Abseits der Routen

Teil 15: Straßburg

oder Die magische Welt des Voodoo

Ja, richtig gelesen! In der elsässischen Minimetropole nahe der deutschen Grenze, die man eher mit Fachwerkromantik und Europaparlament gleichsetzt, trifft man auf die weltweit größte Privatsammlung zum westafrikanischen Voodoo-Kult. Antje und Gunther Schwab, die Autoren unseres Straßburg-Reiseführers, haben die außergewöhnliche Ausstellung besucht und eine Religion erkundet, die 60 Millionen Anhänger hat.

Südlich des Straßburger Bahnhofs und damit außerhalb der 1998 komplett zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Illinsel steht ein massiver, achteckiger Wasserturm. Dieser wurde von dem Berliner Architekten Johann Eduard Jacobsthal zwischen 1878 und 1883 erbaut – in einer Zeit, als das Elsass nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 zum Deutschen Kaiserreich gehörte. Er diente der Wasserversorgung der Dampflokomotiven, bis man ihn Ende der 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts nicht mehr brauchte: das Zeitalter der Elektroloks war angebrochen.
1983 stellte man den Turm zwar unter Denkmalschutz, nutzte ihn aber nicht. Erst 2005 erwarb Marc Arbogast das Gebäude aus Sand- und Ziegelsteinen. Der einstige Chef der heute nicht mehr existierenden elsässischen Brauerei Fischer-Adelshoffen ließ das Bauwerk großflächig restaurieren – und eröffnete darin 2014 das jüngste und außergewöhnlichste Museum Straßburgs, das Château Musée Vodou, das Voodoo-Museum.

1.000 Kultobjekte und ihre kulturellen Wurzeln

Ein unerwartetes Museum in Straßburg (Foto: Antje und Gunther Schwab)
Ein unerwartetes Museum in Straßburg (Foto: Antje und Gunther Schwab)

Arbogast ist ein Sammler der ganz besonderen Art. Zusammen mit seiner Frau Marie Luce reiste er unzählige Male nach Westafrika und begeisterte sich für den dortigen Voodoo-Kult. Besonders aus Ghana, Togo, Benin und Nigeria brachte er regelmäßig Fetische, Masken sowie Kunst- und Schmuckstücke rund um Ahnenkult, Wahrsagerei, Zauberei und Heilkunde mit.
Inzwischen gehört ihm die weltweit größte Privatsammlung zum afrikanischen Voodoo-Kult. Sage und schreibe mehr als 1.000 Kultobjekte sind es im Laufe der Jahre geworden, wovon 220 in der ständigen Ausstellung auf vier Stockwerken übersichtlich und einfühlsam präsentiert werden. Mögliche Vorurteile werden dadurch abgebaut, Missverständnisse zurechtgerückt. Deutlich wird auch der kulturelle Reichtum dieser Religion, die zugleich Lebensphilosophie und Heilkunde ist.
Ursprünglich stammt sie aus dem vorkolonialen, sich vom heutigen Westnigeria bis nach Ghana erstreckenden Königreich Dahomey. Durch die Sklaverei kam der Kult von Westafrika in die Karibik, wo er vor allem in Haiti einen großen Stellenwert genießt. Weltweit hat Voodoo heute etwa 60 Millionen Anhänger.

Kelessi und ihr Mann – das wichtigste Objekt des Voodoo-Sammlung (Foto: Antje und Gunther Schwab)
Kelessi und ihr Mann – das wichtigste Objekt des Voodoo-Sammlung (Foto: Antje und Gunther Schwab)

Die Sammlung und ihre Schätze

Im Erdgeschoss steht das wichtigste Objekt des Museums. Kelessi ist ein von einem Voodoopriester aus Stoff und Ziegenschädeln angefertigter weiblicher Fetisch, der Schutz gewährt. Daneben, deutlich kleiner, ihr Mann, der ihren eventuell aufkommenden Zorn besänftigen soll. Der Größenunterschied betont auch die Bedeutung des Weiblichen im Voodoo-Kult. Kelessi und ihr Mann gelten als aktive Fetische. Sie werden regelmäßig »belebt«, also mit Alkohol, insbesondere mit Gin, und Geflügelblut gespeist. Allen anderen Kultobjekten ist die Kraft genommen worden, ein Voodoo-Priester hat sie desakralisiert.

Ein Krokodil als Flussgottfetisch (Foto: Antje und Gunther Schwab)
Ein Krokodil als Flussgottfetisch (Foto: Antje und Gunther Schwab)

Im 1. Obergeschoss ist Legba zu sehen, ein Fetisch mit Hundekopf. Er gilt als Bote zwischen den Menschen und Göttern. Außerdem finden sich hier ein Krokodil als Flussgottfetisch, ein vierbeiniger, die Geheimnisse der Pflanzen kennender Waldgottfetisch, der Fetisch einer Meeresgöttin sowie mit Voodoo-Symbolen beladene Boote. Diese Symbole schenkten den einst als Sklaven nach Amerika verkauften Einheimischen ein wenig Beistand.

Die beeindruckenden Ganzkörpermasken im dritten Obergeschoss (Foto: Antje und Gunther Schwab)
Die beeindruckenden Ganzkörpermasken im dritten Obergeschoss (Foto: Antje und Gunther Schwab)

Im 2. Obergeschoss geht es um Tod und Totenkult. Man bekommt bösartige Fetische zu sehen; an sie wandte man sich, um jemandem zu schaden oder zu verwünschen. Die mit Schneckenhäusern und Gewürzkörnern verzierten Schädel schmückten einst die Altäre der Voodoo-Priester. Doch auch eiserne Stäbe sieht man, an deren Spitzen jeweils Figuren oder bestimmte Zeichen angebracht sind. Man stellte sie auf Gräber, wo sie als bewegliche Altäre oder tragbare Grabsteine dienten. Dass gelegentlich auch das christliche Kreuz oder der muslimische Halbmond an einer der Spitzen zu sehen sind, zeigt, wie durchlässig der Voodoo sein kann.

Im 3. Obergeschoss schließlich stehen zahlreiche aus mehreren Stoffschichten bestehende farbenfrohe Ganzkörpermasken. Ein Film zeigt, wie sie eingesetzt werden.

Unser Fazit

Abseits des weltberühmten gotischen Münsters und des französischen savoir-vivre wird dem Besucher im Château Musée Vodou auf beeindruckende Art und Weise eine fremde, aber sehr faszinierende Kultur näher gebracht. Wir gingen beglückt aus der Sammlung, wie immer, wenn sich unser Blick für die Welt weitet und wir auf etwas stoßen, das wir so nicht erwartet hatten.

Reisepraktische Infos

4, rue de Koenigshoffen, 67000 Strasbourg. Mi-So 14-18 Uhr, Eintritt 14 Euro, ermäßigt 11 Euro, Kinder (6-10 J.) 8 Euro. Tel. 0388361503, www.chateau-vodou.com.

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