»Keine Bevormundung. Keine Besserwisserei.«

»Keine Bevormundung. Keine Besserwisserei.«

Eberhard Fohrer über die 22. Auflage seiner »Kreta-Bibel«

Längst gilt sie als epochemachender Reiseführer: die »Kreta-Bibel« von Eberhard Fohrer mit ihren unzähligen reisepraktischen Tipps. Doch wie war das damals in den Achtzigern, als das Buch zum ersten Mal im Schreibmaschinenlayout herauskam? Wie wurde recherchiert und gereist? Wie ging und geht Kreta mit der Pandemie um? Und was zeichnet den knapp 800 Seiten starken Band in Zeiten des allgegenwärtigen Wörtermeers (vulgo: Internet) ganz besonders aus?

1. Dein Kreta-Reiseführer dürfte einer der bekanntesten Reiseführer in deutscher Sprache sein. Er liegt aktuell in 22. Auflage 2021 vor. Was hat sich seit der Erstauflage von 1985 verändert?

Kreta Reiseführer
Die neue Auflage der »Kreta-Bibel«

Einige Textpassagen haben tatsächlich die 36 Jahre überdauert, doch das Meiste wurde immer wieder überarbeitet, ergänzt, vertieft und differenziert. Dazu kommen Dutzende von Wanderungen, die Mitte der Achtziger noch nicht im Buch enthalten waren. Außerdem sind es jetzt 780 statt 430 Seiten. Von Schwarz-Weiß-Druck mit Handzeichnungen haben wir umgestellt auf Vierfarbdruck mit Hunderten von Fotos. Die handgezeichneten Stadtpläne wurden abgelöst durch farbige am PC erstellte Karten mit dem Eintrag aller empfohlenen Adressen. Zusätzlich gibt es eine detaillierte Faltkarte zur Insel mit aktuellen Straßenverbindungen, eingeteilt in Haupt- und Nebenstraßen, asphaltiert oder unbefestigt – Letzteres ist besonders wichtig, denn nicht jeder Urlauber verfügt über ein geländegängiges Fahrzeug …

2. Wenn man deine Touren und Trips vergleicht: Wie warst du vor 40 Jahren unterwegs, wie heute?

Heute in Ehren ergraut, der Recherche-Opel des jungen Reisebuchautors (Foto: Eberhard Fohrer)
Heute in Ehren ergraut, der Recherche-Opel des jungen Reisebuchautors (Foto: Eberhard Fohrer)

Kreta war in den achtziger Jahren touristisch eher rudimentär entwickelt. Man sieht es auf den Fotos – Anfang der Achtziger war ich noch mit diesen klapprigen Uralt-Bussen der kretischen Busgesellschaft unterwegs (heute sind es klimatisierte Komfortbusse), später dann mit meinem in Ehren ergrauten Opel.

Viele Orte, vor allem an der Südküste, waren nur auf gespürt endlosen Schotterpisten zu erreichen. Abenteuerlich und zeitaufwändig war das, und oft war ich viele Wochen am Stück unterwegs, meist alleine. Gelegentlich begleitete mich ein Freund, und wir haben tolle Wanderungen unternommen, etwa die „Königsetappe“ von Soúgia nach Agía Rouméli im Südwesten. Dazu existierten noch keinerlei Wanderbeschreibungen, und wir mussten die Tour an der Hälfte abbrechen und zurückgehen, weil wir keinen Weg fanden, der weitergeführt hätte. Glücklicherweise konnte uns am nächsten Tag ein Einheimischer den entscheidenden Tipp geben und fuhr uns mit seinem Boot zum Einstieg. So konnten wir die lange Tour mit Zwischenübernachtung schließlich erfolgreich abschließen.

Mittlerweile erreicht man so gut wie alle Orte auf guten Asphaltstraßen – und überhaupt ist alles einfacher geworden. Der Tourismus hat sich massiv ausgebreitet, fast alles ist „entdeckt“, und auf den einschlägigen Internetportalen ist buchstäblich jede Strandbar zu finden, oft mit Dutzenden von Bewertungen. In den achtziger und neunziger Jahren waren es dagegen wir Reisebuchautorinnen und -autoren, die Trends setzten, abgelegene Strände, idyllische Orte und „Geheimtipps“ empfahlen – so mancher Wirt hat damals davon profitiert, wenn im Jahr der Veröffentlichung Hunderte von Urlaubern mit dem Reiseführer in der Hand gezielt sein Lokal ansteuerten …

Heute kommt es für mich viel eher darauf an, eine sinnvolle Zusammenstellung der zahllosen möglichen Tipps zu liefern, mit der ein Urlaub bereichernd und anregend werden kann. Das scheint in den vielen Auflagen des Kretaführers gelungen, wie mir Leserinnen und Leser immer wieder versichern.

3. Wo wir beim aktuellen Thema sind: eine Reise in Pandemiezeiten. Wie hast du dich 2020 auf „deiner“ Insel gefühlt? Hattest du auch Ängste?

