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Teil 37: Neue Er­werbs­zwei­ge statt neue Har­pu­nen

oder Wie aus Wal­fän­gern Wal­schüt­zer wur­den

Japan, Nor­we­gen und Is­land ma­chen es: Wale fan­gen – ob­wohl die Tiere vom Auss­ter­ben be­droht sind … Wie aus eins­ti­gen Wal­fän­gern Wal­schüt­zer wer­den kön­nen, lässt sich gut auf Ma­dei­ra nach­ver­fol­gen. Seit 1986 ist die Küste von Ca­niçal Teil eines Na­tio­nal­parks für Mee­res­säu­ge­tie­re. Irene Bör­jes, Au­to­rin von »Ma­dei­ra« (7. Auf­la­ge 2018), hat sich die Wal­fang­his­to­rie und ihre Ge­gen­wart ge­nau­er an­ge­se­hen.


Portrait Irene BörjesDer Wal­fang auf Ma­dei­ra be­gann 1941 mit dem Ein­wan­de­rer Luis Eleu­te­rio dos Reis von den Azo­ren. Dort hatte die ex­zes­si­ve Jagd die Be­stän­de de­zi­miert. Die erste Wal­fang­sta­ti­on ent­stand in Porto Moniz, im Nord­wes­ten Ma­dei­ras. Spä­ter wurde das öst­lich ge­le­ge­ne Ca­niçal ihr Stand­ort.
Haupt­grund für die Jagd auf die Mee­res­säu­ger war ihre 20 cm dicke Speck­schicht. Der aus ihr ge­won­ne­ne Tran ließ sich zu In­dus­trie­öl ver­ar­bei­ten. Das Fleisch war nur Ab­fall­pro­dukt, das sich al­len­falls zu Mehl ge­mah­len als Dün­ger oder, mit Zu­sät­zen ver­setzt, als Vieh­fut­ter ver­kau­fen ließ. Aus den Kno­chen fer­tig­te man Schnit­ze­rei­en an, oder sie wur­den, ganz pro­sa­isch, als Zaun­pfäh­le ge­nutzt. Ganz sel­ten fand sich in den Där­men eine der be­rühm­ten, in der Par­füm­her­stel­lung be­gehr­ten Am­ber­ku­geln.


Der ab­ge­schot­te­te Ost­zip­fel der Insel

Die wilde vulkanische Nordküste von Madeira (Foto: Irene Börjes)
Die wilde vul­ka­ni­sche Nord­küs­te von Ma­dei­ra (Foto: Irene Bör­jes)
Viel ver­die­nen konn­te man mit dem Wal­fang nicht. Doch im ab­ge­le­ge­nen Ca­niçal gab es außer der Fi­sche­rei keine Ar­beits­plät­ze, und beim Wal­fang ver­dien­ten nicht nur die Schiffs­mann­schaf­ten, son­dern – durch die Ver­ar­bei­tung – auch die an­de­ren Mit­glie­der der Dorf­ge­mein­schaft. Mit der Ver­bes­se­rung der Ver­kehrs­ver­bin­dun­gen und der Chan­ce auf Ar­beit au­ßer­halb des ab­ge­schot­te­ten Ost­zip­fels schwand die Be­deu­tung des Wal­fangs. 1981, mit Por­tu­gals Un­ter­zeich­nung des Ar­ten­schutz­ab­kom­mens, stell­ten die Wal­fän­ger ihre Ar­beit ein, ob­wohl ihnen eine Über­gangs­zeit ge­währt wurde – sie waren die Jagd auf die fried­li­chen Tiere leid.
Schon Jahre zuvor hat­ten sie frei­wil­lig auf das Fan­gen von Jung­tie­ren und Weib­chen ver­zich­tet. Von die­sem Schritt bis zur Wand­lung der Wal­fän­ger in Wal­schüt­zer war es nur noch ein kur­zer Weg. Der frü­he­re Kom­man­dant der Wal­fang­sta­ti­on und Sohn ihres Grün­ders, Eleu­te­rio Reis, wurde Mit­glied der Ge­sell­schaft zum Schutz der Mee­res­säu­ge­tie­re. – An­ders seine eins­ti­gen Kol­le­gen in Nor­we­gen und Japan: Ihre Län­der ver­wei­ger­ten sich dem Wa­shing­to­ner Ar­ten­schutz­ab­kom­men, sie füh­ren die Jagd auf Moby Dick bis heute fort, auch Is­land bleibt dabei. Al­ler­dings jagen sie nicht im Ru­der­boot und mit der Hand­har­pu­ne, son­dern von Fa­brik­fang­schif­fen mit elek­tro­nisch ge­steu­er­ten Schuss­waf­fen oder Net­zen …


