Wuss­ten Sie, dass …?

Teil 27: Die RAF in der Ste­phan­stra­ße

oder Die größ­te Ter­ror­fahn­dung in der Nürn­ber­ger Ge­schich­te

Etwa ein­ein­halb Jahre nach dem Deut­schen Herbst gab es in Nürn­berg eine Ter­ror­zel­le der RAF. Den Un­ter­schlupf von Eli­sa­beth von Dyck, die in ihrer Woh­nung sogar steck­brief­lich ge­such­te Top-Ter­ro­ris­ten wie Chris­ti­an Klar oder Adel­heid Schulz emp­fing, ent­deck­te man eher aus Zu­fall: nach einem Bank­über­fall. Wie di­let­tan­tisch die V-Män­ner da­nach vor­gin­gen, be­schreibt Ralf Nest­mey­er in un­se­rer Wuss­ten Sie, dass-Serie. Sein Rei­se­füh­rer zu Nürn­berg liegt ak­tu­ell in 10. Auf­la­ge 2016 vor.


Portrait Ralf NestmeyerNürn­berg ist nicht nur die Stadt der Leb­ku­chen und des Christ­kind­les­mark­tes, die Stadt der Reichs­klein­odi­en und der Reichs­par­tei­ta­ge, son­dern Nürn­berg ist auch die Stadt, in der ein paar der be­we­gends­ten po­li­ti­schen Er­eig­nis­se der jüngs­ten deut­schen Ver­gan­gen­heit ihre Spu­ren hin­ter­las­sen haben.
So fan­den drei der neun NSU-Morde in Nürn­berg statt, an­ge­fan­gen mit dem ers­ten Mord der Serie an Enver Şimşek am 9. Sep­tem­ber 2000, dann der zwei­te Mord an Ab­durra­him Özüdoğru (13. Juni 2001) sowie der Mord an İsmail Yaşar, der in sei­nem Döner-Im­biss in der Schar­rer­stra­ße am 9. Juni 2005 er­schos­sen wurde.
Gera­de ein­mal 250 Meter Luft­li­nie von dem Döner-Im­biss ernt­fernt, spiel­te sich im Nürn­ber­ger Süd­os­ten zwei­ein­halb Jahr­zehn­te zuvor eine an­de­re His­to­rie ab, die deutsch­land­weit für Schlag­zei­len sorg­te. Da­mals in den Hoch­zei­ten des deut­schen Ter­ro­ris­mus wurde die steck­brief­lich ge­such­te RAF-Ter­ro­ris­tin Eli­sa­beth von Dyck am spä­ten Abend des 4. Mai 1979 von zwei Po­li­zis­ten eines Spe­zi­al-Ein­satz-Kom­man­dos (SEK) in einer kon­spi­ra­ti­ven Woh­nung in der Ste­phan­stra­ße 40 er­schos­sen.


Schul­kin­der ent­tar­nen V-Män­ner

Nürnberg – nicht nur die Bilderbuchstadt mit Burg … (Foto: Ralf Nestmeyer)
Nürn­berg – nicht nur die Bil­der­buch­stadt mit Burg … (Foto: Ralf Nest­mey­er)
Die­ser Ein­satz mar­kier­te al­ler­dings kei­nen Er­folg der Ter­ror­fahn­dung: Er ging eher als Fahn­dungs­pan­ne in die Er­mitt­lungs­ge­schich­te ein. Nach einem Bank­über­fall auf die Schmidt-Bank-Fi­lia­le an der Lo­renz­kir­che in Nürn­berg, bei dem am 17. April des­sel­ben Jah­res mehr als 200.000 Mark er­beu­tet wor­den waren (das Flucht­fahr­zeug fand man auf der Insel Schütt in Nürn­berg), gin­gen Hin­wei­se aus der Be­völ­ke­rung ein, die auf einen Un­ter­schlupf hin­deu­te­ten. Heim­lich dran­gen die Er­mitt­ler in die im ers­ten Stock ge­le­ge­ne Ein­ein­halb­zim­mer­woh­nung ein. Sie si­cher­ten Fin­ger­ab­drü­cke am Wasch­be­cken sowie Klei­dungs­stü­cke und Schrift­pro­ben, die ein­deu­tig dar­auf schlie­ßen lie­ßen, dass sich hier die an der Ent­füh­rung und Er­mor­dung von Hanns Mar­tin Schley­er be­tei­lig­ten und steck­brief­lich ge­such­ten Top-Ter­ro­ris­ten Chris­ti­an Klar, Adel­heid Schulz, Mo­ni­ka Hel­bing, Rolf Heiß­ler und Wer­ner Bern­hard Lotze auf­ge­hal­ten hat­ten.
Die im Stadt­teil St. Peter ge­le­ge­ne Woh­nung – sie be­fand sich un­weit der für ihre Waf­fen­pro­duk­ti­on be­kann­ten Diehl-Werke – wurde an­schlie­ßend wo­chen­lang be­schat­tet, al­ler­dings recht dil­le­tan­tisch. Selbst Schul­kin­der ent­tarn­ten die als Stra­ßen­bau­ar­bei­ter ver­klei­de­ten Po­li­zis­ten, da diese nicht ar­bei­te­ten. Neu­gie­rig zogen die Kin­der von den Ab­sperr­leuch­ten des Bau­wa­gens die Kle­be­strei­fen ab und ent­deck­ten die da­hin­ter ver­steck­ten Über­wa­chungs­ge­rä­te. Trotz die­ser Pein­lich­kei­ten »glück­te« der po­li­zei­li­che Zu­griff, wobei die 28-jäh­ri­ge Eli­sa­beth von Dyck bei dem über­eil­ten Zu­griff in Ober­schen­kel und Rü­cken ge­schos­sen wurde und wenig spä­ter im Kli­ni­kum an ihren schwe­ren Ver­let­zun­gen ver­starb.


Nach wem su­chen wir ei­gent­lich?

Das kriegerische Logo der Terroristen
Das krie­ge­ri­sche Logo der Ter­ro­ris­ten
In den fol­gen­den St­un­den und Tagen kam es zur größ­ten Ter­ror­fahn­dung in der Nürn­ber­ger Ge­schich­te – die je­doch nicht zur Ver­haf­tung eines wei­te­ren Ter­ro­ris­ten füh­ren soll­te. Nicht ein­mal die be­tei­lig­ten Po­li­zei­be­am­ten wuss­ten, nach wel­chen Fahr­zeu­gen und Per­so­nen sie ei­gent­lich su­chen soll­ten. Es kam, wie es kom­men muss­te: Die groß an­ge­leg­te Fahn­dungs­ak­ti­on führ­te zu kei­nen neuen Er­kennt­nis­sen. Was die RAF in der Ste­phan­stra­ße wirk­lich ge­plant hatte, liegt bis heute im Dun­keln …