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Teil 29: Der nor­man­ni­sche Som­mer 1944

oder Li­te­ra­ten und Star­fo­to­gra­fen an den Lan­dungs­strän­den der Nor­man­die.

Die Lan­dung der al­li­ier­ten Streit­kräf­te in der Nor­man­die darf als end­gül­ti­ger Wen­de­punkt gegen Nazi-Deutsch­land im Zwei­ten Welt­krieg ge­se­hen wer­den. Die bru­ta­len Kämp­fe, die im Wes­ten Frank­reichs statt­fan­den, hiel­ten pro­mi­nen­te Künst­ler aber nicht davon ab, mit dabei zu sein. Drei der be­kann­tes­ten unter ihnen ist Ralf Nest­mey­er ge­folgt, in den Juni und Juli 1944: dem Kriegs­fo­to­gra­fen Ro­bert Capa sowie den No­bel­preis­trä­gern Er­nest He­ming­way und Sa­mu­el Be­ckett.

Portrait Ralf NestmeyerAls die al­li­ier­ten Sol­da­ten im Juni 1944 an der nor­man­ni­schen Küste lan­de­ten, ge­hör­ten zu den Trup­pen nicht nur mehr als 170.000 Sol­da­ten, vom Fall­schirm­sprin­ger bis zum Pan­zer­fah­rer, son­dern auch ei­ni­ge be­kann­te Schrift­stel­ler und Fo­to­gra­fen, an­ge­fan­gen von Ro­bert Capa über Lee Mil­ler bis hin zu Er­nest He­ming­way und Sa­mu­el Be­ckett. Teil­wei­se unter Le­bens­ge­fahr ver­such­ten sie die Schre­cken des Kriegs­sze­na­ri­os mit Bil­dern und Wor­ten fest­zu­hal­ten.
»In die­sem Küs­ten­mu­se­um des Ge­met­zels türm­ten sich St­achel­draht­rol­len und Rau­pen­schlep­per, Hau­fen weg­ge­wor­fe­ner Schwimm­wes­ten und Sta­pel von Gra­na­ten. Im Was­ser trie­ben leere Ret­tungs­boo­te, Ruck­sä­cke und mys­te­riö­se Oran­gen«, schrieb der mit dem Pu­lit­zer-Preis aus­ge­zeich­ne­te Kriegs­re­por­ter Ernie Pyle, der einen Tag nach dem Be­ginn der In­va­si­on die Küste am Omaha Beach be­trat. Nüch­tern zog er Bi­lanz: »Am Strand lag genug an Män­nern und Ma­te­ri­al für einen klei­nen Krieg. Das war alles aus­ge­ge­ben und für immer weg. Aber wir konn­ten uns das leis­ten.«


Elf Auf­nah­men von 106

Eine Gedenkstele erinnert in Bayeux an den in Vietnam gestorbenen Robert Capa. (Foto: Ralf Nestmeyer)
Eine Ge­denk­ste­le er­in­nert in Ba­yeux an den in Viet­nam ge­stor­be­nen Ro­bert Capa. (Foto: Ralf Nest­mey­er)
Ro­bert Capa, der wohl be­rühm­tes­te Kriegs­fo­to­graf aller Zei­ten, be­glei­te­te be­reits am Mor­gen des 6. Juni 1944 die al­li­ier­ten Lan­dungs­trup­pen. Nur mit sei­ner Ka­me­ra »be­waff­net«, die er vor den nas­sen Flu­ten schüt­zen muss­te, stürm­te Capa am Omaha Beach in den frü­hen Mor­gen­stun­den im deut­schen Feu­er­ha­gel an den Strand, sei­nem Motto treu: »Wenn deine Bil­der nicht gut genug sind, dann warst du nicht nahe genug dran.«
Er be­lich­te­te drei Film­rol­len mit 106 Bil­dern und kehr­te so schnell wie mög­lich nach Eng­land zu­rück, um seine Auf­trag­ge­ber zu be­lie­fern. Lei­der wur­den in einem Lon­do­ner Fo­to­la­bor durch einen Feh­ler bei der Ent­wick­lung bis auf elf Bil­der alle Auf­nah­men der In­va­si­on (»Ope­ra­ti­on Nep­tu­ne«) ver­nich­tet, doch auch die we­ni­gen ver­wa­ckel­ten Auf­nah­men be­leg­ten ein­drucks­voll die At­mo­sphä­re und den he­roi­schen Mut der In­va­si­ons­trup­pen.

