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L’Aquila – Kulturhauptstadt Italiens 2026
Das Leben ist zurück.

120 Kilometer von Rom und nur 80 Kilometer vom nächsten Adriastrand entfernt liegt L’Aquila inmitten einer eindrucksvollen Bergwelt. In diesem Jahr lohnt sich ein Besuch der abruzzesischen Hauptstadt ganz besonders, finden unsere Autoren Sabine Becht und Sven Talaron, deren Reiseführer Abruzzen gerade in der 6. Auflage erschienen ist: 17 Jahre nach dem verheerenden Erdbeben und einem beeindruckenden Wiederaufbau wurde L’Aquila zur Kulturhauptstadt Italiens 2026 gekürt.

Eine Frau mit langen, braunen Haaren lächelt in die Kamera. Sie trägt einen grauen Pullover und ein helles Schal um den Hals. Im Hintergrund ist Wasser und Land zu sehen, was auf eine Küstenlandschaft hindeutet. Das Bild vermittelt einen Eindruck von Naturnähe und Fröhlichkeit.
Autorin Sabine Becht
Ein Mann mit langen, braunen Haaren blickt in die Kamera. Er trägt ein schwarzes T-Shirt und eine weiße Jacke. Im Hintergrund ist ein Strand mit Bäumen und einigen Personen zu sehen. Das Bild wirkt natürlich und wurde vermutlich im Freien aufgenommen.
Autor Sven Talaron

6. April 2009, 3.32 Uhr: Die Erde bebt.

Als wir das erste Mal im Sommer 2004 in L’Aquila waren, haben wir uns sofort in das charmante Bergstädtchen mit seinen gut gelaunten, freundlichen Bewohnern verliebt. Die 70.000-Einwohner-Stadt liegt auf 714 Metern auf einem Plateau, in herrlicher Lage eingebettet zwischen mächtigen Bergrücken. Mit ihrer kompakten Altstadt samt pittoreskem Gassengewirr und lebhaftem Alltag zog uns die Hauptstadt der Abruzzen immer wieder in ihren Bann.

Dann kam der 6. April 2009 – das Datum, das sich tief ins kollektive Bewusstsein der Aquilani (und der allermeisten Italiener) eingegraben hat. Die Erde bebte nachts um 3.32 Uhr, zwar „nur“ für rund 30 Sekunden, lange genug aber, um 309 Menschen das Leben zu nehmen und die zuvor so heitere Stadt in eine unbewohnbare Gefahrenzone zu verwandeln; Zehntausende wurden über Nacht obdachlos. Relativ schnell wurden erdbebensichere Wohnhäuser in der Umgebung errichtet, doch im Centro storico L’Aquilas geschah lange Zeit erschreckend wenig. „Zona Rossa“ war die Altstadt in den folgenden Jahren unserer Besuche, bewacht vom italienischen Zivilschutz, die leeren Häuser mit Holzpfeilern und Spanngurten gestützt – ein beklemmender Anblick.

Schräg aufgehängtes italienisches Verbotsschild „VIETATO L’ACCESSO ZONA ROSSA“ vor einer Baustellenabsperrung.
Lange Jahre durften weite Teile des Centro storico nicht betreten werden – Foto: Sven Talaron

Der Wiederaufbau

Doch dann kamen die Kräne und mit ihnen der Wiederaufbau, getragen von einer Welle der Solidarität. Da die Veranstaltungsorte der Stadt zerstört oder schwer beschädigt waren, wurde auf Initiative des Dirigenten Claudio Abbado (1933–2014) das Auditorium del Parco am nördlichen Rand der Altstadt errichtet. Das von Renzo Piano entworfene und von der Provinz Trento finanzierte Gebäude mit der bunten Holzfassade wurde bereits 2012 mit einem Konzert eröffnet, im Beisein des Staatspräsidenten und dirigiert von Abbado selbst.

