Rei­se­re­por­ta­ge

Per­che, die große Un­be­kann­te

Paris und die Côte d’Azur sind die fran­ko­phi­len Ur­laubs­klas­si­ker schlecht­hin. An­de­re zieht es nach Kor­si­ka oder in die Bre­ta­gne. Doch Per­che – was ist das? Unser Frank­reich­ken­ner Ralf Nest­mey­er – ge­ra­de ist sein »Nor­man­die«-Band in 2. Auf­la­ge er­schie­nen – spürt einer ver­nach­läs­sig­ten Ur­laubs­re­gi­on nach, die un­er­hört in­ter­es­sant ist. Oder wuss­ten Sie, dass die Vor­fah­ren be­rühm­ter Stars wie Cé­li­ne Dion, An­ge­li­na Jolie, Ma­don­na und Hil­la­ry Cl­in­ton aus die­ser Re­gi­on Frank­reichs stamm­ten? Auch eine be­kann­te Pfer­de­ras­se und eine derbe Wurst­spe­zia­li­tät spie­len eine be­deu­ten­de Rolle im Per­che.


Portrait Ralf NestmeyerBei dem Namen Per­che zu­cken selbst Frank­reich­lieb­ha­ber un­wis­send mit den Schul­tern. Im Ge­gen­satz zum Pé­ri­gord oder der Au­ver­gne ist der Per­che jen­seits des Rheins ziem­lich un­be­kannt. Und selbst wenn man die Per­che­rons – eine statt­li­che Kalt­blut-Pfer­de­ras­se, die aus dem Per­che stammt – er­wähnt, kön­nen nur we­ni­ge den Land­strich ver­or­ten.
Kein Wun­der, dass man im Per­che deut­schen Tou­ris­ten nur sel­ten be­geg­net. Auf die Be­woh­ner von Paris hin­ge­gen üben die sanf­ten Hügel mit ihren Pfer­de­kop­peln und aus­ge­dehn­ten Wald­ge­bie­ten schon seit lan­gem eine große An­zie­hungs­kraft aus. Nur zwei Au­to­stun­den von der fran­zö­si­schen Haupt­stadt ent­fernt, scheint die­ser süd­lichs­te Zip­fel der Nor­man­die den Vor­stel­lun­gen von »La Fran­ce pro­fon­de« recht nahe zu kom­men: dem bäu­er­li­chen ur­sprüng­li­chen Frank­reich. Dünn be­sie­delt, ohne Hek­tik und ga­ran­tiert ohne Mé­tro­an­schluss.


Ein Cham­bres d’hôtes im Nie­mands­land

Auch Carol und Pie­tro Cossu-De­scor­des hat­ten ur­sprüng­lich nur nach einem ab­ge­schie­de­nen An­we­sen ge­sucht. Von der Haupt­stadt aus leicht zu er­rei­chen, woll­ten sie hier ihre Wo­che­nen­den und Fe­ri­en zu ver­brin­gen. Mo­na­te­lang er­kun­de­ten sie das Dé­par­te­ment Orne – bis sie schließ­lich im Jahr 2003 durch Zu­fall un­weit des Wei­lers Mou­tiers-au-Per­che eine her­un­ter­ge­kom­me­ne »Lon­gè­re« aus dem 17. Jahr­hun­dert ent­deck­ten. Unter einer Lon­gè­re ver­steht man in West­frank­reich einen lang­ge­streck­ten Bau­ern­hof, der durch An­bau­ten nach Be­darf ver­län­gert wer­den kann und sich im Fall der fast herr­schaft­li­chen Do­mai­ne de la Lou­ve­te­rie über rund vier­zig Meter er­streckt.
»Wir wuss­ten so­fort, dass un­se­re Suche ein Ende hat, als wir das an einem son­ni­gen Hang über dem Val­lée de la Cor­bi­on­ne ge­le­ge­ne Ge­höft er­blick­ten«, er­zählt Pie­tro Cossu-De­scor­des be­geis­tert. »Al­ler­dings muss­ten wir ziem­lich viel Ar­beit in­ves­tie­ren, denn das Haus war mehr als 20 Jahre un­be­wohnt und be­stand nur noch aus den Grund­mau­ern und dem Dach. Bei der Re­no­vie­rung der Lon­gè­re konn­ten wir uns an his­to­ri­schen Fo­to­gra­fi­en ori­en­tie­ren.« Das länd­li­che Leben mit der ei­ge­nen Pfer­de­kop­pel ge­fiel ihnen so gut, dass sie nach kur­zer Zeit be­schlos­sen, ihren Le­bens­mit­tel­punkt in den Per­che zu ver­le­gen und ein Cham­bres d’hôtes zu er­öff­nen.

