Top Ten

Teil 25: Lü­beck

oder Der idea­le Su­per­breit­bild­pan­ora­mal­ein­wand­blick

Portrait Matthias KrönerDer zwei­te Blick hin­ter dem Of­fen­sicht­li­chen zeich­net die Mül­ler-Rei­se­füh­rer seit jeher aus. Dies­mal ist Mat­thi­as Krö­ner aus­ge­schwärmt, um eine Top Ten für seine Lieb­lings­stadt zu schrei­ben. Dabei hat er die Wahr­zei­chen eben­so unter die Lupe ge­nom­men wie die ak­tu­ell an­ge­sag­ten Re­stau­rants, die Strän­de und die un­ge­wöhn­lichs­ten Sou­ve­nirs. Au­ßer­dem tut sich ge­ra­de was in der Szene: Es gibt eine neue Cock­tail­bar, ge­lei­tet von je­mand, der be­reits bei den Eu­ro­pa­meis­ter­schaf­ten sei­nes Fachs an­ge­tre­ten ist – und einen Slam, bei dem Popen gegen Poe­ten »pre­di­gen«.


Lü­beck – Mat­thi­as Krö­ners Top Ten

Wahr­zei­chen

Das neue Wahrzeichen Lübecks – das Europäische Hansemuseum (Foto: Matthias Kröner)
Das neue Wahr­zei­chen Lü­becks – das Eu­ro­päi­sche Han­se­mu­se­um (Foto: Mat­thi­as Krö­ner)
Selbst­ver­ständ­lich, das Hols­ten­tor! Doch so ei­gen­wil­lig und wind­schief sich die­ses Wahr­zei­chen vor der West­sei­te der Alt­stadt zeigt, so un­be­ein­druckt lässt einen das Mu­se­um im In­ne­ren. Des­halb soll­te man das neue Wahr­zei­chen Lü­becks an­steu­ern: das Eu­ro­päi­sche Han­se­mu­se­um. Was im engen Hols­ten­tor etwas zu kurz gerät, wird dort zwar allzu aus­ufernd prä­sen­tiert – die große Zeit wäh­rend des Spät­mit­tel­al­ters. Dafür sind die nach­ge­stell­ten Sze­nen ge­glückt (z. B. das Ka­bi­nett zur Pest, ein mit­tel­al­ter­li­ches Tuch­kauf­haus), und auch der Audio-Guide be­rei­tet Freu­de.
Über­dies hat man von der Dach­ter­ras­se des ar­chi­tek­to­nisch gut ge­mach­ten 45-Mil­lio­nen-Euro-Baus eine ex­qui­si­te Sicht auf die Trave und den Stadt­ha­fen. Auch in den an­ge­schlos­se­nen Räu­men des Burg­klos­ters lässt es sich sehr gut wan­deln und der Men­ta­li­tät einer längst ver­sun­ke­nen Epo­che nach­spü­ren.


Sky­line

Ein Panoramaausschnitt auf dem Deck des Parkhauses Hüxstraße (Foto: Matthias Kröner)
Ein Pan­ora­ma­aus­schnitt auf dem Deck des Park­hau­ses Hüx­stra­ße (Foto: Mat­thi­as Krö­ner)
In ei­ni­gen Rei­se­füh­rern wird noch immer ge­schrie­ben, dass man auf dem Lin­den­platz in der Nähe des Haupt­bahn­hofs einen her­vor­ra­gen­den 7-Türme-Blick hätte. Das stimmt so nicht. Gera­de die nörd­lich und süd­lich ge­le­ge­nen Kir­chen sind von die­ser Warte nur schlecht er­kenn­bar und längst von an­de­ren Ge­bäu­den zu­ge­baut.
Des­halb lohnt es sich, das of­fe­ne Deck des Park­hau­ses Hüx­stra­ße an­zu­steu­ern. Mit ka­me­ra­tech­ni­schen Ex­tras setzt man hier einen un­ge­wöhn­li­chen Su­per­breit­bild­pan­ora­mal­ein­wand­blick ziem­lich ideal ins Bild. Was das kos­tet? 1,50 Euro pro an­ge­fan­ge­ne St­un­de. Ab 18 Uhr sind es 80 Cent.


