Wuss­ten Sie, dass …?

Teil 36: Die »Schein-Hei­li­gen« von St. Ma­ri­en

oder Lothar Mals­kats ge­nia­le Kunst­fäl­sche­rei

Dass Kunst immer sub­jek­tiv wahr­ge­nom­men wird, ist eine ab­ge­dro­sche­ne Wahr­heit. Wie weit diese All­tags­er­kennt­nis gehen kann, hat sich in den 50er-Jah­ren der Bun­des­re­pu­blik ge­zeigt, aus­ge­rech­net in Lü­beck. Die Zu­ta­ten lau­ten: ein ab­ge­half­ter­ter Maler, ein be­trü­ge­ri­scher Re­stau­ra­tor und eine Kir­chen­lei­tung, die nicht allzu genau hin­ge­se­hen hat. Mat­thi­as Krö­ner, Autor von Lü­beck MM-City (4. Auf­la­ge 2018), weiß mehr.


Portrait Matthias KrönerDer Brand in der Bom­ben­nacht vom 28. auf den 29. März 1942 war ver­hee­rend. Flam­men von 1200 Grad Cel­si­us feg­ten durch St. Ma­ri­en, der Bür­ger­ka­the­dra­le von Lü­beck. Die­ser Feu­er­sturm sorg­te dafür, dass die Kalk­tün­che von den Wän­den platz­te – und Farb­res­te alter Be­ma­lun­gen frei­leg­te.
Von 1948 bis 1954 wur­den sie auf­wen­dig re­stau­riert. Einen Hei­li­gen­zy­klus im Mit­tel­schiff, der auf die erste Hälf­te des 14. Jahr­hun­derts zu­rück­geht, ehrte man in einer Brief­mar­ke­ne­di­ti­on. Da man im Chor­raum keine Ma­le­rei­en fand, ent­schlos­sen sich der Ber­li­ner Re­stau­ra­tor Dietrich Fey und sein Ge­hil­fe, der re­la­tiv mit­tel­lo­se Künst­ler Lothar Mals­kat (1913-1988), zu einem bei­na­he ge­nia­len Coup. Er soll­te als größ­ter Fäl­scher­skan­dal der Nach­kriegs­zeit in die An­na­len ein­ge­hen.


Der Trut­hahn­feh­ler und die »größ­ten Funde Eu­ro­pas«

St. Marien, eine der größten Kirchen der Welt, in der der bekannteste Fälscherskandal der Nachkriegszeit stattfand … (Foto: Berit Koepke)
St. Ma­ri­en, eine der größ­ten Kir­chen der Welt, in der der be­kann­tes­te Fäl­scher­skan­dal der Nach­kriegs­zeit statt­fand … (Foto: Berit Ko­ep­ke)
Mals­kat, der be­reits 1937 – eben­falls im Ver­bund mit Fey – den Schles­wi­ger Dom »ver­schö­nert« hatte, imi­tier­te den go­ti­schen Stil per­fekt und kre­ierte 21 Fi­gu­ren. 1937 war ihm noch ein un­an­ge­neh­mer Feh­ler un­ter­lau­fen: Er hatte einen Trut­hahn in einen Tier­fries ge­zeich­net, den die Nazis kur­zer­hand um­deu­te­ten. An der Ma­le­rei könne man er­ken­nen, dass der »Nor­di­sche Mensch« schon 200 Jahre vor Ko­lum­bus die Neue Welt ent­deckt habe …
Dies­mal lief alles glatt. »Der Schöp­fer die­ser Ge­mäl­de ist einer der Gro­ßen im Rei­che der Kunst«, lau­te­te das ein­stim­mi­ge Ur­teil der Ko­ry­phä­en. Die schein­bar re­stau­rier­ten Hei­li­gen wur­den als »größ­te Funde Eu­ro­pas« ge­prie­sen, Lü­beck galt als »Kul­tur­zen­trum des Mit­tel­al­ters«. Das »un­er­reich­te mit­tel­al­ter­li­che Meis­ter­werk von ge­wal­ti­ger Zeug­nis­kraft« war sogar Thema einer Dok­tor­ar­beit.
Vi­el­leicht würde man noch heute von der »Leucht­kraft der Far­ben« und der »selbst­be­wuß­ten bür­ger­li­chen und künst­le­ri­schen Ge­sin­nung« der Ma­le­rei­en spre­chen (und in vie­len Rei­se­füh­rern dar­über lesen) – wenn, tja, wenn es nicht den Künst­ler­neid und die Künst­le­rei­tel­keit geben würde. Als Fey wäh­rend der 700-Jahr-Feier der Ma­ri­en­kir­che von Bun­des­kanz­ler Ade­nau­er ge­lobt und Mals­kat nur mit ei­ni­gen Bier- und Schnaps­mar­ken ab­ge­speist wurde, wand­te sich der Meis­ter­fäl­scher an die Pres­se.


Der »Amok­lauf der Wahr­heit«

Ob­wohl der SPIEGEL sei­nen »Amok­lauf der Wahr­heit« (Mals­kat) ab­druck­te, wurde den Aus­füh­run­gen des schmäch­ti­gen Kö­nigs­ber­gers nicht ge­glaubt; erst die Selbst­an­zei­ge von 1952 wies ihn als Schöp­fer der Ch­or­ge­stal­ten aus. Am 25. Ja­nu­ar 1955 wurde Fey zu einer 20-mo­na­ti­gen, Mals­kat zu einer 18-mo­na­ti­gen Ge­fäng­nis­stra­fe ver­knackt. Un­klar blieb, in­wie­weit die Kir­chen­lei­tung von allem ge­wusst und still­schwei­gend mit­ge­macht hatte. Kur­zer­hand be­schloss der Bi­schof, die Ge­mäl­de ab­zu­wa­schen, zumal sie, laut den Rich­tern, »mit einem sitt­li­chen Makel be­haf­tet und völ­lig wert­los« seien.
Heute trau­ert man den ver­schwun­de­nen Imi­ta­ten bei jeder Füh­rung nach. »Der Fall Lothar Mals­kat« wurde 1966 vom ZDF ver­filmt, Gün­ter Grass baute ihn in sei­nen Roman »Die Rät­tin« (1986) ein.