Rei­se­re­por­ta­ge

See­hun­de im Blitz­licht­ge­wit­ter –
Eine klei­ne Kreuz­fahrt durchs nord­frie­si­sche Wat­ten­meer

Gu­drun Mau­rer hat es wie­der getan. Neben ihrem frisch ak­tua­li­sier­ten Rei­se­füh­rer »Ber­lin MM-City« (5. Auf­la­ge 2010) ist ein ganz neues Buch ent­stan­den: »Schles­wig-Hol­stein – Nord­see­küs­te und In­seln« (1. Auf­la­ge 2010). Für die März-Aus­ga­be un­se­res News­let­ters hat die Rei­se­jour­na­lis­tin an einer klei­nen Kreuz­fahrt teil­ge­nom­men – und er­zählt von einem ab­wechs­lungs­rei­chen Ju­ni­tag auf dem Meer.


Portrait Gudrun MaurerDer Wet­ter­be­richt hat vier Son­nen­stun­den und kei­ner­lei Nie­der­schlag an­ge­kün­digt, und so mache ich mich an einem be­wölk­ten Mitt­woch­mor­gen im Juni auf den Weg. Um Punkt 9 Uhr finde ich mich in Struck­lah­nungs­hörn auf der Insel Nord­strand ein, wo in einer Vier­tel­stun­de die »Adler Ex­press« ab­le­gen wird, ein Schnell­schiff für gut 400 Pas­sa­gie­re. Wie ich erst spä­ter er­fah­re, soll der Was­ser­strahl-An­trieb, der das Schiff so schnell macht und es auch in sehr seich­tem Was­ser fah­ren lässt, einen gra­vie­ren­den Nach­teil haben: Er ist zu leise und ge­fähr­det so See­hun­de und die sel­ten ge­wor­de­nen Rob­ben, die das na­hen­de Schiff oft zu spät hören und von ihm ver­letzt oder gar ge­tö­tet wer­den.

Von einer ab­ge­schie­de­nen Fa­mi­lie bis zur »Eis­wet­te« – es gibt viel zu sehen

Aber das weiß ich an die­sem Ju­ni­mor­gen noch nicht und be­ge­be mich an Bord. Pünkt­lich um 9.15 Uhr legt die Adler Ex­press blitz­ar­tig ab, und der Ka­pi­tän er­läu­tert die Fahrt­rou­te sowie tech­ni­sche De­tails des Schiffs, auf dem sich an die­sem Tag we­ni­ger als 100 Fahr­gäs­te be­fin­den. Ra­send schnell geht es in Rich­tung Wes­ten voran, am die­si­gen Ho­ri­zont taucht die Hal­lig Süd­fall auf, die nur im Som­mer von einer ein­zi­gen Fa­mi­lie be­wohnt ist, wie der Ka­pi­tän zu be­rich­ten weiß. Und, ganz nah am Schiff, eine Sand­bank mit zahl­rei­chen See­hun­den, die die Ebbe für eine Ver­schnauf­pau­se nut­zen. Als nächs­tes kommt die Insel Pell­worm mit ihrem rot-weiß-ge­streif­ten Leucht­turm in Sicht, die das Schiff back­bord lie­gen lässt. Hef­tig bläst uns Fahr­gäs­ten, die auf dem Au­ßen­deck die fri­sche Nord­see­luft ge­nie­ßen, der Fahrt­wind ins Ge­sicht; Fri­su­ren wer­den be­fes­tigt, Stirn­bän­der über­ge­streift, Ka­pu­zen auf­ge­zo­gen und Ka­me­ras vor der sal­zi­gen Gischt in Si­cher­heit ge­bracht.

