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Teil 38: Nur jeder Zehn­te kam zu­rück

oder Eine fran­zö­si­sche Aus­wan­de­rungs­wel­le nach Me­xi­ko

Der Traum vom schnel­len Glück (der auch Geld hei­ßen kann) ist so alt wie die Mensch­heit selbst. War es einst der Gold­rausch, der un­zäh­li­ge Glücks­rit­ter nach Bra­si­li­en und Ame­ri­ka trieb, fan­den ei­ni­ge Be­woh­ner aus dem fran­zö­si­schen Ubaye-Tal eine ganz an­de­re Ein­nah­me­quel­le – in Me­xi­ko. Wie es so ist, mit dem schnel­len Glück: Es kann ge­nau­so rasch wie­der zer­bre­chen. Ralf Nest­mey­er, Ver­fas­ser von 13 Micha­el-Mül­ler-Bü­chern, über eine Aus­wan­de­rungs­wel­le in der Haute-Pro­vence.


Portrait Ralf NestmeyerDas Ubaye-Tal war stets ein bit­ter­ar­mes Hoch­tal, in dem Schmal­hans Kü­chen­meis­ter ge­we­sen ist. Al­lein von Acker­bau und Vieh­zucht konn­ten im 18. Jahr­hun­dert nur die we­nigs­ten Fa­mi­li­en leben, so dass ei­ni­ge klei­ne Stoff­ma­nu­fak­tu­ren ent­stan­den. Pier­re Arn­aud, ein klei­ner Hand­wer­ker, war sogar so hoch ver­schul­det, dass er sich bei Nacht und Nebel aus dem Staub mach­te, um sei­nen Gläu­bi­gern zu ent­kom­men.
Da er den Arm des Ge­set­zes fürch­te­te, schiff­te er sich 1821 auf einem Boot ein, das ins me­xi­ka­ni­sche Ver­acruz aus­lief. Wenig spä­ter folg­ten ihm seine Brü­der Jac­ques und Marc-An­toi­ne nach, die dort ein Tex­til­ge­schäft er­öff­ne­ten, das schnell flo­rier­te. Die Brü­der Arn­aud kamen im Tex­til­han­del zu un­ge­ahn­tem Reich­tum und be­schäf­tig­ten bald ei­ni­ge Be­kann­te aus ihrer Hei­mat­stadt Bar­ce­lon­net­te, eine Ge­mein­de im Nord­os­ten der Haute-Pro­vence.


Ein Aus­wan­de­rungs­boom, der zu Aus­beu­tung führ­te

Eines von zwei Herrenhäusern … (Foto: Ralf Nestmeyer)
Eines von zwei Her­ren­häu­sern … (Foto: Ralf Nest­mey­er)
Als zwei die­ser An­ge­stell­ten 1845 mit einem klei­nen Ver­mö­gen zu­rück­kehr­ten, brach ein wah­rer Aus­wan­de­rungs­boom aus: Jeder woll­te sein Glück ver­su­chen – in Me­xi­ko. Man half sich un­ter­ein­an­der mit Kre­di­ten, und in­ner­halb we­ni­ger Jahr­zehn­te wur­den nicht nur in allen grö­ße­ren Städ­ten Tex­til­ge­schäf­te ge­grün­det, son­dern auch rie­si­ge Fa­bri­ken er­rich­tet, in denen teil­wei­se mehr als 6000 me­xi­ka­ni­sche Ar­bei­ter unter aus­beu­te­ri­schen Be­din­gun­gen täg­lich drei­zehn St­un­den an den Web­stüh­len saßen.
Zug um Zug ent­stand ein re­gel­rech­tes Netz­werk aus Kauf­häu­sern, Ban­ken, Ver­si­che­run­gen und Ta­bak­fa­bri­ken. Die Wa­ren­häu­ser ori­en­tie­ren sich an den Pa­ri­ser Vor­bil­dern und glänz­ten als wahre Pracht­bau­ten im Stil der Belle Épo­que. Trotz­dem ris­sen die Ver­bin­dun­gen zur Hei­mat ris­sen nie ab: Woll­te einer der »Bar­ce­lon­net­tes« hei­ra­ten, so wur­den Ver­mitt­ler aktiv, um in den pro­ven­za­li­schen Alpen die rich­ti­ge Braut für ihn zu su­chen …


Reich­tum und Ri­si­ko in der Neuen Welt

… der Heimkehrer aus dem fernen Mexiko (Foto: Ralf Nestmeyer)
… der Heim­keh­rer aus dem fer­nen Me­xi­ko (Foto: Ralf Nest­mey­er)
Zeit­wei­se gin­gen zwei von drei jun­gen Män­nern aus dem Ubaye-Tal nach Me­xi­ko, um in der Neuen Welt reich zu wer­den. Doch nicht alle hat­ten Glück: Nur jeder Zehn­te kehr­te wie­der in seine pro­ven­za­li­sche Hei­mat zu­rück. Man­che star­ben in der Hitze Me­xi­kos, an­de­re woll­ten nicht als Ver­lie­rer da­ste­hen und ihr Leben als Hun­ger­lei­der in Bar­ce­lon­net­te be­schlie­ßen.
Die Heim­keh­rer hin­ge­gen stell­ten ihren Reich­tum zur Schau. Als öf­fent­li­chen Be­weis ihres Er­fol­ges lie­ßen sich »die Me­xi­ka­ner« feu­da­le Her­ren­häu­ser in einem his­to­ri­sie­ren­den Stil mit ver­spiel­ten Dach­land­schaf­ten er­rich­ten. Sie stif­te­ten öf­fent­li­che Bau­wer­ke wie das Rat­haus und lie­ßen das Ho­spi­tal re­stau­rie­ren. Und auch auf dem Fried­hof von Bar­ce­lon­net­te kann­te die Bau­wut kaum Gren­zen: Man­che Grä­ber sind pracht­voll wie Mau­so­le­en.


Zehn­tau­sen­de Me­xi­ka­ner ent­stam­men ur­sprüng­lich dem Ubaye-Tal

Zu­rück zu Me­xi­ko: Da sich die fran­zö­si­schen Im­mi­gran­ten immer mehr in das Leben ihrer Wahl­hei­mat in­te­grier­ten, nahm die Zahl der Heim­keh­rer seit dem Ers­ten Welt­krieg dras­tisch ab. Eine letz­te klei­ne Aus­wan­de­rungs­wel­le er­folg­te in den 50er-Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts. Schät­zun­gen gehen davon aus, dass heute 20.000 bis 50.000 Me­xi­ka­ner von Aus­wan­de­rern aus dem Ubaye-Tal ab­stam­men. Das sind er­heb­lich mehr als die 7500 Men­schen, die heute in dem Hoch­tal der Alpes de Sud leben …