­fäng­lich un­zu­gäng­li­che Stadt­bild ein­lässt, stellt sich eine ge­wis­se Fas­zi­na­ti­on ein. Vor allem die über­dach­ten Ga­le­ri­en ent­lang der Rue de Paris laden zum Bum­meln ein, sind sie doch der Pa­ri­ser Rue de Ri­vo­li nach­emp­fun­den. Es gibt aber auch kri­ti­sche Stim­men, die Per­ret vor­wer­fen, die Stadt ihrer Seele be­raubt zu haben. Und rich­tig: Über vie­len Stra­ßen­zü­gen liegt eine ei­gen­ar­ti­ge Leere. Be­trach­tet man die für Frank­reich über­ra­schend nied­ri­gen Woh­nungs­prei­se in Le Havre, so scheint sich auch keine be­son­de­re Be­geis­te­rung für Per­rets Wie­der­auf­bau zu spie­geln.

Das original eingerichtete Arbeitszimmer im Appartement Témoin
Das ori­gi­nal ein­ge­rich­te­te Ar­beits­zim­mer im Ap­par­te­ment Té­moin
Un­weit des wuch­ti­gen Rat­hau­ses bie­tet sich die Mög­lich­keit, in die Wohn­welt der 1950er-Jahre ein­zu­tau­chen, denn im ers­ten Stock eines Per­ret-Ge­bäu­des wurde eine Mu­se­ums­woh­nung (Ap­par­te­ment Té­moin) ein­ge­rich­tet. Auf 99 Qua­drat­me­tern ent­fal­tet sich ein für die da­ma­li­ge Zeit un­ge­wöhn­li­cher Wohn­kom­fort mit einem re­prä­sen­ta­ti­ven Wohn­zim­mer sowie Ar­beits­zim­mer, Kin­der­zim­mer, El­tern­schlaf­zim­mer, einer Küche mit dem da­ma­li­gen tech­ni­schen Equip­ment und einem bun­ten Bad. Große bo­den­tie­fe Fens­ter sor­gen für viel Licht, die Raum­auf­tei­lung der Per­ret-Woh­nun­gen ist fle­xi­bel, da die Stahl­be­ton­kon­struk­ti­on nur we­ni­ge tra­gen­de Wände be­nö­tigt. Das von den Bür­gern Le Hav­res ge­spen­de­te Ori­gi­nal­mo­bi­li­ar wurde teil­wei­se spe­zi­ell für den Platz­be­darf der Nach­kriegs­woh­nun­gen ent­wor­fen.


Ein ar­chi­tek­to­ni­scher Rei­gen bis in die Ge­gen­wart

Nur einen St­ein­wurf weit ent­fernt, ragt das Bas­sin de Com­mer­ce ins Stadt­zen­trum hin­ein. Der Him­mel hat sich auf­ge­klärt und ein paar Schü­ler ler­nen in dem Ha­fen­be­cken das Se­geln auf klei­nen Übungs­boo­ten. Eine fi­li­gra­ne Fuß­gän­ger­hän­ge­brü­cke spannt sich über das Was­ser und ge­währt einen guten Über­blick über die Stadt und die Place de Com­mer­ce, die von einem schnee­wei­ßen Ge­bäu­de do­mi­niert wird.