Die Lobby des Lion d’Or. (Foto: Ralf Nestmeyer)
Die Lobby des Lion d’Or. (Foto: Ralf Nest­mey­er)
Be­reits zwei Tage spä­ter kehr­te Capa er­neut an den Omaha Beach zu­rück, wo er ma­ka­bres Treib­gut und Lei­chen­ber­ge fo­to­gra­fier­te, an­schlie­ßend be­such­te er das noch heute exis­tie­ren­de Hotel Lion d’Or in Ba­yeux, um zu­sam­men mit be­freun­de­ten Jour­na­lis­ten mit ein paar Fla­schen Cal­va­dos dar­auf an­zu­sto­ßen, dass er nicht, wie diese be­fürch­tet hat­ten, ge­fal­len war. Spä­ter tra­fen sich in dem Hotel der al­li­ier­te Ober­be­fehls­ha­ber Dwight D. Ei­senhow­er sowie Ge­ne­ral Omar Brad­ley und der bri­ti­sche Mar­schall Ber­nard Mont­go­me­ry, um über das wei­te­re Vor­ge­hen gegen die Deut­schen zu be­ra­ten. Die Lobby des Hau­ses be­sitzt noch heute viel Pa­ti­na: An den Wän­den hän­gen zahl­rei­che si­gnier­te Schwarz-Weiß-Fo­to­gra­fi­en von pro­mi­nen­ten Per­sön­lich­kei­ten.


Das erste Foto einer nicht exis­ten­ten Lei­che

Einer der Panzer, die gegen Nazideutschland ins Feld zogen. (Foto: Ralf Nestmeyer)
Einer der Pan­zer, die gegen Na­zi­deutsch­land ins Feld zogen. (Foto: Ralf Nest­mey­er)
Als Ende Juli 1944 die ame­ri­ka­ni­schen Pan­zer­di­vi­sio­nen Avran­ches er­reich­ten, fuhr auch Er­nest He­ming­way in einem der vor­de­ren Fahr­zeu­ge mit. Der be­rühm­te Schrift­stel­ler und Kriegs­re­por­ter be­rich­te­te sei­ner zu­künf­ti­gen Frau Mary Welsh von »einem lus­ti­gen, ver­gnüg­ten Leben voll von Toten, deut­schem Raub­gut, vie­len Schie­ße­rei­en und Kämp­fen, He­cken, Hü­geln, stau­bi­gen Stra­ßen, grü­nem Land, Wei­zen­fel­dern, toten Rin­dern und Pfer­den, Pan­zern, 88er-Ka­no­nen, Kraft­wa­gen und toten ame­ri­ka­ni­schen Jungs«.
Papa He­ming­way woll­te immer mit­ten im Ge­sche­hen sein und un­ter­nahm zu­sam­men mit dem Kriegs­fo­to­gra­fen Ro­bert Capa Aus­flü­ge mit einem er­beu­te­ten Mo­tor­rad mit Sei­ten­wa­gen. Als die bei­den ein­mal von den deut­schen Trup­pen be­schos­sen wur­den und in einem Gr­aben De­ckung such­ten, be­schul­dig­te He­ming­way Capa spä­ter, die­ser hätte ihm nicht ge­hol­fen, weil er »das erste Foto von sei­ner Lei­che« schie­ßen woll­te.


Die Haupt­stadt des Un­ter­gangs

In Saint-Lô sind die Folgen des Bombardements bis heute deutlich im Stadtbild auszumachen. (Foto: Ralf Nestmeyer)
In Saint-Lô sind die Fol­gen des Bom­bar­de­ments bis heute deut­lich im Stadt­bild aus­zu­ma­chen. (Foto: Ralf Nest­mey­er)
Wo­chen nach der Lan­dung der Al­li­ier­ten kam Sa­mu­el Be­ckett im Auf­trag des Iri­schen Roten Kreu­zes nach Saint-Lô. Be­ckett, der flie­ßend Fran­zö­sisch sprach, soll­te beim Auf­bau eines Feld­la­za­retts hel­fen. Eine ent­beh­rungs­rei­che Zeit, da es an Un­ter­künf­ten und Le­bens­mit­teln man­gel­te. Als Dol­met­scher muss­te er die Ver­sor­gung der Pa­ti­en­ten und Mit­ar­bei­ter or­ga­ni­sie­ren.
Be­ckett war nach Saint-Lô ge­sandt wor­den und über­rascht, wie tiefe Wun­den der Krieg in der Haupt­stadt des Dé­par­te­ments Man­che hin­ter­las­sen hatte. Saint-Lô ge­hör­te zu den am stärks­ten zer­stör­ten Städ­ten in der Nor­man­die. Wo­chen­lang tob­ten die Kämp­fe zwi­schen den Al­li­ier­ten und den deut­schen Be­sat­zern, die sich in der Stadt ver­schanzt hat­ten.
Nach sei­ner Rück­kehr, schrieb Be­ckett in Paris das Ge­dicht »St. Lô«, das die Irish Times ver­öf­fent­lich­te. In einem Radio-Essay be­zeich­ne­te er die aus­ge­brann­te Stadt als »The Ca­pi­tal of the Ruins«.