Ein klassisches öffentliches Verkehrsmittel aus den Achtzigern war der klapprige Uralt-Bus der kretischen Busgesellschaft (Foto: Eberhard Fohrer)
Ein klassisches öffentliches Verkehrsmittel aus den Achtzigern war der klapprige Uralt-Bus der kretischen Busgesellschaft (Foto: Eberhard Fohrer)

Kreta ist Kreta – hier ist man es gewohnt, mit Herausforderungen umzugehen, seien es feindliche Invasionen oder pandemische Viren … Im September 2020 war ich in Kreta unterwegs. Damals waren die Hotels äußerst gewissenhaft darauf bedacht, ihre Hygienekonzepte umzusetzen – doch im Alltagsleben war vom Virus wenig zu spüren. Man war „gelassen“. In den großen Städten herrschte zwar generelle Maskenpflicht, doch die Tavernen und Bars waren wie immer gut gefüllt mit fröhlichen Menschen. Die Bedienungen trugen zwar stets ihre Masken und Visiere, doch man merkte ihnen oft an, dass sie das nicht sonderlich ernst nahmen. In den Dörfern war Corona überhaupt kein Thema, dort lief das Leben wie eh und je. Die Infektionszahlen waren zu dieser Zeit ja auch sehr viel geringer als in Deutschland.

Bedrückend war, dass die Urlaubsorte, in denen hauptsächlich Pauschalurlauber unterkommen, extrem leer waren und fast Geisterstädten glichen. Die Orte dagegen, die von Individualtouristen angesteuert werden, vor allem an der Südküste, waren besser besucht, aber natürlich lange nicht so wie vor der Pandemie. Doch offenkundig war die „Reiseangst“ unter den langjährigen Stammgästen Kretas, wie man sie an der Südküste in großer Zahl findet, viel weniger ausgeprägt als bei Erstreisenden und Pauschalbuchern. Die Angst vor dem Virus war auch bei den Einheimischen nie ein Thema, wirtschaftliche Ängste wurden dagegen überall deutlich geäußert. Insgesamt fiel auf, dass die Einheimischen entspannter mit der Lage umgingen als in Mitteleuropa, oft wurde sich auch für die misslichen Umstände entschuldigt, die der typischen Gastfreundschaft entgegenstanden.

Mittlerweile wurden die Bestimmungen in Griechenland ja deutlich verschärft bis hin zu strikten Ausgehverboten. Wir hoffen alle, dass sich das im Lauf von 2021 wieder relativiert.

4. Dein Kreta-Band gilt als bahnbrechender Reiseführer: als „Kreta-Bibel“, die sogar von der Zeitschrift „Test“ der Stiftung Warentest hervorragend bewertet wurde. Was ist dein Geheimnis?

Die wenigen Maulesel, die es auf Kreta noch gibt, fristen ihr Dasein in Donkey Rescues (Foto: Eberhard Fohrer)
Die wenigen Maulesel, die es auf Kreta noch gibt, fristen ihr Dasein in Donkey Rescues (Foto: Eberhard Fohrer)

Ich denke, man muss die Leserinnen und Leser unbedingt mit ins Boot nehmen. Keine Bevormundung, keine Besserwisserei, sondern die Erkenntnis, dass viele Augen mehr sehen als zwei. Je detaillierter und umfangreicher, aber auch realistischer die Infos, desto mehr spüren die Reisenden, dass der Autor tatsächlich ernsthaft seine Beobachtungen und Einschätzungen teilen will und sich ein Feedback der Nutzerinnen und Nutzer des Buches wünscht. Schnell wird so das „Jagdfieber“ geweckt, wenn man spürt, dass man zum Reiseführer beitragen kann und dass das auch sehr ernst genommen wird. Viele meiner Leserinnen und Leser teilen mit mir – auch über mehrere Auflagen hinweg – minutiös ihre Entdeckungen, dafür bin ich sehr dankbar.

Dazu kommt, dass Kreta ein ganz besonderes Pflaster ist – zu keinem meiner Reiseführer bekomme ich mehr Zuschriften und das schon seit den Achtzigern. Rund um das Buch ist so ein richtiger Informationspool entstanden, das wilde und urwüchsige Kreta ist wohl das Paradebeispiel dafür, eine Insel zu lieben und zu „entdecken“: Was hat sich seit meiner letzten Reise geändert, was finde ich diesmal, steht das schon im Reiseführer?

5. Neue Projekte für 2021 und 2022: Wie sehen sie aus?

Eberhard Fohrer, stolz und geschafft nach seiner Erstbesteigung des Tímios Stavrós, des höchsten Bergs Kretas (Foto: Eberhard Fohrer)
Eberhard Fohrer, stolz und geschafft nach seiner Erstbesteigung des Tímios Stavrós, des höchsten Bergs Kretas (Foto: Eberhard Fohrer)

Meine Frau und ich freuen uns außerordentlich, weiterhin ohne Corona-Probleme das kretische Olivenöl vertreiben zu können. Es handelt sich um das wichtigste Exportprodukt der Insel und das – im internationalen Vergleich – mit einem hervorragenden Preis-Leistungs-Verhältnis. Und ich möchte natürlich, wie alle Autorinnen und Autoren im Michael Müller Verlag, meine Reiseführer (elf an der Zahl) weiterhin aktualisieren und hoffe sehr, dass das Reiseverhalten das bald wieder zulässt – auch im Interesse der zahllosen Menschen, die vom Tourismus leben.

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