Wuss­ten Sie, dass …?

Teil 4: Groß­ohr Du – Shang­hais Pate.

Ein kri­mi­na­lis­ti­sches Zwi­schen­spiel von Ro­bert Zsol­nay.

Der Micha­el Mül­ler Ver­lag ist be­kannt für seine rei­se­prak­ti­schen Hand­bü­cher. Neben Tipps von A bis Z gibt es auch wit­zi­ge und skur­ri­le The­men, die wäh­rend der Nie­der­schrift eines Rei­se­füh­rers ins Zen­trum rü­cken. In jeder Aus­ga­be des News­let­ters stel­len wir Ihnen einen die­ser klei­nen Texte vor. Heute bli­cken wir in die düs­te­re Seele eines Kri­mi­nel­len, den Ro­bert Zsol­nay – zu­min­dest text­lich – in Shang­hai aus­ge­gra­ben hat …


Portrait Robert ZsolnayEin Essen mit ihm konn­te für den Gast töd­lich enden.
Du Yues­heng war in den 1930er Jah­ren einer der ein­fluss­reichs­ten Män­ner Shang­hais. Und einer der kri­mi­nells­ten: Er und seine Kom­pli­zen kon­trol­lier­ten den Han­del mit Dro­gen, Waf­fen und Mäd­chen – an jeder Opi­umpfei­fe, die in den Las­ter­höh­len der Stadt ge­raucht wurde, sol­len Du und seine Kom­pli­zen mit­ver­dient haben. Gleich­zei­tig war Yues­heng Vi­ze­prä­si­dent des Chi­ne­si­schen Roten Kreu­zes und lei­te­te die Ge­schi­cke zwei­er wich­ti­ger Ban­ken. Das Groß­ohr, so sein Spitz­na­me, hatte sich die por­tu­gie­si­sche Staats­bür­ger­schaft ge­kauft und war nur schwer vor Ge­richt zu stel­len. Wer sich ihn zum Feind mach­te, muss­te mit dem Schlimms­ten rech­nen, so wie der fran­zö­si­sche Ge­ne­ral­kon­sul Koech­lin, der als Gast in Du Yues­hengs Haus kam und als Toter hin­aus­ge­tra­gen wurde. Das Groß­ohr hatte das Essen des Fran­zo­sen ver­gif­ten las­sen. Der Be­glei­ter des Kon­suls über­leb­te mit viel Glück, doch seit­her ging keine Be­hör­de der fran­zö­si­schen Ko­lo­ni­al­macht in Shang­hai mehr gegen Du vor – ab 1932 saß der Gau­ner im fran­zö­si­schen Stadt­rat Shang­hais.
Mit kahl ge­scho­re­nem Schä­del, einer gro­ßen schlak­si­gen Gestalt, brei­ten Lip­pen und lan­gen Ohren war Du Yues­heng eine mar­kan­te Gestalt. Einen Ein­druck sei­ner mon­dä­nen Le­bens­wei­se und sei­ner Bande kann man noch heute an der Xinle Lu, Haus­num­mer 82, ge­win­nen, wo das eins­ti­ge Wohn­haus eines Kom­pli­zen steht – im Foyer des heu­ti­gen Ho­tels be­fin­den sich teil­wei­se noch ori­gi­na­le Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de. Üb­ri­gens ent­schlüpf­te das Groß­ohr kurz vor An­kunft der kom­mu­nis­ti­schen Trup­pen An­fang 1949 nach Hong­kong, wo der Pate von Shang­hai bis zu sei­nem Ab­le­ben 1951 als ein an­ge­se­he­nes Mit­glied der Hong­kon­ger Ge­sell­schaft schal­te­te und wal­te­te.
Du Yues­heng starb eines na­tür­li­chen Todes.

Wuss­ten Sie au­ßer­dem, warum die Shang­hai­er Ka­rao­ke-Pa­läs­te be­reits zur Mit­tags­zeit gut ge­füllt sind (S. 79), wel­ches die an­ge­sag­tes­ten Clubs der Me­ga­ci­ty sind (S. 77), wieso es in den 1920er Jah­ren für Zim­mer­mäd­chen selbst­ver­ständ­lich war, eine Opi­umpfei­fe aufs Ho­tel­zim­mer zu brin­gen (S. 38), warum eine Brü­cke mit neuen Bie­gun­gen zum alten Hu­xin­ting-Tee­haus führt (S. 128 f.), wes­halb die Ma­xi­me »La­dies first« bei of­fi­zi­el­len An­läs­sen häu­fig keine Rolle spielt (S. 50) oder warum der Reis bei einem Essen in Shang­hai immer zu­letzt ser­viert wird (S. 69)?


Ant­wor­ten und jede Menge rei­se­prak­ti­sche Tipps fin­den Sie im Rei­se­füh­rer »Shang­hai MM-City« von Ro­bert Zsol­nay.