Wuss­ten Sie, dass …?

Teil 24: Die Zau­ber­mu­se­en in den Westfjor­den.

Wuss­ten Sie, dass jeder 500. Be­woh­ner Is­lands ein Geist ist? Dass viele Fel­sen ei­gent­lich ver­stei­ner­te Trol­le sind und zahl­rei­che Hügel von Elfen be­wohnt wer­den? Un­se­re Is­land-Au­to­rin Chris­ti­ne Sad­ler, deren be­lieb­ter Rei­se­füh­rer just in 7. Auf­la­ge neu er­schie­nen ist, hat sich die his­to­ri­schen Hin­ter­grün­de die­ses zau­ber­haf­ten Ei­lan­des an­ge­se­hen – und ei­ni­ge ma­gi­sche Mu­se­en in den Westfjor­den be­sucht.


Portrait Christine SadlerAuf dem Wap­pen des Be­zirks Stran­dir in den is­län­di­schen Westfjor­den fin­det sich das ma­gi­sche Sym­bol Ægis­hjál­mur (dt. Ægis Helm). Es galt als Zau­ber­zei­chen, das schon in der Edda (= al­tis­län­di­sches Epos) Er­wäh­nung fand. Das nach der nor­di­schen My­tho­lo­gie be­nann­te Sym­bol (Ægir ist der Gott des Mee­res) ver­lieh sei­nen Trä­gern Macht, so­fern es mit einem Blei­mo­del auf die Stirn ge­drückt wurde. Es könne, so hieß es, bei Geg­nern Au­gent­äu­schun­gen und große Furcht er­zeu­gen. Wer es trug, dem war bei Kämp­fen der Er­folg si­cher.


Die Zau­be­rer von Stan­dir

Die Strandirküste, Schauplatz isländischer Sagas (Foto: Christine Sadler)
Die Stran­dir­küs­te, Schau­platz is­län­di­scher Sagas (Foto: Chris­ti­ne Sad­ler)
Zahl­reich sind die in alten is­län­di­schen Sagas fest­ge­hal­te­nen Ge­schich­ten über das Au­fer­we­cken von Toten, eine Macht, derer die Men­schen in Stran­dir in be­son­de­rem Maße hab­haf­tig ge­we­sen sein sol­len. Sie gal­ten als lis­tig und zau­ber­kun­dig, als über­ra­gend im Um­gang mit Geis­tern. »Auf den Kopf fiel der Held, schmer­zend seine Glie­der. Un­klug ist’s zu rin­gen mit den Zau­be­rern von Stran­dir« liest sich ein in einem Nach­bar­be­zirk ver­fass­ter Vers.
Einer der be­rühm­tes­ten Zau­be­rer der Sa­ga­zeit war Svanur aus Stran­dir, über den in der Njáls saga be­rich­tet wird. Darin geht es um eine Fehde zwi­schen ehe­mals be­freun­de­ten Fa­mi­li­en, um Mord und Brand­stif­tung. Svanur führt darin einen Wet­ter­zau­ber aus, mit dem die Geg­ner von Th­jos­tolf, der ge­ra­de einen Mord be­gan­gen hat, an der Ver­fol­gung ge­hin­dert wer­den: Er wi­ckelt sich ein Zie­gen­fell um den Kopf und spricht eine Be­schwö­rung (»Es komme Nebel, es komme Ver­wir­rung und Spuk über alle, die nach dir fahn­den«).

Die mystische Ausstrahlung der Westfjorden (Foto: Christine Sadler)
Die mys­ti­sche Aus­strah­lung der Westfjor­den (Foto: Chris­ti­ne Sad­ler)
Zau­be­rei war Teil der ger­ma­ni­schen Re­li­gi­on. Im ab­ge­le­ge­nen Stran­dir hiel­ten sich Reste der alten Tra­di­tio­nen län­ger als in an­de­ren Lan­des­tei­len. Die He­xe­rei war wohl ein Män­ner­be­ruf, es sind nur we­ni­ge weib­li­che Zau­be­rer be­kannt. Bis ins 17. Jahr­hun­dert konn­te weit­ge­hend un­ge­straft ge­hext wer­den. Nach der Re­for­ma­ti­on aber gal­ten Zau­be­rei und Magie als Straf­ta­ten, es kam zu zahl­rei­chen Pro­zes­sen. Hier­für reich­te schon der Be­sitz von ma­gi­schen Runen. Wer ein Zau­ber­buch hatte, be­ging ein Ka­pi­tal­ver­bre­chen; den­noch sind bis heute viele sol­cher Lehr­bü­cher er­hal­ten.
Die häu­figs­te Stra­fe für die Be­schäf­ti­gung mit Zau­be­rei war die Au­speit­schung, die schwers­te lau­te­te auf Ver­bren­nung. Von 21 Is­län­dern ist be­kannt, dass sie den Tod auf dem Schei­ter­hau­fen fan­den. Wie viele es tat­säch­lich waren, wis­sen wir nicht. Do­ku­men­tiert ist je­den­falls, dass sich die meis­ten Pro­zes­se und Ver­bren­nun­gen in den Westfjor­den er­eig­ne­ten.