Das schmucke Herrenhaus im Naturpark
Das schmu­cke Her­ren­haus im Na­tur­park
Bei die­ser in Frank­reich in­zwi­schen weit ver­brei­te­ten Un­ter­kunfts­form han­delt es sich nicht um ein paar ein­fa­che und lang­wei­lig mö­blier­te Gäs­te­zim­mer. Im Ge­gen­teil: Meist wer­den in länd­li­chen An­we­sen, ge­le­gent­lich auch in schmu­cken Stadt­pa­läs­ten oder Schlös­sern, ein oder meh­re­re Zim­mer an Gäste ver­mie­tet. In ihrer be­son­ders no­blen Form wer­den diese Cham­bres d’hôtes auch als Mai­son d’hôtes be­zeich­net. Ge­setz­lich ist nur ge­re­gelt, dass nicht mehr als fünf Zim­mer an bis zu 15 Gäste ver­mie­tet wer­den dür­fen und der Ver­mie­ter im glei­chen oder einem an­gren­zen­den Ge­bäu­de woh­nen muss.
Und Platz gab es in der Do­mai­ne de la Lou­ve­te­rie genug. Die drei Zim­mer und zwei Sui­ten sind in un­ter­schied­li­chen Sti­len ein­ge­rich­tet, wobei die Gäste zwi­schen einem mau­ri­schen und einem chi­ne­si­schen Dekor oder dem Flair der 1950er-Jahre wäh­len kön­nen. Be­son­ders groß­zü­gig ist die tra­di­tio­nel­le Suite »XVIIIè­me« mit of­fe­nem Kamin und schwe­rem Holz­mo­bi­li­ar.
Ge­le­gent­lich müs­sen zwar Pie­tro, der Per­so­nal­schu­lun­gen für Fir­men an­bie­tet, und Carol, die als Food-Fo­to­gra­fin ar­bei­tet, noch nach Paris fah­ren – doch die Aus­flü­ge in die Groß­stadt sind sel­te­ner ge­wor­den. Es gibt einen mo­der­nen Se­mi­nar­raum auf dem Grund­stück, und Carol hat das Sta­tiv ihrer Ka­me­ra auf eine rie­si­ge Eiche vor dem Haus ge­rich­tet. Ein gan­zes Jahr lang will sie täg­lich ein Bild von dem mäch­ti­gen Baum ma­chen.