UNESCO-Wel­ter­be

UNESCO-zertifiziert, die so gut erhaltene Altstadt mit ihren vielen denkmalgeschützten Häusern (Foto: Kirsten Koepke)
UNESCO-zer­ti­fi­ziert, die so gut er­hal­te­ne Alt­stadt mit ihren vie­len denk­mal­ge­schütz­ten Häu­sern (Foto: Kirs­ten Ko­ep­ke)
Lü­beck ist be­kannt für seine Alt­stadt. Wegen ihr kommt man her, sie schaut man sich an. Zu Recht? Un­be­dingt, die UNESCO-Zer­ti­fi­zie­rung, die sich 2017 zum 30. Mal jähr­te, hat ein deut­sches Uni­kum aus­ge­zeich­net, das seit­her dank der Pos­sehl- und an­de­rer Stif­tun­gen ge­hegt und ge­pflegt wird. Sage und schrei­be 1000 (!) der gut er­hal­te­nen Alt­stadt­häu­ser sind im ge­ra­de mal 1,2 mal 1,7 km klei­nen Stadt­zen­trum denk­mal­ge­schützt. Vier Fünf­tel der Bau­mas­se stam­men aus dem Mit­tel­al­ter, der Re­nais­sance und dem Klas­si­zis­mus, wes­we­gen man in Lü­beck auf eine Zei­trei­se durch die Jahr­hun­der­te geht.
Wie konn­ten so viele Bau­ten »über­le­ben«? Der Grund dafür liegt in einer Au­ßen­stel­le des Roten Kreu­zes. 1944 wurde Lü­beck zu einem Um­schlags­platz der Hilfs­gü­ter für in Deutsch­land in­haf­tier­te bri­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne, wes­we­gen sich nur ein Flie­ger­an­griff auf die Stadt er­eig­ne­te – 1942, En­glands Ant­wort auf Co­ven­try.


Essen & Trin­ken

In Lü­beck fin­det man für jeden An­lass ein Lokal. Egal, ob Sie Ster­ne­kü­che oder Fisch­bröt­chen schät­zen, in der Alt­stadt und in Tra­ve­mün­de gibt es bei­des. Dabei ist es wie in jeder le­ben­di­gen (Mini-)Me­tro­po­le: Die Ku­li­na­rik ver­än­dert sich, je nach Zeit­ge­schmack und En­ga­ge­ment der Gast­wir­te.
Ich per­sön­lich schät­ze auch jün­ge­re Ent­wick­lun­gen wie das ve­ge­ta­risch-ve­ga­ne Café Erd­ap­fel vor dem Rat­haus (güns­tig!) und die ex­qui­si­ten Bur­ger­va­ri­an­ten im Leo’s (kros­se Süß­kar­tof­fel­pom­mes!). Ori­gi­nal nord­deut­sche und sehr gute Fisch­ge­rich­te be­kommt man am Fi­sche­rei­ha­fen in Tra­ve­mün­de.


