Teil 52: Südengland
Margate – Shoreditch-on-Sea
Das traditionelle englische Seebad Margate im Südosten Englands hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem hippen Reiseziel für Londoner entwickelt. Sinnbild dieses Wandels ist die Turner Contemporary: Die renommierte Galerie stärkt das kulturelle Profil der Stadt und macht ihren Aufbruch eindrucksvoll sichtbar. Ralf Nestmeyer, unser Experte für England und Autor des Südengland-Reiseführers, war schon viele Male in Margate und beschreibt seinen Eindruck vom Wandel des Badeortes.
An windigen Tagen liegt ein Hauch Melancholie über der Stadt. Möwen kreischen über der Promenade, die salzige Luft mischt sich mit dem Geruch von Frittierfett, und der Himmel scheint oft tiefer zu hängen als anderswo. Das im Südosten Englands gelegene Margate galt lange als unaufgeregter Klassiker unter den britischen Seebädern – gut erreichbar für badefreudige Arbeiter aus dem Londoner East End. Margate war nie geschniegelt oder mondän – eher rau, direkt und ein wenig aus der Zeit gefallen. Gerade darin lag stets sein eigentümlicher Charme. Ein breiter Sandstrand, Vergnügungsarkaden, Rummelplätze, Fish-and-Chips-Buden und dazwischen ein paar Tea Rooms – mehr erwartete der typische Urlauber nicht.
Zu den architektonischen Bausünden zählt das 18-stöckige Arlington-Hochhaus, das mit seinem Betonbrutalismus seit den 1960er-Jahren den westlichen Teil der Uferpromenade dominiert. Doch mit der Zeit setzte ein behutsamer Wandel ein. Margate wurde zu einem Ort, den kreative und urbane Londoner für Wochenendausflüge entdecken. Einen entscheidenden Impuls lieferte die Eröffnung der Turner Contemporary im Jahr 2011. Das von Stararchitekt David Chipperfield entworfene Kunstmuseum, direkt an der Promenade gelegen, hat eine Art Bilbao-Effekt: Es ist eine architektonische Perle mit Signalwirkung, die Margate ein neues, zukunftsfähiges Image verleiht. Ergänzt wurde dies zuletzt durch eine großzügige, moderne Treppenanlage, die vom Hafenbecken hinunter zum Meer führt. Die Aufbruchsstimmung ist inzwischen unübersehbar. Dank günstiger Mieten haben sich zahlreiche Kreative aus London angesiedelt, Cafés und Boutiquen eröffnet – Margate wird deshalb auch »Shoreditch-on-Sea« genannt, nach dem Londoner Szeneviertel Shoreditch.
Trotz aller Neuerfindung hat sich Margate jedoch seine Ecken und Kanten bewahrt. Zwischen renovierten Fassaden finden sich noch immer leerstehende Läden, alte Spielhallen und wettergegerbte Pubs. Genau diese Mischung aus Verfall, Nostalgie und neuem Selbstbewusstsein verleiht dem Ort eine eigentümliche Spannung – weniger glatt als Brighton, weniger inszeniert als viele andere Küstenorte.
An stilvollen Unterkünften mangelt es ebenfalls nicht. Das Fort Road Hotel, ein charmantes Boarding House aus dem frühen 19. Jahrhundert, überzeugt mit viel Flair und farbenfrohen Bädern. Ebenfalls beliebt ist das Designer-B&B The Reading Rooms. Auch kulinarisch hat Margate aufgeholt: Wer bis zum Leuchtturm am Ende des Hafenpiers spaziert, kann im Restaurant Saragossa einkehren. Das Team des Londoner East-End-Lokals Brawn hat hier eine Dependance eröffnet. Der Fokus liegt auf Fisch, ergänzt durch kreative vegetarische Tapas. Kurz vor dem Leuchtturm lädt zudem die Lighthouse Bar zum Verweilen ein – eine atmosphärische Adresse mit Meerblick.
Als berühmteste Tochter von Margate gilt die 1963 geborene Tracey Emin. Anfangs umstritten, gehört sie als Vertreterin der Young British Art längst zu den renommiertesten zeitgenössischen Künstlern Großbritanniens. Ihr wurde sogar die Ehre zuteil, mit einem Raum in der Tate Britain vertreten zu sein. Emin kultivierte früh ihr Image als »Mad Tracey from Margate« und provozierte mit schonungsloser Offenheit. Ihre Kunst kreist um das eigene Leben, um Intimität, Verletzlichkeit und Erinnerung, wobei die Grenzen zwischen Realität und Fiktion bewusst verschwimmen. Berühmt wurden etwa die Zeltinstallation »Everyone I Have Ever Slept With 1963–95« sowie die Arbeit »My Bed«, eine radikal persönliche Momentaufnahme ihres Alltags. Seit dem Tod ihrer Mutter lebt Tracey Emin wieder in Margate – und ist dort bisweilen im Walpole Hotel beim Nachmittagstee anzutreffen.
Margate ist kein Ort, der sich anbiedert. Es ist eine Stadt, die sich langsam neu erfindet – mit Blick aufs Meer, den Wind im Gesicht und der Vergangenheit stets im Rücken.
Die Tate Britain präsentiert bis 31. Oktober die größte Einzelausstellung über das Werk von Tracey Emin: https://www.tate.org.uk/whats-on/tate-modern/tracey-emin
