Abseits der Routen

Teil 23: Thüringen

oder Eine Reise zum Mittelpunkt Deutschlands

Nein, keine Reise zum Mittelpunkt der Erde, aber immerhin eine zum Mittelpunkt Deutschlands hat Heidi Schmitt unternommen! Dabei ist sie auf ein uraltes Opfermoor der Germanen gestoßen, das man auf einem Rundweg durch eine Schilflandschaft begehen kann. Was man dort sieht? Altäre, Götterbilder und Tierschädel. Schmitts viel gelobter Thüringen-Reiseführer (in dem auch acht Wandertouren beschrieben werden) liegt in 2. Auflage vor.  


Das UNESCO-Weltnaturerbe Hainich ist eines der Highlights Thüringens. Fährt man abseits der touristischen Route, gelangt man »In the Middle of Nowhere« zwischen Bad Langensalza, das für seine prächtigen Parks bekannt ist, und dem mittelalterlichen Mühlhausen, zum angeblichen Mittelpunkt Deutschlands.


Die Vermessung des wiedervereinigten Deutschlands

Der angebliche Mittelpunkt Deutschlands in Niederdorla. (Foto: Heidi Schmitt)
Der angebliche Mittelpunkt Deutschlands in Niederdorla. (Foto: Heidi Schmitt)

Mit verschiedenen Messmethoden wurde das wiedervereinigte Deutschland vermessen, jedes Mal landete man woanders. Mit fünf Orten hatte Thüringen die meisten Treffer, liegt ja auch, na klar, in Mitteldeutschland. Aber Niederdorla im Unstrut-Hainich-Kreis machte als erster Ort Nägel mit Köpfen: Nachdem 1990 ein Dresdener Vermessungsingenieur durch Ermittlung der Extrempunkt-Koordinaten Niederdorla zum exakten Mittelpunkt Deutschlands kürte, pflanzte die Gemeinde sogleich eine Linde und errichtete einen Gedenkstein mit den Koordinaten 51° 08' nördliche Breite, 10° 25' östlich Greenwich. Mitte hin, Mitte her, wirklich sehenswert ist das nicht.
Der Hype um den Mittelpunkt Deutschlands lotst einen aber zu einer wirklichen Sehenswürdigkeit: das Opfermoor Vogtei bei Niederdorla. Auf die alten Germanen geht die Kultstätte an einem Erdfallsee zurück. Sie wurde beim Abbau von Torf in den 1950er-Jahren entdeckt. In dem hervorragend erhaltenen Fundkomplex konnten 86 Heiligtümer gehoben werden. Die frühesten stammen aus der älteren Eisenzeit, der Hallstattzeit und der frühen Latènezeit (6. bis 5. Jahrhundert v. Chr.).

Das tausendjährige Opfermoor in der Schilflandschaft

Im nahe gelegenen Opfermoor huldigten die alten Germanen ihren Göttern mit solchen Kultschiffen. (Foto: Heidi Schmitt)
Im nahe gelegenen Opfermoor huldigten die alten Germanen ihren Göttern mit solchen Kultschiffen. (Foto: Heidi Schmitt)

Tausend Jahre lang wurde der See als heiliger Ort von den Germanen aufgesucht, die hier ihren Gottheiten huldigten und Tieropfer darbrachten. Die Archäologen fanden im Moor zahlreiche Knochen, Tierschädel, Idole, Werkzeuge und Keramik; sie sind im angrenzenden Museum im Original zu sehen.
Im Freigelände wurde ein Germanendorf mit Wohnstallhaus, Speicher und Grubenhäusern aus Weide, Lehm und Schilfrohr rekonstruiert. Durch die Schilflandschaft führt ein Rundweg zu elf Opferplätzen. Die Heiligtümer sind mit Flechtwerk eingehegt und zeigen Altäre, Kultstangen, Götterbilder und Tierschädel. Sogar Kultschiffe hat man nachgebaut, die mit einem Hengsthaupt auf dem Pfahlidol und einem Rinderkopf Richtung Sonnenaufgang »fahren«. Immer wieder wird der Alltag der Germanen mit alten Handwerkskünsten und Bogenschießen zu neuem Leben erweckt (die Termine stehen auf der Webseite!).


Reisepraktische Infos

Das angeschlossene Freilichtmuseum zeigt den Alltag der Germanen. (Foto: Heidi Schmitt)
Das angeschlossene Freilichtmuseum zeigt den Alltag der Germanen. (Foto: Heidi Schmitt)

Stellen Sie Ihr Fahrzeug am besten auf dem Besucherparkplatz an der Mittelpunktslinde ab. Von hier führt ein kurzer Fußweg zum Museum, das einen ersten Einblick in die Zeit ermöglicht. Außerdem bekommt man dort die Eintritts-Chips, die das Drehkreuz zur Freilichtausstellung öffnen.
April bis Okt. Di-Fr 10-16, Sa/So 10-17 Uhr, Nov. bis März Di-So 10-15 Uhr (Änderungen möglich). 5 Min. Fußweg zum Freigelände, Eintritt 4,50 €. Museum und Kasse Schleifweg 11, Niederdorla, 03601-756040, www.opfermoor.de.

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