Stadt­strand

Auf dem naturbelassenen Priwallstrand, wo einst die Zonengrenze zur DDR verlief (Foto: Matthias Kröner)
Auf dem na­tur­be­las­se­nen Pri­wall­strand, wo einst die Zo­nen­gren­ze zur DDR ver­lief (Foto: Mat­thi­as Krö­ner)
Wer Lü­beck be­sucht, den zieht es auch ans Meer, nach Tra­ve­mün­de. Der nörd­lichs­te Stadt­teil liegt an der Ost­see und ist nur am Hauptstrand wäh­rend der Hoch­sai­son gut be­völ­kert. Bes­ser ent­span­nen lässt es sich auf dem wil­den Strand hin­ter der Se­gel­schu­le Mö­ven­stein, von wo man auch einen Spa­zier­gang an der Steil­küs­te ent­lang bis Ni­en­dorf un­ter­neh­men kann (»Brod­te­ner Steil­ufer«). In der Weite des Ho­ri­zonts sieht man min­des­tens eine der gro­ßen Fäh­ren, die Lü­beck an­pei­len – oder Schwä­ne, die ma­jes­tä­tisch über die See zie­hen.
Doch auch auf dem Pri­wall (einst die nörd­lichs­te Gren­ze zur DDR) kann man wun­der­bar aus­schrei­ten und es mit Tho­mas Mann hal­ten: »Wir gehen, gehen auf leicht fe­dern­dem, mit Tang und klei­nen Mu­scheln be­streu­tem Grun­de, die Ohren ein­ge­hüllt vom Wind, von die­sem gro­ßen, wei­ten und mil­den Winde, der frei und un­ge­hemmt und ohne Tücke den Raum durch­fährt und eine sanf­te Be­täu­bung in un­se­rem Kopfe er­zeugt.« (Tho­mas Mann, Der Zau­ber­berg)


Sou­ve­nirs

Nach wie vor werden im Wein-Castell geschmackvolle Alkoholika verkauft, für die Günter Grass die Etiketten gestaltet hat (Foto: Matthias Kröner)
Nach wie vor wer­den im Wein-Ca­stell ge­schmack­vol­le Al­ko­ho­li­ka ver­kauft, für die Gün­ter Grass die Eti­ket­ten ge­stal­tet hat (Foto: Mat­thi­as Krö­ner)
Mar­zi­pan muss sein. Wer nicht so­fort zu Nie­de­reg­ger neben dem Rat­haus stür­men möch­te, kann einen Ab­ste­cher ins Mar­zipan­land ma­chen. Der Mar­zi­pan­bruch mit Scho­ko­gla­sur ist her­vor­ra­gend, wird aber von Jahr zu Jahr teu­rer … In letz­ter Zeit hat mich das Mar­zi­pan im win­zi­gen Laden von Mest be­ein­druckt. Es gibt Bio-Mar­zi­pan und eine Köst­lich­keit aus mal­lor­qui­ni­schen Man­deln.
Die zwei­te Be­son­der­heit heißt na­tür­lich Lü­be­cker Rot­spon, der in­zwi­schen in me­tal­le­nen Tank­be­häl­tern per Zug in die Stadt ge­langt. Frü­her er­reich­te er Lü­beck mit dem Fracht­schiff und reif­te in den feuch­ten Alt­stadt­kel­lern in rie­si­gen Holz­fäs­sern nach, die seine Note be­güns­tigt haben (so je­den­falls die Stadt­le­gen­de). Ich fa­vo­ri­sie­re der­zeit einen ganz an­de­ren Wein, viel­leicht wegen mei­ner Liebe zur Li­te­ra­tur. Neben dem mul­ti­me­di­al an­ge­leg­ten Gün­ter-Grass-Haus (ein Tipp!) soll­te man das ana­lo­ge Wein-Ca­stell von Kurt Tha­ter in der­sel­ben Stra­ße be­su­chen. Dort fin­den Sie Weine, für die Gün­ter Grass per­sön­lich die Eti­ket­ten ge­stal­tet hat (z. B. »Der Butt will schwim­men«).


Nacht­le­ben

Popen gegen Poeten – der launemachende Preacher Slam in St. Petri (Foto: Christoffer Greiss)
Popen gegen Poe­ten – der lau­ne­ma­chen­de Pre­acher Slam in St. Petri (Foto: Christof­fer Greiss)
Von den Wör­ter- und Wis­sens­schlach­ten im Film­haus (»Poe­try- und Sci­ence-Slams«) habe ich schon an an­de­rer Stel­le vor­ge­schwärmt. Re­la­tiv neu und gar nicht so be­kannt in Deutsch­land ist der Pre­acher Slam. Ein­mal im Jahr, meist im Mai, tre­ten Popen gegen Poe­ten in St. Petri an. Nur so­viel: Man ist er­staunt, wie wort­ge­wal­tig und wenig zei­ge­fin­gernd die Pries­ter »pre­di­gen«!
Wer es ge­pfleg­ter will und die neue Gin-Szene ken­nen­ler­nen mag, macht mit dem Dietrich’s vie­les rich­tig. Der Bar­mi­xer war mit sei­nen Cock­tails be­reits bei den Eu­ro­pa­meis­ter­schaf­ten.


