Abseits der Routen

Teil 7: Tallinn

oder Das nordische Silicon Valley

Nur heiraten, sich scheiden lassen und Grundstücke verkaufen muss man in Estland noch persönlich. Erstaunliche 99 Prozent des Papierkrams werden im nördlichsten der drei baltischen Länder online erledigt. Maja Hoock, die einen Tallinn-Reiseführer für uns geschrieben hat, hat sich im e-Estonia-Showroom umgesehen – und ist nicht nur auf putzende Roboter gestoßen.

Deutsche Ämter sind eine Mischung aus Kafkas »Schloss«, zu dem man nie durchdringt, und dem »Haus, das Verrückte macht« aus Asterix und Obelix: Für Schein A benötigen Sie Papier C und dafür Dokument X. Dabei geht alles viel einfacher: Estland investierte in IT-Fachleute und verlegte die komplette Verwaltung ins Netz. »e-Estonia« nennt sich das Großprojekt mit dem Slogan: »Wir haben eine digitale Gesellschaft geschaffen – und ihr könnt das auch!« Am Stadtrand zeigt die Regierung stolz, was ihre IT-Leute schon alles können.


Höchste Start-up-Dichte Europas

Im e-Estonia-Showroom erklären Computer, wie digital Estland heute schon ist (Foto: e-Estonia-Showroom, Annika Haas)
Im e-Estonia-Showroom erklären Computer, wie digital Estland heute schon ist (Foto: e-Estonia-Showroom, Annika Haas)

Der Slogan zur Ausstellung am Rande Tallinns klingt für manche Besucher vielleicht angsteinflößend. Für andere ist Estland das große Vorbild in Sachen Digitalisierung: Um zu sehen, wie der Ex-Sowjetstaat zum »digitalsten Land Europas« wurde, pilgern jedes Jahr 10.000 Politiker und einige wenige Touristen in den »e-Estonia-Showroom«. Sogar eine Delegation aus Japan war dort, um sich abzuschauen, wie Estland so gut wie alles digital aufgerüstet hat, was man ans Netz anschließen kann.
Das Glasgebäude steht in der Nähe des zehn Quadratmeter großen Ülemiste Sees, über den man sich eine Sage erzählt: Der »Alte von Ülemiste« fragt den Ersten, den er abends am Stadttor trifft, ob die Stadt schon fertig ist. Ist die Antwort »ja«, überflutet er Tallinn. Darum darf die Stadt nie zu Ende gebaut werden. Die »Technopolis City«, ein Gebiet in Ülemiste im Südosten Tallinns, ist das beste Beispiel dafür und ständig am Wachsen. Tallinn ist Brutherd für unzählige IT-Unternehmen wie Skype und hat, gemessen an der Einwohnerzahl, angeblich die höchste Start-up-Dichte Europas.


99 Prozent des Papierkrams

Ein Strandbesuch ohne Internet ist für Esten unvorstellbar (Foto: Maja Hoock)
Ein Strandbesuch ohne Internet ist für Esten unvorstellbar (Foto: Maja Hoock)

Im Showroom fahren putzende Roboter herum und Pflanzen werden unter künstlichem Licht herangezogen. Dazwischen erfahren die Besucher mit Computeranimationen, Schautafeln und Präsentationen von »echten Menschen«, was Esten per Mausklick erledigen: 99 Prozent des Papierkrams, zu jeder Uhrzeit. Nur heiraten, sich scheiden lassen und Grundstücke verkaufen muss man noch persönlich. Dabei sollte man sich wohl besser in die Augen schauen …
Der Rest funktioniert ohne Warteschlangen und Termine. Estland hat 2005 als erstes Land der Welt erlaubt, am Computer zu wählen. Es gibt überall kostenlosen Internetzugang, teilweise sogar mitten in der Natur. Selbst das Eis im einzigen Imbiss des Naturschutzgebietes kann man mit per Handy-App bezahlen. Das staatliche Programm »Tiggrihüppe«, also »Tigersprung«, brachte bereits 1997 sämtliche Schulen ans Netz. Im Supermarkt scannt man die Waren schon während des Einkaufs selbst mit kleinen Geräten, und wenn man krank ist, schickt man sein E-Rezept per E-Mail an die E-Apotheke, die das Medikament liefert.


Ein digitaler Bürger Estlands

Dass Deutschland davon noch Jahrzehnte entfernt ist, finden einige sicher beruhigend. Wer aber auch als Deutscher was vom Hightech abhaben will, kann sich einen E-Ausweis ausstellen lassen: Estland hat 2015 die »e-Residency« eingeführt, mit der man zwar kein richtiger estnischer Staatsbürger wird, aber ein »digitaler Bürger Estlands«. Das bedeutet, man darf die Online-Angebote der Regierung nutzen und innerhalb von 20 Minuten ein Unternehmen anmelden oder Patente eintragen. So wenig »Haus, das Verrückte macht« kann Bürokratie also auch sein.


Nähere Infos

Der e-Estonia-Showroom liegt in Ülemiste im Ludvig-Puusepp-Gebäude in der Lõõtsa 2a in Tallinn. Ein Besuch muss vorher unter e-estonia.com gebucht werden, weil die Ausstellung oft von Politikern besucht wird und dann geschlossen ist. Der Eintritt ist frei.

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