Der Yoghurtbecher – Oscar Niemeyers Kulturzentrum
Der Yo­ghurt­be­cher – Oscar Nie­mey­ers Kul­tur­zen­trum
Durch die­ses fu­tu­ris­ti­sche Bau­werk, das vom Volks­mund »Gro­ßer Vul­kan« oder »Yo­ghurt­be­cher« ge­nannt wird, ge­hört Le Havre zu den we­ni­gen eu­ro­päi­schen Städ­ten, in denen Oscar Nie­mey­er, der Schöp­fer der bra­si­lia­ni­schen Re­tor­ten­haupt­stadt Bra­si­lia, seine Hand­schrift hin­ter­las­sen hat. Das 1982 er­öff­ne­te Kul­tur­zen­trum mit Thea­ter, Ki­no­sä­len und Aus­stel­lungs­räu­men wurde nach sei­nen Plä­nen er­stellt. Nie­mey­er griff dabei auf runde und asym­me­tri­sche For­men zu­rück, die in einem kras­sen Ge­gen­satz zu der an­sons­ten geo­me­trisch kon­zi­pier­ten Stadt ste­hen.
Doch Le Havre hat noch mehr zu bie­ten: Der ar­chi­tek­to­ni­sche Rei­gen setzt sich bis in die Ge­gen­wart fort. Um das Image der zum Welt­kul­tur­er­be (2005) er­nann­ten Stadt auf­zu­pep­pen, wur­den die stadt­na­hen Docks Vau­ban, in denen man einst vor allem Baum­wol­le, Zu­cker und Kaf­fee la­ger­te, im Rah­men eines groß­zü­gi­gen Ur­ba­ni­sie­rungs­pro­jekts in ein Frei­zeit- und Kul­tur­zen­trum um­ge­wan­delt. Ein Ki­no­kom­plex ent­stand und der Pa­ri­ser Star­ar­chi­tekt Jean Nou­vel hat einen un­ge­wöhn­li­chen Ba­de­tem­pel ent­wor­fen.

Nou­vels Bains des Docks sind von rö­mi­schen Ther­mal­bä­dern in­spi­riert und prä­sen­tie­ren sich als ein pu­ris­ti­scher Bau, der ganz in Weiß ge­hal­ten ist. Der mit dem re­nom­mier­ten Pritz­ker-Preis aus­ge­zeich­ne­te Nou­vel hat ver­schie­de­ne Qua­de­rund Kuben zu­sam­men­ge­fügt, in die ein­zel­ne Was­ser­be­cken ein­ge­setzt wur­den. Das Er­geb­nis ist ein ar­chi­tek­to­ni­sches Schmuck­stück mit gro­ßem Ge­brauchs­wert, denn man kann das ganze Jahr über in dem be­heiz­ten 50-Meter-Au­ßen­be­cken seine Bah­nen zie­hen. Ein mo­der­nes Wohn­quar­tier mit Cafés, Re­stau­rants sowie Ga­le­ri­en soll fol­gen und ein 120 Meter hoher Mu­se­um­sturm ist pro­jek­tiert. Le Havre ist für die Zu­kunft ge­rüs­tet.


Wei­te­re In­for­ma­tio­nen:

In­for­ma­ti­on: Of­fice de Tou­ris­me, 186, bou­le­vard Cle­men­ceau, BP 649, 76059 Le Havre Cedex, Tel. 0033/(0)232740404. www.le­hav­re­tou­ris­me.com.

An­rei­se: Re­gel­mä­ßi­ge Zug­ver­bin­dun­gen nach Rouen und wei­ter nach Paris (Saint-La­za­re). Der Flug­ha­fen (Aé­ro­port Le Havre-Oc­tevil­le) liegt ein paar Ki­lo­me­ter nörd­lich der Stadt und wird von Air Fran­ce via Lyon von Düs­sel­dorf, Ham­burg, Stutt­gart und Mün­chen an­ge­flo­gen. www.havre.aero­port.fr.
L’Ap­par­te­ment Té­moin: Ilot V40, ISAI du Havre. Treff­punkt für Be­sich­ti­gun­gen ist: 1, place de l’Hôtel de Ville. Füh­run­gen: Mi, Sa, So um 14, 15, 16 und 17 Uhr. Ein­tritt: 3 €, erm. 2 € bzw. am ers­ten Sams­tag im Monat frei!

Mai­son de l’Ar­ma­teur: 3, quai de l’Ile. Ge­öff­net: Tgl. außer Do 11-18 Uhr, Mi ab 14 Uhr. Ein­tritt: 3 €, erm. 2 €. Am ers­ten Sams­tag im Monat frei!
Bains des Docks: Quai de la Ré­uni­on, Ein­tritt ab 5 €. Für die Nut­zung der rö­mi­schen Bäder mit Sauna, Dampf­bad und Spru­del­be­cken wer­den wei­te­re 12 € er­ho­ben. www.les­bains­des­docks.com.