Die schau­rig-span­nen­den Über­bleib­sel der Magie

Zwischen weißen und roten Häusern liegt das Zaubereimuseum von Hólmavík (Foto: Christine Sadler)
Zwi­schen wei­ßen und roten Häu­sern liegt das Zau­be­rei­mu­se­um von Hól­ma­vík (Foto: Chris­ti­ne Sad­ler)
Mu­se­en in Hól­ma­vík und Lau­gar­hóll geben In­ter­es­sier­ten wei­te­re Aus­künf­te zur Zau­be­rei in Stran­dir; eine drit­te Aus­stel­lung ist ge­plant.
In der gut ge­mach­ten Aus­stel­lung in Hól­ma­vík im klei­nen schwar­zen Holz­haus mit Gras­so­den­dach er­fährt man unter an­de­rem, wie Men­schen einst ver­such­ten, sich mit einer Tinte aus Blut un­sicht­bar zu ma­chen, und wie mit einer Lei­chen­ho­se Reich­tum an­ge­häuft wird. Es wer­den Per­sön­lich­kei­ten vor­ge­stellt, die der Zau­be­rei ver­däch­tigt wur­den, weil sie zum Bei­spiel Geis­ter ver­trie­ben haben. Zwi­schen Ru­nen­zei­chen und Zau­ber­bü­chern, ma­gi­schen St­ei­nen, Kno­chen und Tink­tu­ren er­hebt sich gar ein Toter aus sei­nem Grab … In einem Ne­ben­raum ist ein aus­ge­höhl­ter Stein zu sehen, den wahr­schein­lich ein heid­ni­scher Pries­ter vor tau­send Jah­ren als Scha­le für Pfer­de­blut nutz­te.
Das »Land­haus des He­xers« in Lau­gar­hóll am Bjar­narf­jörður ver­mit­telt eine Idee davon, wie Hexer und Zau­be­rer einst leb­ten. Es han­delt sich um ein klei­nes Ge­höft aus Stein, Treib­holz und Torf, in dem man ma­gi­sche Zau­ber­sprü­che hört. Schließ­lich war der Bjar­narf­jörður die Hei­mat des Zau­be­rers Svanur aus der Njáls saga; im 18. Jahr­hun­dert leb­ten hier zwei aus Volks­sa­gen be­kann­te Ma­gier.

Im Landhaus des Hexers (Foto: Christine Sadler)
Im Land­haus des He­xers (Foto: Chris­ti­ne Sad­ler)
Die Zau­be­rei ist heute selbst­ver­ständ­lich ver­schwun­den, ge­blie­ben ist der weit ver­brei­te­te Glau­be an das Über­na­tür­li­che. Viele St­ei­ne und Hügel im Land gel­ten als von Elfen be­wohnt und damit als »ver­zau­bert«, viele mar­kan­te Fel­sen sind ei­gent­lich ver­stei­ner­te Trol­le. Nach Aus­sa­ge des Volks­kund­lers Árni Björns­son ist jeder 500. Ein­woh­ner Is­lands ein Geist. Die we­nigs­ten Is­län­der be­strei­ten die Prä­senz der über­na­tür­li­chen Wesen. Im All­ge­mei­nen ist man stolz auf sie und re­spek­tiert sie, weiß gerne um ihren Schutz. Die Me­di­en, die sie sehen und mit ihnen kom­mu­ni­zie­ren kön­nen, ge­nie­ßen hohe Ach­tung. Und zau­bert man heute auch nicht mehr, ist das In­ter­es­se an alten Zau­ber­ge­schich­ten doch wei­ter­hin groß; es wird kon­ti­nu­ier­lich zum Thema re­cher­chiert. Ko­pi­en tra­di­tio­nel­ler Zau­ber­bü­cher wer­den neu auf­ge­legt, auch mit eng­li­schen Über­set­zun­gen, und das Zau­ber­zei­chen Ægis­hjál­mur sieht man in Stran­dir hier und da in Fens­tern oder Autos hän­gen – als Schutz­sym­bol.


Wei­te­re In­for­ma­tio­nen

Zau­ber­mu­se­um Hol­ma­vík: Gald­rasý­ning, Höfða­ga­ta 8-10, Tel. 4513525, tägl. 9-18 Uhr, ISK 900, www.gald­ra­syn­ing.is. Mit Mu­se­ums­shop und Re­stau­rant.
Land­haus des He­xers: Klúka, neben dem Hótel Lau­gar­hóll a. d. Str. 643, Tel. 4513525, 1. Juni bis 1. Okt. tägl. 8-22 Uhr, Ein­tritt frei.