MM-Au­to­ren

»Es ist, als wäre eine gute Freun­din krank
und nie­mand kommt sie be­su­chen.«

5 Fra­gen an Micha­el Buss­mann und Ga­brie­le Trö­ger

In un­se­rem letz­ten News­let­ter haben wir mit Micha­el Buss­mann und Ga­brie­le Trö­ger ein In­ter­view zur tou­ris­ti­schen Si­tua­ti­on in der Tür­kei ge­führt. Dabei ging es um einen Prä­si­den­ten, der die Pres­se­frei­heit unter Ar­rest stellt, aber auch um die Frage, wie si­cher die Tür­kei der­zeit ist. Nun sind un­se­re zwei Tür­kei-Ex­per­ten aus Istan­bul zu­rück – und haben sich ein ge­nau­es Bild vor Ort ge­macht.


1. Er­do­gan und kein Ende. Wie ein Prä­si­dent und der Ter­ro­ris­mus einem Land scha­den kön­nen, sieht man der­zeit an der Tür­kei. Sie waren ge­ra­de in Istan­bul, um für die 8. Auf­la­ge 2017 zu re­cher­chie­ren. Be­schrei­ben Sie bitte kurz die tou­ris­ti­sche Si­tua­ti­on am Bo­spo­rus.

Portrait Gabriele TrögerPortrait Michael BussmannEinen Tag vor un­se­rer Re­cher­che­tour warn­te das US-Kon­su­lat in einer Dring­lich­keits­er­klä­rung seine Staats­bür­ger vor Ter­ror­an­schlä­gen in Istan­bul. Schon zuvor hatte Is­ra­el seine Staats­bür­ger zur Aus­rei­se aus der Tür­kei wegen »un­mit­tel­ba­rer Ge­fahr« auf­ge­for­dert. Das ging um die Welt, das hör­ten auch die Tür­ken. So war der An­fang un­se­rer Reise sehr er­nüch­ternd, fast gru­se­lig. Wo es sonst laut und wu­se­lig ist, herrsch­te Stil­le und Leere. Nur we­ni­ge Ti­sche in den sonst über­füll­ten Kn­ei­pen­gas­sen des Aus­geh­vier­tels Beyog­lu waren be­legt, Metro und Stra­ßen­bah­nen wur­den ge­mie­den. Sah man Tou­ris­ten aus Eu­ro­pa, waren es mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit Fran­zo­sen, erst am Ende un­se­res Auf­ent­halts hörte man ver­ein­zelt wie­der deut­sche Stim­men. Viele Ho­tels ste­hen leer, oder es sind von 40 Zim­mern viel­leicht sie­ben oder acht be­legt.
Be­son­ders stark trifft die Tou­ris­ten­flau­te den Stadt­teil Sul­ta­nah­met, wo sich die gro­ßen his­to­ri­schen Se­hens­wür­dig­kei­ten be­fin­den und erst im Ja­nu­ar elf Tou­ris­ten bei einem An­schlag star­ben. Dort sind die Schlan­gen vor der Hagia So­phia und der Blau­en Mo­schee kom­plett ver­schwun­den. Die Tep­pich­händ­ler schla­fen vor ihren Aus­la­gen. Die ers­ten Läden ma­chen dicht, weil die Händ­ler ihre Miete nicht mehr be­zah­len kön­nen. In den um­lie­gen­den Re­stau­rants wür­den wir des­halb ge­ra­de nicht mehr essen wol­len – keine Lust auf eine Le­bens­mit­tel­ver­gif­tung! An­ders ge­sagt: Uns tut die Stadt, die uns so ans Herz ge­wach­sen ist, ein­fach nur leid. Es ist, als wäre eine gute Freun­din krank und nie­mand kommt sie be­su­chen. Das Trau­ri­ge ist ja auch, dass die Krise un­end­lich viele Men­schen trifft, die mit der Po­li­tik Er­do­gans so ganz und gar nichts am Hut haben. »Ganz ehr­lich«, mein­te ein Ho­tel­ma­na­ger zu uns, der uns durch sein lee­res Hotel führ­te, »ich hasse mei­nen Prä­si­den­ten«.


2. Ein star­ker und nach­voll­zieh­ba­rer Satz. Hal­ten Sie es für rea­lis­tisch, dass Recep Tay­yip Er­do­gan von ei­ni­gen sei­ner Po­si­tio­nen ge­gen­über Eu­ro­pa und Russ­land ab­rückt, wenn die Ein­nah­men aus dem Tou­ris­mus­ge­schäft wei­ter­hin stark zu­rück­ge­hen?

Das glau­ben wir nicht. Der Ton ge­gen­über Russ­land und Eu­ro­pa wird ja eher här­ter, die deut­li­chen Ein­brü­che im Tou­ris­mus schei­nen da ge­ra­de nicht zu in­ter­es­sie­ren. Wir gehen davon aus, dass die Tür­kei eher ver­su­chen wird, neue Märk­te zu er­schlie­ßen. Man will noch
mehr ara­bi­sche und ira­ni­sche Tou­ris­ten ins Land holen, die Ter­ror oder Chau­vi­nis­mus nicht ab­schreckt. Die ge­fal­len Er­do­gan oh­ne­hin bes­ser als sau­fen­de Rus­sen und Deut­sche. Dar­auf zielt auch die Aus­wei­tung des so ge­nann­ten Halal-Tou­ris­mus, die ge­ra­de im Ge­spräch ist: al­ko­hol­freie Ho­tels mit ge­trenn­ten Pools für Frau­en und Män­ner, mit aus­rei­chen­den Ge­bets­räu­men usw.


