Abenteuer erleben

Teil 8: Außen Pfui, innen Hui!

Zum Insekten-Essen im Black Ant

„Bloß nicht hingucken“, schreibt Dorothea Martin, Autorin unseres New-York-Stadtabenteuer-Bandes, „den Kopf leer machen und unvoreingenommen bleiben! Schon knackt es zwischen meinen Zähnen.“ Weshalb sich die renommierte Reisejournalistin so konzentriert? Sie ist gerade dabei, eine Heuschrecke zu verzehren. Natürlich hervorragend angerichtet im Black Ant, einem Insektenrestaurant im Big Apple.

+ + + STECKBRIEF + + +

WO? 60 Second Avenue +++ U 2 Av mit Linie F +++
WANN?
Mo–Mi 16–23 Uhr, Do–Sa bis 24 Uhr, Brunch Sa/So 11–16 Uhr +++
WIE VIEL?
Gerichte zwischen $ 14 und 29 +++
WWW?
The Black Ant +++

Illustration: Mirja Schellbach
Illustration: Mirja Schellbach

Bloß nicht hingucken,

ermahne ich mich, den Kopf leer machen und unvoreingenommen bleiben! Schon knackt es zwischen meinen Zähnen. Ein würziger Geschmack breitet sich auf der Zunge aus. Die Heuschrecke schmeckt irgendwie shrimpsartig, nur schärfer. Ich bin erleichtert, das ist wirklich lecker! Ich nehme ein weiteres Tier aus der Schale und unter die Lupe. An dem kleinen Körper sind die Flügel eng angelegt, die Beine wurden entfernt. Ans Krabbeln, Kriechen und Flattern soll nicht viel erinnern. Das Kochen mit Insekten wird derzeit weltweit mit Eifer propagiert – und aus Ekel oft verweigert. Von Menschen aus Ländern jedenfalls, wo sie nicht traditionell verzehrt werden. Mario Hernandez, der Besitzer und Chefkoch des Black Ant Restaurants im East Village, stammt aus Mexiko. Dort gelten Insekten in vielen Provinzen als Delikatesse, erzählt er mir.

Blackberry Sorbet mit Hibiskus-Creme auf Ameise. Foto: Dorothea Martin<br>
Blackberry Sorbet mit Hibiskus-Creme auf Ameise. Foto: Dorothea Martin

Vor allem Ameisen

seien beliebt. Das liege an der Legende von Quetzalcoatl, der höchsten Gottheit der mittelamerikanischen Volksstämme. In eine schwarze Ameise verwandelt, stahl er seinen roten Krabbelbrüdern den Mais und schenkte ihn seiner Schöpfung, dem Menschen. Mal abgesehen vom erdigen Aroma sind Termiten und Ameisen, die in Mittelamerika »mexikanischer Kaviar« genannt werden, extrem energiereich. Je nach Art haben 100 Gramm zwischen 100 und 500 Kilokalorien! Im Black Ant gibt es mehrere Gerichte, in denen sie vor- kommen. Meine Favoriten werden das Blackberry Sorbet mit Hibiskus-Creme auf Ameise sowie der Tequila-Cocktail mit knusprigem Ameisenrand. Fast alle Rezepte mit Insekten als Zutat stammen aus der Zeit vor Christoph Kolumbus. Hernandez hat sie von seiner Oma, die ihm die »real cuisine« des Landes nahebrachte. In der spielen auch Heuschrecken eine wichtige Rolle. Sie werden in Kroketten verarbeitet oder geben der Guacamole Biss. Das Lieblingsgericht des Hausherrn ist Knochenmark mit Seeigel, das eine recht schwabbelige Konsistenz hat. So eine knackige Heuschrecke setzt da willkommene Akzente!

Illustration: Mirja Schellbach
Illustration: Mirja Schellbach

Der Geschmack der Insekten

hängt auch von ihrer Zubereitung ab. Die hier verwendeten stammen, wie gesagt, aus Mexiko, wo sie gezielt gezüchtet und das ganze Jahr über »geerntet« werden. Getrocknet, gewürzt und getoastet gelangen sie in eingefrorenem Zustand nach New York, wo allein im Black Ant 75 Kilogramm im Monat verspeist werden. Die Welternährungsorganisation der UN schätzt, dass bis zu zwei Milliarden Menschen in etwa 130 Ländern täglich Insekten konsumieren. Aus ernährungsphysiologischer Sicht sind viele der rund 2.000 essbaren Arten unseren traditionellen Nutztieren ebenbürtig oder sogar überlegen. Sie bestehen schlicht aus Eiweiß, Fett und Kohlenhydraten und enthalten viele Vitamine und Mineralstoffe: normale Nährstoffe also, die wir auch in unserem gewohnten Essen finden, nur nachhaltiger produziert. Trotz aller Vorteile ist der Verzehr von Insekten für die meisten Europäer eine gruselige Vorstellung. Machen Sie sich davon frei, liebe New-York-Reisende, denn zumindest im Black Ant sind sie köstlich. Man muss beim ersten Mal ja nicht so genau hingucken!

Alamo: Freiluftskulptur von Bernhard Rosenthal. Foto: Dorothea Martin<br>
Alamo: Freiluftskulptur von Bernhard Rosenthal. Foto: Dorothea Martin

Wenn man schon mal hier ist:

Einen Block weiter führt die Straße The Bowery zum Astor Place, wo man seine Kräfte am schwarzen Würfel Alamo messen kann, der beweglichen Freiluftskulptur von Bernhard Rosenthal. Weniger bekannt ist die Kunst des »Mosaic Man« (aka Jim Powell), der mehr als 80 Straßenlaternen des Viertels mit bunten Steinchen überzogen hat. Einen zünftigen Absacker sollten Sie im McSorley’s Old Ale House nehmen, einer der ältesten Kneipen New Yorks (15 E 7th Street).

Dies ist eines von 33 Erlebnissen in und um New York, die außergewöhnlich sind und abseits der Routen stattfinden, aufgeschrieben von Reisebuchautorin Dorothea Martin. Der Artikel ist erschienen in New York – Stadtabenteuer (1. Auflage 2020) innerhalb der Reihe MM-Abenteuer.

Passend dazu