Die Rit­ter­pfer­de des Dé­par­te­ments

Friedlich grasende Riesen – zwei Percherons
Fried­lich gra­sen­de Rie­sen – zwei Per­che­rons
Auf die Frage, ob die Pfer­de auf der Weide hin­ter dem Swim­ming­pool Per­che­rons seien, schüt­telt Pie­tro mit dem Kopf: »Nein, dies sind ein Trot­ter und ein Selle Français.« Per­che­rons sind an­schei­nend we­ni­ger häu­fig an­zu­tref­fen als er­hofft. Wer in der Hoff­nung ein paar Per­che­rons zu sehen, bei Aus­flü­gen immer wie­der den Blick auf die Wei­den links und rechts des Weges wirft, wird in der Regel nicht so leicht fün­dig. Die wuch­ti­gen Kalt­blut­pfer­de – in der über­wie­gen­den Zahl Rapp­schim­mel – waren einst vor allem als Ar­beits­pfer­de be­liebt. Bei einem Ge­wicht von rund 900 Ki­lo­gramm konn­ten sie Pflü­ge oder Kut­schen durch un­be­fes­tig­tes Ge­län­de zie­hen. Da Per­che­rons, die man wegen ihrer Kör­per­mas­se auch zur Fleisch­pro­duk­ti­on ge­züch­tet hat, sehr wen­dig sind und sich gut zum Rei­ten eig­nen, neh­men Spe­zia­lis­ten an, dass es sich bei die­ser Rasse um Nach­fah­ren jener Pfer­de han­delt, die einst auch Rit­ter mit ihrer schwe­ren Rüs­tung tra­gen konn­ten.
Bei der Be­sich­ti­gung des Ma­noir de Cour­boy­er, einem 1998 ge­grün­de­ten Na­tur­park, hat die Suche nach der Pfer­de­ras­se ein Ende: Hin­ter dem wehr­haf­ten Her­ren­haus aus dem spä­ten 15. Jahr­hun­dert und dem zu­ge­hö­ri­gen In­for­ma­ti­ons­zen­trum steht eine klei­ne Herde Per­che­rons auf der Kop­pel. Al­ler­dings sind die Pfer­de dann doch nicht so im­po­sant wie ge­dacht – und von dem 2,13 Meter hohen Stock­maß des be­rühm­ten Per­che­ron-Hengs­tes Dr. Le Gear sicht­lich weit ent­fernt.


Die Ur-Hei­mat welt­weit be­kann­ter Pro­mis

Sieht man ein­mal von dem 4100 Ein­woh­ner zäh­len­den Mor­ta­gne-au-Per­che ab – üb­ri­gens der Ge­burts­ort des Phi­lo­so­phen Alain sowie des fran­zö­sisch-schwei­ze­ri­schen Schrift­stel­lers Alex Capus –, so ist der nor­man­ni­sche Per­che noch immer deut­lich land­wirt­schaft­lich ge­prägt. Ar­chi­tek­to­nisch auf­fal­lend sind die gro­ßen, teil­wei­se be­fes­tig­ten Bau­ern­hö­fe sowie die zahl­rei­chen Her­ren­häu­ser und Klös­ter. Dar­un­ter be­fin­det sich die be­rühm­te Ab­baye de la Trap­pe oder die im 11. Jahr­hun­dert ge­grün­de­te Pri­eu­ré Sain­te-Gau­bur­ge.
Als Graf­schaft bil­de­te der Per­che jahr­hun­der­te­lang eine po­li­ti­sche Ein­heit. Sie reich­te bis ins heu­ti­ge Dé­par­te­ment Eure-et-Loire. Nach­dem die Re­gi­on in den Re­li­gi­ons­krie­gen ver­wüs­tet wor­den war und ver­arm­te, such­ten viele Be­woh­ner ihr Glück in der Neuen Welt. Sie wan­der­ten ab 1634 nach Loui­sia­na und vor allem nach Ka­na­da aus, um sich in der Ge­gend von Qué­bec nie­der­zu­las­sen. Viele ka­na­di­sche Fa­mi­li­en­na­men wie Ga­gnon, Du­ches­ne oder Gi­guè­re las­sen sich in den Per­che zu­rück­ver­fol­gen. Zu den be­kann­tes­ten Per­sön­lich­kei­ten, deren Vor­fah­ren aus dem Per­che stam­men, ge­hö­ren Cé­li­ne Dion, An­ge­li­na Jolie, Ma­don­na und Hil­la­ry Cl­in­ton.
Das Musée de l’Émi­gra­ti­on in der klei­nen Ort­schaft Tou­rou­vre schil­dert auf an­spre­chen­de Weise das Schick­sal der Aus­wan­de­rer. Mit his­to­ri­schen Bil­dern, Schau­ta­feln und nach­ge­bau­ten Block­hüt­ten wird ein span­nen­des Ge­schichts­ka­pi­tel von der At­lan­tik­über­que­rung bis hin zum All­tags­le­ben il­lus­triert.