3. Was macht man in einer Geis­ter­stadt? Ist es über­haupt lust­voll, Istan­bul so zu er­le­ben?

Auf der İstiklal Caddesi, İstanbuls Flaniermeile schlechthin, ist normalerweise die Hölle los; gerade präsentiert sie sich überschaubar (Foto: Gabriele Tröger, Michael Bussmann)
Auf der İsti­klal Cad­de­si, İstan­buls Fla­nier­mei­le schlecht­hin, ist nor­ma­ler­wei­se die Hölle los; ge­ra­de prä­sen­tiert sie sich über­schau­bar (Foto: Ga­brie­le Trö­ger, Micha­el Buss­mann)
Halt, das geht zu weit! 17 Mil­lio­nen Ein­woh­ner fül­len eine Stadt auch ohne Tou­ris­ten … Mitt­ler­wei­le sind in den Aus­geh­vier­teln die Re­stau­rants, Clubs und Kn­ei­pen wie­der recht gut von Ein­hei­mi­schen ge­füllt. Man fei­ert, tanzt, lässt den Raki in Strö­men flie­ßen und sich in den Bo­spo­ru­sca­fés den Wind um die Nase wehen. Ein Auf­be­geh­ren gegen Ter­ror und Ne­ga­tiv­image, das uns sehr ge­fiel! Gro­tes­ker­wei­se ist die Stadt durch die aus­blei­ben­den Tou­ris­ten­mas­sen in eine char­man­te Ur­sprüng­lich­keit zu­rück ver­fal­len. Es mag blöd klin­gen, aber wir haben die Wo­chen dort als Rei­sen­de auch ge­nos­sen.


4. Stich­wort Si­cher­heit: Haben Sie als Rei­se­jour­na­lis­ten wäh­rend Ihrer Re­cherche­ta­ge Re­pres­sa­li­en er­lebt? Kennt die Staats­macht Ihr wer­ten­des, schon auch kri­ti­sches Istan­bul­buch?

Nein, Re­pres­sa­li­en haben wir bis­lang nicht an­nä­hernd er­lebt. Wir be­trei­ben aber auch kei­nen po­li­ti­schen Jour­na­lis­mus, ob­wohl Po­li­tik und Ge­sell­schafts­kri­tik in un­se­re Texte ein­flie­ßen. Mitt­ler­wei­le nen­nen wir uns vor Ort lie­ber Yazar (= Autor) denn Ga­ze­te­ci (= Jour­na­list), um even­tu­el­le Rück­fra­gen zu ver­mei­den. Und künf­tig wer­den wir uns ge­gen­sei­tig viel­leicht auch ge­nau­er auf die Fin­ger schau­en und mehr mit Zi­ta­ten ar­bei­ten, die für sich spre­chen. Grund­sätz­lich aber den­ken wir, dass die Jour­na­lis­ten­jä­ger noch keine Zeit ge­fun­den haben, Rei­se­füh­rer durch­zu­blät­tern …
Und was die Si­cher­heit ge­ne­rell an­geht: Wir sind so viel in der Welt­ge­schich­te un­ter­wegs, dass wir uns eine ganz ei­ge­ne Angst­frei­heit an­ge­eig­net haben. Pas­sie­ren kann über­all etwas. Ir­gend­wo haben wir ge­hört, dass die Wahr­schein­lich­keit wohl höher ist, von einem aus dem Fens­ter ge­wor­fe­nen Fern­se­her ge­tö­tet zu wer­den denn bei einem Ter­ror­an­schlag. Und: Vor An­schlä­gen ist man auch in Eu­ro­pa nicht mehr ge­feit, lei­der.


5. Wie sieht es mit den an­de­ren Städ­ten und Re­gio­nen der Tür­kei aus? Ist die Lage dort ähn­lich dra­ma­tisch wie in der Me­tro­po­le?

Ja. Freun­de von der Süd­küs­te be­rich­ten, dass auch in An­ta­lya kaum mehr was los ist, zumal auch die Zahl der rus­si­schen Tou­ris­ten gegen Null ten­diert. »Mit einer Tou­ris­ten­hoch­burg hat diese Stadt nichts mehr zu tun«, sagte eine Freun­din von uns, die mit ihrem Mann einen Au­to­ver­leih in An­ta­lya be­treibt und nicht weiß, wie sie die­ses Jahr über­le­ben soll. Dank eines Prä­si­den­ten, den sie wie so viele an­de­re nicht ge­wählt hat. Und der kein Syn­onym fürs Land ist. »Wer einen Flug in die Tür­kei bucht, reist doch nicht in Er­do­gans Wohn­zim­mer«, mein­te sie.

Gibt es eine Frage, die Sie einem (be­stimm­ten) Rei­se­buch­au­tor schon immer stel­len woll­ten? Dann schrei­ben Sie doch eine kurze Nach­richt an (Be­treff: 5 Fra­gen, 5 Ant­wor­ten)! Wir be­rück­sich­ti­gen Ihre Vor­schlä­ge gerne!