Un­ter­kunft

In der Alt­stadt wohnt es sich gut, doch am Meer lebt es sich er­wie­se­ner­ma­ßen noch bes­ser. Dabei gibt es ei­ni­ge Va­ri­an­ten in der ers­ten Reihe, die einen gran­dio­sen Meer­blick bie­ten. Trotz­dem bleibt das Lili Mar­leen die für mich schöns­te Un­ter­kunft des Stadt­teils an der See. Warum? Weil die sehr in­di­vi­du­el­len Zim­mer mit alten Mö­beln, Ha­fen­mo­ti­ven, Holz­die­len und aus­la­den­den Bet­ten punk­ten und die Dop­pel­zim­mer in der ge­ra­de noch be­zahl­ba­ren Rate zwi­schen 85 und 130 Euro lie­gen.
Was der Welt­hit »Lili Mar­leen«, der im Zwei­ten Welt­krieg immer wie­der für eine kurz­zei­ti­ge Waf­fen­ru­he sorg­te (weil die Sol­da­ten über die Schüt­zen­grä­ben hin­weg mit­san­gen), mit Tra­ve­mün­de zu tun hat, konn­te aber nicht ab­schlie­ßend ge­klärt wer­den.


Ein­kau­fen

MaKULaTUR – eine Kunst- und Designbuchhandlung, die 2016 den deutschen Buchhandlungspreis erhielt (Foto: Matthias Kröner)
MaKULaTUR – eine Kunst- und De­si­gn­buch­hand­lung, die 2016 den deut­schen Buch­hand­lungs­preis er­hielt (Foto: Mat­thi­as Krö­ner)
Lü­beck er­füllt zahl­rei­che Shop­ping­wün­sche – dar­un­ter auch sol­che, von denen man gar nicht wuss­te, dass man sie hat. Heute möch­te ich eine Buch­hand­lung her­vor­he­ben, die in Zei­ten von Ama­zon und Co. noch etwas Un­er­hör­tes leis­tet: Die maKULaTUR ver­treibt keine Best­sel­ler, son­dern Kunst- und De­si­gn­bü­cher im bes­ten Sinne. Dabei auch Lyrik und Bild­bän­de, die einen be"grei­fen" las­sen, wes­halb es scha­de wäre, wenn sich der reine On­li­ne­markt durch­setzt.


Lü­beck mit Kin­dern

Der sehr besondere Fischerort Gothmund, den die Franzosen während ihrer Fremdbesetzung nicht gleich entdecken konnten … (Foto: Margot Spahl)
Der sehr be­son­de­re Fi­scher­ort Goth­mund, den die Fran­zo­sen wäh­rend ihrer Fremd­be­set­zung nicht gleich ent­de­cken konn­ten … (Foto: Mar­got Spahl)
Wer schon Kin­der im wan­der­fä­hi­gen Alter hat (»Boah, Papa, bloß nicht wan­dern!«), kann einen Au­ßen­be­zirk von Lü­beck ins Navi ein­ge­ben. Was die di­gi­ta­le Such­hil­fe fin­det, war für die Fran­zo­sen wäh­rend ihrer Fremd­be­set­zung im 19. Jahr­hun­dert zu gut ver­steckt: der klei­ne Fi­scher­ort Goth­mund.
Heute kann man dort immer noch eine klei­ne Sied­lung reet­ge­deck­ter Häu­ser sehen, eine Wan­de­rung durchs Na­tur­schutz­ge­biet Schell­bruch un­ter­neh­men (sel­te­ne und ge­fähr­de­te Was­ser­vö­gel!) und einen Wald­spiel­platz er­rei­chen. Viel Freu­de in Lü­beck!