Ein Wal­mu­se­um, auf das man stolz ist

Der Hafen wurde aus dem Orts­kern wei­ter nach Osten ver­legt, damit die Fi­scher von Ca­niçal, ähn­lich wie in an­de­ren Orten Ma­dei­ras, mit mo­to­ri­sier­ten Kut­tern statt mit Holz­ru­der­boo­ten auf Fisch­fang gehen kön­nen. Öst­lich des stei­ni­gen Stran­des prä­sen­tiert sich zudem als neuer Er­werbs­zweig für die Be­woh­ner Ca­niçals eine große Werft, in der Tra­di­ti­ons­boo­te wie auch su­per­mo­der­ne Jach­ten ge­war­tet wer­den.
Ein Kiosk er­in­nert an die Zeit als Wal­fan­gort. Aus Wal­kno­chen ge­fer­tig­te Schif­fe und an­de­re Sou­ve­nirs las­sen sich hier er­ste­hen. Eine Pro­me­na­de führt am Strand ent­lang, auf dem noch ei­ni­ge der alten, bunt be­mal­ten Holz­boo­te lie­gen. Am west­li­chen Ende der Pro­me­na­de schim­mert Ca­niçals neue Ba­de­an­la­ge, we­ni­ge Schrit­te wei­ter der hy­per­mo­der­ne Bau des Museu da Baleia, des Wal­mu­se­ums. Ob­wohl man auf die Ver­gan­gen­heit stolz ist, geht es heute vor allem um den Schutz der arg de­zi­mier­ten Tier­be­stän­de. Ein guter Aus­gang für eine eins­ti­ge Wal­fang­in­sel.


Wal­mu­se­um und Whale-Wacht­ing

Tanz der Wale im Museu da Baleia (Foto: Irene Börjes)
Tanz der Wale im Museu da Baleia (Foto: Irene Bör­jes)
Museu da Baleia (Wal­mu­se­um): Das 2011 in dem su­per­mo­der­nen Bau er­öff­ne­te Mu­se­um do­ku­men­tiert die Ge­schich­te des Wal­fangs in Ca­niçal und um Ma­dei­ra und be­fasst sich mit dem Schutz des Mee­res, sei­ner Pflan­zen und Tiere. Um die Größe der Wale zu zei­gen, wurde eine Halle ge­baut, in der in be­ein­dru­cken­der Weise meh­re­re Mo­del­le der Meers­säu­ger in ihren na­tür­li­chen Aus­ma­ßen (bis zu 20 m) wie im Meer schwe­ben. Nicht ver­säu­men soll­ten Sie, sich in den Nach­bau eines U-Boo­tes zu set­zen. Das Fens­ter dient als Lein­wand für einen 3D-Film, mit dem man auf Un­ter­was­ser­ex­pe­di­ti­on gehen kann.
Di-So 10.30-18 Uhr. Ein­tritt mit Au­di­ofüh­rung (auch auf Deutsch) 10 €, Kin­der 6-12 J. 6 €. Er­mä­ßi­gung für Fa­mi­li­en, Rent­ner, Stud./Ju­gendl. Am west­li­chen Orts­rand, ober­halb der Ba­de­an­la­ge, Rua da Pedra d’Eira, www.mu­seu­da­baleia.org (auch auf Deutsch).

Wal­be­ob­ach­tung/Whale and Dol­fin Watching: Ab der Ma­ri­na von Machi­co star­ten täg­lich Aus­fahr­ten zur Wal­be­ob­ach­tung. Weil das Wal­mu­se­um die Fahr­ten emp­fiehlt, kann man davon aus­ge­hen, dass die Schutz­be­stim­mun­gen für die Mee­res­säu­ger ein­ge­hal­ten wer­den.