Zwang­lo­se Ge­sprä­che über Buch­hand­lun­gen und Blut­wurst

La vie en rouge – ein Feinkostladen nicht nur für Blutwurst
La vie en rouge – ein Fein­kost­la­den nicht nur für Blut­wurst
Am Abend ver­sam­meln sich die Gäste der Do­mai­ne de la Lou­ve­te­rie an der ge­mein­sa­men Tafel. Carol und Pie­tro bie­ten nach Vor­be­stel­lung ein drei­gän­gi­ges Abend­es­sen (Table d’hôtes) in­klu­si­ve Wein und Ge­trän­ken an. Die Zu­ta­ten stam­men teil­wei­se aus dem ei­ge­nen Bio­gar­ten.
Die zwang­lo­sen Ge­sprä­che, die sich dabei er­ge­ben, sind mit­un­ter der schöns­te Teil die­ser Ur­laubs­form. Mit einem Pa­ri­ser Wirt­schafts­jour­na­lis­ten, der das Wo­che­nen­de mit sei­ner Fa­mi­lie im Per­che ver­bringt, wird über die Pro­ble­me, die sich durch die Wahl von François Hol­lan­de und den wirt­schafts­po­li­ti­schen An­sich­ten An­ge­la Mer­kels ab­zeich­nen, dis­ku­tiert; Carol ver­rät das Re­zept ihres köst­li­chen Erd­beer­souf­flés, und Pie­tro schwärmt von einer Buch­hand­lung in Bel­lê­me, die über ein für eine Kle­in­stadt un­er­war­tet gro­ßes Sor­ti­ment ver­fügt – und von sei­nem Be­kann­ten Phil­ip­pe, der in Mor­ta­gne-au-Per­che ein lie­bens­wer­tes Fein­kost­ge­schäft mit dem ver­füh­re­ri­schen Namen »La Vie en rouge« be­treibt.
Selbst­ver­ständ­lich kann man im »La Vie en rouge« auch die be­rühm­te Bou­din noir kau­fen oder eine Por­ti­on an einem der vier klei­nen Ti­sche pro­bie­ren. Die schwar­ze Blut­wurst ist das ku­li­na­ri­sche Aus­hän­ge­schild von Mor­ta­gne-au-Per­che. Es gibt nicht nur einen Blut­wurst­markt – all­jähr­lich wird im März auf der Foire au bou­din sogar ein Wett­be­werb mit Blind­ver­kos­tun­gen von mehr als 500 Blut­würs­ten aus ganz Eu­ro­pa aus­ge­tra­gen. Die Sie­ger wer­den mit einem Rit­ter­schlag zu Mit­glie­dern der Bru­der­schaft Che­va­lier du Goûte Bou­din er­nannt und müs­sen auf Grill und Gabel schwö­ren, min­des­tens ein­mal in der Woche Blut­wurst zu essen.


Rei­se­prak­ti­sche Infos:

www.nor­man­die-tou­ris­me.fr/de

Co­mité dé­par­te­men­tal du Tou­ris­me de l’Orne, 86, rue Saint-Blai­se, 61002 Alençon, Tel. 0033/(0)233288871, www.or­ne­tou­ris­me.com bzw. www.rei­sen-nor­man­die.com.

Do­mai­ne de la Lou­ve­te­rie, DZ 97-170 € (inkl. Früh­stück), Table d’hôtes 39 €. Es wer­den auch zwei Ap­par­te­ments für 640 € pro Woche ver­mie­tet. Mou­tiers-au-Per­che, Tel. 0033/(0)233731163. www.do­mai­nedela­lou­ve­te­rie.com.

Mai­son du Parc, www.parc-na­tu­rel-per­che.fr.

Musée de l’Émi­gra­ti­on, Juni-Sept. tägl. außer Mo 11-18 Uhr, www.mu­sea­les­de­tou­rou­vre.com.