Lesezeit: 1 minNachhaltig unterwegs

Teil 14: Solnhofen im Altmühltal
Ein Tag in einer Welt aus Stein

Wie sieht eine Welt aus Stein aus? Keinesfalls kalt, wüst und leer, so viel sei schon einmal verraten. Wer sich vergewissern will, fährt am besten ins Altmühltal. Hier, in der Mitte Bayerns, gibt es so viel Stein wie sonst nirgends. Auf den Anhöhen des südlichen Frankenjuras bilden Steinbrüche ein breites Band, das von Treuchtlingen bis nach Eichstätt reicht. In einigen Brüchen klopft und hämmert es noch immer, andere liegen seit Langem still und verlassen da. Wer sich in dieser Gegend beim Wandern verirrt, landet in einer bizarren, verwunschenen Welt aus turmhoch geschichtetem Kalkstein. Andreas Haller, der Autor unseres Altmühltal-Reiseführers, ist ein echter Stein-Experte. Schon als kleiner Junge sammelte er Mineralien und Fossilien. Weil er auf seinen Streifzügen stets Hammer und Meißel mit sich führte, gaben ihm seine Freunde den Spitznamen »Geo«. Die Zeiten sind längst passé – seine Leidenschaft für »Steiniges« jedoch blieb.

Autor Andreas Haller
Autor Andreas Haller

Solnhofen lässt Geologenherzen höherschlagen: Weil ich mich seit früher Jugend für Erdgeschichte interessiere, sind mir Solnhofener Platten ein Begriff. Die Platten aus weißem Jurakalk stammen aus den umliegenden Steinbrüchen. Bereits die Römer pflasterten damit die Böden ihrer Villen, Bauern in der Umgebung deckten mit den Platten ihre Wohnhäuser ab. Urlauber im Altmühltal bemerken oft nichts von den Steinbrüchen, denn diese verstecken sich auf der Anhöhe.

Das Emblem des Naturparks Altmühltal ist ein Fossil – Foto: Andreas Haller
Das Emblem des Naturparks Altmühltal ist ein Fossil – Foto: Andreas Haller

Hin und wieder weisen Schilder an der Straße auf steinverarbeitende Betriebe hin; und manchmal werden Feriengäste auf die Hobbysteinbrüche aufmerksam gemacht, in denen man mit etwas Glück Fossilien entdeckt. Die Fossilien stammen aus einer Zeit, als die Gegend noch kein festes Land war, sondern am Rand einer Lagune des Urozeans lag. Ablagerungen von organischen Materialien bildeten Riffe, die als Felsen im Naturpark Altmühltal heute noch sichtbar sind. Ein gutes Beispiel für diese Riffe sind die Zwölf-Apostel-Felsen von Solnhofen. 

Felsformation Zwölf Apostel in Solnhofen – Foto: Andreas Haller
Felsformation Zwölf Apostel in Solnhofen – Foto: Andreas Haller

Heute beschäftige ich mich den ganzen Tag mit meinem Lieblingselement, dem Stein. Standesgemäß beginnt dieser Tag im Geozentrum Solnhofen, genauer gesagt, im Fossilienmuseum gegenüber vom Bahnhof. Von der Präsentation der bestens erhaltenen, 150 Millionen Jahre alten Fische, Schnecken, Reptilien und Saurier bin ich immer wieder fasziniert. Das wertvollste Exponat ist der sogenannte Archaeopteryx: Der Urvogel war kaum größer als ein Huhn, schwarz gefiedert wie ein Rabe, und er bewegte sich hüpfend und flatternd vorwärts, halb am Boden lebend, halb in der Luft.

Dinosaurier als Türwächter im Fossilienmuseum Solnhofen – Foto: Andreas Haller
Dinosaurier als Türwächter im Fossilienmuseum Solnhofen – Foto: Andreas Haller

Kurz vor der Entdeckung des Fossils in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte Charles Darwin das bahnbrechende Werk »Über die Entstehung der Arten« veröffentlicht. Das Fossil aus dem Altmühltal brachte die religiös motivierte Generalkritik an Darwin ins Wanken, denn der Archaeopteryx war nichts weniger als das lange gesuchte Missing Link. Er wurde zum Beweisstück für die Richtigkeit der Evolutionstheorie, weil er jene Übergangsform zwischen zwei Arten darstellte, von deren Existenz Darwin ausgegangen war: das Bindeglied zwischen Reptilien und Vögeln.

Solenhofer Aktien-Verein: Steinbruchbetrieb von innen – Foto: Andreas Haller
Solenhofer Aktien-Verein: Steinbruchbetrieb von innen – Foto: Andreas Haller

Was ist ein Schnorgackl?