Vor­bei geht es an den Hal­li­gen Nord­stran­disch­moor, Ham­bur­ger Hal­lig, Gröde und Lan­ge­neß, einer er­staun­lich lan­gen Hal­lig. Ers­ter Stopp soll Hal­lig Hooge sein, die be­kann­tes­te der un­be­deich­ten In­sel­chen im Wat­ten­meer. Ganz deut­lich sind seine zahl­rei­chen Warf­ten zu er­ken­nen, künst­li­che Hügel, auf denen die Häu­ser sturm­flut­si­cher ste­hen. Doch schon lange bevor der Hoo­ger Fähr­an­le­ger er­reicht ist, wird die Adler Ex­press lang­sa­mer – der Ka­pi­tän hat eine Grup­pe See­hun­de er­späht, fährt vor­sich­tig an sie heran und alle Ka­me­ra­aus­lö­ser kli­cken. Kaum hat das Schnell­schiff wie­der Fahrt auf­ge­nom­men, mel­det sich der Ka­pi­tän er­neut: Der na­gel­neue See­not­kreu­zer »Eis­wet­te« zischt steu­er­bord ganz nah neben der Adler Ex­press über die sturm­ge­peitsch­te See vor­bei – für die Schiffs­be­sat­zung of­fen­sicht­lich ein auf­re­gen­de­res Er­eig­nis als für die Fahr­gäs­te.


Wei­ter­fahr­ten nach Amrum und Sylt und zu­rück

Nach etwa einer St­un­de Fahrt ist Hal­lig Hooge er­reicht, wo fast gleich­zei­tig das Aus­flugs­schiff MS See­ad­ler fest­macht, das er­heb­lich mehr schwankt als die ruhig da­hin­glei­ten­de Adler Ex­press. Wer möch­te, kann hier aus­stei­gen. Ich be­schlie­ße, wei­ter nach Amrum zu rei­sen. Auf die­ser Fahrt be­glei­tet uns für eine Weile ein Fisch­kut­ter, den das Schnell­schiff aber bald hin­ter sich lässt. Nun wird die Kreuz­fahrt un­ru­hi­ger, viel­leicht weil das Was­ser hier tie­fer wird. Von der im Wet­ter­be­richt an­ge­kün­dig­ten Sonne ist noch immer nichts zu sehen, aber der Tag ist ja noch jung. Gegen 11 Uhr er­rei­chen wir Amrum, wo ich von Bord gehe.

Amrum bie­tet mit sei­nem re­kord­ver­däch­ti­gen Sand­strand an schö­nen Som­mer­ta­gen beste Be­din­gun­gen für einen Strand­tag. Ist das Wet­ter we­ni­ger gut, lässt man sich von einer klei­nen Ei­sen­bahn auf Au­to­rä­dern über die ganze Insel kut­schie­ren oder kehrt in einer rus­ti­ka­len Gast­stät­te ein.

Wer möch­te, kann von hier noch nach Sylt wei­ter­fah­ren. Im Hafen Hör­num an der Süd­spit­ze von Deutsch­lands größ­ter Nord­see­insel macht die Adler Ex­press gegen 11.45 Uhr fest, wo sie dann um 17.30 Uhr zur Rück­fahrt auf­bricht. Al­ter­na­tiv kann man auch mit dem Zug von Sylt aufs Fest­land zu­rück fah­ren.
An einem Tag kann man sich schon einen klei­nen Über­blick über Deutsch­lands größ­te Nord­see­insel ver­schaf­fen, ent­we­der per or­ga­ni­sier­ter In­sel­rund­fahrt (ab Bahn­hof Wes­ter­land), mit dem Li­ni­en­bus oder per Fahr­rad. Hör­num ver­fügt über zwei Strän­de, den wil­de­ren Weststrand an der of­fe­nen Nord­see und den klein­kin­der­freund­li­chen Oststrand, an dem bei Flut in der seich­ten und wel­len­ar­men See ge­planscht wer­den kann.

Für die Rück­fahrt von Hal­lig Hooge und Amrum bie­tet die Ree­de­rei Adler von April bis Ok­to­ber meh­re­re Schiffs­ver­bin­dun­gen zu ver­schie­de­nen Fahr­prei­sen. Ak­tu­el­le Infos unter  www.adler-schif­fe.de.