Mehrteiliges modernes Gebäude mit bunten horizontalen Holzlamellen, umgeben von Bäumen, mit Lampenmast und Rampe im Vordergrund.
Entworfen von keinem Geringeren als Renzo Piano: das Auditorium del Parco – Foto: Sabine Becht

Zum Symbol der „Wiedergeburt“ L’Aquilas wurde kurz vor Weihnachten 2017 dann die Wiedereröffnung der wunderschönen Basilica Santa Maria di Collemaggio mit ihrer markanten Fassade und der Heiligen Pforte. Der Legende nach initiierte der in den Abruzzen hoch verehrte Einsiedler Pietro da Morrone den Bau der Kirche, 1294 wurde er hier zum Papst Coelestin V. gekrönt; in der Basilica befindet sich auch sein Grabmal.

Romanische Kirchenfassade mit Rosettenfenstern, rundbogigem Portal und Ziermauerwerk vor blauem Himmel
Die Basilica di Santa Maria di Collemaggio ist ein Symbol für den Wiederaufbau – Foto: Sven Talaron

2021 eröffnete das römische MAXXI, das bedeutende Museum des 21. Jh., eine Zweigstelle im aufwendig restaurierten Barockpalazzo Ardinghelli – noch bis zum 6. September 2026 werden hier zahlreiche Werke von Ai Weiwei gezeigt, Titel der beeindruckenden Ausstellung: „Aftershock“. Nicht zu vergessen das gerade erst wiedereröffnete Castello Spagnolo, die Spanische Festung aus dem 16. Jh., in der das abruzzesische Nationalmuseum wieder seine Heimat gefunden hat.

Das Leben ist zurück

Geht man heute über den autofreien Corso Vittorio Emanuele – das Rückgrat der Altstadt – durch L’Aquila, scheint es fast, als sei nie etwas gewesen. Viele der Häuser sind, nunmehr erdbebensicher, restauriert worden, nur vereinzelt und abseits der Hauptwege starren uns noch die leeren Fenster in rissigen Fassaden an. Kräne gehören bis heute zum Stadtbild, gebaut wird noch immer. Und manches scheint auch unwiederbringlich verloren, wie z. B. die stark beschädigte Chiesa di Santa Maria Paganica an der gleichnamigen Piazza, die wie ein Mahnmal mitten in der Altstadt steht.

Große Stahl-Ruinenkonstruktion über altem Steinbau unter strahlend blauem Himmel mit Sonne und Lensflares.
Die zerstörte Chiesa Santa Maria di Paganica steht wie ein Mahnmal in der Altstadt – Foto: Sabine Becht

Doch das Leben ist zurück, zahlreiche Restaurants haben in der Altstadt ihre Pforten (wieder-)​geöffnet, und an den Wochenendabenden wird es mancherorts schwer, überhaupt einen Tisch zu ergattern. Die Älteren treffen sich in der altehrwürdigen Bar Nurzia an der zentralen Pizza Duomo auf einen Caffè al Torrone. Ein Stück weiter an der Piazza Regina Margherita pulsiert das junge Nachtleben. Vor allem eine stetig steigende Zahl an Studenten der Universität belebt die Stadt.

Belebter Platz am Abend mit Sitzgruppen unter großen Bäumen, umgeben von Gebäuden und zahlreichen Menschen im Freien.
An der Piazza Regina Margherita – Foto: Sven Talaron

Italiens Kulturhauptstadt 2026

Der Weg war lang und mühsam, doch die Stadt richtet sich Stück für Stück wieder auf. Vorläufiger Höhepunkt: L’Aquila ist Italiens Kulturhauptstadt 2026. An die 300 Veranstaltungen sind für das Kulturjahr geplant: im Auditorium, dem MAXXI, in der Basilica di Collemaggio und an vielen anderen Orten, z. B. der imposanten Freitreppe Scalinata di San Bernardo in der Altstadt, einem stimmungsvollen Ort für Konzerte.

Und wer dann doch mal genug hat vom Kulturprogramm, dem empfehlen wir unbedingt einen Ausflug in die faszinierende Bergwelt rund um L’Aquila, allen voran die Fahrt hinauf auf den Campo Imperatore in einsamer Weite des Gran-Sasso-Nationalparks – eine der spektakulärsten Landschaften ganz Italiens.

Grünes Bergtal mit Felswänden, darüber tief hängende Wolken und ein schmaler Asphaltweg in der Mitte.
Campo Imperatore: weite Landschaft im Nationalpark Gran Sasso – Foto: Sven Talaron

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