Nach dem Museumsbesuch geht es zur verdienten Pause zum Schnorgackl. Eigentlich handelt es sich um eine Betriebskantine, denn mittags kommen die Arbeiter aus der benachbarten Steinfabrik zum Essen hierher. Früher gab es in dem weitläufigen Steinbruch-Areal viele solcher Kantinen. Doch mit dem Rückgang des Steinhauergewerbes im 20. Jahrhundert wurden sie überflüssig. Der Schnorgackl ist als einzige übrig geblieben – ein Fossil unter den Wirtshäusern, sozusagen. Wer auf hausgemachte fränkische Kost mit großen Portionen steht, ist hier genau richtig. Auch Wanderer mit hungrigen Mägen kehren hier gerne ein, schließlich führt der 200 Kilometer lange Altmühltal-Panoramaweg direkt am Lokal vorbei. Ortsfremde wundern sich vielleicht über den seltsamen Namen. Wer die Wirtin danach fragt, bekommt folgende Antwort: »Schnorgackl« ist die Trivialbezeichnung für einen urzeitlichen Krebs, der auf den schwierigen Namen Mecochirus longimanatus hört. Das Tier mäanderte beim Gehen, es schwankte hin und her. Der mittelfränkische Dialekt erfand dafür das wunderbare Wort »gackeln«…

Solenhofer Aktien-Verein: Steinbruchbetrieb von außen – Foto: Andreas Haller
Solenhofer Aktien-Verein: Steinbruchbetrieb von außen – Foto: Andreas Haller

Solenhofer Aktien-Verein

Die Betriebskantine liegt auf dem Areal des ehemaligen Solenhofer Aktien-Vereins. Gegründet wurde die Firma im Jahr 1857, als das Steinhauergewerbe in der Region in voller Blüte stand. Eine Führung durch die riesigen Fabrikhallen, in denen heute nur noch knapp zwei Dutzend Menschen beschäftigt sind, verdeutlicht den schleichenden Verfall eines einst lukrativen Gewerbezweigs.

Solenhofer Aktien-Verein: Steinbruchbetrieb von innen – Foto: Andreas Haller
Solenhofer Aktien-Verein: Steinbruchbetrieb von innen – Foto: Andreas Haller

Die Bedeutung der Steinindustrie war im 19. Jahrhundert so groß, dass eigens eine Bahnlinie zum Abtransport der Steine durch das Altmühltal gebaut wurde. Jede Solnhofener Platte, erklärt der Vorarbeiter bei der Führung, an der ich gerade teilnehme, ist ein Unikat. Abbau und Verarbeitung haben ihren Preis, den Verbraucher allerdings immer weniger zu zahlen bereit sind. Stattdessen greifen sie zu Billigimitaten aus Fernost und setzen auf diese Weise die Abwärtsspirale in Gang.

Solenhofer Aktien-Verein: Steinbruchbetrieb von innen – Foto: Andreas Haller
Solenhofer Aktien-Verein: Steinbruchbetrieb von innen – Foto: Andreas Haller

Stippvisite im Steinbruch

Nach der Führung durch das Betriebsgelände sucht meine Besichtigungsgruppe einen aufgelassenen Steinbruch auf. Majestätisch umgeben Wände aus weißem Jurakalk turmhoch ein Areal von der Größe eines Tennisplatzes. Wenn ich mit den Augen die oberen Ränder absuche, werde ich wie beim Gang durch Manhattan mit Genicksteifigkeit bestraft.

Jurakalk-Steinbruch oberhalb von Solnhofen – Foto: Andreas Haller
Jurakalk-Steinbruch oberhalb von Solnhofen – Foto: Andreas Haller

Weil im Bruch seit Jahrzehnten nicht mehr gearbeitet wird, erobert sich die Natur sukzessive ihr Terrain zurück. Experten vor Ort unterstützen den Prozess, etwa mit gezielten Rodungsmaßnahmen. Auf diese Weise findet unter anderem der Apollofalter hier einen idealen Lebensraum. Der große Schmetterling gehört zu den weltweit geschützten Arten und ist an den roten Flecken auf den weiß-grauen Flügeln gut zu erkennen. Die Raupe ernährt sich unter anderem vom Weißen Mauerpfeffer, der im trocken-heißen Mikroklima der Steinbrüche einen idealen Nährboden vorfindet.

Jurakalk-Steinbruch oberhalb von Solnhofen – Foto: Andreas Haller
Jurakalk-Steinbruch oberhalb von Solnhofen – Foto: Andreas Haller

Kunst im Stein

Allmählich geht der Tag zur Neige. Ein abschließender Spaziergang in die untergehende Sonne bringt mich zu weiteren, abgelegeneren Steinbrüchen, in denen man sich spielend leicht verirren kann. Ein Skulpturenpark setzt den Schlussakkord: Einheimische Künstler schufen in den Steinbrüchen kleine Kunstwerke abseits der ausgetretenen touristischen Pfade. Keine Fremdenverkehrsbroschüre kündigt die Attraktion an, kein Schild am Wanderweg weist darauf hin. Eine regelmäßige Kugel aus sorgfältig geschichtetem Jurakalk ist das letzte Kunstwerk, auf das die sinkende Sonne ihre Strahlen wirft. Am liebsten würde ich hier mein Lager aufschlagen und nachts von einer Welt ganz aus Stein träumen …

Kunst im Steinbruch – Foto: Andreas Haller
Kunst im Steinbruch – Foto: Andreas Haller

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